Yediʿot shel Irgun ʿOle Breslau be-Yiśraʾel
- Journal
- Yediʿot shel Irgun ʿOle Breslau be-Yiśraʾel
- Volume
- 1965
- Issue
- No. 14-15 (März 1965)
- Date
- 1965-03-01
- Page
- Seite 2 (sequence 2)
- Language
- German
- Belongs to
- journal issue
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WALTER LAQUEUR Heute in Ich bemühe mich nicht sonderlich, meine Gesprächspartner in Breslau (Wroclaw) wissen zu lassen, dass ich in dieser Stadt aufgewachsen war. Denn darauf folgte dann die unvermeidliche Frage : „Und wie gefällt Ihnen unsere Stadt heute?” Diese Frage trachtete ich zu vermeiden, da die Antwort voraussetzte, dass ich nicht nur verschiedene politische Regime, sondern auch zwei Völker und Kulturen verglich und dann Werturteile fällte. Breslau war nicht nur eine grössere Stadt als „Wroclaw”, es war auch geordneter, wohlhabender, es hatte eine eigene Physiognomie. Nim kann man zweifellos die finsteren Typen, die heute am Blücherplatz herumlungern, mit der örtlichen Intelligenz im Jahre 1910 (oder 1930?) vergleichen, die sich im Cafe Fahrig nach einem Abend in der Oper traf, daraus folgt dann, dass deutsche Kultur und Ordnung der polnischen Wirtschaft turmhoch überlegen sind. Derartige Vergleiche sind ziemlich unsinnig, denn das Problem ist komplizierter. Breslau bedeutete ja nicht nur Ordnung, efficiency, Kultur. Ich las neulich, dass der Sprecher einer der schlesischen Vertriebenengruppen erklärt hat, die meisten seiner Landsleute, die heute das polnische Schlesien besuchen, seien nicht fähig, irgendwelche Vergleiche zu ziehen, da sie das alte Breslau nicht gekannt hätten. Das mag wohl sein, aber welches alte „Breslau” dürfte er wohl im Sinn gehabt haben? Hat er das Johannisfest gemeint oder auch das Fallbeil im Gestapogefängnis; erinnerte er sich an den frenetischen Applaus, als Hitler zum deutschen Turnfest kam? Oder vielleicht an die Studentenunruhen im Jahre 1932/33, die „undeutsche Professoren” richteten? Die Liste ist lang und nicht sehr erbaulich. Man könnte antworten, es handle sich um einen Irrweg der deutschen Geschichte, und die deutsche Geschichte beginne weder mit Hitler noch ende sie mit ihm. Das lässt sich nicht bestreiten, aber ebensowenig lassen sich diese Periode und ihre Folgen ungeschehen machen. Ich wollte mir ein Bild von dem neuen Breslau verschaffen und hatte mir schon in Warschau einige Literatur über das Thema gekauft; so den Stadtplan von 1956, den Plan für die Entwicklung von Wroclaw, der 1961 veröffentlicht wurde, und Irene Tumaus Studie über die soziale Zusammensetzung der Einwohnerschaft der Stadt. Diese Bücher und Artikel helfen einem, das neue Breslau zu verstehen, aber nur bis zu einem gewissen Punkt, denn die kulturellen und sozialen Unterschiede zwischen den „Planem” und grossen Teilen der Bevölkerung sind erheblich, die Distanz zwischen der Wirklichkeit von heute und den Plänen für das Wroclaw der achtziger Jahre ist so gross, dass viel Phantasie und guter Wille dazugehören, sich das alles vorzustellen. Die Lage hat sich in den letzten Jahren wesentlich gebessert. Anfang der fünfziger Jahre muss es schauerlich gewesen sein, auch die eifrigsten Lokalpatrioten verhehlen das nicht. Der Aufbau der Stadt hatte kaum begonnen, aber eine' örtliche Unterwelt hatte sich Breslau bereits gebildet, abends konnte man kaum ausgehen, die allgemeine Stimmung war gedrückt, wenn nicht verzweifelt. Seit dem Oktober 1956 sind grosse Änderungen eingetreten; Grund dafür waren die allgemeinen Reformen in Polen und eine fähigere örtliche Führung. Alle sind sich darin einig, dass sowohl Matwin, der Wroclawer Parteisekretär, als auch Iwaskiewicz, früher Mathematikprofessor und jetzt Bürgermeister der Stadt, viel für die Stadt und ihre Bevölkerung getan haben, und dass sie weniger selbstherrlich regieren, als es heutzutage in Osteuropa häufig der Fall ist. Beide sind zweifellos populär. Breslau hat heute wieder 450 000 Einwohner, 1965 werden es vielleicht schon 500 000 sein und dem Plan zufolge 700 000 im Jahre 1985. Das Rathaus, dieses Denkmal gotischer Baukunst, und die Patrizierhäuser auf der Nord- und Westseite sind im alten Stil wiederaufgebaut worden. Es gibt heute 30 Buchläden in Breslau, 27 Apotheken, 23 Kinos, sechs Theater (wovon 90 Prozent in Privatbesitz sind); eine Reihe Läden sind gleichfalls noch in privaten Händen und auch etwa 15 Prozent der kleineren Werkstätten. In den Kinos kann man Filme aus aller Welt sehen, und das Zeichen von Zorro auf der Tür des Rathauses verrät, wie weit die westliche Zivilisation bereits wieder vorgedrungen ist. 37 Prozent der Bevölkerung von Breslau sind in Industrie und Manufaktur beschäftigt; das spezifische Gewicht der Maschinenindustrie hat, im Vergleich mit 1939, zugenommen, das der Textilindustrie ist zurückgegangen. Man fährt immer noch mit der lauten und nicht sehr schnellen Strassenbahn, und das wird sich kaum ändern. Ich bin kein Stadtplaner, mir scheint aber, dass es da in ein paar Jahren Schwierigkeiten geben wird. Wer kann, bemüht sich, aus der Innenstadt in die Vororte hinauszuziehen; viele Intellektuelle wohnen in Buskupin (Bischofswalde) und in Oporow (Opperau). Es gibt Museen, Milchbars und einige sehr grosse und immer volle Cafes um den Kosciuszko- (Tauentzien-) Platz. Dort kann man auch die letzten Ausgaben der “New York Times” und der “Herald Tribüne” (natürlich auch der „Prawda”) im „Internationalen Zeitungs- und Buchklub” kaufen; bundesdeutsche Zeitungen gibt es allerdings nicht. Tankstellen findet man vorläufig nur mit einiger Mühe. Der Plan für den Wiederaufbau von Breslau sieht vor, dass während der nächsten zwei bis drei Jahre in den völlig verwüsteten Gegenden südlich der Gartenstrasse wieder Wohnviertel entstehen; Powstancev Slankich I und II heisst die Gegend heute, nach den polnischen Aufständlischen in Schlesien im Jahre 1919/20. Ich sah dort, wo einmal die Viktoriastrasse war, Vermesser arbeiten; an dieser Strassenecke trafen sich, glaube ich, die deutschen und sowjetischen Parlamentäre bei der Kapitulation im Mai 1945. Es gibt viele Schulen; das polnische Schlesien ist demographisch ein sehr junges Land; man zählt heute schon mehr Schulkinder in „Wroclaw” als in dem grösseren Breslau von 1939. C5k» — SCHNELLSTE ÜBERWEISUNG IHRER GELDER aus Deutschland und Österreich in direkten Verrechungsverkehr . KUPATH-MILWE -HAOLEHf COOPERATIVE SOCIETY LTD. All das hört sich nicht schlecht an, wenn man bedenkt, dass die Polen im Jahre 1945 am Nullpunkt begannen. Sie wollen nicht nur ihr eigenes Leben erträglicher gestalten, sondern den Deutschen beweisen, dass sie ebensogut eine Stadt aufbauen können wie die Nachbarn im Westen. Dabei werden sie fraglos durch ein politisches System gehindert, das selbst in seiner milderen, polnischen Variante dem Individuum nur wenig Verantwortung und Initiative lässt und daher das Potential nicht voll ausnutzen kann. Abgesehen davon stört der heterogene Charakter der Stadtbevölkerung; viele der Zuwanderer aus dem Osten besitzen noch nicht die notwendige Reife, sich um öffentliche Dinge zu kümmern. Es ist wahrscheinlich heute die vordringlichste Aufgabe der polnischen Behörde, die Bevölkerung zu erziehen. Die Schwierigkeiten, die diese Menschen aus dem Osten bei der Einordnung in das zwanzigste Jahrhundert haben — die Soziologen nennen das Akkulturation —, werden von den Polen keineswegs verschwiegen. Es ist unmöglich, die heutige Bevölkerung Breslaus auf einen gemeinsamen Nenner zu bringen. Da gibt es die vielen intelligenten und lebhaften Studenten (mehr als 12 000); sie unterscheiden sich kaum von Kommilitonen in anderen Teilen der Welt. Sie haben wenig zu tun mit den Typen von den Bars auf der Ulice Swierczeskiego (Gartenstr.); in manchen amerikanischen Städten mag es um die Jahrhundertwende ähnlich ausgesehen haben. Die Zeit mag das Ihre tun; Breslau wird wohl eines Tages als moderne Grossstadt wiederaufstehen und auch ein eigenes Gesicht haben. (Aus Walter Laqueur: HEIMKEHR — Reisen in die Vergangenheit, etwa 160 S., Propyläen Verlag Berlin, 12,80 DM. Wir behalten 'uns vor weitere Auszüge mit Erlaubnis des Verfassers und des Propyläen-Verlages, Berlin, der die schönen Erinnerungen an Breslau von Professor Laqueur herausgegeben hat, in unseren nächsten Nummern zu bringen und sind sicher, dass viele ehemalige Breslauer sich schon inzwischen das Buch kommen lassen werden. Unsere Mitglieder erhalten das Buch sowie sämtliche von uns besprochene Breslauer und Schlesische Literatur zum ermässigten Preise.) Wta>E» Forderung vom Np^STRlE UNO .Handwerk INVESTITIONEN WERTPAPIERE RR55C0 0513 RASSCO-EIN FAKTOR IN ISRAELS WIRTSCHAFT initiative- 2