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Yediʿot shel Irgun ʿOle Breslau be-Yiśraʾel · 1966-09-01 · No. 20 (September 1966) · p. Seite 6

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Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Yediʿot shel Irgun ʿOle Breslau be-Yiśraʾel
Volume
1966
Issue
No. 20 (September 1966)
Date
1966-09-01
Page
Seite 6 (sequence 3112)
Language
German
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VOR Der Verfasser des Artikels “Vor 25 Jahren” ist Herr Rechtsanwalt Dr. Franz Unikower aus Langen Oberlinden (Westgermany). Er war selbst die ganze Zeit in Zwangsabeit in Breslau und hat in Auschwitz schwer gearbeitet. Wir wünschen ihm zu seinem 65. Geburtstage, den er vor kurzer Zeit hat feiern können, mit seiner Familie noch viele viele Jahrein Gesundheit, vor allem, dass es ihm möglich sei, auch weiterhin wie bisher in den verschiedenen Gremien zu arbeiten. Ra. Dr. Unikower kein Unbekannter in Breslau, hat tausende von Anträgen der Zwangsarbeiter geprüft und ihnen verholten soweit wie möglich ihre Rechte durchzusetzen. Es sind ihm zu seinem 65. Geburtstage viel Ehrungen zuteil geworden und wir schliessen uns diesen an. Ad mea Weesrim! Genau am 19. September 1941 begann im sog. Altreich die “Kennzeichnungspflicht der Juden”. Alle im Sinne der Nürnberger Gesetze zu Juden erklärten Personen mussten links aussen gut sichtbar den Judenstern tragen. Die amtliche Bekanntgabe dieser entehrend gedachten Massnahme begann etwa mit folgenden Worten Im Anschluss an die Kennzeichnungspflicht von Juden in den besetzten Ost-Gebieten ist an die Reichsregierung der Wunsch herangetragen worden, auch im Inlande eine äussere Kennzeichnung der Juden vorzunehmen. Selbstverständlich bedurfte es bei Himmler und Göbbels nicht erst einer “Herantragung” von solchen Wünschen. Diese äussere Kennzeichnung gehörte zur Herauslösung der letzten Juden im Inlande und zur Vorbereitung der End -Lösung der Judenfrage. Die Sterne hatten bestimmte Grösse, jeder Verpflichtete bekam zwei Stück. Die erzwungene Spinnstoff-Abgabe hatte die Garderobe der Juden radikal reduziert. Sie mussten fest angenäht getragen werden, durften nicht abknöpfbar oder auswechselbar sein. — Auch die Wohnung bekamen Kennzeichen. Längst waren damals die arbeitsfähigen Juden in Zwangsarbeit. Rund zweihundert Mann arbeiteten in Breslau bei den FA-MO-Werken, Fahrzeug- Motorwerken, einem abgetrennten Teile von Links- Hofmann, Vor Begin der Früchschicht mussten wir am Tor antreten, wurden abgezählt, kontrolliert und marschierten dann in Kolonne in unsere besondere Baracke und zur Arbeit. An diesem 19. September 1941 fanden wir starke Beachtung. Unzählige “arische” Arbeiter standen rechts und links auf der Werks-Strasse und staunten auf und über die Sterne. Wir hatten nicht den Eindruck, als ab allgemein Schadenfreude oder Genugtuung empfunden wurde. Namentlich die älteren Metallarbeiter waren früher gut organisiert gewesen und hatten wenig für nazistische Demonstrationen übrig. Schon oft hatten wir das feststellen können. Viele schüttelten den Kopf oder sahen verlegen zur Seite. Dann mussten wir die Sterne auch auf den Monteuranzügen annähen. Goldgelb auf blauem Untergründe kamen sie leuchtend gut zur Geltung... Die mit einem “P” gekennzeichneten polnischen Zwangsarbeiter fühlten sich ab diesem Tage mehr mit uns verbunden: im allgemeinen hatte die Kennzeichnung innerhalb des Werks keine weitere Bedeutung. Schlimmer kar es auf der Strasse. Es kam hier und dort zu Anrempelungen und Belästigungen. Stemträger durften keine öffentlichen Verkehrsmittel benutzen. Nur die Tochter des Rabbiners Dr. Levin, junge Krankenschwester, bekam aus¬ 6 25 JAHREN nahmsweise die Erlaubnis, die kurze Strecke ab Viktoriastrasse bis Wallstr. 9 per Bahn zu fahren. Wir Rüstungsarbeiter mussten bis zu einer Stunde bei jeder Witterung zur Arbeit und zurück laufen. Das Einkäufen, sowieso nur für bestimmte Stunden zugelassen, wurde noch mehr erschwert. Zu einem eigentlichen Spaziergang hatte kein Sternträger mehr Lust. Man fühlte sich doch ausgeschlossen und scheel angesehen, vielleicht manchmal zu Unrecht. Beim Gottesdienst (im Storch fanden noch regelmässig Andachten statt) trugen Rabbiner und Kantor ebenfalls den STERN am Talar. Die Juden in sog. “privilegierter Ehe” waren vom Sterntragen befreit. Aber oft wurden sie auf der Strasse angehalten und mussten nachweisen, dass sie “befreit” waren. Es gab Grenzfälle. Am Jüdischen (Rest-) Krankenhause arbeitete ein Arzt, der in Berlin privilegiert verheiratet war. Die Gestapo entschied: In Berlin war er “befreit” Sobald er in Berlin den Zug nach Breslau bestieg, musste er den Stern tragen. Jeden Sonntag gingen einige Juden, mehr oder weniger frisch getauft, in “ihre” Kirche im Süden der Stadt. Auch dort mussten sie den Stern tragen und eine besondere Bank benutzen. Aber mindestens in einem Falle predigte der Pfarrer eingehend darüber, dass kein Glaubensbruder diese Stemträger irgendwie als zweitklassig ansehen dürfte, sie wären Brüder auch m i t dem Stern. Nach einer gewissen Zeit hatte man sich an den Stern mehr oder weniger gewöhnt. Frühjahr 1942 mussten einige jüdische Zwangsarbeiter beim Finanzamt, Theaterstrasse, Anträge wegen Lohnsteuerausgleich stellen und begründen. Um Arbeitsstunden einzusparen, bestimmte der Werkführer, e i n Jude sollte für alle anderen die Anträge stellen. Die Wahl fiel auf mich. Ich hatte einen halben Tag frei und zog mit allen Unterlagen zum Finanzamt. Menschenschlangen standen dort, um ihre Anträge vorzubringen. Es war sicher wenig angenehm, mit STERN nun in der wartenden Menschenreihe stehen zu müssen, mehrere Stunden lang. Da kam der Ordnungshüter auf mich zu und fragte mich, mit Blick auf meinen STERN, was ich denn hier wollte. Fast mit Stolz sagte Ich, “im Aufträge der FAMO-Werke für die jüdischen Arbeiter”, schon nahm er mich zur Seite und eskortierte mich bis vor die Tür des für mich zuständigen Beamten. Dieser fertigte mich sachlich und prompt ab. Damals rechnete man nirgends mit Entgegenkommen, Selbstverständlichkeiten empfand man es als erfreulich. Am 5. März 1943 kam unser Transport abends in Auschwitz an. Alle trugen den STERN. Im Lager mussten die Schneider von allen Kleidungsstücken die schönen Sterne abtrennen, damit die Textilien als angebliche “Volks-Spende” in die durch Luftangriffe getroffenen Gebiete gesandt werden konnten. In Bergen lagen die Sterne in der Lagerschneiderei umher. Wir aber bekamen die gestreiften Anzüge mit rotem Dreieck an linker Brustseite und rechter Hose, nun darüber ein gelbes Dreieck. So waren wir als “jüdische” Häftlinge gekennzeichnet. Gerade in unserem Buna-Lager bestand aber fast die ganze Belegschaft aus Juden, etwa 95% von rd. zehntausend Mann waren rassisch verfolgt und deportiert. Umsomehr fielen diejenigen auf, die keinen Stern trugen, aber auch keinen National-Buchstaben, etwa “P” für Polen, “F” für Franzosen, “N” für Norweger usw. Nun wusste man: kein Stern und kein Buchstabe: Dieser war aus eigener “Schuld” ins Lager gekommen, sei es kriminell, asozial oder politisch. Mehr als einmal wurden solche Kameraden beschimpft, sie wären aus eigenem Verschulden im Lager, nicht würdig, das Vaterland zu verteidigen. Juden konnten derartige Vorwürfe nicht gemacht werden, sie waren ja wegen ihrer Rasse-Zugehörigkeit deportiert. Später wurden bestimmte Juden vom Stern befreit, solche, die ursprünglich aus rein politischen Gründen verhaftet worden waren, nur Leute, die schon viele Jahre auch vor dem Kriege im Lager gewesen waren. Ende Januer 1945 kam ein Teil der Buna-Leute nach Thüringen in das Lager MITTELBAU/DORA wir erhielten neue Nummern und über ihnen einen dünnen gelben Tuch-Balken. Bereits in Auschwitz war Herbst 1944 eine solche Veränderung erfolgt, aus dem gelben Dreieck war der dünne Balken geworden. Niemals wurde bekannt, aus welchem Grunde man diese Umformung vornahm. Ein logischer Grund war eigentlich nicht festzustellen, so sehr wir uns auch bemühten, hierüber etwas zu erfahren. Auch diese gelben Tuchbalken hatten in Mittelbau keinen langen Bestand. Der Gau-Leiter von Thüringen hatte vor Jahr und Tag nach oben gemeldet, der Gau wäre “judenfrei”. Nun war ihm nicht zuzumuten, seine Meldung dahin abzuändern, so und so viele Stemträger wären im Gau, noch dazu im KZ-Lager. Kurz entschlossen, nahm man den Sternträgern bezw. Balkenträgern diese Tuchfetzen ab. Wir hatten nur noch “gewöhnliche rote Dreiecke”, genau wie die politisch inhaftierten Reichsdeutschen. Das hatte Vorteile: Wir durften nun auch in Baracken eingewiesen werden, die bisher für uns verboten waren. Aber März und April 1945 hatte die Lagerleitung schon andere Sorgen... Nach der Befreiung Mai 1945 mussten wir den Besatzungs-Stellen nachweisen, dass wir “nur” aus rassischen Gründen inhaftiert worden waren. Zu dieser Zeit versuchten einige Kriminelle, sich als deportierte Juden auszugeben, um dadurch ein besseres Fortkommen zu haben. Wer 1941 ausgewandert war, konnte sich kaum vorstellen, unter welchem Druck die Zurückgebliebenen dauernd standen. Ausnahmegesetze und besondere Beschränkungen wirkten sich durch das Tagen des Sterns noch viel mehr und stärker aus als vorher. Fast jeder private Verkehr mit anderen Menschen musste zwangsläufig aufhören, man war praktisch isoliert und gemieden, es gab nur wenige Bürger, die es öffentlich wagten, mit Sternträgern zu sprechen! Die Buchstaben auf den Sternen waren nicht lateinisch, sondern gotisch Fracktur mit Verschnörkelung. Sie sollten an hebräische Zeichen erinnern. Natürlich wurde stark beachtet, dass die eigentlich deutsche Schrift aus dem Mittelalter als typisch hebräisch verwendet wurde. Hinter den Kulissen muss es hierüber starke Auseinandersetzungen gegeben haben. Im gleichen Jahr der Einführung der Judensterne 1941 liess die national-sozialistische Regierung “aus Zweckmässigkeitsgründen” die Frakturschrift abschaffen. Auch dies war eine Folge der “Sterne”. 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