Mannheim
Compact Memory

Yediʿot shel Irgun ʿOle Breslau be-Yiśraʾel · 1964-01-01 · No. 10-11 (1964) · p. Seite 5

Scan of the page
Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Yediʿot shel Irgun ʿOle Breslau be-Yiśraʾel
Volume
1964
Issue
No. 10-11 (1964)
Date
1964-01-01
Page
Seite 5 (sequence 5)
Language
German
Belongs to
journal issue
OCR quality
96% known words query
IRI
…/7411685-7413052-7497117--0078-7413057
Visual Library
page viewer of the UB Frankfurt

Mentioned entities

OCR text

6 entity mentions

Dr. BERTHA BADT-STRAUSS Philemon und Bauds in der Wallstrasse („Breslauer Profile” V) Anlässlich des Neudruckes seiner Tossephta, der soeben in Jerusalem beim Verlage Wahrmann erschienen ist, bringen wir nachstehend als Nachtrag zu dem von Prof. Guido Kisch herausgegebenen Erinnerungsbuch an das Breslauer Rabbiner-Seminar ein „Gedenkblatt” an den gelehrten Seminar-Rabbiner Dr. Zuckermandl. Eine Besprechung des ausgezeichneten Gedenkbuches, das bei I. C. B. Mohr in Tuebingen erschienen ist, behalten wir uns vor. Als ich im alten Breslau auf wuchs (das damals noch nicht Wroclaw hiess), da war der Stolz des jüdischen Breslau, der Gründer des Jüdischen Theologischen Seminars in der Wall- Strasse, schon längst zu den Vätern ins Reich der Ewigkeit entschwuden; und auch die grosse Mehrzahl der Forscher, die er um sich versammelt hatte, war ihm auf dem Wege in das unbekannte Land gefolgt. Aber hoch oben,, unter dem Dache des Seminars, lebte noch unter dem Schutze der Mora Leipziger-Stiftung ein altes Rabbiner-Ehepaar, das wir Kinder in unserer frischgebackenen Schulweisheit „Philemon und Baucis" nannten, die aber eigentlich Helden des Lebens waren. Das war der gelehrte Rabbiner Dr. Moses Samuel Zuckermandel, der Meister der Tosefta, ein weissbärtiger kleiner Mann mit blauen Kinder-Augen, und seine sorgliche Gattin Elise, die Tochter des Kaufmanns Abraham Rawitz, unseres Urgrossvaters, die von uns Kindern "Tante Lisel” genannt wurde, dieweil sie eine von den Schwestern unserer Grossmutter war, die alle mit klassischen Namen ins Leben traten (Dorothea-Augusta-Charlotte-Therese). Elise (oder Luise) hatte, weil die ältere Schwester Dorothea, eine ganz besonders begabte Jungfrau (ein Spötter nannte sie die Egeria des Direktors Frankel) allzu wählerisch bei der Auswahl eines Freiers gewesen war, geraume Zeit warten müssen, ehe sie mit dem jungen Rabbiner Dr. Zuckermandel unter den Trauhimmel treten konnte. Aber als ihr dann die Würde und Bürde einer Rebbezin zuteil geworden war, da hat sie sich von allem Anfang an als die Heldin des Lebens erwiesen, die eine junge Ehefrau mit einem gelehrten Manne, dessen Wissensdrang grösser war als sein Gehalt, damals sein musste. Während der Gatte kostspielige Reisen nach der Sorbonne in Paris unternahm, weil er dort eine noch unbekannte Handschrift der Tosefta entdeckt hatte, blieb sie mit ihren beiden kleinen Mädchen allein zurück und wusste oft nicht, woher sie das Geld für den Fleischer und Bäcker nehmen sollte. Oft soll sie damals, da sie zu stolz war, um in der Gemeinde als Bettlerin zu gelten, klares Wasser in dem leeren Ofen gekocht haben, damit der Rauch aus dem Schornstein aufsteigen sollte und die Nachbarn nicht merken sollten, dass bei der Frau Rabbiner Schmalhans Küchenmeister war. Allmählich wurden die Finanzen ein wenig mehr stabil. Nach manchem bösen Jahre in Trier, Pasewalk, Gnesen, Märkisch Friedland zog die Familie nach Pieschen in der Provinz Posen, wo ein freundliches Städchen am See gelegen und eine gutwillige Gemeinde den unterdessen bekannt gewordenen Rabbiner aufnahmen und die beiden Töchter eine gute Erziehung erhalten konnten. Paula, die Ältere, heiratete einen braven Kaufmann aus Oberschlesien. Hannah, die Jüngere und Ehrgeizigere, legte ihr Lehrerinnen Examen ab und wurde nach London geschickt, um sich dort fortzubilden. Sie heiratete schliesslich einen Oberkantor in Berlin. Die Eltern aber fanden endlich, nachdem der Rabbiner die Altersgrenze erreicht hatte, ein freundliches Heim im Oberstock des Jüdischen Theologischen Seminars, in der Wall Strasse, wo sie aus der Mora Leipzigerschen Stiftung eine bescheidene Rente erhielten. Der alte Herr konnte seine letzten Jahre in der Seminar-Bibliothek oder im anregenden Gespräch mit den „Talmide-Chachamim” des Seminars zubringen. Unterdessen sorgte die alte Dame dafür, dass ihre drei Stübchen dort oben woHltoetigKeit Wohltätigkeit üben ist ein uraltes, jüdischethisches Gebot, wie wir schon aus dem 15. Kapitel des 5. B.M. ersehen. Gewiss ist in jedem Juden — gleichzeitig welcher religiösen Richtung er angehört — diese Charaktereigenschaft verwurzelt. Es ist daher kein Wunder, dass in allen, selbst den kleinsten Gemeinden Hilfeleistung selbstverständliche Pflicht war. Wer erinnert sich nicht der zahlreichen jüdischen Institutionen, die in mannigfacher Weise Existenzen aufbauen halfen und stützten oder auch seelische Not zu bannen versuchten. Und wenn die Gemeinde zu klein war, um überall helfen zu können, so übernahm ein Einzelner diese religiös menschliche Pflicht, zu der er auch andere anspornte. Ich entsinne mich aus meiner Jugendzeit, wie oft mein Vater am Freitag Abend einen durchreisenden Gelehrten aus der Synagoge in unser Haus als Gast einlud und auch andere Gemeindemitglieder interessierte, den Gast bei seiner Abreise geldlich zu unterstützen. Nicht zu vergessen ist auch die grosse organisierte Hilfe der jüdischen Gemeinden für die nach den Progromen aus Russland geflüchteten Juden im Anfang des Jahrhunderts und die vorbildlich und einzigartige Hilfe der jüdischen Gemeinden in der Nazizeit durch Einführung der „blauen Karte”. Wohl mancher Breslauer erinnert sich der Weltfirma Lippmann Bloch, die ein eigenes Wohlfahrtsbüro besass, das kein Bedürftiger ohne Unterstützung verliess, und wenn ein Rabbiner oder ein anderes angesehenes Gemeindemitglied für jemand um eine Unterstützung bat, wurde nicht nach dem Zweck oder der Person gefragt und jeder Dank mit den Worten abgewiesen: Sie brauchen mir nichts zu erklären, wenn Sie verlangen, so genügt es. Dank lehne ich ab. Ich muss danken, dass Sie mir die Möglichkeit geben, eine Zedaka zu erfüllen. Gar mannigfaltig ist die Möglichkeit, Wohltätigeit zu üben. Es kommt aber auch auf das „W i e” an, man übt nicht vollkommene Wohltätigkeit, wenn man nach aussen hin sich einen Namen macht und vielleicht dann dem Empfänger durch widersinnige Beschränkungen und Verbote die Existenzmöglichkeit beschränkt und so vielleicht — beabsichtigt oder unbeabsichtigt — ihn demütigt. Demütigung kommt nach jüdischer Auffassung einem Morde gleich. Wer nicht in der Lage ist, materielle Hilfe zu leisten, kann Befriedigung darin finden, den körperlich oder seelisch Kranken Trost zu spenden und aufzurichten, wenn nötig durch körperliche Unterstützung oder durch Gesellschaft in der Einsamkeit. Wenn es heisst; Du sollst lieben mit deinem ganzen Vermögen, so heisst dies nach meiner Auffasung nicht: mit deinem ganzen materiellen Vermögen oder Besitz, sondern Vermögen heisst hier: soweit du es vermagst, ohne selbst in Not und Abhängigkeit blitzsauber waren, und dass ihr unterdessen in Gelehrtenkreisen zu einer gewissen Berühmtheit gelangter Gatte die wenigen Leckerbissen bekam, die er sich immer gewünscht hatte und die sie ihm aus Sparsamkeit niemals hatte servieren können. Wenn wir Kinder am Jomtow Nachmittag pflichtmässig von unseren Eltern zur Tante Lisel geschickt wurden, so prägten sich uns zwei Erlebnisse unvergesslich ein: das Eine war der kunstvoll gestickte „Misrach”, eine Handarbeit unserer Urgrossmutter Hannchen Rawitz, ein Nadelgemälde, das „Jerusalem im Strahle der aufgehenden Sonne” zeigte und an der Ostwand des Wohnzimmers hing; und das Andere war eine grosse Büchse voll Zucker-Plätzchen, die im obersten Fache des milchdigen Küchenschrankes stand und die „Aufwartung” für jeden Besuch bildete. zu geraten? Sagt doch Hillel: Wenn ich nicht für mich bin, wer dann? Ausführlich behandelt der Vorsitzende unseres Verbandes dieses Thema in seinem Buche: der Weg zum Judentum im Kapitel „die sittliche Weltordnung”. Wir Breslauer sehen ihn als Vorbild eines uneigennütziges Helfers. So regt er, der junge Achtzigjährige uns immer wieder zur Mitarbeit bei Erfüllung der Aufgaben des Breslauer Verbandes an, um alten Leuten durch Aufnahme in ein Heim einen sorglosen Lebensabend zu verschaffen, durch Suchnotizen in den jährlich mehrmals erscheinenden Mitteilungen des Verbandes Verwandte und Freunde wieder zu finden und zu vereinigen, durch Speisung die Bedürftigen zu unterstützen. Die Tätigkeit des Verbandes hat hauptsächlich und in erster Reihe eine sociale Aufgabe übernommen, daher Verband — verbunden sein im Gegensatz zum Verein, der die Mitglieder vereint zu geselligen und unterhaltsamen Zusammenkünften vereint. Dabei soll allerdings in unserem Verbände auch die Geselligkeit nicht ausser acht gelassen werden, aber nur als Mittel zum Zweck in zweiter Reihe. Die verhältnismässig grosse Anzahl der Mitglieder im Lande und in allen Teilen der Welt, die umfangreiche Correspondence beweist die Richtigkeit des Aufgabenkreises des Verbandes. Wir, die Mitglieder des Verbandes, des Vorstandes und des Aktionscomites können den berechtigten Optimusmus unseres Vorsitzenden nur unterstützen, indem wir das begonnene Werk weiter führen und ausbauen eingedenk der Bedeutung des Wortes Zedaka, das sowohl „Frömmigkeit” als auch „Wohltätigkeit” bedeutet. Dr. Schmerei. DER ZIEGENRÜCKEN (1929) Gar oft gedenk’ ich mit Entzücken Der Stunden auf dem Ziegenrücken Und all der schönen Sommertage, Da wir — entrückt des Alltags Plage — Und frei und ledig aller Sorgen Dem Heut nur lebten, nie dem Morgen. (1939) Die schönen Tage sind verflogen, Grau liegt die Welt, bedeckt, umzogen, Und will uns zwingen, niederdrücken, Da denk’ ich an den Ziegenrücken: Mag uns der Sturm wie ihn umtoben, Den Nacken steif, wir bleiben oben! (1959) Wie weit zurück sind jene Jahre, Darüber wurden weiss die Haare, Doch — neue Heimat bot sich dar. Auch hier, von Feinden rings umgeben, Versuchten wir ein neues Leben Und trotzten wieder der Gefahr, Wir bauen auf und bohren Wasser Und trotzen Wüste, Stein und — Nasser Und lassen uns vom Feind umtoben: Den Nacken steif — wir bleiben oben! M.P. (Israel) 5

Text as recognised by OCR (ABBYY FineReader), without corrections. Entity mentions: TagMe (2021); their positions were matched to this text again.