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Yediʿot shel Irgun ʿOle Breslau be-Yiśraʾel · 1966-09-01 · No. 20 (September 1966) · p. Seite 7

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Journal
Yediʿot shel Irgun ʿOle Breslau be-Yiśraʾel
Volume
1966
Issue
No. 20 (September 1966)
Date
1966-09-01
Page
Seite 7 (sequence 3113)
Language
German
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Begegnungen mit Landsleuten in Israel Als ich meinen Besuch in Israel dem Verband ehemaliger Oberschleiser ankündigte, erhielt ich von dessen Vorsitzenden die Einladung, am Tage meiner Ankunft in Tel-Aviv, da dies sich so gut treffe, gleich zum Purim-Vergnügen der Ober- : schlesier ins Hotel Sheraton zu kommen. Purim ist mit unserem Fasching zu vergleichen. Man kostümiert sich, ist vergnügt und tanzt. Auch ich sollte ein wenig tanzen, dazu wurde ich aufgefordert, aber die Gespräche, die ich mit den Vorstandsmitgliedern aus Kattowitz, Beuthen und Rosenberg führte, Hessen jede Lust am Tanz vergehen. Indem man sich ein wenig bekannt machte, standen plötzlich die grausamsten Schicksale vor mir. Herr Rotenberg hatte Frau und Kinder durch Hitler verloren, viele Jahre Konzentrationslager hinter sich und seine zweite Frau, selbst Lagerhäftling, im Konzentrationslager Bergen-Belsen kennen gelernt. Herr Götz, der Jüngste der Rundie, hatte nach der Befreiung aus dem KZ in Kattowitz nach Angehörigen gesucht, aber nur Todesnachrichten entgegennehmen können. Er schlug dann den Weg nach Israel ein und brachte auf einem damals zur Zeit der britischen Mandatsmacht illegalen Transport 170 jüdische Kinder, die ihre Eltern unter Hitler vorloren hatten, mit ins Land. Mit der Heimat in Oberschlesien verbinde ihn eigentlich nichts mehr, dennoch sei er gern Mitglied des Verbandes ehemaliger Oberschlesier, denn sicher wäre auch seine Mutter, lebte sie noch und wäre Bürgerin Israels, MitgUed des Verbandes. Als Kattowitz 1922 polnisch geworden sei, so erzählt der junge Mann weiter, habe seine Mutter sich immer als Deutsche gefühlt und erst gar nicht bemüht, polnisch zu lernen. Und so wie viele Enwanderer der älteren Generation es nicht fertig brächten, noch das Neu-Hebräische, Iwrit, zu lernen, wäre es wohl auch seiner Mutter ergangen. Ein Verband wie der ehemaliger Oberschlesier ist darum für viele ein Stück unverlierbarer und trotz allem unzerstörter Heimat. Einer der eifrigsten und auch erfolgreichsten Verfechter dieser ungebrochenen Treue zur Heimat war Dr. Wilhelm Freyhan aus Breslau, der hochbetagt im Dezember vorigen Jahres gestorben ist. Das von ihm gegründete Mitteilungsblatt des Verbandes ehemaliger Breslauer hält Verbindung unter den vielen Breslauern in Israel und geht in beachtlicher Auflage überallhin in die Welt, wo frühere Einwohner Breslaus jüdischen Glaubens überlebt haben. Während selbst 1938 ins Land gekommen war, kam sein Sohn erst 1946 als Überlebender nach fünfjähriger Konzentrationslagerhaft nach. Die besorgten Eltern hatten ihren Sohn erst einmal nach Holland geschickt, wo er den Beruf des Landwirts erlernen soUte, um für die neuen Aufgaben im damaligen Palästina vorbereitet zu sein. In Holland aber fiel er in die Hände der nationalsozialistischen Häscher. Vielleicht ist es stärker die Treue zu den Eltern als die Treue zur Heimatstadt Breslau, die ihn veranlasst hat, in die Auslagen seiner auf der belebten Tel-Aviver Geschäftsstrasse Ben Yehuda gelegenen Buchhandlung auch den schlesischen Kalender 1966 aufzunehmen und im Geschäft selbst ein reiches Angebot schlesischer Literatur anzubieten. Bei der Familie Anna Mannaberg aus Ratibor verhielt es sich umgekehrt. Die Kinder gingen 1933 als begeisterte Zionisten nach den ersten schrecklichen Erfahrungen mit dem Hitler-Reich hinüber nach Palästina und schlugen hier feste Wurzeln, aber die Mutter wollte daheim bleiben und sich nicht von der heimatlichen Atmosphäre und dem Geschäft, das nahezu hundert Jahre im Familienbesitz war, trennen. Es war im Jahre 1943, Frau Mannaberg war damals 65 Jahre alt, Von Dr. HERBERT HUPKA, Bonn als sie in das Konzentrationslager Theresienstadt transportiert wurde. Nach der Befreiung 1945 dauerte es dann fast ein ganzes Jahr, bis die jüngste Tochter, in jener Zeit im Dienste der britischen Mandatsmacht stehend, den Weg nach Deggendorf nehmen und die Mutter, die ja nicht mehr in das inzwischen polnisch gewordene Ratibor zurückkehren durfte, abholen konnte. “Wir haben alle überlebt”, so hört man es, während die drei Töchter um die heute 88-jährige Mutter herumsitzen. Eine andere Tochter lebt in einem Kibbuz, eine Tochter ist in den USA verheiratet, der einzige Sohn gleichfalls jenseits des Ozeans. Wie selten nur bekommt man diesen Satz “Wir haben alle überlebt”, zu hören. In Haifa vernahm ich wie so oft die Worte “Ich bin der einzige Überlebende”. Paul Josef Seidman aus Breslau sprach sie. Er hatte davon gehört, dass ein Landsmann aus Deutschland für einige Tage hier sei, und ruhte nicht, bis eine Zusammmenkunft arrangiert war. Ich, der fremde Besucher, war sein Gast. Wir tranken auch manchen Tropfen Alkohol, was eher als schlesische Überlieferung denn Sitte des Landes bezeichnet werden muss, denn in Israel lebt man so, als herrsche Prohibition, als gäbe es ein erklärtes Alkoholverbot. Man trinkt Kaffee und Tee, wenn man zusammensitzt, nach Alkohol verlangt es den Israeli im allgemeinen nicht. Als wir uns verabschiedeten, drückte mir Herr Seidman eine Visitenkarte in die Hand, und es war zu lesen “Paul Josef Seidman, Inhaber der Porzellangrosshandlung Paul J. Seidman, Breslau 6.” Der ganze Stolz auf das, was man einmal in einer geordneten und gesitteten Gesellschaft dargestellt hat, liegt in dieser Visitenkarte von einst beschlossen, zugleich aber auch die ganze elende Vergangenheit. Aus der Vergangenheit den Weg in eine lichtere Gegenwart zu finden, ist die grosse Idee eines anderen Breslauers, der gleichfalls in Haifa, der schönsten Stadt Israels, wohnt. Mit 23 Jahren kam Hans Landsberger 1933 nach Israel. Sein Brot verdient er als Grundstücks- und Wohnungsmakler. Aber seine ganze Freizeit gehört der Versöhnung zwischen Deutschland und Israel. Er baut auf die junge Generation. Darum gründete er auch die Monatschrift “Israel-Forum”, die heute im 8. Jahrgang erscheint und mit zwei Redaktionen, einer israelischen in Haifa und einer deutschen in Rotenburg ob der Tauber arbeitet. Hier sollen die jungen Menschen beider Länder zueinander finden, indem sie zuerst einmal mehr voneinander erfahren und wissen. Einer nicht minder verdienstvollen Aufgabe dient Dr. Siegfried Hirsch aus Königsberg in Ostpreussen. Was nur wenige Einwanderer, vor allem Einwanderer deutscher Herkunft, für sich in Anspruch nehmen konnten, traf auf ihn zu, er kam als studierter Landwirt ins Land. Um den geistig zurückgebliebenen Kindern zu helfen, ihre Zahl beträgt in Israel wie allenthalben in der Welt 3%, gründete er ein Kinderdorf in einem aufgelassenen Kibbuz unweit von Haifa und ist mitten im Aufbau begriffen. Der christliche Hilfsbund Maisenbach aus dem Kreise Calw hilft dabei tatkräftig mit, indem Gruppen junger Menschen für mehrere Monate mit Hand anlegen und auch Maschinen für die Lehrwerkstätten mitbrachten. Eine Gärtnerfamilie aus Geislingen ist bereits über ein Jahr als Helfer da und gedenkt, ganz in Israel zu bleiben. Der hier geborene Sohn erhielt in Reverenz vor der Geschichte des Landes den Naman Samuel. 30 km nördlich von Haifa, unweit der Grenze zum Libanon zu, liegt der Badeort Nahariya, der 1936 von deutschen Einwanderern gegründet wurde, so dass man während der Kämpfe um Israel und der Diskussion um die verschiedenen Teilungsprojekte immer sagte: Eins steht fest, Nahariya bleibt auf alle Fälle deutsch. Heute hat sich die Zusammensetzung der Bevölkerung stark gewandelt. Ich selbst begegnete zahlreichen Einwanderern aus Ungarn und Rumänien, die erst zehn oder noch weniger Jahre im Lande sind. Bei einer Lehrerin aus Budapest, die nach dem ungarischen Aufstand nach Israel kam, und heute einen Blumenstand unterhält, kaufte ich die Blumen, die ich Dagmar Nick, der aus Breslau gebürtigen Dichterin und ersten Trägerin des schlesischen Literaturpreises bringen wollte. Seit einigen Jahren wohnt sie in Nahariya, wo sie mit einem Einwanderer des Jahres 1938, dem Hildesheimer Zahnarzt Dr. Davidson (übrigens einem Mitschüler des Schriftstellers Hans Egen Holthusen) verheiratet ist. Nach mehreren Besuchen als Touristin in Israel schrieb Dagmar Nick das Buch “Einladung nach Israel”. Ein Gedicht aus diesem Buch brachte beide zusammen. “Lyrik schreibe ich nicht mehr”, so erzählt die Hausfrau und Schriftstellerin, “ich arbeite an einem Buch über Rhodos”. Zwei Wochen später überfliege ich diese Israel am nächsten gelegene europäische Insel auf dem Wege nach Athen. Kein Israel-Besucher wird es versäumen, die heiligen Stätten der Christenheit aufzusuchen: Nazareth, Kana, See Genezareth und schliesslich auch Jerusalem, das selbstverständlich den Israelis nicht weniger heilig ist. Bethlehen und das alte Jerusalem mit dem ölberg liegen bekanntlich jenseits der die Stadt teilenden Mauer, im Königreich Jordanien. In Jerusalem bin ich Gast bei Isidor Aschheim, dem bekannten Breslauer Maler, der Schüler von Otto Mueller war. Wir haben bis zur Stunde unseres Zusammentreffens weder miteinander korrespondiert noch eine termingenaue Verabredung besprochen. Ich rufe vom Hotel aus an, sage, wer ich bin, nenne Freunde, von denen ich weiss, dass sie auch (Freunde des heute im 75. Lebensjahr stehenden Malers sind, und schon heisst es: “Sind Sie doch bitte um halb sieben in meinem Stammcafe Atara. Anschliessend gehen wir gemeinsam zum Abendessen zu uns.” Sollte man einen Breslauer beschreiben, der zugleich auch Maler ist und die Luft der Boheme spüren lässt, man musste Isi Aschheim, wie er allgemein genannt wird, als Modell wählen. Neben den wenigen sichtbaren, aber zum Mitnehmen schönen Bildern — das in blauen und gelben Tönen gehaltene Porträt einer jungen Frau hat es mir angetan — hängen einige abstrakte Bilder, die Aschheims Frau, eine gebürtige Gleiwitzerin, gemalt hat. Bis vor kurzem war Aschheim Lehrer an der Kunstschule Bezalel. Hier passierte es ihm, dass junge Schüler Waldenburg oder Breslau als Geburtsort angegeben hatten, doch waren es nicht Kinder schlesischer Eltern, sondern polnischer Ansiedler, die inzwischen auch ihren Weg nach Israel eingeschlagen hatten. Die goldenen Zwanziger Jahre werden aus den Erzählungen Aschheims lebendig und von den Freunden in Berlin, von Theo Effenberger, Peter Kowalski, Georg Zivier, die er vor zwei Jahren besuchte, wird begeistert gesprochen. In Aschheims Brust schlägt ein treues schlesisches Herz, das trotz aller Bitternis frohgestimmt darüber ist, unzerstörbare Treue erfahren zu haben Den Schlesier in Jerusalem zieht es darum immer wieder nach Deutschland. “Ich habe noch nie dieses Land verlassen, seitdem ich es 1938 betreten habe”, diese Worte 7

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