Yediʿot shel Irgun ʿOle Breslau be-Yiśraʾel
- Journal
- Yediʿot shel Irgun ʿOle Breslau be-Yiśraʾel
- Volume
- 1967
- Issue
- No. 21 (April 1967)
- Date
- 1967-04-01
- Page
- Seite 2 (sequence 2)
- Language
- German
- Belongs to
- journal issue
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ERLEBTES IM ISRAELITISCHEN KRANKENHAUS BRESLAU (1914-1917) Uber die jüdischen Ärzte in Breslau, besonders im israelitischen Krankenhause hat dessen langjähriger Assistent Dr. S. Hadda in unserer Zeitung zu berichten verstanden. Heut möchte ich, der ich auch viele Jahre an diesem Krankenhause tätig war. Erinnerungen aus den Kriegsjahren 1914—17 bringen. Unmittelbar nach Beginn des Krieges stellte das schöne und moderne Krankenhaus, das sich besonders auch in nichtjüdischen Kreisen grosser Beliebtheit erfreute, die Hälfte seiner Bettenzahl der Militärverwaltung sofort zur Verfügung. Und bald waren auch die verschiedenen Abteilungen belegt, jedoch die bisherigen Krankenhausärzte wurden nacheinander eingezogen, und nach einem Vierteljahr blieb ich als einziger Assistent der Chirurgischen Abteilung, die weiter der Leitung von Prof. Dr. G. Gottstein unterstand. Als officielle Abteilung des Festungslazarettes Breslau erhielt das Krankenhaus einen Lazarettinspector, und mit der Zeit wurden auch zur Mitbehandlung der untergebrachten Kranken Militärärzte abkommandiert. Diese haben sich nach relativ kurzer Zeit an die traditionelle Hausordnung gewöhnt. So erschien beispielsweise ein nichtjüdischer Militärarzt am Ausgang des Versöhnungstages an der Tür des Ärztekasinos mit der Uhr in der Hand “Schnell, schnell, Herr College”, rief er, “es ist bereits 6 Uhr 52, das Fasten ist vorbei, es wird sofort Mittagbrot serviert”. Auch sonst gab es mitunter heitere Missverständnisse, wenn z.B. ein spät abends eingelieferter verwundeter Hauptmann, “gar nicht stören” wollte und nur eine Kleinigkeit: Rührei mit Schinken verlangte. Nicht ganz so einfach liess sich die Angelegenheit des Leutnants W., des Schwiegersohns des Stadtkommandanten klären. Da der Verwundete das Lob der behandelnden Ärzte und Schwestern nicht laut genug und immer wieder hervorhob, sandte die dankbare Stadtkommandantin 1 Dtzd. Fasanen an das Krankenhaus. Die Leitung des Hauses geriet in Verlegenheit und war sich über den modus procedendi nicht vollkommen im klaren, bis der Vorsitzende, der sonst liberale Eduard S. erklärte: Wir werden für die Anerkennung danken, jedoch lautet der § 1 der Vorschriften unseres Krankenhauses: Die Küchenführung erfolgt rituell. Die gekränkte Gattin des Kommandeurs verlangte daraufhin Verlegung ihres Schwiegersohnes auf eine andere Lazarettabteilung. Der Patient jedoch erklärte: ich bleibe hier bei meinem guten Professor und dem mich wundervoll behandelnden Pflegepersonal. Im übrigen kam man den nichtjüdischen Patienten der Lazarettabteilung in jeder Beziehung entgegen. So veranstaltete man eine Weihnachtsfeier mit der üblichen Einbescherung und einer Ansprache von Pastor Bedercke, der auch sonst die im Hause untergebrachten Soldaten regelmässig besucht. Mit seiner hinreissenden Rednergabe verstand er es, den Kranken nahe zu bringen, mit wieviel Einfühlung und Liebe man es in diesem Hause verstanden hat, die sonst im Familienkreise übliche Feier ans Krankenbett herzuzaubem — Da gab es aber auch eine liebenwerte und tüchtige junge Collegin Hannah N„ die sich darüber Gedanken machte, warum man an dem gleichzeitig mit Weihnachten treffenden Chanukkafest nicht auch die zahlreichen jüdischen Verwundeten und Kranken berücksichtigen und auch ihnen an ihrem Lichterfest etwas Anerkennung und Freude schenken könnte. Sie möchte, so schlug sie vor, den Stadtkommandanten, mit dessen Tochter sie befreundet war, für eine solche Feier gewinnen. Vielleicht würden dann auch die Chefärzte und Vorstandsmitglieder, deren Abwesenheit bei der Chanukkahfeier auf der Privatabteilung ihr, der Christin, aufgefallen war, den Weg zu den jüdischen Verwundeten finden. Und so kam es in der Tat, pünktlich am Abend erschien der von Dr. SEEV (William) BOSS kommandierende General mit seinem Adjutanten. Treffliche Worte fand er für die jungen Krieger, ihre im Felde bewiesene Tapferkeit hätte gezeigt, dass sie würdige Nachfolger der heldenhaften Makkabäer wären, zu deren Erinnerung nun hier Lichter angezündet würden. In einem weniger militärischen Rahmen ging der Besuch des nachmaligen Breslauer Kardinals Bertram vor sich. Als der fromme Krankenhauspförtner dem Kirchenfürsten mit dem traditionellen Grusse entgegenkam, erwiderte dieser nicht: “In Ewigkeit-Amen”, sondern er meinte vielmehr: “Grüss Gott! ist hier wohl richtiger angebracht”. Und dann besuchte er in stiller, wohltuender Ruhe jeden Bettlägerichen ohne Rücksicht auf seine Religionszugehörigkeit. Schliesslich sagte er, zu mir gewandt: “Ich habe das Gefühl, dass hier ein besonders freundliches und zutrauliches Verhältnis zwischen Arzt und Patienten besteht” — Auf meine Frage, wieso Se. Eminenz zu dieser Schnelldiagnose käme, erwiderte er lächelnd: “Ich merke das an den Blicken, die zwischen beiden Teilen gewechselt werden”. Im Operationssaal erwies er sich als erfahrener Praktiker, wenn er den führenden Professor G. fragte: “Wieso kann dieser Operationstisch nur nach oben und unten, wowie ringsherum bewegt werden. Ich kenne solche, die sich auch seitwärts kippen lassen”. Und mein Chef erwiderte: “Darum kämpfe ich bereits seit Jahren”. Und wie so oft, hörte man auch hier auf das Wort des Fremden, und nach kurzer Zeit war der moderne Tisch angeschafft worden. Als nach der Schlacht von Tamowka (Herbst 1914) das Kriegsglück der Deutschen schwankte und mit ihrem Rückzug auf die schlesische Grenze zu rechnen war, fand es die Kaiserin Auguste Victoria an der Zeit, auch schon um die Abwanderung der Offiziersfrauen zu inhibieren, die Breslauer Lazarette zu besuchen. Nach echt preussischer Ordnung geschah dies bei einem evangelischen, katholischen und zuletzt auch bei dem jüdischen Krankenhause, das sie übrigens bereits einmal nach seiner Gründung beehrt hatte. Eine in der Empfangshalle angebrachte Broncetafel wusste davon zu berichten. Am Morgen des in Aussicht genommenen Besuchstermins erschien bereits der Leibarzt der Kaiserin, um die Unterkunftsräume der Verwundeten zu besichtigen und sich über ihre Verletzungen zu orientieren. Ferner unterrichtete er die Krankenschwestern, mit welchem Zeremoniell sie die Kaiserin zu begrüssen hätten. Und diese besuchte in der Tat der Reihe nach die Offiziere in ihren Zimmern, und der hinter ihr gehende Leibarzt soufflierte ihr die Einzelheiten. Einen Berliner Polizeioffizier konnte sie daher mit den Worten begrüssen “Na, Sie kenne ich doch, wenn Sie so häufig in Berlin die Absperrungen vor unserem Schloss leiteten”. Man stelle sich den Stolz dieses Mannes vor, dass seine Kaiserin ihn erkannt hatte. Das war mehr wert als eine Ordensauszeichnung. Während dieser Besuche orientierte sich die Hofdame Frau v. Plessen, ob vielleicht auf der Abteilung medizinische Neuerrungenschaften in Anwendung kämen. Als ich auf eine Gipstechnik für offene Schussbrücke hinwies gemäss den Angaben von Prof. Dr. H. Küttner, dem Ordinarius der Breslauer chirurgischen Universitätsklinik und damaligen beratenden Chirurgen des 6. schlesischen Armeekorps, sagte die Hofdame: “Ach so, von 'unserem’ Küttner”, ein Zeichen, wie man in Kreisen des Hofes von diesem hervorragenden Manne sprach. Als ich ihm nachher diese Bemerkung mitteilte, war er gewiss nicht weniger stolz als der erwähnte Polizeioffizier. Auf die Frage des Leibarztes, in welchem Raume man der Kaiserin Tee reichen könne, war er mit dem am Korridor liegenden Zimmer der Oberschwester einverstanden. Nicht jedoch einverstanden war die alte Oberköchin. Als ich sie telefonisch bat, möglichst rasch Tee und Gebäck für die Kaiserin zurechtzustellen, rief die Alte ganz entsetzt: Für wen? Ich bin doch hier in der Hauptküche ganz allein, meine Mädels sind doch alle auf der Station, um die Kaiserin aus nächster Nähe besichtigen zu können” Noch aufgeregter war freilich der alte Vorsitzende, der um den Ruf “seines Krankenhauses” ängstlich besorgt war. In eigner Person rief er daher die Centralküche noch einmal an, und es war ihm wohl das erste und einzige Mal passiert, dass ihm eine Angestellte sagte: “Wenn Sie mich noch weiter stören, wird die Kaiserin überhaupt nichts zu trinken bekommen”. Inzwischen wurde die Krankenvisite mit Zeitlupe fortgesetzt, und der Tee wurde noch rechtzeitig serviert. Die Verwundeten erhielten dann Bilder von der Kaiserin mit eigenhändiger Unterschrift. Als echte Landesmutter wollte sie freilich auch die auf der Civilstation untergebrachten Kranken begrüssen. Unter diesen befand sich auch ein kleiner jüdischer, polnischer Junge Israel Kaffemann mit einem Arm im Gipsverband. Der kleine Kerl war bildschön und gescheit. Man wusste aber bei ihm damit rechnen, dass er zur imrechten Zeit von seiner vorlauten Art Gebrauch machen könnte. Daher wurde ihm vorsichtshalber energisch klar gemacht, er hätte nur zu antworten, wenn er gefragt würde und dann nur mit “Ja” oder “Nein”. Im übrigen aber nur dann, wenn der hinter der Kaiserin stehende Arzt mit dem Kopf nicken würde. Wie zu erwarten war, wurde der kleine als erster von der hohen Frau angesprochen “Wie heissest Du, mein Kind?” — Keine Antwort. “Warum sprichst Du denn nicht?” Der diesmal wirklich brave kleine Kerl hielt sich an die Verabredung, da er ja nur mit “Ja” oder “Nein” antworten dürfte. Und auf die dringliche erneute Frage, warum er schweige, platzte er heraus: “Jenner Dokter hat noch nischt mit dem Kopf gewackelt”. Dem zunächst unterdrückten Kichern der Umgebung folgte herzliches Lachen der Kaiserin, als man ihr die Situation erklärt hatte. Aber auch eines gewissen Satyrspiels entbehrte dieser kaiserliche Besuch nicht. Die Breslauer Zeitung wünschte nämlich umgehend einen Bericht. Sofort stellte man mir die Schreibmaschine zur Verfügung. Kaum hatte ich dem Tippfräulein 2 Minuten diktiert, klopfte es an der Tür. Draussen stand der stellvertretende Vorsitzende des Krankenhauses. “Bitte erwähnen Sie meinen Namen nicht in Ihrem Zeitungsbericht”. Nach weiteren Diktatminuten pocht es wieder an der Tür. Und ein weiteres Vorstandsmitglied wiederholt die Bitte des Vorgängers. Da mir nur 20 Zeilen für den Bericht zugebilligt waren, hätte ich sie mühelos füllen können, wenn ich nur die Namen der noch weiter “unerwähnt” bleiben wollenden Herren genannt hätte. Denn de facto waren die Vorstandsherren nicht nur gute Patrioten, sondern ebenso gute Diplomaten. Von all diesem ist freilich nur geblieben die Erinnerung an das stolze Haus Hohenzollern und an unser schönes israelitisches Krankenhaus an der Hohenzollemstrasse ”. BÜCHER in sorgsamer und reicher Auswahl, hebräisch, englische und deutsch, neu und antiquarisch. LANDSBERGER Inh. I. S. PARNES TEL-AVIV, BEN JEHUDA STR. 9. Tel. 56330. 2