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Yediʿot shel Irgun ʿOle Breslau be-Yiśraʾel · 1964-01-01 · No. 10-11 (1964) · p. Seite 4

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Journal
Yediʿot shel Irgun ʿOle Breslau be-Yiśraʾel
Volume
1964
Issue
No. 10-11 (1964)
Date
1964-01-01
Page
Seite 4 (sequence 4)
Language
German
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Naturwissenschaften lehrte, dem Gründer und Schutzherrn unseres Biologischen Vereins, wurden wir in die Wunder unserer schlesischen Heimaterde und die grösseren des Kosmos und des Werdens der Pflanzen, der Tiere und des Menschen eingeführt. In geringerem Grade bin ich auch dem Direktor des Gymnasiums Prof. Dr. Franz Wiedemann für unabhängiges Lesen verpflichtet, allerdings meistens, um an „Quellen” heranzukommen, die seiner politischen Einstellung widersprachen. So habe ich damals die Schriften des Breslauers Ferdinand Lassalle gelesen. Vor allem beeeindruckte mich das „Tagebuch des Leipziger Handelsschülers”, in dem sich der junge Mann mit den Zuständen seines häuslichen jüdischen Milieus wie mit seiner Zeit auseinandersetzte, darin dem jungen Heine nicht unähnlich. Jedes Jahr, am Geburtstag Lasalles kamen Deputationen der Breslauer Sozialdemokratischen Partei mit Kränzen aus roten Blumen und Bändern gewunden an unserem Hause vorbei. Das mag mein Interesse an dem Juden Ferdinand Lassalle in der Schule angeregt haben. Das Jahr 1913 war das der grossen historischen Ausstellung zur Jahrhundertfeier der Freiheitskriege. Es war das Jahr vor dem Ausbruch des Ersten Weltkrieges, das letzte Friedensjahr schlechthin! Alles was sich von der Süsse des Lebens vor der Katastrophe in Permanenz in meiner Erinnerung angesammelt hat, ist mit diesem einen Jahr verbunden. Ich war in Tertia, der Stufe, wo man die ersten Schritte ins Erwachsensein macht. Mein Vater hatte mir eine Dauerkarte zur „Historischen” geschenkt. Diese Ausstellung war das Werk der Professoren Karl Masner und Erich Hintze vom Museum für Kunstgewerbe und Altertümer, vom wissenschaftlichen, organisatorischen und ausstellungs-technischen Standpunkt aus gesehen eine Glanzleistung dieser beiden Männer in Professor Hans Poelzigs, des damaligen Direktors der Staatlichen Kunst-Akademie schönen Ausstellungshalle mit der ovalen Kuppel. Uniformen gab es da zu sehen die Fülle, auch die Porträts und die Kutsche Napoleons, die Wiege des Königs von Rom, die Bilder der Helden der Freiheitskriege, selbst einen Mode- und Hutsalon der Empire-Zeit, stilgerecht ausgestattet. Bei meinem Herumstreifen kam ich in einen grossen Raum, wo Bilder hingen, zumeist Landschaften und Interieurs darstellend, und an der Hauptwand, schön in der Mitte, in geschnitztem Original-Rahmen Caspar David Friedrich’s „Kreuz im Gebirge". Es war mein erstes wahrhaftes Erleben der Bildenden Kunst! Das Schlesische Museum der Bildenden Künste bot, bevor es von Professor Heinz Braune und vor allem von Professor Erich Wiese modernisiert wurde — das geschah erst in den zwanziger Jahren —• gar wenig. Die schöne Freitreppe, die in den Kunst-Tempel führte, brachte einen zu Anton v. Werners Glorifizierung des Sieges über die Franzosen im Siebziger Kriege, über die man in der Schule Aufsätze schreiben musste. Nur die Böcklins — meine Eltern hatten gute Reproduktionen seiner Bilder kostbar gerahmt in ihrer Wohnung — und allenfalls der grosse Menzel machte einigen Eindruck. Doch Friedrich, überhaupt die Bilder der deutschen Romantiker, das war eine andere Sache! Dazu gesellte sich wenig später und an benachbarter Stelle das erste grosse dramatische Erlebnis, das „Festspiel in deutschen Reimen”, das eigens Gerhart Hauptmann zur Jahrhundertfeier zur Aufführung in Stadtbaurat Max Berg’s kühner Halle geschrieben hatte. Bei einer der ersten Aufführungen, die ich mit meinen Eltern besuchte, war es überwiegend das farbenreich Optische, das den Knaben beeindruckte. In der Erinnerung geblieben sind die Massenaufzüge der französischen Revolution, die Verspottung des Heiligen Römischen Reiches im Karnevalszug, Napoleon, der bei seinem ersten Auftreten auf der Bühne als Zwölfjähriger, von einer Schauspielerin dar gestellt, den Weltkreisel vor sich hertrieb. Wahrhaft aufregend war auch das Raum-Erlebnis der Halle selbst, wie eine Riesenspinne hing die Kuppel über dem Staunenden. (Das Festspiel von Hauptmann wurde bekanntlich nach wenigen Aufführungen vom Spielplan abgesezt, weil es einem Besucher — dem damaligen deutschen Kronprinz nicht gefiel!) (Anm. d. Red.) In den darauf folgenden Jahren trat allerdings das Interesse am Schauspiel hinter dem an Kunst und Musik zurück. Die Lese-Wut blieb jedoch konstant. Ich klebte viele Hunderte von Reproduktionen aus Zeitschriften und Kalendern sowie Kunst-Postkarten fein säuberlich auf Aktenbögen, beschriftete sie und gründete so mein eigenes Museum, eine Vorschule für den späteren Beruf. Da ich nun auch nach den Zeichnungen Hans Holbein’s d.J. zu zeichnen begann, entdeckte man „Talent”, und der akademische Lehrer Arthur Wasner (geb. 1877), der über uns in dem romantischen Haus mit dem Ritter auf unserem Balkon und den grossen bunten Landschafts-Glasfenstern (Ecke Goethe- und Gutenbergstrasse) wohnte und dort auch in einem grossen Atelier Unterricht erteilte, nahm den Fünfzehnjährigen als Schüler an. Reifere musikbegabte Kameraden führten mich zu Mozart, Richard Strauss, Mussorgski; Figaro, Rosenkavalier, Boris Godunov wurden meine Lieblinge. Ich sah und hörte sie oft und viele andere Opern unter Julius Prüwers Taktstock ausgezeichnet im Breslauer Stadttheater aufgeführt. Die grosse „Löwe-Zeit” war allerdings damals schon vorüber, und die Ein Breslauer Arzt Sanitätsrat Dr. Albert Sachs in Breslau, hat sich schon seit 1891 viele Jahre hindurch mit grösstem Erfolg bpi bestimmten Erkrankungen für die Wasserbehandlung eingesetzt. Er war begeisterter Anhänger der Kaltwasserkuren (Priesnitz, Gräfenberg, Kneipp), er heilte auch Zellgewebeentzündungen (Furunkel, Karbunkel u.ä.) statt mit dem Messer mit warmen Dauerbädern. Dieses Verfahren hat dazu beigetragen, vielen Menschen ihre Gliedmassen zu retten. Es verhindert auch — allerdings nur bei bestimmter Art und Dauer der Anwendung — unschöne Narben und manche Amputation. In seiner Arbeit „Zur operationslosen Behandlung der Phlegmone und verwandter Krankheiten" (Verlag Gmelin, München 1915) berichtete Dr. Sachs von den Erfolgen, die er bei den wichtigsten Wundinfektionskrankheiten — mit Bädern erzielte. Die Bäderbehandlung schützt, in der richtigen Weise angewandt, den Körper mit Sicherheit vor dem Weitergreifen einer Staphylococcen — und Streptococcen-Invasion. Des Lobes voll waren die nach seiner Methode behandelten Patienten. Alle Gutachten von Krankenkassenverbänden gaben der Überzeugung Audruck, dass die operationslose Behandlungsweise des Dr. S. als vorzüglich bezeichnet werden muss. Prof. Mikulicz stellte s.Z. in Breslau Dr. Sachs eine Abteilung seines Krankenhauses für die Prüfung des Heilverfahrens zur Verfügung und war von den Erfolgen höchst beeindruckt. Sicher wird heutzutage diese Behandlungsart überholt sein — auch bewegen sich die Fortschritte der modernen Medizin in anderer Richtung! Trotz allem giebt es vielleicht auch heute noch Fälle, wo Dr. Sachs mit seiner natürlichen Behandlungsart heilend eingegriffen hätte. Die Behandlungsmethoden des Dr. Sachs wur-. den 1918 im Preussischen Landtag erörtet. Der Abgeordnete Haenisch setzte sich damals sehr dafür ein. Dr. Sachs, ein gebürtiger Breslauer, prakti- Leitung der Operettenbühne hatte der grosse Theater-Mann noch bis 1929 behalten. Ich lernte erst 1932 den abgedankten müden Löwen kennen, besuchte ihn in seiner Wohnung am Tauentzienplatz, um ihn für eine kleine Schrift „200 Jahre Breslauer Stadttheater” zu interviewen. Sein Urteil über Bildende Kunst war konservativ, aber auf dem Gebiet der Musik trafen wir uns. Es soll hier nicht verschwiegen werden, dass wir beide der leichten Muse der Operette zugetan waren, besonders Emerich Kalman’s „Czardasfürstin” deren feurige Zigeunerweisen ich nie wieder so schön gehört habe, überhaupt konnte man Zigeunermusik in Breslau in den Cafe-Konzert-Häusern guten und schlechten Rufes mit Hingebung lauschen. Das lief so neben meiner Begeisterung für die Catapol und den Sänger Rudow in „Figaros Hochzeit” her. Daneben sind mir Wilhelmi’s Charakterisierung des Ochs von Lerchenau im „Rosenkavalier” u. seine Sprechrolle als Frosch in der „Fledermaus” besonders in der Erinnerung geblieben. (Fortsetzung und Schluss in nächster Nummer) Die vorstehenden Erinnerungen entnehmen wir — allerdings infolge Raummangels leider gekürzt — mit Erlaubnis Professor Scheyers und des Herausgebers der reizenden Erinnerungssammlung „Leben in Schlesien”, die Dr. Herbert Hupka bei Gräfe und Urner in München erscheinen Hess. Wir verweisen auf unsere Besprechung dieses Buches in No. 6/7 unserer „Mitteilungen" und können nur wiederholen, dass jeder ehemalige Breslauer oder Schlesier schöne Stunden erleben wird, wenn er dies Buch liest. Die Red. heilte mit Wasser zierte seit 1891 in Breslau. Er gründete 1900 das Sanatorium „Charlottenhaus" in der Tiergartenstrasse 55, ein modernes Krankenheim mit 30 Einzelzimmern, Speisesaal, Wintergarten und grossen Baderäumen. Ein modern angelegter Garten (mit Tennisplatz) diente ebenfalls der Erholung und Gesundung. An der Einweihung des Krankenhauses nahm die Frau Erbprinzessin Charlotte von Sachsen-Meiningen, Schwester Kaiser Wilhelms II., die Chefin des in Breslau stationierten 11. Grenadierregiments war, teil. Auf Empfehlung von Bismarks Arzt Prof. Schweninger war Dr. Sachs, solange die Prinzessin in Breslau sich aufhielt, ihr Hofarzt, ebenso auch des Erzprinzen Bernhard von Sachsen-Meiningen, ferner auch des Oberpräsidenten von Schlesien Zedlitz-Trützschler und vieler anderer hochgestellter Persönlichkeiten. Er war seit 1891 städtischer Impfarzt, seit 1893 Theaterarzt am Stadt-, Lobe- und Thaliatheater. In seinem Haus wurden auch die schönen Künste gepflegt. Ein geistig hochstehender Freundeskreis ging stets ein und aus. Die Künstler der Theater verkehrten gern hier. Dr. Sachs und seine Gattin gehörten zu jenen Menschen, die sich für alles Schöne und Edle einsetzten, unendlich gütig und herzlich waren und der Kunst manches Opfer brachten. Es gab da auch einen Mittagstisch für notleidende Künstler! Ein paar besondere Worte noch von der Frau des Hauses. Sie war eine vorbildliche Arztgattin. Sie besuchte fast täglich die Patienten im Sanatorium, spielte mit ihnen Schach, las ihnen vor, richtete Schwerleidende wieder auf. Sie war viele Jahre hindurch Mitarbeiterin der Breslauer Zeitung, und des Sonntags las man mit Vergnügen ihre Feuilletons. In diesen Blättern ist oft von Menschen die Rede, die der Erinnerung wert sind. Daher wollte ich mit diesem kleinen Beitrag zweier edler Persönlichkeiten gedenken. Und vielleicht erinnern sich noch manche Leser und frühere Patienten des Breslauer Wasserdoktors und seiner Frau. J.s. 4

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