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Yediʿot shel Irgun ʿOle Breslau be-Yiśraʾel · 1962-01-01 · No. 4-5 (1962) · p. Seite 6

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Journal
Yediʿot shel Irgun ʿOle Breslau be-Yiśraʾel
Volume
1962
Issue
No. 4-5 (1962)
Date
1962-01-01
Page
Seite 6 (sequence 3152)
Language
German
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MARTIN PLESSNER Professor an der Hebr. Universität, Jerusalem Der Anteil der Jugendbewegung an der Ausbildung der Persönlichkeit (Auszug aus dem Referat auf dem 3. Treffen des „Verbandes ehemaliger Breslauer” am 6. Mai 1962 in Tel Aviv) Wem die Abschiedsbotschaft Marquis Posas an Don Carlos : Sagen Sie Ihm, dass er für die Träume seiner Jugend Soll Achtung tragen, wenn er Mann sein wird, Nicht öffnen soll dem tötenden Insekte Gerühmter besserer Vernunft das Herz Der zarten Götterblume — dass er nicht Soll irre werden, wenn des Staubes Weisheit Begeisterung, die Himmelstochter, lästert. etwas bedeuten, dem ist die Behandlung des Themas zugleich ein Sichselbstmessen an den “Träumen seiner Jugend” und die Frage, wie weit er ihnen treu geblieben ist und wie sie sein Leben beeinflusst haben. Deshalb ist zunächst zu fragen, was Jugendbewegung eigentlich heisst. Ob Hans Blüher das Wort „Jugendbewegung” geschaffen hat, als er es 1912 auf das Titelblatt seines Werkes “Wandervogel, Geschichte einer Jugendbewegung” setzte, steht dahin. Vielleicht wurde es schon im 19. Jahrhundert von Burschenschaften und anderen Jugendbünden des Vormärz gebraucht. In den Blau-Weiss-Blättern finde ich es zuerst im Juni 1914, also nach dem Erscheinen von Blühers Buch. Jedenfalls ist es im Blau-Weiss, der ja damals die einzige Jugendgemeinschaft dieser Art innerhalb des deutschen Judentums bildete, in dem von Blüher gemeinten Sinne verstanden worden: nämlich dem einer Bewegung, deren vernehmlichstes Characteristicum war, eine Bewegung der Jugend zu sein, die sich als Jugend gegen die alte Generation in Bewegung setzte. Wenn jedoch die deutsche Jugendbewegung, sich lediglich gegen die Sattheit und Stumpfheit des Bürgertums im Bismarckschen Reich richtete kam im Blau-Weiss noch die Auflehnung gegen die Stumpfheit und Instinktlosigkeit der älteren Generation gegenüber der äusseren und inneren Judenfrage hinzu. Der Blau-Weiss ist nicht, wie der Wandervogel, nach Blühers Darstellung, eine spontane Schöpfung der Jugend; sondern seine Schöpfung ist ein Werk des Posner Delegiertentages der Z.V.F.D. im Jahre 1912. Noch 1916 konnte Moses Calvary in seinem Referat auf dem ersten Bundestage des Blau-Weiss in Lockwitz sagen: “Dieser seltsame (!) Gedanke, durch Wandern die Jugend jüdisch machen zu wollen, ist nur auf dem Boden der zionistischen Lebensauffassung zu verstehen”. Diese zunächst also nur potentiell jüdische Jugend fühlte sich jedoch vornehmlich als Jugendbewegung in Blühers Sinne; ja, sie mass sich selbst mit Masstäben, die aus dem Wandervogel stammten. Sie übernahm demgemäss nicht nur mit wachsender Genauigkeit dessen Lebensformen: Kleidung, Verpflegung, Uebernachtung, Liederschatz, kurz, die Wiederbelebung des Typus des wandernden Handwerksburschen, sondern dehnte die Revolte gegen das Elternhaus auch auf dessen jüdische Inhalte aus, eine Erscheinung, der Martin Rosenblüth in den lange von ihm redigierten Blau-Weiss-Blättern nicht ermahnend, sondern belehrend und darstellend aufs Rühmlichste entgegnzuwirken strebte, ebenso natürlich Calvary. Wie hat die Jugendbewegung (nicht speziell die jüdische, obwohl wir ihr unser Material entnehmen) auf die Ausbildung der Persönlichkeit gewirkt? Auf diese Frage kann nicht generell geantwortet werden. Die Antwort hängt vielmehr für den Einzelnen davon ab, in welchem Alter er zur Jugendbewegung kam und in welchem Stadium ihrer schnellen Entwicklung diese 6 sich damals befand. Die erste Führergeneration war naturgemäss bei Beginn der Blau-Weiss- Arbeit erwachsen; man konnte aber von ca. 8—9 Jahren ab in den Bund eintreten. Die zweite Führergeneration war grossenteils schon im Bund herangewachsen; infolge des Eintritts der Aelteren in die Armee während des 1. Weltkriegs war sie im Durchschnitt jünger, aber immer noch weit älter als Jugendliche, wenn sie hier im Lande — zum Schaden der Sache und zu ihrem eigenen Schaden — “Madrichim" werden. Durch Blüher wurde die erschrockene Öffentlichkeit auf die erotischen Grundlagen der Jugendgemeinschaft aufmerksam, wobei erschrokken auch die Angehörigen des Bundes selbst waren. Der Umfang, den erotische Beziehungen unter Jungen annahmen, ist begreiflicherweise unbekannt; aber die allgemeine mannmännliche Atmosphäre führte zu einer Gegnerschaft gegen die Mädchen als Gesamtheit. Dies verlieh dieser ganzen Sphäre etwas Unreales, wenigstens auf Seiten des Jungen, und führte in zahlreichen Fällen zu einer Verlängerung der Pubertätsperiode im Geistigen, bis in ein Alter, in dem sonst junge Männer der Beziehung zum anderen Geschlecht bereits den ihr zukommenden Platz angewiesen haben. Die Aelteren haben dieses Problem nur zum Teil erlebt, da sie ja als Erwachsene Führer wurden, zum Teü sogar noch als Verheiratete am Wanderleben des Bundes teilnahmen. Zu alledem kam, dass man damals noch nicht über all das mit der Offenheit zu sprechen pflegte wie heute, wo die Popularisierung der Psychoanalyse leider viele nicht immer berufene Münder geöffnet hat. Jenseits all des bisher Erwähnten lag die wachsende Empfindung, dass das Idyll des Wanderlebens nicht genügte. Nicht nur dass wir älter vor die Berufsfrage gestellt wurden und überhaupt unseren Horizont erweiterten, z.T. durch die grossen Sommerfahrten im Bunde selbst, die viele Breslauer zum ersten Mal ins Gebiet des alten Deutschen Reichs westlich der Elbe brachten — der Ausgang des Weltkriegs, die Balfour-Deklaration und San Remo, die Möglichkeit und damit die Forderung, die Berufswahl unter dem Gesichtspunkt der späteren Ali ja zu treffen, die in den Blau-Weiss- Blättern gedruckten Palästinaberichte der schon früh eingewanderten Blau-Weissen, all das stellte den Bund und auch jeden einzelnen in ihm vor die Frage, wo er stehe. Aber auch eine vertiefte Auffassung des Wanderlebens selbst tat das ihre; und dies war eine von Breslau ausgehende und von dort aus durchgesetzte Tendenz. Die Erziehung der Nachkriegsführerschaft durch den Breslauer LEO FREUND Inh.: ERICH LEWIN Tel-Aviv, Mikwe Israelstr. 1, vor dem Telegraphenamt Hausu. Küchengeräte — Geschenkartikel — Leihgeschirr. Nur Qualitätsware — Individuelle Bedienung naiv mw Philosophen Richard Hönigswald rief eine neue Pädagogik innerhalb der Jugendbewegung ins Leben, die die Persönlichkeit durch gegenständliche Betrachtung der Aussenwelt bewusst zu bilden sich bemühte (das Hauptverdienst darum haben Franz Meyer, Martin Bandmann und Norbert Elias), sei es durch naturwissenschaftlich geschultes Sehen in der Natur, Verständnis volles Betrachten des gestirnten Himmels, auf Entwicklung des Formensinns und Kenntnisse basierte Betrachtung von Kunstwerken oder Zurückgehen auf alte Musik und die schwierigen a cappela — Sätze Bachs und sogar Orlando di Lassos und Palestrinas, um nur einige Gebiete zu nennen. Das gab dem Leben in der Jugendbewegung einen ganz neuen starken Inhalt, den die übrige gleichaltrige Jugend nicht besass, und vermittelte Bildungswerte, die auch die Universität nicht immer darbot. Dieser neue Inhalt verführte dazu, die Jugendbewegung mit grösserem Recht als eine sich selbst genügende Lebensgemeinschaft in nuce zu betrachten als Gustav Wyneken für seine Freie Schulgemeinde hatte in Anspruch nehmen können. Der Blau-Weiss hielt sich für in sich gefestigt genug, um auch Palästina etwas auf der eigenen Gemeinschaft basiertes Selbständiges inkorporieren zu können. Unter Aufnahme des Kwuza-Ideals und der Berufswahllenkung auf Landwirtschaft u. qualitativ hochstehendes Handwerk begann er, eine Lebensform für Palästina zu erstreben, die die Angehörigen des Bundes auch als Erwachsene im gemeinsamen Rahmen Zusammenhalten sollte. Das Scheitern der Blau-Weiss-Siedlung hat allerdings bewiesen, dass weder die Breslauer Sachlichkeit, noch die überall in mehr oder weniger steigendem Masse gepflegte Jüdischkeit und Hebraicität, ja nicht einmal beide zusammen tragfähig genug waren, um auch nur eine Elite aus einer Jugendbewegung fürs Leben zuzammenz uh alten, zumal bei der seinen politischen Problemen. Es erwies sich auch hier, dass Erziehungsgemeinschaft und Lebensgemeinschaft auseinanderfallen. Die durch die Jugendbewegung vermittelten Stoffe sind zweifellos nicht das Primäre, das sie zur Ausbildung der Persönlichkeit beigetragen hat. In weit höherem Masse hat sie, jedenfalls der Blau-Weiss und seine Nachfolgebünde, dazu beigetragen, Palästina in das Lebensprogramm aufzunehmen, auch wo das Programm vor 1933 noch nicht zur Ausführung gelangt war. So mancher ist damals ins Land gekommen, der unter rein beruflichen Gesichtspunkten vielleicht besser anderswohin gegangen wäre. All dies betrifft aber lediglich die zionistische Jugendbewegung, nicht die Jugendbewegung als solche. Das Grundlegende ist und bleibt das Gemeinschaftserlebnis, wie es nur der Wanderbund geben konnte. Wer in ständiger, nicht auf verabredete Zusammenkünfte zu bestimmten Zwecken beschränkter Gemeinschaft mit Gleichstrebenden in der der jüdischen Jugend damals so fremden freien Natur unter den besonderen Bedingungen der Selbstversorgung in der Gruppe, nicht des Picknick-Korbes aufgewachsen ist, wer dann in Lockwitz zum ersten Mal der Grösse und Weite der Bewegung innewurde, die Hunderte bis dahin einem persönlich unbekannte Menschen aus allen Teilen Deutschlands und der Habsburg- Monarchie umfasste, die dasselbe erlebten und zu demselben strebten wie man selber, der (Fortsetzung auf Seite 9)

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