Yediʿot shel Irgun ʿOle Breslau be-Yiśraʾel
- Journal
- Yediʿot shel Irgun ʿOle Breslau be-Yiśraʾel
- Volume
- 1964
- Issue
- No. 12-13 (1964)
- Date
- 1964-01-01
- Page
- Seite 7 (sequence 7)
- Language
- German
- Belongs to
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Hermann Stehr 1864—1964 Zum 100. Geburtstag Um es gleich vorweg zu sagen: Hermann Stehr war ein Gttsucher — und er hat seinen Gtt gefunden. Es ist immer wieder erstaunlich, man möchte sagen eine Offenbarung, wenn man sieht, wie sich ein Genie trotz aller Widerstände, die sich ihm entgegen stellen, Bahn bricht und durchsetzt. Man kann gerade bei Stehr beobachten, wie das Gttliche im Menschen — seine Seele — zu Gtt dem Allmächtigen, von dem sie stammt, strebt und immer wieder versucht, Ihn, den Schöpfer des Alls, den Vater aller Menschen zu begreifen und zu ergründen. Hier finden wir das Gttlich-Seeliche in nuce vor uns ausgebreitet, und wir stehen in Andacht vor der Schöpfung des Alls, vor der Liebe zu Gtt, die auf uns zurückstrahlt und das sich immer wieder offenbarende Genie, in dem wir den gttlichen Funken erkennen, bewundern lässt. Hermann Stehrs gesamtes Schaffen ringt immer wieder um das Problem der Gerechtigkeit und Gnade, — schreibt Professor Ernst Alker (Universität Freiburg Schweiz) in dem Einleitungsaufsatz zu dem ausgezeichneten Gedenkbuch: Hermann Stehr Schlesier, Deutscher und Europäer*. Wir wollen nicht in den gleichen Fehler verfallen, den wir unseren Unterdrückern und Gegnern vorwerfen, wenn sie sagen “die” Juden und Einzellaster ver allgemeinem. Es ist richtig, dass in der finstersten Zeit des deutschen Volkes, den Jahren 1933-45 das ganze Volk mit wenigen Ausnahmen in einem Sumpf der Vertierheit versunken war und sich damit selbst aus dem Kreis der Kulturvölker ausgeschieden hat. Aber Stehr gehörte eben zu den wenigen Ausnahmen, und es ist typisch, dass er von Juden sozusagen entdeckt wurde. Man kann vielleicht sagen, dass die Förderung, die er gerade von ihnen erhielt die derzeitige Entfaltung seines Genies ermöglichte. Als er noch in jungen Jahren — er war der Sohn eines einfachen Sattlermeisters der Grafschaft Glatz (aus Habelschwerdt) — infolge seiner freiheitlichen Gesinnung von dem damaligen reaktionären Kultursministerium Bosse schikaniert wurde, so dass er manchmal — der Verzweiflung nahe — nicht wusste, wie er von dem kärglichen Gehalt von 90 Mark, das ihm die preussische Regierung gnädigst bewilligte, seine Familie satt bekommen und die dauernden Krankheitskosten für Frau und Kinder bestreiten sollte — da war der einzige Lichtblick seines sorgenvollen Lebens die Anerkennung, die er durch die “Breslauer Dichterschule” erfuhr. Kein Mensch hatte sich des in dem kleinen Gebirgsdorfe als “revolutionär” geächteten Volksschullehrers angenommen. In dieser Not erreichte ihn die Nachricht der "Breslauer Dichterschule”, dass seine ersten Gedichte in den “Monatsblättern” veröffentlicht werden. Man muss selbst schon einmal etwas veröffentlicht haben, um ermessen zu können, welches Sicherheits — und Glücksgefühl einen durchströmt, wenn sich nach jahrelangem vergeblichen Mühen endlich ein kleiner Erfolg einstellt. Und nun gar bei einem von seiner Umwelt nicht nur verkannten sondern geächteten und vom Missgeschick Verfolgten wie Hermann Stehr! Paul Barsch, der selbst “einmal ausgezogen war”, Carl Biberfeld und Adolf Freyhan hatten das Genie in dem Dichter entdeckt — und Stehr war gerettet. Von da an ging es aufwärts. Der nur um einige Jahre ältere Samuel Fischer, der Gründer des später zu so hoher Bedeutung gelangten S. Fischer-Verlag nahm sich seiner an und erkannte ebenfalls das Genie, das sich hier zu entfalten schien. Mit Fischers Schwager, dem langjährigen Lektor des Verlages Moritz Heimann verband ihn sodann eine langjährige Freundschaft wie mit Martin Buber, dessen Sammlung der Reden und Gleichnisse des Tschuang Tse die Brücke der Freundschaft zwischen Stehr und Buber geschlagen hatte, wie Stehrs Schwiegersohn Wilhelm Meridies berichtet. Jetzt war auch Gerhart Hauptmann auf Stehr aufmerksam geworden. Ein Stipendium, das er, Walter Rathenau und Kommerzienrat Deutsch dem Dichter aussetzten, enthob ihn der Sorge ums tägliche Brot. Noch ist in aller Erinnerung Stehrs mannhaftes Auftreten gegen Hitlers Freund, den Polizeipräsidenten von Breslau Heine, das ihn fast ins K. Z. gebracht hätte. Sein Ruf als deutscher und internationaler Dichter war aber bereits so fest gegründet, dass man wohl nicht wagte, sich an ihm zu vergreifen. Aber die an Hitler persönlich gerichtete schwere Anklage Stehrs über das Treiben Heines würdigte Hitler keiner Antwort. So wollen wir anlässlich seines 100. Geburtstages dankbar der Persönlichkeit und des Dichters Hermann Stehrs gedenken. Auch in ihm war der gttüche Funke, den das Genie vor allen anderen Menschen auszeichnet. Er war ein Gttsucher — und er fand seinen Gtt! Dr. Wilhelm Freyhan. * Götlinger Arbeitskreis, Band XXVIII, Holzner-Verlag Würzburg. Herman Stehr und Marie Ohllce Ein Briefwechsel, herausgegeben von Wilhelm Meridies. Beiheft zum Jahrbuch der Schlesischen Friedrich-Wilhelms-Universität, Holzner- Verlag, Würzburg 1963. Die Schlesische Friedrich-Wilhelms-Universität, einstmals zu Breslau, hat ihre Heimstätte verloren, setzt aber ihre Tätigkeit wenigstens teilweise, in Westdeutschland fort und gibt seit 1955 Jahrbücher heraus. Diese sind insbesondere dazu bestimmt, Erinnerungen an die Friedrich-Wilhelms-Universität zu pflegen, welche von Schlesiens Vergangenheit zeugen. Diese Bücher tragen wissenschaftlichen Charakter und befassen sich vor allem mit der schlesischen Landesgeschichte, mit kulturellen schlesischen Leistungen und Überlieferungen mit der Wirtschaft des Landes sowie mit der Universität überhaupt. Da das Material reich haltig zufliesst, werden zu den Jahrbüchern gegebenen Falls auch noch Beihefte gebracht. In Form eines solchen Beiheftes sind auch die Briefe Hermann Stehr — Marie öhlke gebracht, übrigens sind auch einige Schreiben Dr. Alfred öhlkes, dem Gatten von Marie öhlke, in den Briefwechsel eingefügt. Es ist immer interessant, den Werdegang bedeutender Werke, künstlerischer oder anderer Art verfolgen zu können. In diesem Falle erhallten wir einen Einblick in das Schaffen des 1940 verstorbenem Schriftstellers und Dichters Hermann Stehr. Wir werden Zeugen seines Ringens, seines Strebens, seiner inneren Kämpfe, seiner Kämpfe auch mit seinen Stoffen, die er manchmal umgestaltet und wieder umgestaltet, seiner Zweifel, wir erhalten so eine klärende Spiegelung des Werdens in der Seele des Schaffenden. Aber darüber hinaus vermitteln uns die Briefe starke Eindrücke aus dem Leben der Epoche des ersten Drittels unseres Jahrhunderts. Ungewollt, automatisch bieten uns die Briefe Einblicke in die Grundtendenzen der jeweiligen Periode ihrer Abfassung. Wir tauchen ein in die behäbige Behaglichkeit der Jahre vor dem ersten Weltkriege, wir bekommen die Schrecken des ersten Weltkrieges zu spüren, — ist doch auch ein Sohn Hermann Stehrs an der Loretto-Höhe gefallen, — wir werden zurückversetzt in die Tage der Revolution nach dem imglücklichen Ausgang des Krieges, die Deutschland erschütterte, in ihre Hoffnungen, ihr Streben, ihre Ziele, ihre enttäuschenden Effekte, wir erhalten einen Einblick in das deutsche Erschrecken in den Tagen des Friedens vonVersailles. Nicht als ob Stehr ausdrücklich Stellung nimmt, als seelische Begleitmusik tönt alles dieses Werden, Sehnen, Hoffen, Erschrecken, tönt auch die grosse Enttäuschung aus diesen Briefen heraus, Nichts in Stehrs Briefen deutet auf den Nationalsozialismus, in dessen Werdezeit das letzte Jahrzehnt des vorhandenen Briefwechsels fällt. Stehrs Genius wurzelt im tiefsten, idealen, allgemein Menschlichen, nicht im Politischen. Die verhandene Korrespondenz erstreckt sich von 1904-1932. Der Herausgeber ist der Schwiegersohn Stehrs, Gatte seiner Tochter Ursula. Ursula Meridies-Stehr hatte bereits 1947 den Briefwechsel Stehr-Rathenau mit dem Titel "Zwiegespräche über die Zeiten” herausgegeben. In den Briefen Stehr-Öhlke treffen wir die Namen nicht nur vieler weltbekanter Persönlichkeiten, sondern wir stossen auch auf die Namen von Persönlichkeiten mehr lokaler Bedeutung und sicherlich wird der Breslauer und schlesische Leser auch Namen finden, von denen er bereits viel in seiner früheren Welt in Schlesien und Breslau gehört hatte, und die eine oder andere Persönlichkeit wird er vielleicht persönlich kennen. Geschrieben sind die Briefe in schlichtem aber lebendigem, anziehenden Stil, sie lesen sich wie ein fesselnder Roman. Sie betreffen nicht nur literarische Arbeit und Pläne Stehrs sondern auch Alltags-Angelegenheiten wie Reisen, Besuche, Wohnungsfragen etc. Der grösste Teil der veröffentlichten Briefe stammt von Hermann Stehr, viel weniger Briefe von Frau öhlke. Sie zeigen Marie öhlke als geistreiche Briefschreiberin und als gute Hausmutter. Ihr Stil ist schlicht, klar und angenehm. Sie hat ihrer Freundschaft für Stehr in grosszügiger Weise Ausdruck gegeben, so hat sie grosse Teile der Stehrschen Werke aus seiner Handschrift in Maschinenschrift übertragen. Marie öhlke war eine fürsorgliche Gattin und gute Mutter, in der Öffentlichkeit trat sie wenig hervor. Dr. Alfred öhlke war von 1896 an Chefredakteur und später auch Verleger der liberaldemokratischen “Breslauer Zeitung”, eines in jüdischen Kreisen viel gelesenen Blattes von beachtlichem Niveau aber keineswegs eine jüdische Zeitung, wie sie von gegnerischer Seite gelegentlich genannt wurde. Der Name Alfred öhlke (1862—1932) dürfte vielen Breslauern noch in Erinnerung sein. Es verlohnt sich bei dieser Gelegenheit noch einige Worte über ihn zu sagen. Er war Christ, Protestant aus protestantischer Familie, ein durch und durch liberaler Mann und ein entschiedener Gegner des Antisemitismus, den er scharf bekämpfte. Er war auch ein sozial gesinnter Mann, stand aber dem Partei-Sozialismus skeptisch gegenüber und wurde daher nicht nur von rechtsstehender sondern auch von sozialdemokratischer Seite gelegentlich heftig angegriffen. Er war (Schluss Seite 11) 7