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Yediʿot shel Irgun ʿOle Breslau be-Yiśraʾel · 1964-01-01 · No. 10-11 (1964) · p. Seite 3

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Journal
Yediʿot shel Irgun ʿOle Breslau be-Yiśraʾel
Volume
1964
Issue
No. 10-11 (1964)
Date
1964-01-01
Page
Seite 3 (sequence 3)
Language
German
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Professor ERNST SCHEYER Bildungen Breslau Breslau hat mich gebildet, sein Charakter als Stadt im Osten Deutschlands ebenso wie seine Bildungsstätten. So betrachte ich mich als typisches Bildungsprodukt der Stadt, der mein Leben von der Geburt im Jahr der Centenar-Wende bis zum Katastrophen-Frühjahr 1933 im wesentlichen angehörte mit Unterbrechung der Dekade 1920, meiner Studien- und Wanderjahre. Aber auch während dieser in Freiburg, Wien, Dresden, Heidelberg und Köln verbrachten Zeit blieb ich Breslauer. Das Elternhaus nahm mich für kürzere oder längere Zeit immer wieder auf, Breslau spannte sich immer wieder ein in das dichte, tragende Netz von Bildungsbeziehungen. Mein Vater war ein sehr geachteter Grosskaufmann, Mitinhaber der Firma Landau & Co., einer von sieben Söhnen eines oberschlesischen Lederhändlers. Der keineswegs vermögende Grossvater war vor dem Kriege 1866 aus der preussischen Provinz Posen nach Tarnowitz gekommen und brachte es fertig, drei seiner sieben Söhne studieren zu lassen, allerdings mit Hilfe der amerikanischen Verwandten seiner früh verstorbenen ersten Frau. Zwei der Söhne wurden Mediziner, einer Apotheker. Die Geschichte meiner Familie ist eine für das deutsche Judentum Ostdeutschlands typische: in vier Generationen erfüllte es sich. BUdung war ein überlieferter Wert von den Urvätern her und später das Mittel, sich der deutschen Kultur zu verbinden, von der Familie stets nobler angesehen als Geld. Mein Vater hatte eine ans Religiöse grenzende Verehrung für Bildung, das hiess den Sohn auf die Universität schicken. Haupt der Familie war sein ältester Bruder Joseph, Sanitätsrat in der kleinen schlesischen Stadt Öls mit dem köstlichen Renaissance- Schloss, ein ernster Mann eisernster Pflichterfüllung, ein enragierter Humanist, der mit einem Lateinisch-Griechischen Lexikon sich in den oft unterbrochenen Schlaf zu lesen pflegte und der den Neffen bei den üblichen Ferienbesuchen den Homer aus dem Urtext lesen liess. Seine zwei Söhne waren beide gute Schüler des dortigen Gymnasiums, beide früh an Literatur und bildender Kunst interessiert, ausserdem Zeichner, Buch-, Kunst-, Reproduktionen und Naturalien-Sammler, von all dem, was sich mit Geschick und wenig Geld Zusammentragen liess. Otto, der mir im Alter nächste, der auch dichtete und schriftstellerte, machte noch jung seinem Leben ein Ende, kurz nachdem er Amtsrichter geworden war. Der ältere Kurt studierte schon in meiner Knabenzeit Medizin, zeichnete sich im ersten Weltkrieg aus und wurde ein ausgezeichneter Chirurg in Neumarkt bei Breslau. Er wanderte mit seiner Familie nach Israel, beschäftigte sich dort neben seinem Beruf mit deutscher Literatur, vor allem mit Thomas Mann, über den und von dem er alles sammelte, was erreichbar war, und mit orientalischer Archäologie. Er starb tn ~t? *r ns« .■' L'-Iüm, 111 SCHNELLSTE ÜBERWEISUNG IHRER GELDER aus Deutschland und Österreich in direktem Verrechnungsverkehr KUPATH MILWE •HAOLEH* COOPERATlVE SOCIETY LTD, -l. SkS2k!--ijiyi.-, ■,_J da vor einigen Jahren, mir im Briefvechsel eng verbunden. „Ein ewiger Preusse", oder sollte man besser Stoiker sagen? Noch der zwei anderen studierten Onkel sei kurz gedacht, da auch sie und ihr Beispiel mich so wesentlich mitgebildet haben. Der Onkel Max starb früh als Arzt in Breslau ,noch bevor ich die Schule besuchte, seine kleine, aber gewählte Kunstsammlung, meist in Italien erstanden, seine grössere Bibliothek wurde von seiner Witwe, die wir regelmässig jeden Freitag Abend besuchten, treu bewahrt. Da gab es, höchst willkommene Unterhaltung an den für mich langweüigen Familien-Abenden, Schätze zu besehen und anzublättem. Der dritte Onkel, Leopold, wirkte aus der Ferne, aus Berlin, wo er die bekannte Alexander-Apotheke am Alexander-Platz besass, aber auch wieder aus der Nähe bei meinen häufigen Aufenthalten in der Hauptstadt und vor allem intensiv, wenn er den Studenten-Neffen in Freiburg oder Heidelberg besuchte und ihn auf Wanderungen nach Kunst- oder Dichter- Gedenkstätten in Süddeutschland oder Thüringen mitnahm. Er hat mich immer etwas an Theodor Fontane erinnert, der ja auch erst Apotheker war, mit seinem Wahl-Märkertum, seiner Liebe für Potsdam und Paretz, seiner Goethe-Verehrung — er war auch eifriges Mitglied der Goethe-Gesellschaft — und seinen Schrullen. Er liegt auf dem kleinen Friedhof in Bussum, Holland, begraben. Den Freitod zog er dem in den Gaskammern Hitlers vor. Den Grabspruch hatte er sich vorher selbst geschrieben. Von Anfang an war es ausgemacht, dass ich das Gymnasium zu St. Elisabeth besuchen sollte, auf dem schon die Onkel Abitur gemacht hatten. 1906 trat ich noch unter dem freundlichen Direktor Paech in die Vorschule ein. Er hielt uns eine kleine Rede, wieviel jeder einzelne von uns seinen Eltern verdanke, und wandte sich dann an mich mit der Frage, wem ich denn den schönen neuen Anzug verdanke, der eigens für diese kleine Feier gekauft worden war. „Von Kreuzberger”, antwortete ich prompt, Materialist, der ich damals war. Kreuzberger war ein Kinder-Mode-Geschäft am Ring, wo die Kreise meiner Eltern ihre Kinder herausputzten. Ich war ein verzärteltes Kind. In der ersten Zeit, bis ich auf der „Elektrischen" ein Abonnement bekam, wanderte ich täglich den langen und für mich imbehaglichen Schulweg — besonders die kneipenbesetzte Sedanstrasse mit den hässlichen Mietskasernen des „Neuen Deutschlands”; ihre Betrunkenen und die streitbaren Volksschüler jagten dem Knaben Furcht ein, bis ich vor dem erst vor wenigen Jahren errichteten, mit einem Säulentor geschmückten weissen Neubau auf der Arletiusstrasse stand. Die zum Teil recht guten alten Bilder der Schulräume, z.T. in Renaissance und Barock- Tracht, die in die Holztäfelung der Aula eingelassen waren, habe ich oft bewundert, sofern mir die Erregung meinen Platz in der Sitzordnung der Versetzten zu erfahren, dazu Müsse liess. Um das Gefühl für Geschichte und Tradition in mir zu stärken, hatte mir mein Onkel Joseph mit andächtiger Verehrung in seinem bebrillten, bärtigen Gesicht das alte Gymnasium an den Fleischbänken, im Schatten des hohen Turms der Elisabethkirche gezeigt. Das war entschieden historischer, und man war in der Nähe der Engelsburg und der Weissgerbergasse dem Mittelalter und dem Herz der Stadt näher. Ob es zu seiner Zeit auch schon den „Käse-Boehm” mit altem Korn und GUka Schnaps gab? Ich habe ihn nicht zu fragen gewagt. Doch lichter und schöner war schon der Neubau, durch dessen Räume und Korridore ich noch immer in meinen Träumen wandle und vor dessen verschlossenen Torbogen der Verspätete verzweifelt steht, bis ihm der gute Pedel Dickert doch noch öffnete. Im Jahre 1912 wurde das 350-jährige Bestehen des Gymnasiums glanzvoll gefeiert. Griechische Dramen und des Andreas Gryphius „Absurda Comica oder Herr Peter Squenz" wurde von den Primanern aufgeführt. In der musikalischen Aufführung des „Olaf Trygvason”, einer Komposition Griegs, dirigiert von unserem Musiklehrer, dem lustigen Ostpreussen Gulbins, der auch Organist an der Elisabethkirche war, sang ich sogar mit. Voll Stolz blickte ich auf meinen Onkel Joseph, der unter den ältesten ehemaligen Schülern die Rosette seines Jahrganges trug. So war denn auch wieder die Familie stolz, als ich beim Abiturienten-Abgang im Frühjahr 1919 die traditionelle, stipendierte Rede in lateinischer Sprache halten konnte. Mein Lateinlehrer Professor Hugo Lincke hatte für mich den Gegenstand ausgewählt „De Horatio poeta lirico”. Ich hätte schon damals Ovid oder gar Petronius vorgezogen. So kam auch das mit Ostermann-Phrasen gespickte Latein nur sehr teilweise auf mein Konto. Nun fielen auch die vier letzten Schuljahre in die unruhige Zeit des Ersten Weltkrieges. Die fortschrittlicheren jungen Lehrer waren im Felde, das Gymnasium in der Arletiusstrasse für militärische Zwecke belegt. Zum Schluss unterrichteten längst pensionsreife Greise uns vier dürftige Drückeberger, die nicht als Freiwillige mit dem Not-Abitur ins Morden gezogen waren. Schulunterricht wurde während der letzten zwei Jahre des Krieges am Nachmittag verabfolgt. Schön war der Abendbummel nach Schulschluss im Winter zur Zeit da wir im Matthias- Gymnasium einquartiert waren. Man fühlte sich beinahe schon als Student, wenn man von dem Universitätsgebäude die Schmiedebrücke, dann die Schweidnitzerstrasse herunter flanierte. Das Durchstreifen der Buch-Antiquariate der Seitenstrassen und der immer regelmässiger werdende Besuch der alten Buchhandlung von J. Max & Co. Hessen meine Bibliothek — die mir mm verloren gegangen ist — immer stattlicher anschwellen. Damals gehörte ich schon zwei literarischen Schülervereinigungen an, der „R.F.” (Räunion Frangaise) und der von mir gegründeten Abzweigung derselben, den „Freundschaftlichen Zusammenkünften” (F.Z.). Die schon seit einigen Schüler-Generationen bestehende „R.F.” hielt in den Kriegsjahren ihr Programm, in französische Kultur und Literatur einzuführen, recht schlecht. Aber man konnte als deren Mitglied Bücher in der Leih-Bibliothek der „Gesellschaft der Freunde”,, der meine Eltern angehörten, ausleihen. Auch fanden dort Dichter-Lesungen statt, und so habe ich damals Kayssler, Armin T. Wegner, Kasimir Edschmidt und vor allem Thomas Mann aus ihren Werken vortragen hören. Der letzte las die Schulschwenz-Episode aus dem „Ur-KruU" trefflich vor, die heisere Stimme, das Ächzen und Stöhnen des Simulanten nachahmend. Es klingt wie Undankbarkeit, aber diesen Vereinigungen, überhaupt den engsten gleichgestimmten Jugendfreunden verdanke ich mehr Anregung als den Gymnasiallehrern. Nur von zwei Männern wurde ich zum selbständigen Lesen angespornt. Von dem Geologen Dr. Konrad Olbricht, der 3

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