Mannheim
Compact Memory

Yediʿot shel Irgun ʿOle Breslau be-Yiśraʾel · 1965-09-01 · No. 17-18 (September 1965) · p. Seite 5

Scan of the page
Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Yediʿot shel Irgun ʿOle Breslau be-Yiśraʾel
Volume
1965
Issue
No. 17-18 (September 1965)
Date
1965-09-01
Page
Seite 5 (sequence 3079)
Language
German
Belongs to
journal issue
OCR quality
91% known words query
IRI
…/7411685-7413082-7413104--0131-7413109
Visual Library
page viewer of the UB Frankfurt

Mentioned entities

OCR text

4 entity mentions

tur und Kunstgeschichten zu einer paradoxen „Klassik” zu erheben. Meidner passt auch so schön in die Reihe der expressionistischen Doppelbegabungen, die ein Kennzeichen des „totalen” Expressionismus ist und zu denen neben ihm Franz Marc, Wassili Kandinsky, Ernst Barlach, Oskar Kokoschka gehören. Eigentlich ist auch der rein malerische und besonders der graphische Expressionismus ganz im Gegensatz zum Impressionismus, Rückkehr zur Vorherrschaft der Literatur. Auch das ist schon von einem der ersten Kritiker Meidners, Lothar Brieger, erkannt worden. Die Affinität Meidners zur Literatur zeigt sich nicht nur in seinem Kriegs-Durchbruch zur Prosa-Dichtung, seinem intimen Verkehr und bewundernder Anrufung der Dichter, sondern auch in seiner Sammler-Besessenheit, so viele von den Literaten wie möglich aufs Papier, Leinwand und Zinkplatte zu „werfen”. Meidner ist so zum „Pictographen” des deutschen Expressionismus geworden, übrigens ist er ein wahrhaft grossartiger Chronist, so in der Rohrfederzeichnung des Malers und Graphikers Konrad Felixmüller, des ihm künstlerisch sehr nahesthenden Sachsen, psychologisch tief schürfend im Gemälde des zart-dekadenten Willi Zierath, so hiess er wirklich, mitleidlos und mitleidsvoll zugleich in den verschiedenen Gemälden und Graphiken, die unserm Max Hermann-Neise gewidmet sind. Meidner ist ein Zeichner von Gottes Gnaden! Er ist dies trotz verschwenderisch dicken Pigment-Auftrags eigentlich auch in seinen ölbüdern. Als Colorist ist er in der Dekade 1912-22 entweder schmutzig-neutral, graugrün und' graubraun — er hat das einmal auf die Kleinstadt- Atmosphäre Bernstadts zurückgeführt — oder elektrisch-blau, blutig-rot, wie es einem Revoluzzer und Untergangspropheten zukommt. Beide Farbskalen sind combiniert in seinem grossangelegten „Barrikadenkampf” (1913), das in der Figur des voranstürmenden Standarten- Trägers in der Nachfolge von Delacroix und Daumier concipiert ist. Das Bild ist „unbezeichnet”, aber weist als eine Art Signatur den verängstigten Kopf seines Schöpfers auf, direkt rechts unter dem heldischen Vorkämpfer der „Roten Fahne” geduckt. Nach 1930 weist Meidners Kunst und vor allem seine Maltechnik und Farbengebung eine sehr wesentliche Veränderung auf. Das Porträt des grossen jüdischen Gelehrten, Rabbiners und späteren Führer des deutschen „Rumpf-Judentums D.r Leo Baeck (1931) ist geradezu „peinture”, wenn auch nicht im Sinne des von Meidner alle Zeit sehr bewunderten Manet’s, sondern im Sinne Liebermanns und Meidners schlesischen Landsmanns Eugen Spiro. Das magistrale Selbstporträt von 1937 ist ein wenig den Porträts Corinths ähnlich. Meidner ist durch viele Stile hindurchgegangen, was keinesfalls als Tadel verstanden werden darf. Den Knaben begeisterte die „Gedankenmalerei” Böcklins und Franz von Stucks, dessen ermunternder Brief den Widerstand der besorgten Eltern erweichte, so dass sie den ewigen Quartaner, der grad noch zum Maurer- Lehrling taugte, die Breslauer Kunst-Schule beziehen liessen (1903-05). Dieser Breslauer Jünglingszeit hat Meidner in seiner „Hymne auf den Hellen Tag” bittersüsse von Sehnsucht beschwingte Zeilen gewidmet, die im „Nacken das Sternemeer” erschienen sind. Nach dem enttäuschenden Akademiebetrieb der Zeichenklassen, in denen Meidner trotz seiner später daran geübten Kritik sein stupendes Zeichen-Talent vervollkommen konnte, kam der Impressionismus der Pariser Montmarte-Zeit. „Wir mussten durch das Geflimmer hindurch.” („Hymne auf den Hellen Tag”). Meidner arbeitete zwar gelegentlich an den damals so populären „Akademien” von Julian und Cormon — eine reiche Verwandte hatte ihm dazu das Geld geschickt — aber wichtiger waren die Beziehungen zum Künstlerkreis des Cafe du Dome und vor allem die langen Gespräche mit Modigliani „durch alle Bezirke der Künste lang und breit” (Meidner). Vor Hodler und Munch hatte ihn schon sein Breslauer „Zeichen-Professor” gewarnt, jetzt treten van Gogh und Cezanne, vor allem der ihm Temperament-verwandte van Gogh in seinen Gesichtskreis, aber es bedurfte doch einiger Jahre, bis diese Grossen der Kunst- und Jahrhundertwende mit der explosiven Gewalt einer Droge sich in seiner Kunst auswirkten. Das vollzog sich zwischen 1908 und 1912, den „fürchterlichen" Berliner Hunger-Jahren. Cubismus und Futurismus wurden ihm fraglos durch Walden’s Sturm- Galerie-Ausstellungen von 1911/12 vermittelt und prägten für eine Dekade seinen revolutionären Stil. Für kurze Zeit probiert er es sogar mit der „Neuen Sachlichkeit”. Während der englischen Zeit (1939-53) findet man Anklänge an William Blake und Henry Moors Zeichnungen gespenstiger Subway-Gruppen, Anklänge nur, denn Meidner ist trotz allem Meidner. Als genialer Zeichner darf er sich alles erlauben. Im Grunde ist er ein Naturalist „malgre lui” das wusste Lothar Brieger auch schon. So soll man nicht verdutzt sein, schliesslich auch noch Adolf Stimmungsbilder aus dem Kibbutz Rodges, später Jabne. Anlässlich des Heimganges von Julie Gradenwitz, der Tochter des Posener Oberrabiners Feilchenfeld, den wir in unserer letzten Nummer meldeten, veröffentlichen wir nachstehend einige Erinnerungen aus ihren Briefen, die sie vor 30 Jahren etwas später angesichts ihrer Alijah an ihren Sohn richtete. Die Briefe zeugen von der überaus grossen Bescheidenheit der damaligen Siedler und insbesondere der Briefschreiberin und sollten den heutigen Neusiedlern, deren grosse Ansprüche kaum noch zu befriediegen sind, vor Augen führen, mit welchen Schwierigkeiten die damaligen aus Deutschland vertriebenen Neuankömmlinge zu kämpfen hatten, deren Idealismus erst den Neuaufbau des heutigen Israel ermöglichte, wie es früher auch bei den Chowewe Zion und Biluim der Fall war. Julie Gradenwitz versuchte noch in späteren Jahren Hühner- und Bienenzucht zu lernen, um sich auf Erez Israel vorzubereiten. Dann halbierte sie sozusagen ihre Wohnung in Deutschland, um schon dort an “engere” Verhältnisse gewöhnt zu werden. Im Kibbutz Rodges war sie allen — trotz ihres vorgerückten Alters und ihrer schon damals nachlassenden Sehkraft — ein Vorbild an Arbeitswilligkeit. Aus ihren Briefen: Vor der Alijah : ... "Wenn ihr euch im Kibbuz wohl fühlt, so werden wir es hoffentlich auch. Wir wollen Zusehen, dass wir uns dort etwas nützlich machen können...” Nach der Alijah: ... Wir haben schöne Aussicht auf grüne Felder und schöne Pardessim und ist der Gesamteindruck sehr gut... Ich kann dir gar nicht sagen, wie froh ich bin, dass wir unter so lieben Menschen leben dürfen. Heute ist sehr viel zu tun. Es muss doch alles unter Dach gebracht werden, weil man weiteren Regen befrüchtet. Die Leute in den Strohhäusern sind schlimm dran, so schnell kann man Menzels samtige graphische Brillanz und schlafwandelnde Sicherheit des Strichs in seinem mittleren Werk zu finden. Die schöne Landschafts-Radierung von 1925 ist seinem „Gruss an Schlesien” zur Illustration mitgegeben. Dazu mögen hier Meidners eigne Worte stehen: „Du aber, mittelschlesische Ebene, nimm uns immer wieder an, die wir fern von dir weilen müssen... unser Bestes ist zu aller Zeit eins mit deinem Atem und — dem würzigen Wind. Wenn du im Schimmer und Dunst des Nachmittags in die Weiten strebst, lang hinziehst der zartgetönten Wolken Flur zu windstillen Fernen, wo Polens Lande verdämmern — wenn deine Städtlein in Gebüschen versteckt daliegen und ihre Bahnhofsglocken darüber mit heiterem Läuten verwehen und die Felder nicht leer sind vom versehnten, fahlen Grün des Herbstes, dann sind wir nicht als hastende Wanderer bei dir zu Gaste, sondern als Söhne deiner Wehmut und Träumerei... Alle berühmten Gegenden der Welt mögen ihre Schönheiten behalten, wir aber möchten ihnen nimmer den Vorrang einräumen vor dir.” (Dem gefeierten Jubilar Ludwig Meidner gelten noch nachträglich unsere allerherzlichsten Glückwünsche. Die Red.) die Häuser doch nicht fertig stellen... Nach wunderbaren Tagen trat am Schabbat wieder Sturm und Regen ein. Nach Schabbat um 6 Uhr war ein Freudenfeuer von Kfar Etzion angekündigt, das von hier aus zu sehen war und mit Jubel erwidert wurde. Vorige Woche konnte ich recht viel mitarbeiten, da ein Teil unserer Mädchen auf Aussenarbeit war. Denke dir nur, der Schochet ist neulich aus eigener Initiaetive durch den Weg gewatet, um den Kibbuz nicht ohne Fleisch zu lassen. Heute ist ein Chawer mit 2 Pferden hinunter und hat ihn auf diesem Wege abgeholt, so dass sie beide reitend herkommen konnten. Unsere beiden Traktoren sind kurz vor Schabbath stecken geblieben und konnten erst gestern früh herausgeholt werden. Dies erforderte auch wieder eine extra Schmira über Schabbath im Regen.Ich stehe jeden Tag um 4 Uhr auf ausser Schabbath. Wir machen erst alles in Ordnung und um 5Vt betet man. Dieser Tage jährt sich wieder der Tag, an dem wir vor 3 Jahren nach Rodges kamen, wie wunderbar hat uns Haschern Jisborech geführt. Am Schabbath Vormittag bewunderten wir die Lulim mit den Masthühnern, Hähnen und Kühen, eine grossartige Aufzucht. Wir gemessen mit immer grösserer Freude die vielen Schönheiten und die grosse Liebenswürdigkeit, die uns von so vielen Seiten entgegengebracht wird. In der Nacht zu Montag ist unsere Achtzigjährige dahin gegangen. Gestern wurde nun auf einem Stück Feld mit diesem ersten Grab ein Friedhof eingeweiht. Von Freunden getragen, von Freunden ein Grab bereitet, von Freunden mit der heiligen Erde zugedeckt, ruht die gute Frau aus.Gestern wütete wieder Sturm, der einen Lift abdeckte, die elektrischen Drähte zerriss und die Werkstätten zum Stillstand brachte_Das Kühlhaus hat sichtbare Fortschritte gemacht, ferner gibt es eine neue Anpflanzung von Rimonim, von denen die älteren Bäumchen schon in Blüte stehen. Die Gerstenernte macht sich auch schon bemerkbar. Es lagern schon eine ganze Anzahl Säcke von dieser wichtigen Frucht in unserem Meschek. Es ist erhebend, wenn man diese fortschreitende Entwicklung sieht. VOR 30 JAHREN 5

Text as recognised by OCR (ABBYY FineReader), without corrections. Entity mentions: TagMe (2021); their positions were matched to this text again.