Mannheim
Compact Memory

Yediʿot shel Irgun ʿOle Breslau be-Yiśraʾel · 1965-09-01 · No. 17-18 (September 1965) · p. Seite 4

Scan of the page
Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Yediʿot shel Irgun ʿOle Breslau be-Yiśraʾel
Volume
1965
Issue
No. 17-18 (September 1965)
Date
1965-09-01
Page
Seite 4 (sequence 3078)
Language
German
Belongs to
journal issue
OCR quality
91% known words query
IRI
…/7411685-7413082-7413104--0130-7413108
Visual Library
page viewer of the UB Frankfurt

Mentioned entities

OCR text

3 entity mentions

Anlässlich seines 65. Geburtstages bringen wir nachstehend die Festbetrachtung, die Ernst Scheyer dem von ihm und uns allen bewunderten Ludwig Meidner zu dessen 80. Geburtstag voriges Jahr veröffentlichte. Man weiss nicht, ob man die künstlerisch-schriftstellerische Leistung Scheyers oder die Persönlichkeit des Künstlers Ludwig Meidners mehr bewundern soll. Glücklich die Landschaft und die Generation, welche sich rühmen kann, solche Gelehrten- und Künstler- Persönlichkeiten herausgestellt — hervorgebracht zu haben! Geben wir Ernst Scheyer selbst das Wort: In der Ludwig-Meidner-Ausstellung der Kunsthandlung Paul Cassirer, Berlin, im Januar 1918, schien zum erstenmal der Expressionismus, dem bisher nur zögernd die Säle des gepflegten, dem Impressionismus geweihten Kunstsalons offengestanden hatten, officiell eingezogen zu sein. Möglich, dass die grimme Zeit, das letzte Jahr des blutigen Krieges, etwas damit zu tun hatte. Die Stimmung einer Zeitwende wurde hier mm auch öffentlich registriert und einer seiner frühen Propheten hatte nach Jahren bitterster Not seinen ersten grossen Erfolg damit — und zu essen. Meidner war damals „eingezogen”; man hatte ihm zur Eröffnung kurzen Urlaub erteilt. Er musste wieder zurück zum Heer, und wenn auch nicht direkt ins Morden, so doch in einen ihm verhassten Dienst, der ihn seit zwei Jahren fast völlig am Malen hinderte. Doch während dieser Zeit, unter den harten Umständen des Soldatenlebens, war er zum Dichter geworden. In einem schmalen Band „Im Nacken das Sternemeer”, der 1918 bei Kurt Wolff, dem spürsinnigen, mutigen Verleger des Expressionismus, erschienen war, „Grüsst der Maler die Dichter” allen voran Alfred Mombert: „Meteor über Gebirgen, so sehr geliebt von mir und gefeiert in manchem Gemälde und vielen tönenden Blättern”. Eines dieser Apotheosen, ein mässig grosses Bild, „An Alfred Mombert, Ein Widmungs-Blatt”, war der Mittelpunkt einer früheren Ausstellung gewesen, die Herwarth Waiden in seiner „Sturm Galerie” schon 1912 dem noch fast unbekannten „Stürmer und Dränger” in der gleichen Stadt bereitet hatte. Es war nach dem Bericht der Augenzeugen wohl das meist diskutierte Werk des damals Achtundzwanzig jährigen. Der badische Dichter, der als alter Mann mit Meidner das Schicksal der Emigration teilen sollte, damals schon ein Vierziger und einer der anerkannten Führer der expressionistischen Dichtung, ist auf dem Meidnerschen Bild wesentlich verjüngt dargestellt, mit kühnen, stark semitischen Zügen, ein bräunlicher Hirtenknabe David. Der Dichter kniet mit blossen Füssen, aber im modernen Stadtanzug, barhaupt auf dem „Gipfel” einer einsamen, felsigen Gebirgswelt. Das Kinn ist in die Hand geschmiegt, der Arm auf das Knie gestützt. Er gleicht einem weltentrückten, meditierenden Einsiedler oder trauernden Jeremias. Die schwarz-samtenen Augen sehen traurig-fragend, sorgend-mahnend auf deti Beschauer. Unten im Flusstal krachen die Bomben, stehen verkohlte Häuser schwarz gegen den Brand-Himmel. Ein hochgestelzter, flussspannender Viadukt — wer denkt da nicht an Grecos „Ansicht von Toledo” —, Mietskasernen in Reihen, ein klotziger Turm, all das taumelt dem Abgrund zu, im trunkenen Geschiebe der Bodenerschütterung. Das Bild, 1912 gemalt, zwei Jahre vor Beginn der Katastrophe in Permanenz und heute leider verschollen, ist „Widmungsblatt’ an den geliebten Dichter, aber auch in gewissem Sinne imaginäres Selbstbildnis — Wunsch-Bildnis Meidners. Die Höhen-Entrückung des Dichters spielt sich vor einer der Vernichtungs- Visionen des Malers ab, wie vor einem unheilschwangeren, dunkleren und doch grellen Vorhang. Eine grössere Anzahl solch „apokalyptischer” Landschaften totalen Untergangs wurden vom Maler im gleichen Jahr geschaffen, bevor es zum Ausbruch des „Grossen Krieges” kam. An anderer Stelle schrieb ich über Meidner: Er ist der Jeremias der Jahre kurz vor dem Beginn des ersten Weltkrieges, und er sitzt, wie dieser, auf den Ruinen während und nach der grossen Zerstörung. Wie kam der kleine Mann aus Bernstadt bei Öls in Schlesien, der oft unter seiner ungenialischen Erscheinung litt und der sie darum gern clownisch karikierte mit irrem Grinsen und komischen Hütchen auf der frühen Glatze, wie kam dieser „Provinziale” aus dem elterlichen Schnittwaren-Laden am Markt zur Gabe des Sehertums, der Ekstase, der Entrückung? Die mögliche Antwort lautet: Aus der grossen Spannung der Komponenten, die ihm von Geburt an mitgegeben und in einem Wanderleben noch gesteigert worden waren. Schlesier und Jude, naturnaher Kleinstädter und Gefangener, oft Süchtiger der „siedenden Steinwüsten” der Metropole, demütig bis zur Selbsterniedrigung und selbstbewusst aufbegehrend, gläubig und imgläubig, Schalk und Weiser, oft so schonungslos-exhibitionistisch ehrlich gegen sich selber und doch nicht ohne die Pose des Selbstgenusses und des Komödiantentums, pfifig-gewitzt und pathetisch-ernst! Die Antinomieen liessen sich fortsetzen in die tiefsten und geheimsten Bereiche des Erlebens und Fühlens im Sinne von Wahrheitssuche und Illusion. Das gehört alles zum Bilde des wirklichen Menschen: Ludwig Meidner, der sich schon in jüngeren Jahren zuweilen selbst zur „Heiligen-Legende” wurde. Seine schlesische Heimat hat er uns geschildert mit Liebe und Wärme, mit der Sprach- Zauberei, die ein Sehnsuchtsbild aufsteigen lässt, aber auch mit einem Verismus, der das Trostlose der Zuckerrüben- und Kartoffellandschaft des östlichen Mittel-Schlesien, den faulen Geruch mancher krummen Strasse, den muffigen im Kellergewölbe des Elternhauses nicht unterschlägt. Diese „Gruss an Schlesien” ist zu seinen Ehren nach der Rückkehr aus dem englischen Exil bereits abgedruckt und daraus zitiert worden. In einem Brief an den Vorstand des Künstlerbundes Schlesien aus dem Jahre 1929 aus Meidners Sauren-Gurken-Zeit — macht er sich sehr klein: „Dem Edelmut und der Grosszügigkeit des Schlesischen Künstlerbundes ist es zu danken, dass meine nicht sehr bedeutende Person in diesem erlauchten Kreis hoher Schöpfer und Genien zugelassen ward, denn, obgleich ich mit Fug und Recht mich zu den Schlesiern rechnen darf, insofern als meine Väter, Vorväter und ich selber an den östlichen Ausläufern des sogenannten Katzengebirges, am rechten Ufer des Weidestroms das Licht der Welt erblickt haben und den grössten Teil ihres Lebens dortselbst verbrachten, so möchte ich dennoch nicht in vieler Hinsicht für mich das Recht in Anspruch nehmen, ein Schöpfer zu heissen, denn solch einem kommt doch stets ein umfassendes Können, Ursprünglichkeit, Phantasie, Formungskraft und Persönlichkeit zu, während mir selber nur die mittleren Grade jener Eigenschaften zuteil wurden, und wenn in meiner Kindheit zu Bernstadt, meine Eltern mir dringend abrieten, den Malerberuf zu ergreifen, so hat mich vor fünfundzwanzig Jahren, zu Breslau auf der damaligen Kunstschule, mein Zeichen-Professor gewarnt vor solchen Verführern wie Holder und Munch, einen Rat, den ich späterhin freilich in den Wind schlug, was mir auch, wie sich bald zeigen sollte, nicht zum Heil gereichte. Denn kaum war ich flügge, als ich mich dem damals anbrechenden Expressionismus sozusagen in die Arme schmiss und ihn derart unbeherrscht übte, dass mir alsbald der Spottname „der Ekstatiker” zuteil ward. Als solcher ging ich mehr als zehn Jahre lang etwas unsicher, taumelig und zugleich unverschämt durchs Leben...” Sicher ist hier viel Selbstverspottung, eine Art imverschämter Bescheidenheit, mit im Spiele, die sich über die „Grossherzigkeit” der daheim Gebliebenen lustig macht, aber das „Klein-machen” ist auch eine Art Selbst-Gericht, abgehalten in der Narrenkappe. Da sich Meidner seiner Grenzen als Mensch, Maler und Dichter bewusst war und ist, soll der Chronist und Gratulant auch nicht in der Fest-Vorstimmung des „Achtzigsten” darüber hinausgehen. Meidners Bedeutung liegt jetzt in seiner historischen Sendung und Position in der Entwicklung des deutschen Expressionismus. In Amerika, aber auch schon frühzeitig in der deutschen Kunstkritik, ist er als vollgültiges, hundertprozentiges Schul-Beispiel dieser Stil- Marke registriert worden, das heisst „ohne Ausnahme”. In dieser Registrierung liegt Grund zur Bewunderung: einer der Frühen, einer der sensitiven Antennen des Kommenden, aber auch Grund zur Vorsicht, denn wie er es selbst sagte, er „schmiss sich” auf den neuen Stil, den er „unverschämt” praktizierte, als ob das geradezu ein Buben- und Schülerstreich, eine Art „jocus” gewesen wäre. In der Tat, in historischer Sicht ist Expressionismus in Kunst und Literatur eine „Jugend- Bewegung”. Es ist ein Protest der Künstler- Jugend gegen den Wilhelminischen Staat, Kirche, offizielle Kunst, alle Begrenzungen, und in der Todes- und Zerstörungssucht so mancher ein Protest gegen das Leben selbst. Andern wieder schäumt das Leben aus vollen Pokalen, und selbst Krieg ist Wollust. Es war eine „Jugend-Krankheit” der deutschen Moderne, die durchlebt und erlitten werden musste, um später vielleicht erwachsen zu sein. „Sub specie historiae” sind solche Ausbrüche kulturmorphologisch notwendig und für den Historiker faszinierend. Wir haben nun genug Abstand, um selbst die Wildheit, selbst die Schwäschen mit einer Art Ehrfurcht zu „klassi”-fizieren, das heisst, diese durch unsere Bewunderung in retrospektiven, umfassenden Ausstellungen, Neudrucken, Kapiteln in Literai 3 ◄ Gihr> MAN SPRICHT DAVON NOCH VIELE JAHR, WIE SCHÖN DAS FEST BEI „TCHELET" WAR. TEL AVIV Tel. 2 2 0545 59, Sheinkin Str. ► t t 1

Text as recognised by OCR (ABBYY FineReader), without corrections. Entity mentions: TagMe (2021); their positions were matched to this text again.