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Yediʿot shel Irgun ʿOle Breslau be-Yiśraʾel · 1964-01-01 · No. 10-11 (1964) · p. Seite 6

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Journal
Yediʿot shel Irgun ʿOle Breslau be-Yiśraʾel
Volume
1964
Issue
No. 10-11 (1964)
Date
1964-01-01
Page
Seite 6 (sequence 6)
Language
German
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Dr. PAUL riesenfeld Dcr ^ische Anteil am Breslauer Im Vorwort zu der Meyerbeer-Biographie von Julius Kapp stehen die folgenden Sätze: „Der Jude war nun zwar untergetaucht in den Nationen, mit denen er hauste, ohne dort aber völlig bodenständig geworden zu sein. Innerlich losgelöst von seiner Kultur, war er im Grunde heimatlos, dafür aber befähigt, fremde Kulturen in sich aufzunehmen, sich in erstaunlichem Masse in das Wesen anderer Völker und Menschen einzufühlen. Daher die verblüffende Begabung der Juden zum reproduzierenden Schaffen und die gewaltige Menge aussergewöhnlicher Talente unter ihnen. Das Genie dagegen schafft aus dem Eigensten und giesst, getrieben von einem inneren Zwange, neues Leben in neue Formen. Solches aber ist den Juden verwehrt, nicht etwa wegen Minderwertigkeit ihrer Rasse, sondern als notwendige Fqlge historischen Weltgeschehens”. Gegen diese Thesen dürfte man einwenden, dass auch Völker, die längst so „bodenständig” sind wie die Spanier, Portugiesen, Schweden, Griechen und Amerikaner, keine schöpferischen Musikgenies hervorgebracht haben, nicht einmal einen Felix Mendelssohn, dessen Eigenart manche „vollarische” Komponisten sehr beeinflusst hat. Doch ohne weiteres annehmbar ist ein Zusammenhang der jüdischen Fähigkeit zur kulturellen Assimilation mit der auffällig starken jüdischen Befähigung zu künstlerischen Assimilationen. Das gilt besonders von der Kunst des Schauspielers und des Opernsängers, in ganz verschiedene Rollen „sich einzufühlen”, unterschiedlichen Charakteren „sich anzupassen”, ohne hierbei „artfremd” zu wirken. Ein wichtiges Zeugnis hierfür war die Breslauer Opernbühne, bekanntlich ein „Sprungbrett” für Künstler, die einen internationalen Ruf erlangten. Die Blütezeit des Breslauer Stadttheaters begann mit der Direktion Theodor Löwes,eines jüdischen Akademikers aus Wien, der dort mit einer exakt philosophischen Dissertation den Doktortitel erworben hatte, aber weder im musikalischen noch im dramaturgischen Bereiche ein Fachmann war. Als liebenswürdiger Selbstironiker kokettierte er gern mit der Bemerkung „Sie wissen doch dass ich von Musik nichts verstehe”. Aber schon die Lohengrin-Aufführung, mit der er sich einführte, wurde ein grossartiges Ereignis, dank seiner glücklichen Hand beim Engagement von Künstlern. Jüdisch in seinem Ensemble waren der erste Dirigent Leopold Weintraub und seine Gattin, die zierliche Koloratursängerin Fiora, die hochdramatische Sopranistin Katherina Rosen und ihre Nachfolgerin Verhunk, die stimmlich und körperlich voluminöse Altistin Mary Weiner, der Belcanto-Baritonist Hecker, der Bassbuffo Wilhelmi, der Tenorbuffo Hans Baron und der Tenorheld Schiaffenberg, der kein Geistesheld war und sich immer vor der Entdeckung seiner primitiven Herkunft ängstigte. Ein Gast am Opernstammtisch im Hotel Riegner glaubte, ihm schmeicheln zu können mit der Erklärung „Dass Sie einmal den Florestan mit so grossem Erfolge singen würden wie heute abend, habe ich mir nicht träumen lassen, als Sie vor ein paar Jahren mich in dem Alles zur Pflege Ihrer Füsse Dr. SCHOLL R. 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Er verheimlichte natürlich den Tag, an dem die oft indisponierte Sängerin nochmals bei ihm erscheinen würde, um wieder eine „ihrer Indispositionen treffen zu können”. Noch andere jüdische Opernmitglieder ausser den schon genannten waren damals oder später die „rassige” Dannenberg, die jugendliche Sopranistin Keiler und ihr Gatte Abendroth, der Baritonist Weith, der Bassist Schauer, der Bariton Oster und besonders erwähnenswert Lotte Läufer, die als „Königin der Nacht” das dreigestrichene F so sauber „hinlegte”, wie wenn das eine Bagatelle wäre. Sie steht auch den vielen Besuchern der Orchesterkonzerte in Israel und der Musikabende der jüdischen Kulturbünde in Breslau und Berlin noch in guter Erinnerung. Dr. Löwe entdeckte den jungen Dirigenten Bruno Walter Schlesinger, der auf Wunsch des Direktors den „allzu jüdisch klingenden” Familiennamen ablegte. Als Bruno Walter wurde er weltberühmt. In seinen Lebenserinnerungen gedenkt er unfreundlich seiner Breslauer Anfängerzeit. Die mit Weintraub beginnende Reihe jüdischer Opemkapellmeister wurde fortgesetzt durch Alfred Hertz, der dann in New-York, London und San Francisco grosse Erfolge hatte, durch Prüwer, Mehlich und Markowitz. Der wichtigste infolge seiner jahrelang bewährten Kapellmeisterschaft war Julius Prüwer. Er verstärkte im Ausland die Bedeutung des jüdischen Anteils am Breslauer Musikleben dadurch, dass unter seiner Leitung zum erstenmal „Tristan und Isolde” in Petersburg und mit dem Löweschen Ensemble „Salome” auf einer Tournee aufgeführt wurde. Th. Löwe stieg ein paar Stufen hinunter mit der Übernahme des Theaters, das seinen Namen „Schauspielhaus” behielt, als dort nur noch Operetten von Offenbach, Paul Abraham, Kalman, Jessel und Leo Fall den Spielplan beherrschten. Sein Kapellmeister Rosenberg und mehrere seiner Sänger waren Juden und bestätigten wie die soeben erwähnten Komponisten die Meinung Julius Kapps .dass Israeliten eine besondere Begabung für die komödiantische Parodie der leicht beschwingten „zehnten Muse” haben. Der dritte Nachfolger Löwes im Stadttheater war der menschlich und regietechnisch unerfreuliche jüdische Intendant Turnau, der dann in Frankfurt a.M. sein wankelmütiges Glück versuchte. Der Dirigent des Orchestervereins, wo Prof. Neisser einen grossen Einfluss hatte, war von 1890 bis 1901 Raphael Maszkowski, geboren in Warschau und empfohlen von Brahms, der in den Symphoniekonzerten sein Favorit wurde; aber er hatte auch eine starke Zuneigung zu den damals für revolutionär geltenden Werken von Rieh. Strauss. Gegen die angekündigte Wiederholung der Tondichtung „Tod und Verklärung” wurde in einem Zeitungsinserat protestiert, mit der Begründung: „Wir waren schon in der ersten Aufführung von ‘Tod und Verklärung' halb tot”. Die Gegenerklärung lautete: Musikleben „Wir wünschen eine Wiederholung von ‘Tod und Verklärung’, weil wir schon in der ersten Aufführung haYbverklärt waren”. Der Wunsch der Halbverklärten wurde erfüllt. In der nicht langen Reihe der Gastdirigenten erschienen Gustav Mahler und Otto Klemperer, der wegen seiner der damals modischen „Neuen Sachlichkeit” entsprechenden Auffassung Bachscher und Mozartscher Musik in seiner Vaterstadt Breslau einen ungünstigen Eindruck machte, während Prof. Dr. Georg Dohrn ein Gegner solcher „zeitgemässer” Extravaganzen war. Die „Nichtarier” Maszkowski, Prüwer und Richard Lert hatten einen qualitativ und quantitativ hohen Anteil am Bresläuer Musikleben, und ihn verstärkten viele jüdische Solisten teils in Konzerten des Orchestervereins oder der späteren Schlesischen Philharmonie teils in Engagements der Hainauerschen oder der Hoppeschen Konzertagentur. Wir hörten unter vielen anderen die Geiger J. Joachim. Huberman, Kreisler, Rose, Elman, Flesch, die Violoncellisten Piatigorsky und Feuermann, die Pianisten Schnabel, Godowsky, Moritz Rosenthal, Friedman, Friedberg, Georg Bertram, L. Kreutzer, Joseph Schwarz, Serkin, Clotilde Kleeberg, die Cembalistinnen Landowska und Wertheim, die Sängerinen Frieda Leider, Emmi Leisner, Lotte Leonard (die Mutter des unserem IPO angehörigen Hornisten Wolfgang Lewy), den Bassisten Kipnis, den Tenoristen Rieh. Tauber und den Baritonisten Hermann Schey, der aus der schlesischen Töpferstadt Bunzlau stammte und deshalb Anlass gab zu der Bemerkung „Daraus erklärt sich sein schöner Ton”. Als E. Flügel, der Musikkritiker der „deutschvölkischen” Schlesischen Zeitung, über M. Rosenthal ungüstig geurteilt hatte, veröffentlichte die im Besitze eines jüdischen Verlegers befindliche „Morgenzeitung” ein Gedicht mit den wegen der Vermeidung des richtigen Reimwortes schlagfertig witzig wirkenden Schlussversen „Ja, des Spieles Kunst und Regel kennt nur einer: ’s ist Ernst — Flügel”. Sowohl in dem oft von Dohms Klavierkunst bereicherten Streichquartett im Kammermusiksaal wie im Pozniak-Trio waren zwei Juden ständige Mitglieder, ohne eine Spur von „Artfremdheit” in der Behandlung deutscher Musik erkennen zu lassen. Auch in den von Rosö, A. Busch und Klingler geleiteten Streichquartetten waren die jüdischen Mitglieder den „arischen" künstlerisch vollkommen assimiliert. Alle jene Namen dienen dem Beweise der grossen Bedeutung jüdisch geborener Künstler durch ihre reproduktiven Leistungen im Musikleben der schlesischen Hauptstadt. Es ist eine „sich von selbst verstehende” und darum eine allgemein gültige Feststellung, dass die Schar der produktiven Musiker überall nur ein Grüppchen bildet, das auch in Breslau viel kleiner sein musste als der grosse Kreis der Reproduzenten. Georg Henschel wurde am Breslauer Karlsplatz, also in einem von vielen Juden bewohnten Teile der Stadt, im Jahre 1850 geboren, verbrachte dort seine Jugendjahre und gewann die Grundlagen seiner Ausbildung zu einem hervorragenden Komponisten, Pianisten, Konzertsänger und Dirigenten jüdischer Herkunft. In London war er der Leiter vieler Symphoniekonzerte und Gesangslehrer am dortigen Royal College of Music, wurde 1890 in England naturalisiert und elf Jahre danach sogar geadelt. Er komponierte etliche hoch geschätzte Lieder, die er mit seinem schönen Bariton öffentlich vortrug, die in Dresden uraufgeführte Oper „Nubia”, den 130. Psalm und als Folgen der Assimilation an die christliche Umwelt in England ein Stabat Mater, eine achtstimmige Messe und das hochwertige Requiem, das Prof. Julius Schaffer mit der Bres- 6

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