Yediʿot shel Irgun ʿOle Breslau be-Yiśraʾel
- Journal
- Yediʿot shel Irgun ʿOle Breslau be-Yiśraʾel
- Volume
- 1967
- Issue
- No. 21 (April 1967)
- Date
- 1967-04-01
- Page
- Seite 5 (sequence 5)
- Language
- German
- Belongs to
- journal issue
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Letzten Sommer besuchte uns die Enkeltochter eines guten Freundes meines verstorbenen Vaters, der Direktor des Breslauer Stadtarchivs war. Die Familie hatte durch eine ostdeutsche Synagogengemeinde die Adresse meines Bruders in Jerusalem herausgefunden. Jetzt sandte sie uns das Buch, das in Romanform die letzten Tage von Breslau schildert: Hugo Hartung: Der Himmel war unten. — Das war Breslau unter den russischen Brandbomben. Für ehemalige Breslauer mag eine kurze Wiedergabe von Interesse sein. Zuerst möchte ich erwähnen, dass der Name des Menschen, der das furchtbarste Unglück über unser Jahrhundert gebracht hat, etwa fünfmal erwähnt wird; einmal im Munde eines schwachsinnigen alten Weibleins, das ihn lobt und alles von ihm erwartet. Das zweite Mal geschieht die Erwähnung dieses Namens mit dem Wort: “ — ach, der!” und wird mit wegwerfender Handbewegung abgetan. Das dritte Mal wird als Verbrechen bezeichnet, dass er Breslau zur Festung erklärt hat, trotz dem es eine wehrlose, offene Stadt ist. Das vierte Mal hängt sich nach dem Selbstmord Hitlers ein nicht grade freundlich geschilderter Militärarzt auch auf. An einer fuenften Stelle wird des Namens Erwähnung getan (398), als einer die Idee hat, zu türmen, bevor sie in Gefangenschaft fallen. Der Andre weist ihn auf den russischen Lautsprecher hin, den sie jede Nacht hören: Die Breslauer werden gleich nachdem die Festung kapituliert hat, in die Heimat entlassen. "Glaubst Du das?” “Warum nicht?” “Vielleicht hast Du Hitlern auch geglaubt?! ” Dies sei nur gesagt, um die Stellung des Schriftstellers zu kennzeichnen. Politisch wird sonst keine Stallung bezogen. Es handelt sich nur um die Menschen ihr Leiden, ihre Ausdauer, um Kameradschaft, Pflichttreue, Verzweiflung, Ausschweifungen angesichts der sicheren Vernichtung, Geistesverwirrung, Schock. Das Buch beginnt um die Weihnachtszeit 1944. Bis dahin hat die Stadt noch nicht in der Angriffslinie gestanden. Man wiegte sich in Sicherheit, glaubte ebenso wie 1914—18, da Breslau nichts von feindlichen Angriffen zu leiden hatte, würde es auch diesmal sein. Die Stadt stehe im Schutze der heiligen Hedwig von Trebnitz, sagten die Katholiken. Eine Gruppe Reservisten, die den Flugplatz bewachen, steht im Zentrum des Buches. Ein Musiklehrer und Komponist unter ihnen wird am Weihnachtsabend vom Obersten ins Kasino geholt, um aufzuspielen. Unterwegs vertraut ihm der Oberst an: “ — musste beim Baumanzünden irgendwelche germanische Spruch’ von “Nacht der Weihe” und “Opfer” murmeln. Und “Stille Nacht“ mussten wir mit vorgedruckten neuen Text singen, ohne heilige Nacht und mit einer deutschen Mutter mittemang... Da kommt einem ja der kalte Kaffee hoch. Wissen Sie, wenn schon “Stille Nacht", dann auch mit “hochheiligem Paar" und nicht mit “erbgesunder Familie” und solchem Zinnober!” Die musikalische Weihnachtsfeier wird durch Luftalarm gestört. Der Musiker kriecht durch die Büsche zurück zu seiner Station, am Eingang zum Rollfeld. Als der Alarm vorüber ist, wird bei einem Flieger weitergetrunken. Sie trinken auf Breslau. Dann verlangt der Fliegeroberstleutnant: “Kamerad kennen Sie das Lied vom Affen auf den Gräbern? Ist doch Mahler, nicht wahr? Entartete jüdische Kunst! Das ist zum Kotzen, dass man nicht mehr dabei sein wird, wenn sie hinterher wieder Mahler spielen. — “Und dann kommt die spukhafte Beschwörung Gustav Mahlers in einem deutschen Fliegerhorst am Rand der Stadt Breslau in der Christnacht 1944: “Du aber, wie lange lebst denn Du? Nur ein Besitztum ist Dir gewiss: Das Grab, das grinsende, am Ende!” Später wird der Schrecken auf den Bahnhöfen beschrieben. Massen mit dem nötigsten Gepäck warten auf Züge. Ein Zug aus Glatz trifft ein. Leute wollen aussteigen, die in Breslau Sicherheit suchen. Aber der Ansturm auf den Zug lässt sie begreifen, dass in Breslau keine Sicherheit ist. Sie geben ihre Plätze nicht her. Der Zug geht bis Görlitz, heisst es. Nein, nach dem Westen gehen keine Züge mehr. Der Musiker steht auf Posten am Flugplatz. Es schneit ohne Aufhören. Kein Wetter für Luftangriffe. Das Maschinengewehr ist eingeschneit wie ein Kindergrab. Trotzdem hören sie eigentümliche Geräusche, gehen hinaus zur Chaussee: Flüchtlinge, die ganze Stadt Breslau hat sich aufgemacht. Das Radio hat zwar gesagt, sie sollten bleiben. Die Gefahr wäre vorüber. Aber denen glaubt keiner mehr. Der Kamerad, ein einfacher Mann sagt: “Wie zu Allerseelen, wo se Dir erscheinen, die im nächsten Jahr sterben sollen” Manche ziehen Schlitten, Bettzeug drauf gepackt. Räder drehen sich schwer im Schnee. Unter Stöhnen, Schnaufen, Husten, Keuchen schleppen sie Bündel, — Die — letzten Tage von — Breslau — Koffer, Kisten, Körbe. Ein alter Mann zieht einen Kinderschlitten. Eine Greisin ist draufgepackt. “Lass mich sterben, kannst doch so nicht mehr weiter!” “Halt die Gosch, tummes Luder!” und e rzieht voll Ingrimm weiter. “Der Vorhang fällt aus Nacht und Schnee und Entsetzen gewoben”. Und während Tausende die Stadt verlassen, sehen die am Flugplatz Wachthabenden von Süden und Südosten Bauern mit ihrem Vieh in die Stadt strömen. Pferde, Kühe staken brüllend durch den tiefen Schnee, manche legen sich auf die Seite. Viel Vieh wird geschlachtet. Man kann nicht alles mitnehmen. Der Ausguck auf der Flugplatzhalle (126) entdeckt Panzer auf der Autobahn Durchgesickert: Die Russen sind in Liegnitz. Man begreift: die Russen kommen von Süden. Nicht durch die verwinkelte Altstadt und die unübersichtlichen Flusslaüfe. Nein, durch die modernen breiten Ausfallstrassen im Süden. Ein Direktangriff auf den Flugplatz. (137) Befehl zum Rückzug in die Stadt ist gegeben. Die Reservisten werden zwischendurch in verlassene Privatwohnungen gelegt, wo noch die geputzten Weihnachtsbäume stehen. Im Dunkeln werden sie wieder verladen. Der Fahrer mit schwarzverschmiertem Gesicht, legt Holzkohlen auf, dass die Funken stieben. “Das sehen doch die Flieger!” “Knacher, wo sowieso alles brennt!” Endlich rückt das Auto an. Sie fahren durch Vorstadtstrassen, rechts und links brennende Dachstühle. Auf dem Wachplatz gibt ein Posten Haltesignal. “Lass uns bloss weiter, sonst verreckt mir das Aas wieder!” womit der Chauffeur den Holzvergaser meint. Einer ruft: “Heut machen wir noch Dämmerschoppen im Schweidnitzer Keller!” Denn gehts die Schweidnitzer Strasse entlang. Um seinen Kameraden, den Musiker aufzumuntern, sagt der Fabrikschlosser; “Pass auf, die lassen uns heut ganz nobel im Monopolhotel wohnen”. Dann erfahren sie, dass sie Quartier beziehen im Luftgaukommando Kleiststr. “Was sollen wir soweit im Süden?” “Werden morgen ein gesetzt!” Da begreifen sie: “Die Divisionen aus dem Westen sind nicht durchgekommen”. Uber den Doppeltürmen von Maria-Magdalena rötet sich der Himmel, bleiches Dämmerlicht liegt über dem Rathausring. Sie kommen ins Viertel, wo der Musiker gewohnt hat (153) Da war sein täglicher Weg, dort seine Strassenbahnhaltestelle. Das M-G. wird eingebaut. Damit können sie das Gelände bis zum Wasserturm bestreichen. Jetzt liegen sie seiner Wohnung gegenüber. Die andre Seite ist nicht nur die andre Strassenfront. Sie ist die feindliche Front! Ohrenbetäubendes Krachen. Fenster zerspringen. Die Strasse wird immer mehr von Sprenglöchern aufgerissen. Keine Gegenwehr gegen dieses Bombardement. (157) Kein Geschütz, keine Werfer. Ein leichtes Maschinengewehr und ein paar Karabiner haben sie in Händen. “Mir san hier die reinsten Schiessbudenfiguren” sagt der Oderschiffer. Der Befehlsstand ist in der Junkernstrasse. Die wissen nicht, was hier vorgeht. Der Musiker meldet sich zum Spähtrupp, weil er die Gegend kennt. Die Rückfronten und die Dächer der Nachbarhäuser sind zersiebt. Auf allen Vieren kriechen sie weiter. Von einer Wohnung kann er in seine eigene Wohnung gegenüber sehen. Er sieht seinen Schreibtisch mit der Lampe, seine Bücherwand, den aufgeklappten Flügel und hinter dem wehenden Vorhang da steht wohl der russische Scharfschütze und die beiden beginnen auf ihn zu schiessen und er hört, wie Holz und Glas splittern und krachen. Da kommt der Meldegänger. Platz verlassen. M.G. ist schon wieder abgebaut. Tiefgeduckt rennen sie Richtung Hindenburgplatz um ihr Leben. Die eben verlassenen Strassenzüge brennen. Da wird beschrieben wie ein Landsturmmann seine eben verstorbene Mutter zu begraben versucht. In ein Leintuch gehüllt, hat er sie auf ein Wägelchen gebunden. Zu den Gräbschner Friedhofen kann man nicht mehr kommen. Aber er weiss in der Scharnhorststrasse im Süden einen kleinen geweihten Gottesacker. Er fährt die Gabitzstrasse hinaus. Ein Infanteriefeldwebel, der hinter einer Barrikade steht, hält ihn an. “iWolln’ Se Ihre Leich’ direkt zum Ivan kutschieren?” Er kehrt um. Endlich beginnt er in einem Villengarten ein Grab auszuheben, da vertreibt ihn ein Pionier-Detachement, das dort Bundschnüre zu legen beginnt, um künstliche Vorfelder für einen neuen Verteidigungsgürtel zu schaffen. Als er dann an der Liebigshöhe wieder graben will, kommt ein Landsturmann: “Kamerad, weisst de denn nicht, dass unter der Liebigshöhe der General sitzt?” Ratlos fährt er zurück zu den Kameraden, die ihm dann helfen und auf der Grünfläche vor dem Alten Fritzen seinem Stadtschloss bei der Dorotheenkirche” kommt die Begräbnis-Odyssee endlich zum Ende.(184) In den Kellergewölben unter einer Kirche ist ein Lazarett eingerichtet. Der Musiker liegt dort mit einer Gehirnerschütterung. Sein Kamerad, der mit ihm war, ist tot. Er hört das Gespräch zweier Ärzte: “Hab den Atlantiksender gehört. Seit der Ammi und der Tommy über den Rhein sind, gibt es kein halten mehr. Die Brücke von Remagen entscheidet den Feldzug”. Pater Donatus (304) steigt zum Türmchen hinauf, hält täglich Ausschau nach den Bränden der Stadt, zeichnet mit Rotstift in den Stadtplan. Der rote Ring wird immer breiter. Er schraffiert die Flammenzungen, wie die Hölenflammen auf Allartbildern. Die Zerstörung frisst sich von Süden und Westen in die Stadt. Ein Arzt erählt von einem Holzschnitzer aus dem Glatzer Bergland: Ein ganzer Bilderkasten voll bunter Träume ging dahin. Die Welt wird einmal spüren, wenn Schlesien nicht mehr ist. Dieses Land quillt über von Phantasie!” “Noch ist Schlesien nicht verloren!” “Aber Breslau!” “Breslau ist nicht Schlesien!” “Doch, Breslau ist Schlesien! ” Eines Nachmittags im März sehen die Leute voller Freude silberglänzende Junkersstaffeln erscheinen. Endlich, endlich wieder eigene Luftdekkung. Aber, o Schreck! Junkers legen Brandbomben auf Breslau! Maschinen, die nicht mehr ausgeflo- (Fortsetzung auf Seite 6) 5