Yediʿot shel Irgun ʿOle Breslau be-Yiśraʾel
- Journal
- Yediʿot shel Irgun ʿOle Breslau be-Yiśraʾel
- Volume
- 1966
- Issue
- No. 20 (September 1966)
- Date
- 1966-09-01
- Page
- Seite 2 (sequence 3108)
- Language
- German
- Belongs to
- journal issue
- OCR quality
- 96% known words query
- IRI
…/7411685-7413119-7413132--0157-7413134- Visual Library
- page viewer of the UB Frankfurt
OCR text
JQDICHE AERZTE IN BRESLAU (Schluss von No. 19) Es ist nur natürlich, dass mir, dem ehemaligen Assistenten am Jüdischen Krankenhause die grossen ärztlichen Persönlichkeiten an dieser Anstalt die in meiner Jugend wirkten, besonders eindrücklich in Erinnerung sind. Der Mann, dem das schöne neue Heim des Fränkelschen Hospitals im Süden der Stadt besonders viel verdankte, war Sanitätsrat Ernst Sandberg. Sehen seit 1890 Nachfolger des vorher erwähnten Geheimat Jonas Grätzer, der unbestrittene Leiter des alter Hospitals in der Antonienstrasse, war er auch die Seele der neuen Anstalt. Sandberg war eine besendere interessante Persönlichkeit. Ursprüglich praktischer Arzt, mit herrvoragendem ärztlichen Blick begabt, hatte er sich allmählich zu einem der führenden Internisten Breslaus entwickelt, dessen Ruf über die Grenzen der Heimatprovinz bis weit nach Pelen hinein reichte. Er war das Urbild eines guten Arztes; seine Vergangenheit als allgemeiner Praktiker befähigte ihn nicht nur dem Patienten Helfer, sondern in schwierigen Situationen auch der Familie seelische Stütze zunsein. Zwei Eigenschaften zeichneten ihn vor vielen anderen Menschen aus: unverwüstlicher Humor und Herzensgüte. Arme Patienten erfreuten sich seiner besonderen Fürsorge. Ich weiss selbst, dass er in einem Falle von Pneumonie bei einem armen Manne, der eine grosse Familie zu versorgen hatte, die Nacht vor der Krise angezogen auf der Couch in seinem Amtszimmer zubrachte, um regelmässig nach dem Patienten sehen zu können. Dabei war er damals bereits nahe dem sechzigsten Lebensjahre. Und das war nur ein Beispiel von vielen. Die einfachen polnischen Juden hingen mit einer geradezu fanatischen Verehrung an ihm; sein Wort galt ihnen mehr als das ihres Rabbiners. Das war nicht überraschend, denn ihm war die Fähigkeit gegeben diese im eigenen Lande gedemütigen und oft verfolgten Menschen zu verstehen und ihnen mit unendlicher Geduld zu begegnen. Wie mein Chef war er sehr temperamentvoll; nicht selten kam es daher zu stürmischen Zwischenfällen, die aber die schöne Arbeitsgemeinschaft zwischen den beiden grossen Abteilungen der Anstalt nie ernstlich gefährdeten. Wenn ich an zweiter Stelle meinen Chef Professor Georg Gottstem nenne, so tue ich das nur aus historischen Gründen, denn Gottstein hat nicht nur mein ärztliches Leben, sondern auch meine ganze Entwicklung nächst dem Elternhause beeinflusst. In der Schule des genialen v. Mikulicz ausgebildet, war er nicht nur ein Chirurg von erstklassiger Technik. Die grosse menschliche Persönlichkeit des Meisters zeigte sich auch im Schüler. Besonders begabt für wissenschaftliche Forschung, hatte er sich auf zwei Gebieten aussergewöhnliche Erfahrung angeeignet. Mikulicz hatte ihn mit der Bearbeitung des grossen Materials an Speiseröhrenerkrankungen betraut, eines Gebietes, auf dem Mikulicz als Erfinder des Speiseröhrenspiegels Grundlegendes geleistet hatte. Auf diesem Gebiete wurde Gottstein schliesslich eine internationale Autorität. Das hatte zur Folge, dass aus allen Teilen Europas Speiseröhrenkranke das Jüdische Krankenhaus aufsuchten. Die ihm bereits in seiner Assistentenzeit übertragene Leitung der urologischen Abteilung der chirurgischen Universitätsklinik legte den Grund dazu, dass er bis an sein Lebensende zu den führenden Urologen Deutschlands gehörte. Gottstein hatte eine ausgesprochene Gabe seinen Schülern nicht nur technische Fertigkeit zu vermitteln, sondern weit mehr noch sie zu gewissenhaften Ärzten zu erziehen. Wie von sich selbst, so verlangte er auch von seinen Assistenten vollste Hingabe an den Beruf, äusserste Gewissenhaftigkeit in der Untersuchung und Behandlung der Kranken und uneingeschränkte Wahrheitsliebe. Wen er auf einer Lüge ertappte, der hatte bei 2 Dr. S. E. HADDA ihm verloren. Manche seiner Schüler erfassten es nicht, dass ra ein Mann vor ihnen stand, der, soweit es sich um den Beruf handelt, keine Kompromisse, kein Nachgeben kannte. Gewiss war eine solche Persönlichkeit im Dienstbetrieb nicht bei allen Untergebenen uneingeschränkt beliebt. Schwestern wie Assistenten atmeten auf, wenn die grosse Visite ohne Zwischenfall verlaufen war. Und doch erkannten alle, dass der Chef sich stets nur von sachlichen Gründen leiten liess, dass er ihre Klagen anhörte und sich ihrer Rechte annahm, wo es berechtigt war. Ich erinnere mich eines Zwischenfalles — Beleidigung einer Schwester — wo er den sehr begabten jungen Assistenten, den er sehr schätzte, vor die Alternative stellte, sich bei der beleidigten Schwester zu entschuldigen oder entlassen zu werden. Auch wenn seine Schüler ausschieden, nahm er an ihrem Ergehen regen Anteil. Wer Gottstein in seiner ganzen Persönlichkeit erkannt hatte, blieb ihm bis ans Ende verbunden. Der Chef der gynäkologischen Abteilung, Geheimrat Rosenstein war schon rein äusserlich aus ganz anderem Holze geschnitzt. Mit seinem Patriachenbart machte er von Ferne den Eindruck besonderer Würde und Unnahbarkeit; doch sobald man ihm gegenüberstand, fühlte man sich zu ihm hingezogen. Seine Augen, die mitunter verschmitzt das Gegenüber anlächelen konnten, verrieten auf den ersten Blick Güte und Wohlwollen. Nichts wies bei ihm darauf hin, dass er dank seiner Energie und hoben Begabung nach schwerer Jugend die Höhe einer besonders angesehenen Stellung erklommen hatte. Uns jugendlichen Ärzten gab er sich wie ein väterlicher Freund. Wenn ich selbst ihm auch nicht direkt unterstellt war, freute ich mich doch stets, wenn er mich aufforderte, ihm bei einer schwierigen Operation zu assistieren. Es war für mich immer ein Genuss zu sehen, mit welcher geradezu künstlerischen Leichtigkeit er jede Aufgabe bewältigte. An sich war das nicht überraschend, denn er war auch sonst eine Künstlernatur. Nicht nur zeichnete er vorzüglich, stellte er mit schnellen Strichen einen anatomischen Befund dar; seine Spezialität war es Porträts aus Wachs zu modellieren. Noch heute, nach einem halben Jahrhundert, hängt eine von ihm modellierte Wachsplakette über meinem Schreibtisch, die meinen Lehrer v. Mikulicz so lebendig darstellt, wie ich ihn kannte. Auch der vierte Chefarzt, der Augenarzt Dr. Jungmann, war ein Mensch von mehr als gewöhnlichem Format. Er war Schüler des vorerwähnten Geheimrat Hermann Cohn, dem er bis an dessen Lebensende intimer Freund und ärztlicher Berater blieb. Ich hatte ihn bereits als Student im Hause Hermann Cohns keimen gelernt. Wie GeheimratSandberg aus der allgemeinen Praxis hervorgegangen, war er nicht nur ein guter Menschenkenner. Ihm war vor allem jene höhere Art von Humor eigen, die ihn befähigte, Fehler und Schwächen mit gütigen, Lächeln verständnisvoll hinnehmen zu können. In einem Betriebe, wo drei kraftvolle Persönlichkeiten wie die drei vorher genannten Chefärzte oft widerstrebender Meinung waren, blieb Dr. Jungmann der gegebene Vermittler, dem es immer gelang die Wogen zu glätten. Der Nachfolger Sandbergs Sanitätsrat Hans Herz, war gerade das Gegenteil seines Vorgängers. Mit seiner nicht zu erschütternden Ruhe und Schweigsamkeit imponierte er doch durch sein aussergewöhnliches Wissen. Als Arzt, sehr kritisch allem Neuen gegenüber, konnte er Femerstehenden kühl erscheinen, doch war er ein durchaus gütiger, fast zarter Charakter. Früh verwitwet, hatte er sich von allem gesellschaftlichen Leben zurückgezogen und lebte nur vielseitigen wissenschaftlichen Interessen. Von universaler allgemeiner Bildung, war sein Lieblingsgebiet Geschichte der Medizin und das Sammeln klassischer und vorklassischer medizinischer Werke. Da er mit Gottstein eng befreundet war, traf ich ihn nicht selten im Hause meines Chefs. Einen Abend in seiner Gesellschaft zuzubringen bedeutete für mich immer eine Bereicherung meines Wissens. Wenn ich zu den grossen jüdischen Ärzten auch Geheimrat Minkowski wie bereits erwähnt rechne, der äusserlich nicht mehr Jude war, so glaube ich die Berechtigung dazu aus einem Erlebnis herleiten zu können, dessen Zeuge ich selbst war. Eines Abends im Frühherbst hatte ein Patient im Süden Breslaus seinen Hausarzt gebeten ausser Minkowski auch mich zuzuziehen. Nach der Konsultation verliess ich mit Minkowski das Haus. Am Restaurant Kurgarten warteten wir auf die Strassenbahn. Es war eine helle Vollmondnacht. Minkowski stand erst stumm da, den Blick auf den Mond gerichtet; plötzlich sagte er zu mir gewendet, fast wie im Selbstgespräch: “Die Lewanah ist voll, es muss Sukkoth sein! ” Dr. Max Görke, der Chefarzt der Hals, Nasen und Ohrenabteilung des Allerheiligenhospitals, hatte sich schon in frühen Jahren durch seine wissenschaftlichen Leistungen einen Namen gemacht. In der Praxis war er auf seinem Gebiet wohl der meistbeschäftigste Oto — Laryngologe Breslaus. Man sah dem kleinen, sehr zierlichen Manne nicht an, dass er bei staunenswerter Geschicklichkeit über eine fast unbegreifliche Arbeitsfähigkeit verfügte. Sein Arbeitstag begann bereits um 6 Uhr früh mit Operationen in der Tiergartenstrasse seiner dort gelegenen Privatklinik. Wenn er am frühen Vormittag auf der seiner Leitung unterstehenden Abteüung des Allerheiligen-hospitals erschien, hatte er bereits ein gehöriges Maas anstrengender Arbeit hinter sich. — Görke war nicht nur ein grosser Arzt, er war ein ausgezeichneter Redner, der durch seinen Witz und seine Schlagfertigkeit seine Hörer in Bann hielt. Erstaunlich war seine tiefe Kenntnis alter Klassiker und deutscher Literatur, insbesondere Goethe’s. — Als es uns jüdischen Ärzten unmöglich wurde an wissenschafttlichen Sitzungen teilzunehmen, organisierte er medizinische Vorträge, die wöchentlich im jüdischen Krankenhaus stattfanden. Er starb wenig über 60 Jahre alt auf einer Reise in Rom. Unter den mehr als 500 Ärzten Breslaus genossen viele jüdische Kollegen besonderes Ansehen, nicht nur wegen ihrer menschlichen und ärztlichen Qualitäten, sondern auch weil sie zu den Vorkämpfern für ethische und wirtschaftlichrechtliche Prinzipien ihres Berufes gehörten. Sanitätsrat Werther war einer der Mitbegründer der grossen, alle deutschen Ärzte umfassenden Berufsorganisation, in der an hervorragender Stelle er tätig war. In der Hitlerzeit wurde er trotz der grossen Dienste, die er dem Ansehen der deutschen Ärzteschaft geleistet hatte, wie wir alle, aus der Organisation ausgeschlossen. Bei einem Manne, der ein Leben hindurch für seine Berufsgenossen eingetreten war, erschien es nur natürlich dass er jetzt seine Erfahrungen und seine Arbeitskraft seinen jüdischen Kollegen voll zur Verfügung stellte. Auf einer Reise nach Berlin, wo er die Interessen der Jüdischen Kollegen und des Krankenhauses bei der übergeordneten Behörde wahrnehmen sollte, starb er plötzlich. Obwohl diese Zeilen dem Gedenken an Breslauer jüdische Ärzte gewidmet sind, die nicht mehr unter uns weilen, möchte ich an dieser Stelle eine einzige Ausnahme einschalten. Ich freue mich berichten zu können, dass ein anderer Kol- (Fortzetzung von Seite 3)