Yediʿot shel Irgun ʿOle Breslau be-Yiśraʾel
- Journal
- Yediʿot shel Irgun ʿOle Breslau be-Yiśraʾel
- Volume
- 1966
- Issue
- No. 20 (September 1966)
- Date
- 1966-09-01
- Page
- Seite 5 (sequence 3111)
- Language
- German
- Belongs to
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Eri n neru Ich lernte Leo Baeck schon sehr frühzeitig kennen: er war damals noch Rabbiner in Oppeln, einer kleinen Stadt Oberschlesiens. Der Grund meines Treffens war dieser: ich war kein Theologe, aber ich hatte ein lebhaftes Gefühl für die Schönheit der Bibel, ihre Grösse, die bisweilen ins Monumentale hinaufreicht. Nun fand ich dieselbe Groesse in einigen nachbiblischen Erzählungen, dem Tod des Moses, dem Tod des Aaron. Die Bewunderung dieser hohen Kunst suchte ich auch anderen in Vorträgen mitzuteilen, und so wurde ich von Dr. Baeck eingeladen, einen Vortrag darüber zu halten. Meine Studien freilich führten mehr und mehr zur Kunstgeschichte, und als ich mich an der Breslauer Universität habilitierte, musste ich meine ganze Kraft diesem Gebiete widmen. Der Krieg kam, die Inflation, der Einbruch des Nationalsozialismus, der mich zwang, meine Universitätsstelle aufzugeben. Um nicht als “lebender Leichnam” zu verweilen, zog ich nach Berlin, um dort mein Brot in freier Schriftstellerei zu verdienen. Da erinnerte ich mich Leo Baecks, der inzwischen sein “Wesen des Judentums” geschrieben hatte und allgemein als der erste Rabbiner des Reiches galt. Er hatte mich auch nicht vergessen — wie konnte er es bei seinem unfehlbaren Gedächtnis — und lud mich ein, ihn an einem Sonnabend Nachmittag zu besuchen. Dort hielt er regelmässig offnes Haus und sass mit seiner schönen Frau und einer kleinen Anzahl von meist jüngeren Leuten beim Kaffeetische. Für mein schweres Schicksal zeigte er die wärmste Teilnahme, wie denn überhaupt in seinem Wesen immer etwas Mildes und Weiches lag. Helfen freilich konnte er mir nicht, aber ich fand nach einiger Zeit einen anderen Beruf, wurde nach dem Fortzug von Karl Schwarz der Direktor des Berliner Jüdischen Museums. Die Auswanderung erwies sich als notwendig und brachte mich zuerst nach Oxford, dann nach Cincinnati, wo auf die Anregung von Rabbi Freehof, Pittsburgh, eine Anzahl jüdischer Gelehrter an das Hebrew Union College berufen worden war. Für Leo Baeck kam eine solche Auswanderung damals noch nicht in Frage. Hinter seiner Weichheit lag eine tiefe Entschlossenheit: er war der Führer des Berliner Judentums, der Präsident der Reichsvertretung der Deutschen Juden;1 ein solcher Posten verpflichtete. Auf diese Weise waren wir wieder für viele Jahre getrennt. Baeck wurde nach Theresienstadt deportiert und verbrachte dort die Zeit bis zum Ende des Krieges. Von seiner Befreiung erzählte er mir, dass eines Tages ein russischer Offizier in Theresienstadt erschien und ihm anbot, ihn auf der Stelle mitzunehmen. Baeck weigerte sich, sich als Einzelschicksal behandeln zu lassen: er sei mit anderen gekommen und werde das Lager nur mit anderen verlassen. Die Jüdische Gemeinde Berlin und die Reichsvertretung waren längst verschwunden, und so widerstand er nun nicht mehr einem Wunsche des Hebrew Union College, nach Cincinnati zu kommen. Sein Aufenthalt war freilich immer geteilt. In London lebten seine Tochter und * Der verstorbene Dr. Landsberger verfasste diese Erinnerungen im Krankenhaus wenige Monate vor seiem Tode. Professor Abraham Cronbach hat dafür gesorgt, dass sie veröffentlicht werden in der originalen deutschen Sprache. Dr. Landsberger war ein ausgezeichneter deutscher Stylist. Diese Seite seines Talents darf nicht vergessen werden. Am 17. März 1964 wurde Dr. Landsberger zum Professor und Dozent ernannt in jüdischer Kunst in Cinicinatti und wurde ins Kuratorium gewählt des jüdischen Museums. Die Brochüre wurde von Frau Dorothy Landsberger unserem Dr. Wilhelm Freyhan s.A. zugeeignet und wir halten es für richtig, sie zu veröffentlichne. 1 Following the pogroms of November, 1938, the name of this Organization had to be changed, by order of the Nazis, to Reichsvereinigung der Juden in Deutschand. ngen an Le (Diktiert im Hospital Dezember 1963) ihr Gatte, und so hatten wir Leo Baeck nur im Winter als unsern verehrten Gast. Seine Tätigkeit begann mit einer weit ausgedehnten Vortragsreise in englischer Sprache. Er beherrschte diese Sprache mit vollendeter Leichtigkeit. Auch kam bei dieser Reise ein bezeichnender Zug Leo Baecks zum Vorschein: er wünschte nur die Reisespesen ersetzt zu bekommen, aber kein Vortragshonorar; das hätte ihm die Freiheit der Äusserung genommen. Denn bei aller Milde war Leo Baeck nicht ✓ frei von Kritik der amerikanischen Religionsausübung; nur hielt ihn der Takt oft zurück, davon Gebrauch zu machen. Für mich zeigte Leo Baeck eine besondere Wärme, vielleicht weil wir beide Schlesier waren, und immer freute er sich, wenn man ihn in seiner winzigen Wohnung im College aufsuchte. Dabei vergass er aber nie die feinsten Sitten: wenn ich ging, begleitete er mich nicht nur bis zu seiner Zimmertür, sondern zur Haustür; denn Natürlichkeit und Sitte hatten sich bei ihm zu einer Einheit verschmolzen. Mir konnte Baeck damals von grossem Nutzen sein: bei Unterstützung meiner Pensionsansprüche an Deutschland und noch aus einem anderen Grunde. Damals waren in Berlin die Bilder des Jüdischen Museums wieder aufgetaucht, während die kostbaren Silbersachen ein Raub der Nazis blieben. Die Bilder sollten nach Jerusalem gehen, aber ich verlangte einen kleinen Anteil daran, nicht für mich selbst natürlich, sondern für das Cincinnati Jewish Museum. Allein hätte ich es kaum durchgesetzt, aber Leo Baeck trat für mich ein, und so kamen eines Tages 14 der schönsten BUder bei uns an, davon als Schönstes ein Doppelportrait von Liebermann und ein Selbstportrait des alten Lesser Ury, jenes Meisters, der erst im Alter seine volle Meisterschaft erreichte. Karl Schwarz in Tel-Aviv war keineswegs entzückt über diese Transaktion, denn er war ein leidenschaftlicher Anhänger Urys und hätte das Bild gern in Israel erhalten. Selbstverständlich luden meine Frau und ich Leo Baeck öfters am Sonnabend oder Sonntag Nachmittag mit einem kleinen Freundeskreise ein, und Leo Baeck folgte gern solcher Einladung. Dabei erwies sich, dass er, der grosse Rabbiner, ein munterer Plauderer war. Am liebsten erzählte er von der Zeit des ersten Weltkrieges, wo er als Rabbiner im Felde tätig war. Er verstand diesen Posten sofort in seiner menschlichsten, aber auch gefährlichsten Weise, indem er sich neben den Soldaten im Schützengraben stellte und ihm dort seine seelsorgerische Hilfe gewährte. Auch kam bei solchen gesellschaftlichen Gelegenheiten zutage, wie rege Baecks Interesse an grossen Persönlichkeiten war, die sich ihrerseits gern an ihn anschlossen. Mit Einstein war er wiederholt zusammen, wobei es ihm nicht darauf ankam, in welchem Masse jener das jüdische Gesetz befolgte, wenn er nur im grossen Ganzen ein gläubiger Mensch war. Aber ebenso stand er in reger Verbindung mit christlichen Philosophen. Noch zu erwähnen ist Baecks sprachliche Fähigkeit. Das Hebräische beherrschte er selbstverständlich in freier Rede. Aber ebenso beherrschte er das Englische und das Französiche, und selbst in den alten Sprachen wusste er Bescheid. Ich war einmal bei meinen Studien über jüdische Kunst auf ein griechisches Zitat gestossen, dessen Übersetzung mir Schwierigkeiten bereitete. So brachte ich es hinüber zu Leo Baeck, und er übersetzte es mit Leichtigkeit. Wie nicht anders zu erwarten, blieb Baeck auch in den Cincinnati Jahren vom Schicksal nicht unberührt. Ihm starb in London sein Schwiegersohn. Aber dafür hatte er die Freude dass seine o Baeck* einzige Enkelin hier in Amerika einen alumnus des Hebrew Union College heiratete. Als er dann Cincinnati verliess, sagte er zu mir: “Etwas haben die Studenten wenigstens bei mir gelernt: dass sie in meinen Vorlesungen nicht rauchen, und dass ich auch an kalten Tagen bei offnen Fenstern dozieren kann.” Er selbst war so abgehärtet, dass er auch im Winter oft ohne Mantel ging, und diese Abgehärtetheit mag ihn auch in Theresienstadt gesund erhalten haben. Im Jüdischen Museum in Berlin hing ein Bild von Leo Baeck, gemalt von dem jüdischen Maler Ludwig Meidner. Es zeigte ein betrübtes Gesicht, kein frohes, und dieselbe Duesterheit kam oft während seiner Predigten zum Ausdruck. Baeck war im Innersten von der Schwere des Lebens durchdrungen, und ebenso kannte er die Anfechtbarkeit der Menschen. In einer Stimmung der Resignation sagte er einmal zu mir: “Eins lernt man als Rabbiner gründlich kennen: die Menschen.” — Übrigens hatten sich seine Züge im Alter aufgelichtet, und das machte ihn uns Freunden noch lieber. GESPRÄCHE MIT LEO BAECK, 1948 Ich verstehe schon, warum der Jude in der Welt oft imangenehm auf fällt: durch seine Unterdrükkung hat er den Drang bekommen, sich überall bemerkbar zu machen, und das wird oft als störend empfunden. Der Jude ist eben kein Gentleman — wenn man unter “Gentleman” das versteht, was einmal Churchül von ihm gesagt hat: “Ein Gentleman ist ein Mann, der von einem Ende Londons bis zum anderen gehen kann, ohne bemerkt zu werden.” Was haben die deutschen Juden alles seit dem XIX. Jahrhundert geleistet! Es gibt in dieser Periode vier revolutionäre Denker: Darwin, Marx, Freud und Einstein — drei davon sind Juden. Und wie glänzend sind sie in der Literaturgeschichte. Denken Sie nur an den genialen Franz Werfel, dessen “Die vierzig Tage des Musa Dagh” zu den grössten Dichtwerken unserer Zeit gehört. Wir kamen auf Thomas Manns neuen Roman Dr. Faustus zu sprechen. Baeck sagte, “er hat alle die Vorzüge und alle die Mängel seiner Kunst. Die eigentlichen grossen Erzähler sind die Russen. Im Anfangskapitel von Krieg und Frieden beschreibt Tolstoi in 15 Seiten die ganze Atmosphäre. Thomas Mann könnte das vielleicht auch, aber er braucht 150 Seiten dazu.” Bei meinem Doktorexamen musste ich eine Zeitlang warten und zog dabei ein Buch aus der Tasche, das ich mir mitgebracht hatte: Ciceros Briefe. Die erste Frage des Examinators war: “Was können Sie mir von Ciceros Briefen sagen?” Ich wusste davon so viel, dass der Examinator sagte: “Soviel Einzelheiten hätten Sie gamicht zu wissen brauchen.” Ich erwiderte darauf; “Bis heute früh habe ich auch nicht so viele Einzelheiten gewusst” — und erzählte ihm meine Geschichte, die er mir keineswegs übel nahm. Grosses Lob von Macauley: “Er war der erste, der seine Helden mit den Augen eines Kammerdieners sah. Er vertiefte sich nicht nur in das Leben der Helden selbst, sondern suchte das Milieu zu erfassen, indem er alles las, was zu jener Zeit geschrieben wurde, selbst Zeitungsartikel.” (Baeck scheint überhaupt ein reges Interesse für Geschichte zu haben, hat Jacob Burkhards Weltgeschichtliche Betrachtungen zu wiederholten Malen gelesen, vermisst aber heute doch darin die Menschlichkeit und Wärme dieses kuehlen Schweizers.) Mit gleicher Intensität erlebt Baeck bildende Kunst. Grosse Liebe zu Rembrandt, von dessen Bildern und Graphik er eine überraschende Kenntnis besitzt. Ich zeigte ihm ein erst kürzlich in der Schweiz erschienenes Buch, das sämtliche Radierungen Rembrandts enthielt, und er sagte: “Sobald (Fortsetzung von Seite 8) S