Yediʿot shel Irgun ʿOle Breslau be-Yiśraʾel
- Journal
- Yediʿot shel Irgun ʿOle Breslau be-Yiśraʾel
- Volume
- 1966
- Issue
- No. 19 (Mai 1966)
- Date
- 1966-05-01
- Page
- Seite 6 (sequence 6)
- Language
- German
- Belongs to
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Die Bürger kleideten sieh in graugrüne Blusen, nach Art der Litewka, die mit einem Ledergürtel zusammengehalten war, an dem eine Patronentasche hing; sie trugen ein Gewehr — schiessen konnten wohl die wenigsten. Es wurde eine Bürgerwehr organisiert, der friedliebendste Mann verwandelte sich in einen Krieger. Wenn abends das Signal zum Sammeln ertönte, war keiner zu Hause festzuhalten, so sehr auch die Frauen und Kinder baten. Die ernsten Männer waren wie von einem Taumel ergriffen, ein jeder fühlte sich als Vaterlands¬ und Städteverteidiger. Manchmal versteckte die Mutter die Bluse und das Gewehr. Es half aber nichts, sie musste schliesslich noch helfen, dass der Vater die Sachen richtig anlegte. Wir blieben inzwischen voll Angst und banger Erwartung zurück: wie würde der Vater wiederkommen? Wir waren heilfroh, wenn er wieder glücklich zu Hause angelangt war. Am Tage war stets eine Anzahl Bürger aufs Rathaus beordert. Oft, wenn der Vater dort an der Reihe war, wurde ich, das zehnjährige Mädchen, beauftragt, dem Vater Geschäftsbriefe zu übergeben. Ich suchte ihn im unteren “Remter” auf und fand ihn mit vielen anderen Herren um ein grosses Fass Bier stehen oder sitzen, das aus dem Schweinitzer Keller heraufgeschafft worden war. Das ist das Bild der guten Schöppenstädter Bürgerwehr! Lieb Vaterland, Du warst recht imbewacht! Ich übergab dem Vater die Briefe. Manchmal waren grosse Geldsendungen darin. Vater nahm das Geld heraus tat es in die Patronentasche, Kugeln werden kaum darin gewesen sein. Dort im “Remter” machten die Bürger ihre Geschäfte, als wären sie an der Börse oder auf dem Getreidemarkt. Die Bürger sollten sich im Schiessen üben, dazu war ihnen der Schiesswerder angewiesen worden. Sie schossen nach der Scheibe. Meinem Vater wurde ein Gewehr in die Hand gedrückt, und es wurde ihm gezeigt, wohin er schiessen sollte. Er machte die Augen zu und drückte los. Da ertcnte von der Scheibe her ein grosser Lärm. Er wirft erschreckt das Gewehr von sich. Er fürchtete, er hätte ein Unglück angerichtet, jemand erschossen. Da wird ihm gratuliert, es sei ein Meisterschuss — er habe ins Schwarze getroffen, er sei König geworden! Sie wollten ihn mit Musik zu seiner Wohnung heimgeleiten. Der Vater wusste, wie wenig er die Ehre verdient habe. Er schämte sich auch vor der Mutter, so nach Hause gebracht zu werden. Er gab ihnen das Geld, das er bei sich hatte, und bat sie, sich einen guten Trunk anzutun. So kaufte er sich von der Ehre los, die ihm eine Beschämung war. Die demokratischen Ideen, hatten alle Welt ergriffen, auch uns Kinder. Wir sangen Freiheitslieder, häkelten schwarz-rot-goldene Kokarden und Schleifen, die die Väter und Jungen und Mädchen trugen. Man häkelte Blusen, Beutelchen und Schärpen in diesen Farben. Wie unbeliebt war der Prinz von Preussen! Die infamsten Spottlieder wurden auf ihn gedichtet. Wir sangen alles mit. Der Klang bestach uns. Mein Vetter Dr. Goldbaum in Berlin, hatte sich an den Barikadenkämpfe beteiligt. Er wurde gefangen ins königliche Schloss gebracht, es hat wenig gefehlt, da wäre er füsiliert worden. Die Zeiten ändern sich: 5 Jahre später hatte er im kgl. Schloss Charlottenburg mit dem Regiment, bei dem er als Arzt diente, die Ehrenwache. Als der Reichsverweser durch Breslau kam, wurden ihm Ovationen bereitet. Unter denen, die ihm auf der Strasse zujubelten, war auch ich, im dichtesten Gedränge. Wir begeisterten uns für Schurz, Kinkel, die Freiligrathschen Lieder — Freiheitslieder. Wir zogen im selben Haus in eine grössere Wohnung, Vater nahm 2 Zimmer als Kontor. Zum Essen nahm Vater sich niemals viel Zeit, er wurde zuerst bedient und verliess uns bald, um ins Kontor zu gehen. Nur Sonntag Vormittag gönnte er sich, in die Weberbauersche Brauerei zu gehen, um ein Glas Bier zu trinken. An Sommerabenden nahm er uns in den dortigen kleinen Garten mit. Späterhin gingen wir Sonntags nach Scheitnig in den Volksgarten, zu Kroll. Wir gingen stets zu Fuss es gab noch nicht die billigen Fahrgelegenheiten wie heut. In einer Droschke hätten wir nicht alle Platz gehabt, die wurde nur genommen, wenn sich plötzlich starker Regen einstellte. Die viele Bewegung machte uns gesünder als heute das viele Fahren. Die Leute verlernen das Laufen. Als die Wohnung wieder für unsere Familie zu klein geworden war, sah sich die Mutter nach einer grösseren um und fand eine in der Antonienstrasse, im “alten Tempel”, so genannt nach der im Hofe befindlichen Synagoge. Unsere Wohnung stiess nach hinten an die Frauen- Emporen, was dem frommen Sinn meiner Grossmutter, als sie bei uns wohnte, sehr wohl tat. Sie richtete sich mit ihren Gebeten genau nach dem Tempel. Sie konnte jedes Wort hören und mit ihrem Amen bei den Segenssprüchen der Männer genau einfallen. Auch mein Vater war fromm. Er legte am Morgen Tefillim, ging Sonnabend, auch Montag und Donnerstag in die Synagoge. Aber so viel Zeit wie die Grosseltern den Gebeten einräumten, konnte er als vielbeschäftigter Kaufmann ihnen nicht mehr widmen. Bei den Grosseitem waren die Gebete noch das Hauptwerk ihres Lebens, sie durchdrangen alles, waren der Inhalt des Tages und bildeten die Zeiteinteilung. Die Synagogen befanden sich alle in Höfen. Es war den Juden wohl nicht erlaubt, ihre Gotteshäuser öffentlich sichtbar hinzustellen. Wie verschämt und versteckt verbargen sie sich in den schmutzigen Höfen. Es herrschte dort ein Treiben, das in krassestem Widerspruch zum Bethause stand. Ich kenne manche solcher Synagogen, im “Mühlhof”, im “Goldenen Hirschei”, wo sich die Fuhrwerks-Ausspannung breit machte, im "Professorenhaus” an der Graupenstrasse, (die “Alt-Glogauer" Synagoge genannt wurde und bis Hitler ihre Stätte auf der Gartenstrasse hatte. — Die Red.), im “Pokoyhof”, der ältesten Breslauer Synagoge “Landschul” genannt; jetzt wird sie umgebaut, im “Alten Tempel”, im “Goldenen Rade” u. a. m. Der Vater schenkte der Tempelsynagoge, in die er ging und zu deren Vorstehern er gehörte, ein kostbares Sefer, eine Gesetzesrolle in massiv silbernen Gehäuse. Der Sicherheit halber wurde die kostbare Hülle, 2 getürmte grosse silberne Rollen mit einem platten breiten Teil vorn wie eine riesige Plakette und ein silberner Zeiger, die ganze Woche in unserer Wohnung in einem eisernen Schrank bewahrt. Nur Sonnabend früh wurden sie in die Synagoge geholt und nach dem Gottesdienst wieder heraufgebracht, während die geschriebene pergamentene Rolle im Tempel im Allerheiligsten blieb. Als später die Grosse Synagoge (Am Stadtgraben — d. Red.) gebaut wurde, übernahm die Tempelgemeinde die Storchsynagoge; der Vater ging dann auch dorthin. Als der Vater gestorben war, beanspruchte die Storchsynagoge das Sefer mit dem Silber. Diejenige Schul, die jetzt in den Alten Tempel zog, wollte das geschriebene Sefer nicht herausgeben; sie sagte, sie sei von Herrn Mugdan dieser Synagoge gestiftet worden. Die beiden Gemeinden stritten darum, und die Mutter wusste nach Vaters Tode nicht, wem sie das Silber herausgeben sollte, sie fürchtete, einem Unrecht zu tun. Das blieb 26 Jahre lang unentschieden. Später entschied der Rabbiner, die eine Synagoge behielt das Sefer, die Storchsynagoge bekam das Silber. Nun stellte sich die Notwendigkeit heraus, einen eigenen grossen Speicher zu haben. So wurde Berlinerstrasse ein grosses Terrain gekauft und ein sehr grosser dreistöckiger Speicher mit Einfahrt gebaut. Um auch eine bequeme Ausfahrt zu haben, damit die Wagen im Hof nicht zu wenden brauchten, wurde nach der anderen Seite ein Wohnhaus mit breitem Torweg dazu gekauft und im Innern mit dem Speicher verbunden. Als die Kriegserklärung Mitte Juni (1866?) erfolgt war, wandte sich das Proviantamt in Breslau an den Vater mit der Anfrage, ob er die Getreidelieferung für das Schlesische Armeekorps übernehmen wolle. Er hatte ja stets das gröste Getreidelager und wurde scherzend von manchen der “Getreidekönig” genannt. Der Vater lehnte ab. Als nach so fabelhaft kurzer Zeit der österreichische Feldmarschall Benedeck die Schlachten verlor und die Lieferanten gute Geschäfte gemacht hatten, sagte Brann zum Vater, man hätte doch übernehmen sollen. Der Vater antwortete ihm: “Wie wäre es gekommen, wenn der Krieg länger gedauert und sich nicht nur auf feindlichem Boden abgespielt hätte? Er wäre nach unserer Provinz hinüber geleitet worden und schliesslich, wenn Preussen unterlegen wäre und der Feind unsere Lieferungen gekapert hätte und wir unsere Verpflichtungen nicht hätten erfüllen können? Ich habe schon zu viel zu verlieren, mögen es andere übernehmen, die noch keinem Namen dabei zuzusetzen haben." Auch hatte er die Ansicht, dass bei reellem Liefern in diesem Falle nichts zu verdienen war, nur bei unreellem, und dafür war er nicht zu haben. Als nach dem siegreichen Kriege 1871 soviel Geld nach Deutschland floss und Gründungen sich regten, kamen grosse Breslauer Bankiers zum Vater, die einem Gründungskonsortium angehörten, und baten ihn, dass er dem Aufsichtsrat beitrete. Der Vater verweigerte es. Da sagten sie, er habe dabei gar nichts zu tim, sie wollen nur, er solle seinen Namen unter die Liste setzen. Der Vater blieb fest. Er sagte: “Meinen mühsam erworbenen ehrlichen Namen stelle ich nicht an den Pranger”. Ihm erschien es wie Bauernfängerei, als würden Leichtgläubige durch solche Gründungen betrogen. Vielleicht war der Vater zu ängstlich-kurzsichtig, aber jede solche Sache kann auch schief gehen. Das hätte er nicht ertragen. Er hätte stets gedacht, er habe durch seine Unterschrift die Leute irregeführt. Ich beklage es nicht, dass sich der Vater zurückhielt — so blieb sein Verdienst immer ein reinlicher, ehrlicher. Wir beenden hiermit den Auszug aus den Memoiren von Auguste Priebatsch geb. Mugdan. Die Fortsetzung führt in die uns Heutigen schon mehr bekannte Zeit und ist darum wohl nur für die direkten Nachkommen der Memoirenschreiberin von Interesse. Wir hoffen, mit der Darstellung einen lebensvollen Einblick in Leben und Existenz von Breslauer Juden im 19. Jahrhundert gegeben zu haben. | ALLE EHEM. BRESLAUER jl treffen sich in 1 TEL AVIV, im CAFE NOGA 1 (vis ä vis Mograbi) 1 Pinskerstr. 4. (Tel. 56063) S Touristen u. Einheimische herzlich S willkommen! a Behaglicher Aufenthatt, Ü auch air conditioned. a Räume für Konferenzen, i Versammlungen, usw. 6