Yediʿot shel Irgun ʿOle Breslau be-Yiśraʾel
- Journal
- Yediʿot shel Irgun ʿOle Breslau be-Yiśraʾel
- Volume
- 1962
- Issue
- No. 4-5 (1962)
- Date
- 1962-01-01
- Page
- Seite 4 (sequence 3150)
- Language
- German
- Belongs to
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Dr. Ludwig Cohn 1"i DER BLINDE ALS GLUECKLICHER MENSCH „Mein Sohn ist gewöhnt, dass ich bei all seinen Spielen mitmache. Zuweilen fiel mir dies sehr schwer, doch bemühte ich mich, es ihn nicht fühlen zu lassen. Eines Tages, mein Sohn war etwa fünf Jahre alt, sah er einen Blinden, der sich an den Wänden der Häuser vorwärts tastete. Er rief aufgeregt: „Vater! Ist es nicht das Schrecklichste, blind zu sein?” „Mein Kind”, antwortete ich, „wie kannst du so etwas sagen; ist es so schrecklich, dass ich blind bin?” Darauf mein Kind : „Du bist nicht blind, Vater, du kannst nur nicht sehen.” Es ist ungefähr fünf Jahre her, dass mir der jetzt in Amsterdam verstorbene Dr. Ludwig Cohn dies erzählte. Wir sassen im Garten der Familie Novi in Kiryath Bialik mit einigen Freunden zusammen, um seinen Geburtstag zu feiern. Er befand sich damals im Lande, um dem Wohlfartsministerium (Misrad Hassaad) mit seinem Rat bei der Blindenfürsorge behilflich zu sein. Er erzählte uns, dass er seinerzeit das Misrad Hassaad davon gewarnt habe, ein Blindendorf zu errichten. Man habe jedoch nicht auf ihn hören wollen, und es habe sich leider herausgestellt, dass er recht gehabt habe. Wir sprachen über Bücher, die er gelesen hatte, über Probleme, die damals im Mittelpunkt des Weltgeschehens standen. Plötzlich sagte Dr. Cohn: „Ich werde euch einiges aus. meinem Leben erzählen. Ich war etwa sieben Jahre alt, als sich meine Augenkrankheit soweit verschlimmerte, dass bei dem damaligen Stand der medizinischen Entwicklung — es war am Ende des 19. Jahrhunderts — keine Aussicht bestand, mein Augenlicht zu retten. Meine unglücklichen Eltern brachten mich zu den grössten Augenärzten, doch mein Schicksal war besiegelt : ich erblindete. Ich erinnere mich an viele Dinge vor meiner Erblindung: an den blauen Himmel, an die Blumenpracht im Frühling und im Sommer, an das langsam fliessende Wasser des Flusses und sogar noch an die Farbe des Kanarienvogels. Plötzlich herrschte absolute Finsternis rings um mich her. Ich hörte nur Stimmen und tastete von Furcht gepackt mit meinen Händen in der Dunkelheit. Nachdem ich mich etwas an meine Blindheit gewöhnt hatte, beschlossen meine Eltern, mich in ein Heim für blinde Kinder zu schicken. Dort waren viele meinesgleichen. Die meistenwaren blind geboren und hatten nie das Licht der Welt gesehen. Man lehrte uns dort, den Gehörsinn auszunützen, den Tastsinn und selbstverständlich auch den Geruchsinn. Zuweilen konnte ich eine Strasse an dem Geruch der darin befindlichen Läden erkennen. Wenn ich jemanden in seinem Hause besuchte, konnte ich ihn dann am Geruch des Hauses wiederfinden. Man lehrte uns dort auch die tagtäglichen kleinen Arbeiten verrichten, wie Bettenmachen, Auskehren, das Zimmer reinigen, Schuhe putzen, unsere Kleidung zu reparieren, Knöpfe anzunähen, kurz alles, was man sieben- bis achtjährigen Kindern beibringen kann und beibringen sollte. Ich erinnere mich, wie ich einmal in jenem Heim auf einem Dreirad fuhr. Ich achtete nicht auf die Kurve und stiess an einen Baum. Blut strömte aus meiner Stirn. Als mein Lehrer sah, dass meine Verwundung nicht sehr ernst war, sagte er zu mir: „Ich hoffe, dass du jetzt wenigstens gelernt hast, an welcher Stelle 4 sich dieser Baum befindet, und nicht noch einmal mit ihm zusammenstossen wirst.” Die Mädchen in unserem Institut lernten, auf dem Markt einzukaufen, zu kochen und alles sonst, was eine Hausfrau können muss. Uns brachte man zusätzlich zum gewöhnlichen Lehrpensum — wir lernten Blindenschrift (Brailleschrift) — Korbflechten, Teppichweben und Seilflechten bei. Danach lernten wir Bürstenbinden, Fischernetze knüpfen und Strümpfe stricken. Mit diesem Wissen ausgestattet verliess ich im Alter von zwölf Jahren das Institut. Ich kam in Breslau in ein humanistisches Gymnasium. Ich war ein Durchschnittsschüler und zuweilen sogar wild, der einzige Blinde in der Klasse. Während des Unterrichts konzentrierte ich mich ganz auf den Lehrstoff und machte mir Notizen in Braille-Schrift. Meine Aufgaben machte ich zusammen mit meinen Kameraden. Manchmal lasen sie mir das eine oder andere Kapitel des Lehrstoffs vor, obwohl ich nicht sehr oft darum bat, denn ich wollte wie die anderen leben. Nachdem ich die Schule beendet hatte, schrieb mir der Direktor des Gymnasiums: „Du hast weder uns Lehrer noch die Schüler durch deine Blindheit gestört und auch das Unterrichtstempo nicht aufgehalten.” Danach begann ich meine Studien an der Universität. Ich studierte Literatur und Rechtswissenschaften, und bemühte mich wieder, mich in den allgemeinen Rahmen einzufügen. Ich lernte tanzen. Viele Mädchen behaupteten damals sogar, dass ich besser tanze als viele Sehende. Ich schwamm gerne und viel und wurde sogar ein leidenschaftlicher Skat-Spieler, nachdem ich vorher die Karten nach ihrem Wert mit der Braille-Schrift versehen hatte.” Trotz all dem war der Lebensweg Dr. Ludwig Cohns nicht leicht. Man war der Meinung, dass ein Blinder nur unter Blinden leben und arbeiten könne, denn er sei nicht fähig, sich im gewöhnlichen Lebenskampf durchzusetzen. Dr. Cohn widersetzte sich der Auffassung, dass der Blinde ein chronischer „sozialer Fall" sei. Er wandte ein, dass der Blinde bei geeigneter und gründlicher Anleitung seinen Lebensweg selbst finden könne. Er bemühte sich, Gleichgesinnte zu finden, stiess aber bei seinen blinden Kollegen und den deutschen Wohlfahrtsbehörden auf Widerstand. Dann gelang es ihm, sich mit grossen deutschen Zeitungsverlagen in Verbindung zu setzen. Er liess seine Meinung in die Oeffentlichkeit gelangen. Er wurde auch als Journalist zu verschiedenen Konferenzen geschickt. Einer der Redakteure sagte zu ihm, dass gerade seine Blindheit ihm zu grösserer Konzentration verhelfe; andere Journalisten zögen es vor, ihre Zeit an den Büfetts und im Kreise schöner Mädchen zu verbringen. Doch sein Ziel war es, seinen blinden Brüdern zu helfen. Das war der Grund, weshalb er seine Journalistentätigkeit nicht fortsetzen konnte. Im Jahre 1915 begann er, sich mit der sozialen Fürsorge für Kriegsblinde zu beschäftigen. Die Blinden, die unter seiner Obhut standen, lehnten sich gegen ihr Schicksal auf. Dr. Cohn versuchte es unter ständigen Bemühungen, sie davon zu überzeugen, dass sie sich mit der Wirklichkeit abfinden und sich von neuem ihren Platz in der Gesellschaft erobern müssten. Die Schwierigkeiten, die bei der Einordnung von Blinden entstanden, lagen hauptsächlich in der mangelnden Bereitschaft der Arbeitgeber Blinde zu beschäftigen. Sie fürchteten, die Blinden könnten ihnen zur Last fallen, und hatten Hemmungen, diese bei etwaiger Nichteignung zu entlassen. Um den Arbeitsgebern zu beweisen, dass auch Blinde leistungsfähig seien, machte Dr. Cohn sich erbötig, probeweise in ihren Betrieben zu arbeiten. Viele Monate hindurch jagte er von Fabrik zu Fabrik, von Büro zu Büro. Er verrichtete alle möglichen Arbeiten: nähte Knöpfe an Anzüge, half bei der Verpackung von Waren, versuchte komplizierte Maschinen in Gang zu bringen, arbeitete als Telefonist usw. Anfangs blickte man ein wenig spöttisch auf den eigenartigen Sozialarbeiter, der sich „herabliess” und keine Arbeit scheute, um die Leistungsfähigkeit der Blinden zu beweisen. Als Dr. Cohn glaubte, dass er seine Aufgabe erfüllt habe, schied er aus dem Staatsdienst aus und wurde Sprachlehrer. Einmal, so erzählte er, verlangte er von einer seiner Schülerinnen, dass sie den Livius aus dem Lateinischen ins Deutsche übersetze. Die Schülerin tat, wie ihr geheissen, worauf Dr. Cohn sagte: „Die Uebersetzung war ausgezeichnet; aber glaubst du wirklich, dass es anständig ist, die Blindheit deines Lehrers auszunutzen und die Uebersetzung abzulesen?” Das Mädchen brach in Tränen aus. Dr. Cohn hatte aus der Richtung, aus der die Stimme kam, herausgehört, dass das Mädchen den Kopf gesenkt und aus dem Buch abgelesen hatte. Dr. Cohn hielt an Universitäten Vorträge als Gastdozent; stets über das Thema: „Die Behandlung der Blinden”. Er hatte sich auch einen Namen als hervorragender Literaturkenner gemacht. Seine Vorträge über Goethe’s „Faust” waren ein Erlebnis. Lange Zeit hindurch ernährte er sich durch Vortragszyklen, die er in deutschen Städten gab. Während des Krieges war er in Theresienstadt, und hier war er es, der Blinde, der mit seinem Optimismus die anderen ermutigte, nicht zu verzweifeln, da die Tage der Deutschen gezählt seien. Wir fragten Dr. Cohn, ob er Theater zu besuchen pflege. „Sicher”, war seine Antwort, „es gibt nichts, was ich mehr geniesse. Nicht nur, dass ich das Schauspiel höre; das könnte mir auch eine Plattenaufnahme vermitteln. Aber im Theater fühle ich die Stimmung des Schauspielers, seine Bewegungen usw. Auch eine Radio-Uebertragung kann mir die Aufführung im Theater nicht ersetzen. Dann erzählte er von seiner Frau, die ihn bei ihren gemeinsamen Spaziergängen führte. An jeder Blume, die ihren Weg kreuzte, blieben sie stehen. Seine Frau pflegte ihm alles so genau zu beschreiben, dass er in seiner Phantasie die Blumen, die Schmetterlinge, die Vögel und die Schönheit der Natur sah. Die Unterhaltung mit Dr. Cohn ging ihrem Ende zu. Plötzlich sagte er: „Ich sehe, dass die Sonne untergeht. Es ist spät”. Wir schwiegen einen Moment. Seine Worte „ich sehe” muteten uns eigenartig an. Er verstand unser Schweigen und fügte hinzu: „Wir Blinden haben Phantasie. Ich fühle den Sonnenuntergang und glaube, ich könnte ihn wie jeder andere beschreiben." Als wir uns verabschiedeten sagte er mir: Ich bin achtzig Jahre alt und habe ein glückliches Leben hinter mir, denn ich glaube an den Menschen. Ich habe viele Menschen kennen gelernt, die mir uneingennützig geholfen haben, und ich habe trotz meiner Blindheit vielen anderen helfen können". Schraga Bar Gil in den Yedioth Chadaschoth (Tel-Aviv)