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Yediʿot shel Irgun ʿOle Breslau be-Yiśraʾel · 1964-01-01 · No. 12-13 (1964) · p. Seite 3

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Journal
Yediʿot shel Irgun ʿOle Breslau be-Yiśraʾel
Volume
1964
Issue
No. 12-13 (1964)
Date
1964-01-01
Page
Seite 3 (sequence 3)
Language
German
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Professor Ernst Scheyer Bildung in Breslau (Schluss) Die ausgezeichnete "Schlesische Philharmonie” unter der Leitnug eines so feinen Dirigenten wie Professor Georg Dohrn trat erst einige Jahre später während meiner Breslauer Studentenzeit in das Zentrum meiner Musikliebe. Vor allem war es die jährliche Aufführung der Bach’schen Matthäus-Passion um die Osterzeit — oh die wunderbare Altstimme der Durigo! — von der Singakademie und gelegentlich von den Spitzerschen und Plüddemann’schen Chören unterstützt, die mir einen Begriff grosser Musik gaben. Vorher — und das geht noch in die Vor-Kriegs- Jahre zurück — waren es die Südpark-Konzerte zumeist von dem zweiten Dirigenten Hermann Behr, einem Schwager des grossen Pianisten Schnabel, geleitet, die mir den ersten Eindruck von der Grösse der Instrumental- Musik, vor allem der Symphonien von Beethoven, Schubert und Brahms vermittelten. Doch auch hier war es wieder die Atmosphäre der abendlichen Gartenkonzerte im Freien, die Mischung von Ton, Visuellem und Gerüchen, was in der Erinnerung der dort gehörten Musik solch Zauber verlieh. Die Blätter der Parkbäume, die vom Bogenlicht theatralisch angestrahlt und durchfiltert raschelten und rauschten auf dem Südparkteich; wo wir im Winter Schlittschuh liefen, im Sommer ruderten, glitten die Kähne. Fast alle waren mit Lampions geschmückt, die als farbige Kugeln über den glücklichen Paaren leuchteten. Am Ufer, auf den Kieswegen, wandelte die Jugend. Es machte einen sehnsüchtig und verlangend. Kellner huschten umher, so lautlos wie möglich, jonglierten grosse Platten, darauf duftender Kaffee, Speisen und Eier (dies vor allem!). Das leise Klirren des Geschirrs, das leiseste Sprechen wurde mit scharfen Zischen und bösen Blicken gerügt. Schon damals kannte und liebte ich die Verse Christian Morgenstern’s : Wie süss ist alles erste Kennenlernen, Du lebst so lange nur, wie Du entdeckst, Doch sei getrost, unendlich ist der Text Und seine Melodie gewebt aus Sternen! Und der Text blieb unendlich! Nun folgte auch noch in den Primaner-Jahren die Theaterbegeisterung für die Stücke, die im Lobe und Thalia-Theater aufgeführt wurden. Gerhart Hauptmann und noch mehr Wedekind fesselten mich. Oh die süsse arme Wendla in “Frühlings-Erwachen”, die angeblich an der Bleichsucht starb! Dann die emanzipierte Anna Mahr in “Einsame Menschen”. Die Namen der Darsteller habe ich vergessen. Das alberne Anhimmeln überliess ich den Backfischen, nur Gorter’s Leistung im “Fiesko” ist mir in Erinnerung geblieben. Mir ging es um das Stück und den Dichter, und auch hier kam ich von der Atmosphäre, vom Optischen und Akustischen, nicht los. In den "Einsamen Menschen” war mir der einsame Pfiff der Lokomotive vor den Fenstern der Villa im Studierzimmer des Privatgelehrten (oh, ein Privatgelehrter zu sein!) fast wichtiger als die Worte. Die zermürbende Stille sprach deutlicher vom Schicksal als alles Agieren. Das Schaukeln der alten wackligen Droschke, deren schäbige blaue Polster nach Hafer undStall rochen, die den Einsamen zur Tudor-Burg des Hauptbahnhofs brachte, gehörte seit meinem zwanzigsten Jahre zum Lebens-Rhythmus. Regelrechte Auto-Taxis kamen in Breslau erst später auf, jedenfalls erinnere ich mich nicht, sie je als Student benutzt zu haben. Nach fast vertanen zwei Semestern in Breslau, die mit Verbindungswesen und Tanzstundenflirt ausgefüllt waren— aber ich las, ich las — ging ich nach Freiburg i. B., wo ich zu meiner eigenen Überraschung recht glatt meinen Dr. rer. pol. baute. Doch was konnte der Zweiundzwanzig jährige, der schon damals den Musen verhaftet war, damit anfangen? Ich ging nach Wien als Volontär in einem grossen Unternehmen der Holzhandelsbranche mit Wäldern, Sägewerken, Holzstapelplätzen, um mich für den Beruf meines Vaters auch praktisch vorzubereiten, denn während meines Studiums hatten mich nur theoretische Probleme der Volkswirtschaft beschäftigt. Doch um ehrlich zu sein, ich wählte Wien um der Stadt willen, um die Breughels im kunsthistorischen Museum zu studieren und um die Menschen Schnitzlers und Hofmannsthals zu. finden Doch als es Ernst wurde und ich zur praktischen Ausbildung in die Wälder um Poechlam an der Donau “versetzt” wurde, hielt ich es nicht aus. Ich wurde krank, lag im Elternhaus lange herum und dachte — und las. Dann kam die Inflation, ich wurde Angestellter im Ostasien-Kunsthandel in Dresden und begann auch selbst, japanische Holzschnitte zu sammeln. Ich schrieb über “Gespenster und Grotesken im Japanischen Holzschnitt”. Doch all das erschien mir nur als Durchgang, ich wollte mich aus dem Wirrsal retten durch Ziel und ernsthafte Arbeit. So begann ich zum zweiten Male zu studieren, Philosophie, Soziologie^ Ethnologie und endlich Kunstgeschichte. In Heidelberg experimentierte ich noch, in Köln glaubte ich, meinen Weg gefunden zu haben. Nach bestandenem Dr. phil. erhielt ich 1926 eine winzige und leider temporär befristete Stelle an den Kölner Städtischen Sammlungen. Man hatte sich schliesslich freigeschwommen im kulturstolzenWesten; Frankreich, Belgien und vor allem Holland lernte ich damals zum ersten Mal kennen. Meine grosse Liebe zu Holland, seiner Kultur, seinen Menschen hat mich seitdem nie mehr verlassen. Nach Ablauf meiner Kölner Museums- Zeit kehrte ich nach Breslau zurück. Der Anfang in wirtschaftlich schlechten und politisch verhetzten Zeiten war schwer. Im Museumsfach musste ich wieder von unten beginnen. Doch trotz der Kämpfe oder wohl auch gerade der Schwierigkeiten wegen wurde ich erst damals von der alten und neuen Stadt Breslau so richtig durchgebildet und verwuchs mit ihr, die ich früher oft “provinziell” gescholten. Meine Arbeit an den drei Bänden derKunstdenkmäler Breslaus, für die ich die Textilien der Kirchen bearbeitete, lehrten mich so recht die alten Schätze kennen, jeder Winkel der Dom-Insel, das Bischöfliche Palais, die stillen Prälatenhäuser, die alten Kirchen wurden mir vertraut. Meine Arbeit unter den menschlich so noblen feinen Gelehrten Karl Masner und Erich Hintze, deren gemeinsames Werk die “Jahrhundertausstellung” der Knabe einst bewundert hatte, war recht vielseitig. Vom schlesichböhmischen Mittelalter über die österreichische Barock-Periode, galt sie dem Kunsthandwerk, das Friedrich der Grosse gefördert. Ganz am Ende meiner Breslauer Zeit hatte ich auch mein Bureau im Friederizianischen Schloss-Museum, ich glaubte sogar in des König’s Schlaf-Vorzimmer, wo sich der Alte oft mit der bösen Verdauung gequält. So war ich fast Schloss-Herr geworden, der zu den dort abgehaltenen Musik-Festen und Bällen bei Kerzenlicht die Gäste empfing. Daneben ging eine reiche Vortragstätigkeit am Humboldtverein, der Gesellschaft für Vaterländische Kultur, den Museums-Vereinen, dem Rundfunk, vor allem während der letzten Jahre vor der Schliessung an der Staatlichen Kunst-Akademie. Unter der fortschrittlichen und weisen Führung Oskar Molls erlebte die Schule mit solchen Lehrern wie Otto Müller, v. Gosen, Bednorz, Molzahn, Schlemmer und Muche sowie den Architekten Rading nud Scharoun ihre grösste und letzte Blüte. Die Akademie war so recht die Zitadelle des künstlerischen Fortschritts in Breslau. Die letzten Strömungen der modernen Kunst, die von der “Brücke”, dem “Blauen Reiter”, dem “Bauhaus” ausgingen oder gar die Kirnst der französischen Kubisten und Picasso’s hatten nur zögernd unter Heinz Braune im “Bilder- Museum Eingang gefunden. Der im Jahre 1926 noch unter ihm erschienene Katalog erwähnt weder Kandinsky noch Klee, weder Marc noch Feininger, von den modernen Franzosen ganz zu schweigen. Diese, besonders sehr bekannte Matisse, Braque, Leger konnte man nur in der schönen Wohnung des Ehepaares Moll sehen. Die übrigen bekannten Privatsammlungen der Stadt wie die des Inhabers der Firma M. Forell & Co. Carl Sachs (“Gletscher-Sachs”) und von Max Silberberg, die weit über Breslau hinaus berühmt waren, hatten ihre Höhepunkte in den deutschen und französischen Impressionisten und Nach-Impressionisten bis etwa zu van Gogh. Braunes Nachfolger Erich Wiese bemühte sich sehr, hier Wandel zu schaffen. Er beriet jüngere Sammler wie Dr. Littmann, er war die treibende Kraft in einer Vereinigung der Freunde Moderner Kunst, die im Generalkommando Ausstellungen veranstaltete. Ich erinnere mich besonders an eine Kandinsky-Ausstellung . Es darf nicht vergessen werden, dass mich die mit dem Kunstleben Schlesiens im weitesten Sinne verbundenen Menschen mindestens ebenso stark und entscheidend weiterbildeten wie die Kunstwerke und Kunstveranstaltungen. Das Cafe Fahrig am Zwingerplatz, Breslaus Künstler-Cafe im Wiener Stil, verdiente in diesem Zusammenhang ein eigenes Kapitel. Doch ich will mich auf meinen Stammtisch beschränken mit dem lieben Franz Schätzer, dem noch jungen, hochbegabten Geiger, Konzertmeister der Schlesischen Philharmonie, der fast zehn Jahre lang meiner Familie als Hausgenosse angehörte, dessen Freunde, der Bratschist Hermann und seine Frau, die Pianistin, die beide dem Agnetendorfer Hauptmann-Kreis sehr nahe standen, dann derKomponist Karl Sczuka, die Austs (es war die Zeit der “Roten Blusen”), der Journalist Rilla und manche andere. Gelegentlich sah man auch dort die “Prominenten”, die aus Berlin herüberkamen, Klabund und Carola Neher, Max Hermann-Neisse, August Scholtis. Noch seltener tagte die “Scheitniger Republik” mit ihrem Präsidenten Arnold Ulitz da. Scheitnig, das war ein Reich für. sich! Es hatte Sammel-Zentren um die Grüneichener Radrennbahn, die Schweizerei, das Rading’sche Hochhaus, den “Ozeandampfer” der “Wuwa”, wohl auch in Scharouns “Ledigenheim”, das später Hotel wurde. Diese (Schluss Seite 13) 3

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