Yediʿot shel Irgun ʿOle Breslau be-Yiśraʾel
- Journal
- Yediʿot shel Irgun ʿOle Breslau be-Yiśraʾel
- Volume
- 1966
- Issue
- No. 19 (Mai 1966)
- Date
- 1966-05-01
- Page
- Seite 2 (sequence 2)
- Language
- German
- Belongs to
- journal issue
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JÜDISCHE Die Geschichte jüdischer Ärzte in Breslau reicht weit zurück in das frühe Mittelalter. Der erste jüdische Vertreter der Heükunde in der Hauptstadt Schlesiens war nach Brann’s “Geschichte der Juden in Schlesien” der Augenarzt Abraham dessen Anwesenheit in Breslau dadurch verbürgt ist, dass er im Jahre 1354 im Steuerregister erwähnt ist. Ob zur gleichen Zeit oder unmittelbar nach ihm noch jüdische Ärzte in Breslau praktizierten ist nicht bekannt. Es ist auch, wenn man Brann’s meisterhafte Darstellung der Geschichte und der Leiden der Juden Schlesiens in den folgenden Jahrhunderten liest, höchst unwahscheinlich. Jahrzehnte lang in Breslau geduldet, wurden sie immer wieder ausgetrieben, um nach einiger Zeit wieder zurückzukehren. Ein ganzes Jahrhundert gibt die Geschichte keine Auskunft über jüdische Ärzte in Breslau. Erst 1453 taucht der Name eines gewissen “Johannes”, des getauften Juden auf., der für das Gericht ein in hebräischer Sprache abgegebenes Zeugnis übersetzt hat. 1521 hatte der Breslauer Bischof Michael einen jüdischen Leibarzt, der “in der Ertzney” Doktor wa,r. 1558 berief der Präsident der Schlesischen Kammer, Vitztum Friedrich von Redem zwei jüdische Wundärzte aus Prag, die ihn erfolgreich behandelten und anscheinend kurze Zeit in Breslau praktizierten, aber bald wegen angeblicher “böser Praktiken” die Stätte ihrer Heilerfolge verlassen mussten. (Kollegenneid?). Um dieselbe Zeit wird ein Dr. Abraham erwähnt, der Leibarzt des Herzoges Georg von Liegnitz gewesen ist. Er durfte auch den Herzog Wenzel von Teschen, dessen Familie und den böhmischen Adel behandeln und soll bis Kaschau der gesuchteste Heilkünstler gewesen sein. Es ist anzunehmen, aber nicht erwiesen, dass er auch in Breslau zu besonderen Fällen zugezogen wurde. Fast zwei Jahrhunderte lang erfahren wir nichts über jüdische Ärzte, die in Breslau praktizierten. Erst Anfang des achzehnten Jahrhunderts taucht der Name eines “Judendoktor” Wollig oder Mallig in Breslauer Urkunden auf, authentisch begründet aber ist die Anwesenheit in Breslau praktizierender jüdischer Ärzte Mitte des 18. Jahrhunderts. Nach Angaben vooRabbiner Dr. Louis Lewin hat seit 1758 der aus Prag stammende Dr. Joachim Salomon Koreff seinen Beruf in Breslau ausgeübt. Die erste wirklich bedeutende ärztliche Persönlichkeit der Breslauer Judenheit war der ebenfalls aus Prag stammende Dr. Abraham Kisch. Er wurde 1767 von der Chewra berufen. In dem mit ihm für drei Jahre abgeschlossenen Vertrage war festgelegt, dass er seine Kunst besonders Kranken widmen solle. Die Kranken des Hospitals, das in gemieteten Räumen untergebracht war, sowie jeden armen Kranken der Gemeinde hatte er zweimal täglich zu besuchen. Die Medikamente hatte er selbst zu liefern. Sein Gehalt betrug 300 Reichsthaler jährlich, die in halbjährlichen Raten postnumerando ausgezahlt wurden. Dr. Kisch muss ein Mann von aussergewöhnlichen Gaben gewesen sein. Seine Kenntnis der antiken Sprachen befähigte ihn der Lehrer Moses Mendelsohn’s auf diesen Gebiete des Wissens zu werden. In Halle zum Dr. med. promoviert, studierte er dort nebenher Mathemathik und soll auch den philosophischen Doktortitel erworben haben. Vor seiner Berufung nach Breslau war er in Prag Leiter des jüdischen Meiselhospitals. Bezeichnend sind die folgenden Worte, mit denen seine Kollegen ihn charakte- AERZTE IN Dr. S. E. Hadda risierten: “Er hatte mit sehr bedeutenden Männern seiner Zeit und seiner Wissenschaft in Verbindung gestanden. Er war ein ebenso ausgezeichneter Arzt als biederer Mensch. Die Breslauer sahen in ihm “einen ausgezeichneten Weisen, erprobt und bewährt, auch weise in der Gottesgelahrtheit”. Dr. Kisch verliess nach Ablauf seines Vertrages Breslau; ein sicherer Grund für das Scheiden des angesehenen Mannes hat sich nicht feststellen lassen. Nach mündlicher Überlieferung sollen Bemühungen der Verwandten des oben genannten Dr. Koreff diesem die Stelle des Hospitalarztes zu verschaffen, Kisch veranlasst haben nach Prag zurückzukehren. Dr. Koreff wurde zwar nicht Hospitalarzt hat aber bis zu seinem 1805 erfolgten Tode sehr erfolgreich praktiziert. Unter den späteren Nachfolgern Dr. Kischs möchte ich nur kurz Dr. Warburg, den unmittelbaren Nachfolger Kisch’s, nennen, sowie eine Reihe anderer Ärzte, die ausser als Hausärzte dem Hospital in uneignütziger Weise gedient haben. (Dr. Guttenberg, Pulvermacher, Meyer Sachs, Jonas Weigert!) Unter allen mit den Krankenhause seit Beginn des 19. Jahrhundert verbunden gewesenen Ärzten ragen zwei besonders hervor: Dr. Elias Henschel und Geheimrat Jonas Grätzer. Ich möchte von der chronologischen Darstellung abweichend hier auf die Lebensgeschichte des Dr. Elias Henschel näher eingehen, da sie seine an Wechselfällen reiche Laufbahn zeigt sowie die Energie, mit der Henschel alle Hindernisse überwand, um sein Ziel zu erreichen. Aus sehr armen Hause stammend — er war geboren am 4. April 1755 — erhielt er entsprechend der damals bei Juden üblichen Erziehungsweise auschliesslich. Unterricht in hebräischer Sprache und im Talmud. Das elterliche Haus wurde streng nach rabbinischem Gesetz geführt; allein schon das Lernen und Verstehen einer anderen Sprache galt als sündhaft. Mit 12 Jahren kam er zu einen Talmud-Lehrer, der ein wenig Deutsch lesen konnte. Auf Bitten des jungen Henschel schrieb der Lehrer ihm das deutsche Alphabet auf und schrieb die hebräischen Buchstaben über die deutschen. Nun begann Henschel versteckt in der Bodenkammer deutsch zu lesen, was ihm in die Hand kam, gleichgültig, ob es alte Zeitungen oder irgend etwas Anderes in deutscher Sprache Gedrucktes war. Mit 13 Jahren wurde er Laufbursche bei einer Firma, in der sein älterer Bruder tätig war. Von seinem dürftigen Gehalt kaufte er gebrauchte deutsche Bücher : Dichter, Philosophen oder Historiker, ein Lehrbuch der Mathemathik, das sein Liebling blieb. Schliesslich begann er im Selbstunterricht Französisch zu lernen. All das musste dem Chef verborgen bleiben. Seine Bücher musste Henschel im Bett verbergen, da der Chef in dessen Hause er wie alle anderen Angestellten wohnte, diese seine Nebenbeschäftigung nicht geduldet hätte. Als sich ihm Möglichkeit bot, Unterricht in französischer Sprache zu erhalten, opferte er die frühen Mergenstunden zwischen 4 und 5 Uhr, um zu vermeiden, dass der Chef von seinem unerlaubten Tun Kenntnis erhielt. Mit 16 Jahren blieb er, nachdem der Chef gestorben war, bei dessen Nachfolger, der es besonders schätzte, dass Henschel deutsch schreiben konnte. Er wurde zuerst mit der Führung der Bücher betraut und schliesslich überliess ihm sein Herr sogar die ganze Geschäftsführung einschliesslich der Kasse. Dieser Aufstieg wurde für ihn zum Verhängnis. BRESLAU Er begann zu spielen, verlor und unterschlug schliesslich 80 Thaler, um Spielschulden zu dekken. Er zahlte zwar seine Schuldsumme durch Lohnabzüge langsam zurück, hörte auf zu spielen, aber das Vertrauen war nun einmal erschüttert. Er durfte zwar seine bisherige Tätigkeit weiter ausüben, die Verwaltung der Kasse aber wurde ihm entzogen. Er gab, als alle Bemühungen, das alte Verhältnis zu seinen Herrn wiederherzustellen, vergeblich waren, nach völliger Abzahlung seiner Schuld seine Stellung auf. Ohne wesentliche Geldmittel in der Hand zu haben wollte er sich durch Hausieren ernähren. Da hörte er, dass der Oberinstitutsarzt des jüdischen Krankenhauses Dr. Warburg einen Bedienten suche. Da er hoffte durch Verkehr mit einem akademisch gebildeten Manne seinen Wissensdurst befriedigen zu können, meldete er sich für die Stelle bei Dr. Warburg. Es klingt wie eine Ironie des Schicksals, dass er, der später Nachfolger Warburgs wurde, in seiner neuen Stellung nicht nur alle Hausarbeiten machen sondern auch die Locken — Perücke Warburgs frisieren musste. Sein Monatsgehalt in dieser Stellung betrug vier Thaler. Ausser den eben genannten Funktionen hatte er auch auf Anweisung Warburgs die Medikamente für das Krankenhaus zusammenzustellen. Das ihm hierfür zur Verfügung stehende “Dispensatorium” (Rezeptbuch) brachte ihn auf die Idee lateinisch zu lernen. Für sechs Silbergroschen wöchentlich unterrichtete ihn ein Gymnasiast in dieser Sprache. Seine Arbeit als Apothekengehilfe befriedigte Dr. Warburg so, dass er ihm schliesslich die Apotheke ganz überliess. Im Vertrauen auf seine guten Leistungen bat Henschel nach zwei Jahren um eine Gehaltserhöhung. Warburgs Antwort war: "Er kann ziehen; ich kann einen gelehrten Bedienten nicht gebrauchen”. Immerhin überliess er Henschel die Besorgung der Arzneimittel. Seinen Unterhalt bestritt H. durch Unterricht in deutscher Sprache. Nach einem missglückten Versuch sich wieder kaufmännisch zu betätigen hörte er., dass ein Graf Potocky einen Kammerdiener suche. Während er vor Antritt seiner Stellung bei Dr. Warburg hatte frisieren lernen müssen, verlangte sein neuer Herr, der viel reiste, von ihm Beherrschung kleiner chirurgischer Eingriffe wie Schröpfen, Aderlässen, Oeffnen eines Abszesses etc. Diese Handgriffe sollte er bei dem städtischen Wundarzt erlernen, der zugleich am jüdischen Krankenhause die Funktion ausübte. Wundärzte oder Chirurgen waren damals nicht approbierte Mediziner, sie stellten eine Mittelstufe zwischen Krankenwärter und Arzt dar. Immerhin war Henschel von der Beschäftigung mit kleinen chirurgischen Eingriffen so begeistert, dass er beschloss nicht Kammerdiener, sondern Wundarzt zu werden. Für die Ausübung diese Berufes waren gewisse anatomische Kenntnisse Vorbedingung. Auf Fürsprache von Dr. Warburg liess der Anatom der Universität Professor Morgenbesser ihn zu seinen Vorlesungen und schliesslich sogar zu den Sezierübungen zu. Morgenbesser war von der Persönlichkeit Henschels und seiner grossen allgemeinen Bildung so beeindruckt .dass er ihm eines Tages sagte : “Warum wollen Sie denn aber Wundarzt werden?” Studieren Sie doch Medizin. Um ihm den Lebensunterhalt während des Studiums zu garantieren, verschaffte Morgenbesser ihm von wohhabenden jüdischen Bürgern eine monatliche Unterstützung von 12 Thalern für die Dauer der Studienzeit. Schon nach wenigen Monaten seines Studiums der Anatomie zeigte Henschel solche 2