Yediʿot shel Irgun ʿOle Breslau be-Yiśraʾel
- Journal
- Yediʿot shel Irgun ʿOle Breslau be-Yiśraʾel
- Volume
- 1964
- Issue
- No. 12-13 (1964)
- Date
- 1964-01-01
- Page
- Seite 2 (sequence 2)
- Language
- German
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FERDINAND LASSALLE zum 100. Todestage am 31. August 1964 Am 31. August 1964 sind es 100 Jahre, seit dieser — wohl der bedeutendste Breslauer Jude — einem tragischen Tode zum Opfer gefallen ist. Manche sagen, dass sein Bild in der Geschichte schwankt. Doch haben die neuesten Forschungen ergehen, dass Lassalle eine der bemerkenswertesten politischen Persönlichkeiten seiner Zeit war, der im Gegensatz zu den damaligen Vorkämpfern des Sozialismus Marx und Engels und nicht zuletzt des liberalen Schulze-Delitzsch den Arbeitern nicht nur bessere Lebensbedingungen schaffen wollte (Sch.-D. glaubte das Arbeiter Problem durch Gründung von Genossenschaften der kleinen Gewerbetreibenden lösen zu können), sondern sie durch Herbeiführung des “Allgemeinen gleichen direkten Wahlrechtes” zum gleichberechtigten Staatsbürger erheben wollte. Für Lassalles Weitsicht und seine humanitäre Auffassung des Socialismus ist bezeichnend, dass er nicht den Klassenhass predigte, wie Marx, sondern im Gegenteil eine Versöhnung des Bürgertums mit der Arbeiterschaft herbeiführen wollte. So wurde er nicht zum Begründer des Kommunismus, der sich auf Karl Marx beruft, sondern zum Vorkämpfer des Sozialismus, ja geradezu zum Begründer der deutschen Socialdemkratie, die ohne die Vorarbeit Lassalles und die Schaffung seines “Allgemeinen Deutschen Arbeiter-Vereins” nicht zu denken ist. Auch die heutige “S .P. D.” des Deutschen Bundestages, die “Socialdemokratische Partei Deutschlands” knüpft an die gemässigte versöhnliche Theorie Lassalles und nicht an die radikale der Social/revolutionären Marxisten an. Nicht das kommunistische Manifest von Marx und Engels von 1848, das den bürgerlichen Staat bekämpfte, war die Grundlage, auf der Lassalle aufbaute, sondern durch gegenseitige Verständigung wollte er den Genuss der “Allgemeinen Menschenrechte” allen Bürgern des Staates auf friedlichem Wege mit dem Stimmzettel in der Hand im Rahmen des bestehenden Staates sichern. Dass diese seine Theorie die einzig richtige war, dass ihr die Zukunft gehörte, davon war er so felsenfest überzeugt, dass er seinen Richtern die geradezu visionären Worte ins Gesicht schleuderte, als er sich wenige Wochen vor seinen Tode wegen einer vor vielen Tausenden von Arbeitern gehaltenen Programmrede vor einem Gericht in Düsseldorf zu verantworten hatte : “50 Jahre nach meinem Tode wird man anders denken über diese gewaltige und merkwürdige Kulturbewegung, die ich unter Ihren Augen vollbringe!” Man wird imwillkürlich an Theodor Herzls Worte erinnert, die er unter dem 3. September 1897 in sein Tagebuch eintrug: “In Basel habe ich den Judenstaat gegründet!” dessen Gründung bis fast auf den Tag genau 50 Jahre später am 29. November 1947 von der UNO deklariert wurde. Beiden — Lassalle wie Herzl — war es nicht vergönnt, die Früchte ihres Schaffens zu ernten. Aber beide erlebten das Glück, ihre Saat aufgehen zu sehen. Als Herzl inmitten der Hunderten von Delegierten aus allen Ländern der Welt auf dem von ihm geschaffenen Zionistenkongress jenen profetischen Ausspruch tat, den er dann in sein Tagebuch eintrug, da war er so überzeugt, dass dieses sein Werk vom jüdischen Volk fortgesetzt und dereinst Wirklichkeit werden würde, als ob er es schon jetzt erlebte — und die Vision stand lebendig vor seinem inneren Auge. Und Lassalle? — Er fühlte, dass die Zukunft dem Socialismus gehörte, als er vor Tausenden “seiner” Arbeiter seine wissenschaftlichen Thesen über die Zukunft der Wirtschaft, über die gleichen Rechte aller Menschen entwickelte. Und als der preussische Ministerpräsident Bismarck selbst mit ihm in Verbindung trat und ihn durch einen seiner engsten Mitarbeiter — Lothar Bücher — wissen * * liess, ihn als Bundesgenossen für die damaligen Landtagswahlen im — noch reaktionären — preussischen Staat zu acceptieren — da fühlte er nicht mehr — da wusste auch er, dass der von ihm vorgezeichnete und beschrittene Weg der richtige zur Befreiung der Arbeiter, zur Realisierung des Socialismus war. Und hat Lassalle für uns Juden oder gar für die Breslauer Judenschaft eine besondere Bedeutung? Ja und nein. Wir können gewiss stolz darauf sein, dass dieser einer der grössten Söhne Breslaus aus unserer Mitte hervorgegangen ist. Er war immer ein bewusster Jude und hätte nie die Taufe als Entreebillet zur Europäischen Kultur wie etwa Karl Marx, der schon als Kind getauft und später ein wüster Antisemit wurde, angenommen. Es besteht kein Zweifel, dass das Genie Ferdinand Lassalle angeboren war. Man darf ruhig sagen, dass er nur, weil ihm eben von der Natur der Weg vorgezeichnet, vom göttlichen Schöpfer dieser Genius geschenkt worden, er seine Aufgabe erfüllte... Denn von Hause aus, durch Erziehung als Mensch und als Jude im besondern war nicht die geringste Voraussetzung gegeben, um Ferdinand zu irgend einer grossen Sendung vorzubereiten. Wir lesen in seinem Tagebuche, das er als vierzenjähriger Secundaner mit besonderer Sorgfalt geführt, dass im Lassallschen Elternhause eine wenig sympathische Atmosphäre geherrscht, in der der junge Ferdinand aufwuchs. Der Vater Heymann Lassall — das „e” hat sich Ferdinand während seines Pariser Aufenthaltes zugelegt— war ein wohlhabender Kaufmann, der es durch besondere Rechtlichkeit und Zuverlässigkeit zu einem kleinen Vermögen gebracht hatte. Er war ein seelensguter Mensch, aber nervös und unberechenbar. Durch übertriebene Strenge, Prügel, Ohrfeigen, die er dem bereits weit über sein Alter hinaus entwickelten jungen Mann noch verabreichte, glaubte er ihm seine Jugendsünden, die Ferdinand reichlich auf dem Kerbholz hatte, auszutreiben. Selbst dem traditionell-religiösen Leben völlig entfremdet, versuchte er den Knaben wenigstens für die Predigten des Reformrabbiners Abraham Geiger zu interessieren, natürlich mit zweifelhaftem Ergebnis. Die Mutter war eine Frau, die scheinbar ihre Hauptaufgabe darin erblickte, sich für die abendlichen Soireen, the-dansants vorzubereiten, die im Hause und bei Freunden veranstaltet wurden, und für Konzert — und Theaterabende. Mit Kartenspielen: Ecarte, onze-et-demie, 66 u. a. m. oder im Cafe wurden die Nachmittage verbracht, überdies herrschte im Hause meist eine Spannung, die noch durch die Uneinigkeit der Ehegatten — die Mutter scheint eine sehr rechthaberische Dame gewesen zu sein — erhöht wurde. Dabei waren die Lassalls mit den ersten Breslauer jüdischen Familien verschwägert : mit den Oppenheims, den Friedländers, Barschalls und über die Traubes mit den Orglers, den Bankier Hirscheis (Fliessbachs), Cassirers und Freyhans. Aber es scheint, dass ein solches Leben, wie es Ferdinand in seinem Jugend-Tagebuch schildert, damals zum guten Ton gehörte. In dieser Atmosphäre wuchs der junge Lassall auf. Was Wunder, wenn er, statt seine Schulaufgaben ordnungsgemäss anzufertigen, lieber das Haus verliess, um hinter dem Rücken des Vaters mit erheblich älteren Freunden Billard oder Karten zu spielen, natürlich um Geld, um seine Brieftasche, in der stets Ebbe herrschte aufzufüllen, obwohl ihm die Mutter, die ihn ebenfalls verzog, manchen Dukaten heimlich zusteckte. So kam es, dass er von einem Gymnasium zum anderen wechselte, um schliesslich in Magdeburg und Leipzig in Lehrlingsinstituten zu landen, wo er zum Kaufmann vorgebildet werden sollte, um sich für das väterliche Geschäft vorzubereiten. War dem frühreifen Knaben dunkel bewusst, dass er zum Führer auserkoren — wie aus seinen zahlreichen Aufzeichnungen in seinem Tagebuch hervorgeht — dass er ein Himmelstürmer werden würde, so wurde hier in Leipzig dem kaum Sechzehnjährigen klar, dass nur ein gründliches Wissen die Basis für seine hohe Berufung bilden könne. Die fanatische Leidenschaftlichkeit, von der sein ganzes Leben bis zum unglücklichen Ausgang gekennzeichnet ist, trotzte dem gütigen Vater die Einwilligung ab, sich für den Beruf eines “Vorkämpfers für die Menschenrechte” direct vorzubereiten. Hier brach sein Genius durch Hier wusste er geradezu profetisch um seine Zukunft. Der angeborene Gerechtigkeitssinn, der Fanatismus, mit dem er sich seiner Berufung entgegenwarf, die Beharrlichkeit, mit der er das sich einmal gesteckte Ziel verfolgte, — all dies kennzeichnen die Einzigartigkeit seiner Persönlichkeit. Nur so war er befähigt, seine grosse Aufgabe zu erfüllen. Und er glaubte an seine Berufung von früher Kindheit, an. Obwohl er jeder jüdischen Überlieferung fern stand, besass er einen unerschütterlichen Glauben an Gott, wohl ein unbewusstes Erbteil seiner Grosseltern mütterlichseits. In dem schon erwähnten Tagebuch der Jahre 1840/41 bittet er in jeder Situation, aus der er keinen Ausweg weiss, Gtt möge ihm helfen, die richtigen Entscheidungen zu treffen. Ausser diesem Vertrauen, dass Gtt ihm helfen werde, seine Mission zu erfüllen, ist auch seine grenzenlose Liebe, Verehrung und Dankbarkeit gegenüber dem immer wieder von ihm besänftigten, besonders gütigen Vater hervorzuheben. Ferdinands unerschütterliche Kindesliebe zu ihm wie zu seiner Mutter trotz der häufigen Strafen von Seiten des allzu strengen Vaters kennzeichnen Lassalles wahren Charakter, der trotz mancher Schattenseiten immer wieder in allen Lebenslagen in sehärfsten Umrissen zu Tage tritt. “Weil Gtt mir die Stimme in die Brust gelegt” (er war ein hinreissender Redner), “die mich aufruft zum Kampfe — weil Gtt mir die “Kraft gegeben, die mich Schluss Seite 7 2