Yediʿot shel Irgun ʿOle Breslau be-Yiśraʾel
- Journal
- Yediʿot shel Irgun ʿOle Breslau be-Yiśraʾel
- Volume
- 1967
- Issue
- No. 21 (April 1967)
- Date
- 1967-04-01
- Page
- Seite 4 (sequence 4)
- Language
- German
- Belongs to
- journal issue
- OCR quality
- 93% known words query
- IRI
…/7411685-7412887-7497253--0173-7413149- Visual Library
- page viewer of the UB Frankfurt
Mentioned entities
OCR text
mit B r e s I a Wir sind kürzlich von einer interessanten Reise nach Russland (Moskau, Leningrad, Kiew und Sochi am Schwarzen Meer) und dann nach Polen (Warschau, Krakau, Zakopane und Wroclaw) zurückgekehrt. Nachdem wir uns einige Tage in Wroclaw aufgehalten haben, konnten wir es wirklich nicht mehr Breslau nennen, denn es ist für uns eine fremde und tote Stadt geworden. Man sieht noch einige Plätze, die alte Erinnerungen wachrufen, aber die Menschen, mit denen diese Erinnerungen verbunden sind, sind nicht mehr da. Eine Stadt besteht nicht nur als Häusern, Plätzen und Erinnerungen, sondern ist eine lebende Einheit, und das fehlt und das konnten wir nicht wiederfinden. Wenn es einige von Euch alten Breslauern und Thüringen interessieren sollte, wie ich Breslau vorgefunden habe, will ich versuchen. Euch ein Bild meiner persönlichen Eindrücke und Beobachtungen zu geben: Wir kamen von Warschau mit einem kleinen 2-motorigen Flugzeug am früheren Gandauer- Flughafen an, der in nichts an einen Flughafen erinnerte, kein Kontrollturm, nur ein kleiner runway, in der Ferne einige russische Militär-Flugzeuge. Wir wurden von dem Staatlichen Polnischen Reisebuero “Orbis” mit 2 Autos erwartet, eins für uns selbst und eins für unser Gepäck. Von dort aus fuhren wir auf holpriger Landstrasse der Stadt entgegen, und für fast eine halbe Stunde sahen wir rechts und links kein Haus, keinen Baum, keinen Strauch. Was früher die “Tschepiene” gewesen war, existiert nicht mehr. Ab und zu einige weidende Kuehe, Hühner und Gänse, die über die Landstrasse liefen. Und plötzlich als erstes und praktiziert sah ich vor mir das Haus, in dem ich gewohnt und praktiziert hatte, etwas verändert im Aussehen, aber im Grossen und Ganzen gut ausgebessert. Dies war der Königsplatz, früher zum Zentrum der Stadt gehörend, jetzt der Anfang der Stadt. Dasselbe Bild wiederholt sich nach dem Sueden zu, wo Breslau zwischen Schweidnitzerstrasse und Sadowastr. endet. Die ehemalige Kaiser Wilhelmstrasse und all die Nebenstrassen rechts und links existieren nicht mehr. In der Mitte der Strasse läuft ein Streifen mit Blumen bepflanzt, Bäume verdecken die früheren Vorgärten, und Steine mit Zahlen zeigen die früheren Hausnummern an. Am Kaiser Wilhelmplatz sind noch einige Häuser erhalten, der Wasserturm in der Hohenzollernstrasse steht noch als Wahrzeichen, das jüdische Krankenhaus ist erkennbar, auch das Beate Guttmann Heim, aber anscheinend für militärische Zwecke benutzt. Wir wohnten im Monopol-Hotel, ein Überbleibsel verblichener Pracht, aber gute Bedienung und vorzügliches Essen. Wir konnten unsere Mahlzeiten nirgends anders einnehmen, denn trotz Suchens habe ich kein anständiges Restaurant gefunden. Das Stadttheater steht unverändert, das Innere neu vergoldet: wir sahen eine sehr gute Ballett- Vorführung von Don Quixote, erstklassige Kostüme, sehr gutes Orchester ( hervorragende Tänzer, absolut gleichwertig jedem anderen Grosstadt- Theater. Das ehemalige Schloss liegt immer noch in Truemmern; wo die frühere Neue Synagoge stand, ist noch von den Nazis ein grosses Gebäude für die SS entstanden. Das Museum existiert nicht mehr, die Börse ist noch erhalten geblieben, ebenso das Gericht mit seinen 3 roten Tuermen und die “Elfer"-Kaserne. Graupenstrasse und Sonnenplatz sind nicht wiederzuerkennen, dagegen wird die Gräbschenerstrasse nach Süden neu aufgebaut, sie wird das neue moderne Wohnzentrum werden. Die Gartenstrasse hat sich sehr verändert. Vier Jahreszeien oder Liebich konnte ich nicht finden, dagegen besteht noch das Schauspielhaus. Der Hauptbahnhof ist unverändert auf gebaut; man erzählt sich, dass darunter sich ein Riesenkriegslazaret begindet, das von den Nazis vor der Übergabe unter Wasser gesetzt worden ist. Man konnte das Wasser nicht auspumpen so hat man alles, wie es war, gelassen und die Eingänge hermetisch versiegelt. Ring und Blücherplatz sind dem Original entsprechend, wieder auf gebaut, auch das Rathaus; aber keine Buden mit den guten Rostwürstchen. Lm Keller leere Räume, kein Restaurant; man kann aber für 1 Zloty die Toilette benutzen. Die Schmiedebrücke ist noch nicht renoviert, No. 12 ist mit Brettern vernagelt, dahinter sah ich nur Trümmer. Aber die Universität ist ziemlich unversehrt geblieben, der Fechterbrunnen steht noch, diesmal ohne Badehose, und gegenüber der Eingang zu Luckners Fechtboden. Ich musste an W.S. 12/13, an Tischler und Scheyer und unsere Chargiertenpartie gegen die Schlesier zurückdenken. Die alten Kirchen in der Nicolaistrasse sind noch da, auch das Klösseltor; aber kein Käseböhm. Bielschowski ist doch in Trümmern; dagegen sind Barasch und Wertheim wieder teilweise als Kaufhäuser eingerichtet. Das Allerheiligenhospital, das nie eine Zierde der Stadt war, in dem ich aber vier unvergessliche Assistentenjahre verbracht habe, liegt grösstenteils noch in Trümmern. Die wenigen benutzbaren Gebäude, und auch die Patienten und Schwestern sahen grauenhaft aus. Dagegen sind die Maxkliniken unversent geblieben, ich wollte nur einen Blick im die Fraünklinik, wo ich auch gearbeitet hatte, werfen, wurde aber überaus freundlich von dem Direktor und Oberarzt empfangen und herumgeführt. Danach wurde ich täglich mit Teilefongesprächen bombardiert, doch ja vor meiner Abreise noch mal wiederzukommen. Die Kaiserbrücke sieht sehr demoliert aus, wird aber noch benutzt; dahinter nach Scheitnig zu sind alle alten Häuser verschwunden. Der verteidigende Kommandant, der Nazi Hanke, hat die ganze Gegend flach gelegt, um ein persönliches Flugfeld für sich zu bauen. Der Scheitniger- und Südpark sind unverändert schön geblieben, mit vielen Blumenanlagen; aber keine Schweizerei oder Südparkrestaurant. Die Jahrhundertthalle steht noch, wurde aber in ein Kino umgewandelt; ich musste an die Eröffnung ALLE EHEM. BRESLAUER treffen sich in TEL-AVIV, im Cafe NOGA vis ä vis Mograbi) Pinskerstr. 4 (Tel. 56063) Touristen u. Einheimische herzlich willkommen! B ehaglicher A uf enthalt, auch air conditioned. Räume für Konferenzen, V er Sammlungen, Künstlerische Veranstaltungen, usw. der Jahrhundertausstellung im Jahre 1913 durch den Kronprinzen dort denken, der ich als Chargierter beiwohnte. Und die aufregenden 6-Tage- Rennen — wer erinnert sich noch an Rieger und Knappewo ich offiziell als Arzt tätig war. Das früher so schöne Terrassenrestaurant und die Pergola sind verfallen und für das Publikum abgesperrt. Der Friedhof Lohestrasse ist nicht mehr zugänglich, auch die jüdische Gemeinde, die noch ein “Buero” auf der Wallstrasse hat, konnte mir nicht behilflich sein. Er ist mir einer hohen Mauer umgeben und kann nur mit besonderer Erlaubnis der Stadtbehörden besucht werden. Ich hatte keine Zeit, auf diese Erlaubnis zu warten, fuhr aber doch zu dem Haupteingang, wo ich von einigen bissigen Hunden begrüsst wurde. Ich hätte beinahe die Schweidnitzerstrasse vergassen; sie ist erheblich verbreitert, ich konnte aber kein schönes Geschäft mehr entdecken; wo die “Goldene Gans” war, ist ein breiter Platz geschaffen, mit modernem Cafe und Aussenterrasse. Der Zwingerplatz ist gut erhalten. Das Haus, in dem das Cafe Krone war, steht noch, ist aber unbe wohnt. Gegenüber vermisste ich unser altes Cafe Fahrig (wer erinnert sich noch an Herrn und Frl. Spitzer und die guten Würstchen mit Saft?) Der Tauentzienplatz ist leicht wieder zu erkennen, sogar “Savoy” erscheint in grossen Buchstaten an dem früheren Hotel; aber wo ist Gustav Fischer und seine komplette Kartoffelsuppe? Die Liebichshöhe ist von grossen Betonbunkern unterminiert. Hier war das Hauptquartier des Kommandanten Hanke.Das Postscheckamt begrüsst Dich auch unversehrt, gegenüber, hinter den Bäumen, glaubte ich, das alte Vinzenshaus zu sehen. Wer von uns Alten denkt nicht anden K.C.-Tag 1911 zurück, als wir Couleur auf setzten. Es war gleichzeitig das 10-jährige Bestehen der Thuringia und das 25-jährige der Viadrina. Ich sehe noch die alten Viardren beim Semesterreiben aufstehen. "Das 50. Semester erhebt sich und steht“; das 50. Semester! Wie kann ein Mensch nur so alt sein, dachte ein junger Fuchs. Ich fühle mich nicht berufen, über die wirtschaftliche oder politische Situation ein Urteil zu fällen, Ich war aber überrascht, mit welcher Freundlichkeit und Hilfsbereitschaft wir als Amerikaner überall begrüsst wurden. Oder ist es der almighty Dollar? Ich könnte Euch noch durch mehr Strassen führen; ich hoffe aber, dass Ihr einen Eindruck von Wroclaw erhalten habt. Die Einwohner sind meistens vom östlichen Polen angesiedelt worden. Nur wenige verstehen deutsch, und englisch kann man nur im Hotel gebrauchen. Da natürlich alle Strassenbezeichnungen in polnisch sind, ist es manchmal sehr schwer festzustellen, wo man sich befindet und sich zurecht zu finden. Typisch für Polen, und nun auch für Wroclaw, sind überall die offenen Märkte, wo man alles, von Lebensmitteln zu gebrauchten Anzügen, kaufen kann, und wo sich der Eindruck noch verstärkt, was für eine Kleinstadt unser altes Breslau geworden ist. Ich bedaure nicht, die alte Heimat nochmals aufgesucht zu haben, trotzdem der Aufenthalt in vielem sehr enttäuschend war. Aber ich hatte es auch nicht anders erwartet. “You can’t ko home again!” Ich muss an unser altes Studentenlied denken: “Vergebens spähe ich umher, Ich finde Deine Spur nicht mehr, O jerum, jerum, jerum, O quä mutatio re rum! ” — Arrhur M. Pincson 4