Yediʿot shel Irgun ʿOle Breslau be-Yiśraʾel
- Journal
- Yediʿot shel Irgun ʿOle Breslau be-Yiśraʾel
- Volume
- 1962
- Issue
- No. 4-5 (1962)
- Date
- 1962-01-01
- Page
- Seite 7 (sequence 3153)
- Language
- German
- Belongs to
- journal issue
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Ausschnsü aus dem Leben der Familie Weissmann (März 1933) Jerusalem (1956) Ausgeschrieben von Frieda Weissmann, (Fortsetzung) Breslau, heute unter dem Namen Wroclaw eine polnische Stadt, stand um die Wende des neunzehnten und im Anfang des zwanzigsten Jahrhunderts kulturell auf hoher Stufe. Auf der Dom-Insel residierte der Kardinal-Fuerst- Bischof und lenkte die geistige Einstellung seiner Dioezese. Im Dozenten-Kollegium der Universntät und der Technischen Hochschule waren Männer von anerkanntem Bang, das Theater galt infolge der hohen Ansprüche, die von Kritik und Publikum gestellt wurden, als Sprungbrett für die ersten deutschen Bühnen, und ebenso verhielt es sich mit dem Konzert-Saal. Dem Eildungsbestrebcn des Bürgers diente die Stadtbibliothek und zahlreiche von konfessionellen Gremien unterhaltene Bibliotheken wie z.B. die Bibliothek der Synagogen-Gemeinde. Alle diese Institutionen waren gedacht und eingestellt auf Benutzer mit höheren und mittleren geistigen Ansprüchen, die sie grösstenteils imstande waren selbständig zu befriedigen. Es fehlte aber eine Institution, die für den geistig Ungeübten die Führung übernahm. In Erkenntnis dieser Lücke und in dem Bemühen, sie auszufüllen, wandte die Breslauer Stadtverwaltung, in der zur Zeit zwei jüdische Stadtverordnete, Paula Ollendorf und Rechtsanwalt Bandmann, sassen, ihre Aufmerksammkeit nach Jena, wo die Zeiss-Werke für ihre Arbeiter eine vorbildliche Bibliothek geschaffen hatten. Nach diesem Muster wollte man sich richten. Und so reiste im Auftrag des Magistrats Stadtschulrat Dr. Pfundtner in Begleitung von Dr. Kronthal, einem jungen jüdischen Bibüothekar der Stadt-Bibliothek hin, um an Ort und Stelle diese Einrichtung zu studieren und daraufhin einen Plan zu entwerfen, wie diese Sache für Breslau in die Wege zu leiten sei. Die Ergebnisse dieser Studienreise, verbunden mit den während der Jahre eigener Praxis gesammelten Erfahrungen, haben sehr wertvolle Frucht getragen. Dem Gedenken an Dr. Joseph Markus s.A. Es ist nun schon über ein Jahr her, dass eine grosse, sehr betroffene Schar ihren Freund Dr. Josef Markus s.A. zu Grabe trug. Mit den Angehörigen trauert sie um einen appollinischen Menschen, dessen Geist zwar manchmal Kampf, letzten Endes aber stets Ausgleich und Versöhnung suchte. Mit hervorragenden Eigenschaften begabt, arbeitete Dr. Markus im Staatsdienst seines Geburtslandes als höherer Beamter in Düsseldorf und Breslau, was ihn nicht hinderte, unermüdlich für die zionistische Idee zu wirken. Erst jüngst wurden anlässlich des „Blau-Weiss” — Treffens seine Verdienste und Bemühungen um diese Bewegung hervorgehoben. Sein unermüdliches Wirken galt immer auch dem Lebenswerk und Schaffen seiner Gattin, der Malerin Käte Ephraim-Markus. Hier im Lande war unser Freund mit seinen hervorragenden Kenntnissen zunächst ebenfalls dem Staat nützlich. Nach Beendigung dieser Tätigkeit widmete er sich sozialen, jüdischen und zionistischen Aufgaben, an die er mit grosser Liebe heranging. Für viele Dinge, für die er sich einsetzte, war er mit Erfolg der treibende, fördernde Motor. Die warmherzige Menschlichkeit seiner Persönlichkeit wird allen unvergesen bleiben, die ihn kannten und denen er Freund war, so wie die Musik ihm. Er lebt weiter in uns. J.S. Die Errichtung von Volksbibliotheken und Lesehallen in Breslau wurde vom Magistrat Dr. Kronthal übergeben, und er hat in unermüdlicher Arbeit ein Werk geschaffen, das von Tausenden von Menschen als Segen empfunden und gewertet worden ist. Er hat die Stadt mit einem Netz von Volksbüchereien und Lesehallen überzogen, beinahe ausschliesslich errichtet in Arbeitervierteln, damit der Lesehungrige nach der Tagesarbeit am Abend keinen weiten Weg zurücklegen musste, wenn er in einem hellen stillen Raum geruhsam seine Zeitung lesen oder ein gutes Buch für zuhause holen wollte. Die Arbeit in Volksbibliotheken habe ich bis zur Machtübernahme durch die Nazis als beamtete Bibliothekarin des Magistrats tun dürfen, und es war mir immer eine herrliche Arbeit, erst unter Leitung von Dr. Kronthal und später unter seinem Nachfolger, einem protestantischen Geistlichen, Dr. Moering. Da ist ein kleiner Vorgang, charakteristisch für diese beiden, mir in Erinnerung. Es war in der ersten Kollegial-Sitzung nach Uebernahme des Amtes durch Dr. Moering. Er hatte vor sich einen Bericht, den Dr. Kronthal vor Jahren im Auftrag des Magistrats geschrieben hatte. „Sehen Sie”, sagte Dr. Moering, „da ist dieser Bericht, den mein sehr verehrter Vorgänger zum zehnjährigen Bestehen der Breslauer Volksbüchereien und Lesehallen geschrieben hat. Sechzehn Druckseiten Quart-Format, ich habe sie mit Bewunderung gelesen. Mit Bewunderung für die geleistete Kulturarbeit und für die grossartig bescheidene Sachlichkeit der Darstellung. In diesem Bericht, der doch Rechenschaft gibt über die eigene Leistung des Berichterstatters, kommt nicht ein einziges Mal das Wörtchen „ich” vor.” Er hatte damit tatsächlich charakteristische Wesenszüge seines Vorgängers herausgehoben. Sachlichkeit, Verantwortungsbewusstsein, Arbeitstreue und Bescheidenheit verbunden mit Humor und warmer Menschlichkeit haben Dr. Kronthal, den jüdischen Leiter einer im besten Sinne deutschvölkischen Aufgabe und in Zusammenarbeit mit einem überwiegend arischen Kollegium immer den richtigen Weg geführt. Er war verheiratet mit meiner Schwester Rose, seiner nächsten Mitarbeiterin, war mit ihr zusammen in Theresienstadt und ist dort gestorben. Meine Schwester Margaret war verheiratet mit Sali Levi, einem Badenser, gebürtig aus Walldorf bei Heidelberg. Er kam im Jahre 1904 nach Breslau, um an der Universität und gleichzeitig am Jüdisch-Theologischen Seminar zu studieren. Noch vor Beendigung seiner theologischen Studien wurde Dr. Levi als zweiter Rabbiner an die Neue Synagoge in Breslau berufen, und dieses Amt hatte er inne bis zum Jahr 1918. Während des ersten Weltkrieges als Feld- Rabbiner in Ober-Ost hatte er, in Wilna stationiert, neben der Fürsorge für die jüdischen Soldaten auch die jüdische Zivilbevölkerung der Stadt und ihrer Umgebung in seine Obhut genommen und sich bei der deutschen Militärbehörde immer wieder erfolgreich für sie eingesetzt. Um der bitteren wirtschaftlichen Not zu steuern, hat er mit Genehmigung dieser Behörde Kinder- und Säulingsheime geschaffen, Werkstätten für Handarbeiten, deren z.T. sehr schönen Produkten er auf seinen Urlaubsreisen nach Breslau durch Vorträge und Ausstellungen einen reichen Absatz sicherte. Er hatte eine landwirtschaftliche Schule in Wieliczany bei Wilna ins Leben gerufen und ihren Schülern und Arbeitern den Entgelt aus der Bewirtschaftung des zur Verfügung gestellten Bodens gesichert dadurch, dass der Ertrag als Militär- Lieferung angenommen und bezahlt wurde.*) Kehren wir zurück zu den Volksbüchereien und Lesehallen. Die Arbeit dort ist betont erzieherisch. Das ist ihre Schönheit und ihre Verantwortung. Neben der selbstverständlichen Vertrautheit mit dem verfügbaren Lesematerial verlangt sie ein sicheres Gefühl für die Beurteilung und die Behandlung der Leserschaft, — sie ist Arbeit am Volk in seinen verschiedenen Schichten und Typen. Da sind manche, die fragen gern und lassen sich willig führen, andere wieder wollen allein sich zurechtfinden, und man muss wissen, wann man ihnen zu Hilfe kommen darf. Es lasen bei uns die Vertreter aller Volksschichten, vom ungelernten Arbeiter bis zum Universitätsprofessor. Man kannte seine Leute und wusste, wer belehrt, wer unterhalten sein wollte. In einem seiner Briefe erzählt Hermann Cohen : „Ich habe vor Schlossergesellen und dergleichen intelligentesten Landsleuten, was ich ernst zu nehmen bitte, einen Vortrag über den kategorischen Imperativ gehalten. Und denken Sie, ich habe keinen philosophischen Ausdruck und kein Fremdwort gebracht, die des Titels im ersten Worte beseitigt: der kategorische Imperativ oder das Unbedingte Gebot.” Ja, die gemeinsame Sprache — und damit ist nicht nur die Vermeidung von Fremdwörtern gemeint — die gemeinsame Sprache ist der Schlüssel im Verkehr mit Menschen, erste Bedingung und Notwendigkeit. Sie schafft Nähe und beschenkt mit Vertrauen. Dafür gibt es unvergesslich freundliche Belege, von denen einer hier festgehalten werden soll. Da war ein junger Arbeiter, den ich gut kannte, denn immer, wenn ich am Sonntag eine Vorlesestunde gehalten hatte, kam er am Montag abend in die Ausleihe und fragte : „Können wir nach Schluss der Ausleihe noch ein bisschen miteinander sprechen wegen gestern?” Selbstverständlich war ich gern dazu bereit, denn es war Freude, seinem Bemühen zu helfen, und wir haben manche gute Viertelstunde mitsammen verbracht. Allerdings stellten sich mir in meiner Arbeit, so lieb sie mir war, oftmals Hemmungen entgegen. Ich gestand nämlich meinen deutschen Lesern gegenüber mir wohl das Recht zu, meine Meinung über Autoren anderer Nationalität unbefangen zu äussern in dem Bewusstsein, dass zwischen diesen fremdländischen Schriftstellern und den Deutschen eine ähnliche Schranke beistände wie zwischen den Deutschen Autoren und mir. — Bei den deutschen Autoren aber erlaubte ich mir nur eine möglichst neutrale Inhaltsangabe, weil ich zwischen dem Autor und dem Leser eine Wesensnähe annahm, die mir fehlte. Dadurch schien mir das Recht zur Kritik verboten. Zu derselben Haltung fühlte ich mich verpflichtet bei Buchbesprechungen im Radio, und deshalb bemühte ich mich dort möglichst um jüdische und fremdländische Autoren. (Fortsetzung folgt.) *) Wir verweisen bei dieser Gelegenheit auf das Erinnerungsheft an Salli Levi s.A., das in unserer letzten No. besprochen wurde. Anm. d. Red. 7