Mannheim
Compact Memory

Yediʿot shel Irgun ʿOle Breslau be-Yiśraʾel · 1966-05-01 · No. 19 (Mai 1966) · p. Seite 4

Scan of the page
Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Yediʿot shel Irgun ʿOle Breslau be-Yiśraʾel
Volume
1966
Issue
No. 19 (Mai 1966)
Date
1966-05-01
Page
Seite 4 (sequence 4)
Language
German
Belongs to
journal issue
OCR quality
96% known words query
IRI
…/7411685-7413119-7497152--0146-7413123
Visual Library
page viewer of the UB Frankfurt

No entity mentions on this page.

OCR text

AUS DEN MEMOIREN VON AUGUSTE PRIEBATSCH geb. MUGDAN Ich will in diesem Gedenkbuch nicht den Nachkommen Ermahnungen und Lehren geben. Wann hätte das jemals genützt? Es wird keiner durch andere klug, ein jeder macht seine eigenen unüberlegten Dinge. Ich habe nur den Wunsch, dass Ihr alle aus meiner Schilderung entnehmt, welchen Wert die Standhaftigkeit und der seelische Mut in allen Lebenslagen für uns hat, wie er uns hilft, die Gegenwart zu ertragen und die Hoffnung auf eine bessere Zukunft erhält. Der Vater meiner Grossmutter Freide Traumann lebte als Rabbiner in Kalisch. Die Grossmutter muss in einer Atmosphäre von Frömmigkeit und Gelehrsamkeit gelebt haben. Sie war durchdrungen von der Heiligkeit des Berufes eines Rabbiners. Als kleines Mädchen von 12 Jahren wurde sie von ihren Eltern gefragt, ob sie den Traumann heiraten wolle. Sie sagte “er sei zwar ein alter Junge” — er war im ehrwürdigen Alter von 21 Jahren — “aber er könne gut lernen, darum nehme sie ihn”. Sie wollte nur einen von der Zunft, einen Gelehrten, bei dem ihr ferneres Leben in den gewohnten Anschauungen sich weiter fortspinnen würde. Der Bräutigam erging sich am Abend mit dem Vater im Studium des Talmud, diesem Sammelwerke aller frommen und profanen Wissenschaften, in dem alles enthalten sein soll, Theologie, Medizin, Rechtsfragen, Verwaltungssachen etc. Am Tage war der Grossvater kaufmännischer Vermittler für Kolonialwaren, Zucker und Kaffee, für Grosshändler. Mit 14 Jahren wurde das kleine Mädchen eine Frau. Im ersten Ehejahre bekamen sie die Kost umsonst, das legte dem Haushalt nicht gleich Lasten auf. Im Kriege (1812) hatten sie russische und französische Einquartierung. Als Kalisch russisch wurde (nach den napoleonischen Kriegen) wurde es schwieriger, sich zu ernähren. Im Jahre 1814 zog der Grossvater Traumann nach Breslau. Er soll vor dem Wegzug zu seiner Frau gesagt haben, sie solle die Schubladen des Schreibpultes öffnen. Sie fand sie alle voll von Rubeln. Nun wird das kein namhaftes Vermögen gewesen sein, aber der Grossvater kam nicht als armer Mann nach Breslau und nahm seine geschäftlichen Verbindungen und Aufträge mit. In Breslau mieteten sie eine kleine Wohnung in einem riesigen Hause, das von der Karlstrasse bis zum Exerzierplatz reichte und die “Fechtschule” genannt wurde. Das Untergeschoss dieses Hauses war von (Schluss von Seite 3) Rosenfeld war nicht nur ein Arzt von grossen Format, er war auf allen Gebieten des Wissens zu Hause, war mit einem geradezu encyclopädischen Gedächtnis begabt und daher in wissenschaftlichen Diskussionen nicht zu schlagen. Dazu kam, dass er imgemein schlagfertig und witzig war. Ich erinnere mich zweier seiner kurzen bissigen Diskussionsbemerkungen in der medizinischen Sektion der Schlesischen Gesellschaft für vaterländische Kultur. Man verhandelte über eine Methode der Therapie der Obstipatien. Der Vortragende hatte seine neue Methode darauf begründet, dass er eines der im Verlauf der Verdauung erzeugten Gase vom Mastdarm her einblies. Rosenfeld stand auf, sagte nur kurz: “Was der Kollege vorschlägt, heisst Eulen nach Athen tragen”. Nach einem Vortrage über die Oel Behandlung der geboren 1838. Geschrieben im Jahre 1911. Für den Druck gekürzt durch die Enkelin Anni Löwenstein geborene Priebatsch. Stallungen von Spediteuren eingenommen, die es als Ausspannung für Pferde und Wagen und für Rollgut benutzen. Ich denke, dieses Haus hat im 16. und 17. Jahrhundert eine ganz andere Gesellschaft beherbergt: weder Handwerk noch Kaufmannsstand brauchten Häuser von solchen Dimensionen. Der Name “Fechtschule” deutet noch den Zweck und das Treiben dort im Hofe an: Adel und Patrizier lernten dort Fechten! Im Hofe war Platz genug für Turniere, und auf den zahllosen Altanen wohnten Zuschauer den Fechtspielen bei. Zur Zeit der Grosseltern war das längst eine vergessene und versunkene Herrlichkeit, und nur die bescheidenen Mittel und die Anspruchslosigkeit veranlassten die Grosseltern, dort Wohnung zu nehmen. Aber glücklich wäret Ihr, die Ihr verstandet, dem Leben einen idealen Inhalt zu geben! Welch Befriedigung hatte der Grossvater, wenn er am Tage seine Geschäfte durchgeführt, die Briefe abgefertigt hatte, in jüdischer Schrift selbstverständlich; dann kamen nach dem Abendbrot die Schüler (Bocherim), angehende und künftige Rabbiner, die er unentgeltlich unterrichtete. Der Grossmutter war das Heimatluft, als wäre sie noch im Elternhaus in Kalisch. Freitag Abend und Schabbath blieben die Jünglinge zum Essen bei ihnen. Es gab eine Speise “Kugel” genannt. Alles war in einen stark geheizten Ofen gestellt, der mit Lehm verschmiert war, darin blieben die Speisen kochend. Die Grossmutter zog sich feiertäglich an. Ihr ganzes Wesen war von der Weihe erfüllt, als durchtränke sie der Geist der Schabbat- Heiligung. Da war sie wunschlos glücklich. Dem Grossvater war häufig ein Rabbinat angeboten worden, aber seiner Frau erschien er nicht fromm genug für diesen Beruf. Sie riet immer von der Annahme ab. Sie hatte die höchste, übertriebenste Vorstellung von der Erhabenheit dieses Berufes. Wer wäre geeigneter gewesen als er, der andere dafür vorbereitete! Auch der Landesrabbiner Tiktin war sein Schüler und andere, die in grossen Provinzstädten Rabbiner wurden. Die grosse Bibliothek hebräischer Werke wurde nach des Grossvaters Tode dem jüdisch-theologischen Seminar geschenkt. Der Grossvater hat auch mehrere Werke verfasst, aber nur eines wurde gedruckt. Der Grossvater wurde nach seinem früheren Wohnorte genannt: Reb Awraham Kalischer. Viele Jahre später wusste noch Dr. Michael Holzmann, dass unter dem Namen "Kalischer” Awraham Traumann gemeint war. Gallensteine gab es eine lange Diskussion. Minkowski sprach sehr lange unter ausführlicher Anführung chemischer Formeln, von denen doch die Wenigsten etwas verstanden, und wollte schliesslich eine wissenschaftliche Erklärung für die Erfolge der Oelbehandlung haben. Rosenfeld antwortete Minkowski mit den Worten: “Dir, mein lieber Oskar, sage ich ganz einfach: Mir ist es wichtiger, ich löse die Steine, als das ich das wissenschaftliche Problem der Steine löse.” Es ist nur natürlich, dass mir, dem ehemaligen Assistenten am Jüdischen Krankenhause die grossen ärztlichen Persönlichkeiten an dieser Anstalt die in meiner Jugend wirkten, besonders eindrücklich in Erinnerung sind. Der Mann, dem das schöne neue Heim des Fränkelschen Hospitals im Süden der Stadt besonders viel verdankte, war Sanitätsrat Emst Früh stand die Grossmutter auf, um hinten, von ihrer Wohnung aus, wo sich eine Synagoge befand, die Segenssprüche des Vorbeters mitzuhören und mit ihrem Amen einzufallen. (Manche unserer alten Breslauer werden sich noch an diese Synagoge, die sogenannte “Professor- Schul” erinnern, die von der Graupenstrasse aus in einem Kellergewölbe lag). Ich komme jetzt zu meiner lieben, guten, klugen Mutter. Ihr Vater unterhielt sich gern mit ihr, schärfte ihren Verstand, indem er ihr manchen Fall aus dem Talmud erzählte und ihr Urteil verlangte. Er unterrichtete sie im Hebräischen, im übersetzen der Gebete und im Choumesch, den 5 Büchern Moses. Auch lernte sie ein wenig Französich. Des öfteren wurde sie zu Grosskaufleuten als Botin des Grossvaters geschickt, zu Molinari und anderen. Inzwischen war die Mutter 26 Jahre alt geworden, und der Grossvater wünschte, dass sie sich verheirate. Veranlasst durch Herrn Goldbaum, einen Schwager meines Vaters, kam unser Vater in das Haus des Grossvaters. Er und meine Mutter hatten Vertrauen zu einander und verlobten sich. Sie hatten es nie zu bereuen. Nim wül ich die Famüie meines Vaters vorstellen. Woher die Familie nach Kempen (Provinz Posen) eingewandert ist, konnte ich nicht ermitteln. Muhme Rorje Mugdan war die Grossmutter meines Vaters, väterlicherseits. Sie wurde 104 Jahre alt und wie eine Heilige verehrt. Es muss wohl Wohlstand obgewaltet haben, denn blosse stille Gebete verschaffen nicht solche Anerkennung, oder im grossen Stile geübte Wohltätigkeit bei Armen und Kranken. Der Vater meines Vaters erreichte nicht ein solches Alter. Er hatte ein Eisengeschäft, das die Witwe fortsetzte. Wir Kinder nannten sie die "eiserne Grossmutter”. Die Beschäftigung beeinflusst Sinn und Charakter, der ihre muss stark und fest gewesen sein wie Eisen. Ihr ältester Sohn, Vetter Joseph, etablierte sich in Breslau mit Seidenband und Samt. Eine Tochter heiratete den Mediziner Universitätsprofessor Fraenkel, deren Sohn war später Stadtrat in Berlin. Ein Enkel des Vetters Joseph ging nach Guatemala. Er muss sehr tüchtig gewesen sein, denn der Präsident der Republik, der eine Anleihe für sein Land aufnehmen wollte, übertrug ihm, dem Mugdan, die Beschaffung des Geldes. Er ging nach Paris und London, die Nögociation glückte ihm, er bekam eine Provision von über einer Million, heiratete die Tochter seiner Sandberg. Schon seit 1890 Nachfolger des vorher erwähnten Geheimrat Jonas Grätzer der unbestrittene Leiter des alten Hospitals in der Antonienstrasse, war er auch die Seele der neuen Anstalt. Sandberg war eine besondere interessante Persönlichkeit. Ursprünglich praktischer Arzt, mit herrvorragenden ärztlichen Blick begabt, hatte er sich allmählich zu einem der führenden Internisten Breslaus entwickelt, dessen Ruf über die Grenzen der Heimatprovinz bis weit nach Polen hinein reichte. Er war das Urbild eines guten Arztes; seine Vergangenheit als allgemeiner Praktiker befähigte ihn nicht nur dem Patienten Helfer, sondern in schwierigen Situationen auch der Familie seelische Stütze zu sein. Zwei Eigenschaften zeichneten ihn vor vielen anderen Menschen aus : unverwüstlicher Humor und Herzensgüte. Fortsetzung folgt d

Text as recognised by OCR (ABBYY FineReader), without corrections. Entity mentions: TagMe (2021); their positions were matched to this text again.