Yediʿot shel Irgun ʿOle Breslau be-Yiśraʾel
- Journal
- Yediʿot shel Irgun ʿOle Breslau be-Yiśraʾel
- Volume
- 2004
- Issue
- No. 77 (2004)
- Date
- 2004-01-01
- Page
- Seite 12 (sequence 12)
- Language
- German
- Belongs to
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Palästinareise März-April 1926 Aus dem Reisetagehuch von Dr. Rachel Freund (Breslau, Pardes~Chana, Jerusalem) (Fortsetzung von "Mitteilungen" No. 76) Jerusalem - Als wir uns der Stadt von der nördlichen Ebene her näherten, von der aus Titus sie einst belagert und erobert hatte, erschien sie uns zunächst mit ihren vielen runden und spitzen Türmen, ihrem wirren Durcheinander von weißen Häusern wie ein weites, weißes Meer, ungegliedert und schwierig für jede Orientierung. Diesen ersten Eindruck fanden wir beim Hereinfahren bestätigt, es ist lediglich eine Gliederung nach Stadtteilen vorhanden, innerhalb dieser gibt es weder Straßennamen noch Hausnummern. Die einzelnen "Quarters" liegen über einen sehr weiten Flächenraum zerstreut,man sagt heute von Jerusalem, es sei die Stadt der Städte. Wir hatten gleich im Anfang Gelegenheit, die Eigenart dieses Zustandes zu genießen. Wir suchten nämlich unsere Cousine Vera, deren Haus wir nach langem Hin- und Herfahren endlich gefunden hatten, und die dann nicht zuhause, sondern bei einer Hochzeitsfeier in einem anderen Teil der Stadt war. Bei diesen vielen Wegen, die uns der Chauffeur ohne Murren fuhr, berührten wir die verschiedenartigsten Stadtviertel, da war Mea Shearim, eine Art modernes Ghetto, da gab es die Bucharenkolonie, die Warschauer Häusergruppe, das Bukarester Quartier und viele andere, dazu moderne Villenviertel und Geschäftsstraßen und - last but not least - die Altstadt, die trotz ihrer Vielfarbigkeit als Viertel für sich gelten kann. Alles nach Riten, Sitten und Gewohnheiten der früheren Heimatländer fein gesondert und in seiner Gesamtheit ein Miniaturbild des Weltjudentums bietend. Die Christen und Araber beschränken sich hauptsächlich auf Teile der Altstadt und deren unmittelbare Umgebung. - Da wir uns gern von Vera bei der Wahl des Hotels beraten lassen wollten, suchten wir sie bei der Hochzeitsfeier auf, und Gustav und Martin gingen in ihren staubigen Reisekleidern hinein, um sie zu sprechen, in der Meinung, dass es eine Hochzeit einfacher Leute wäre, wo man auf Etikette nicht solchen Wert lege. Sie waren dann peinlich überrascht, in eine Festgesellschaft vornehmsten Stils hineinzugeraten; denn der Brautvater und Gastherr war der zweite Bürgermeister von Jerusalem, David J e 11 y n (der erste Bürgermeister ist ein Araber) und seine Gaeste die Spitzen der Gesellschaft Jerusalems. Es waren ca 300 Leute anwesend, die sich glücklicherweise gerade beim Aufbruch befanden; denn man feiert dort Hochzeiten sehr kurz, dafür aber als Massenfeste. Vera verabschiedete sich also auch, und wir fuhren zusammen nach dem Hotel Warschawski, alle vier sehr erfreut über das Wiedersehen. Das Hotel lag in der Nähe von Mea Schearim und beherbergte in buntem Gemisch alle Sorten Juden, vom Chassid im Kaftan bis zum modernen Touristen. Es war nach Art der Jerusalemer Bürgerhäuser aus Stein gebaut mit dicken Wänden und steinernen Fußböden; denn man kennt hier keine Ziegel; der Felsen, auf dem die Stadt steht, liefert die Bausteine für die Häuser. Jetzt, wo Jerusalem wächst und überall neue Stadtviertel entstehen, hört man andauernd die Sprengschüsse, der Baugrund der Häuser ist zugleich Steinbruch. - Beim Hereintreten in so ein Haus empfängt den Fremden nach dem grellen Sonnenlicht und dem Staub der Straße wohltuend eine große, kühle Halle, die zwei Stockwerke hoch ist, wenig Fenster besitzt und zugleich auch das Treppenhaus einschließt. So beruhigend das Halbdunkel und die Kühle sind, so hatte man doch ein leichtes Bedrücktsein, Steine oben, Steine unten, die Wände aus Steinen. Man wies uns ein kleines, sehr sauberes Zimmer an, leider nach der Straße hinaus gelegen, und wir versuchten, unsere von der fünfstündigen rasenden Autofahrt (stellenweise 100 km die Stunde) durchgerüttelten Glieder und Nerven ein wenig zu sammeln. (Der arabische Chauffeur hatte den Ehrgeiz gehabt, jedes vor ihm fahrende Auto zu überholen und wurde dabei noch von Gustav angefeuert, der ihm immer heimlich zurief: plus vite, plus vite, während wir kaum die Augen bei dem scharfen Luftzug aufmachen konnten.) Nach kurzem Ausruhen gingen wir nach dem Esssaal, gleich neben der Empfangshalle gelegen, hinunter, wo schon die Freitagabendlichte brannten, und sich der Raum allmählich mit Gästen füllte. An einem besonderen Tisch nahmen Chassidim Platz, in runden schwarzen Samthüten, mit Pelz verbrämt und in langen seidenen Kaftans. Sie beteten und sangen laut mit weltentrücktem Gesichtsausdruck und gingen glücklich und hingegeben in der Heiligkeit des Schabbath auf. Wir merkten unsere Müdigkeit kaum und waren so gefangen von dem Reiz des Weges und der Neuartigkeit der Stadt, dass wir beschlossen, noch die ziemlich weite Strecke bis zu Veras Wohnung zu gehen und ihr einen Freitagabendbesuch zu machen. Die ungewohnt späten Gäste freuten sie sehr, und wir saßen noch ca. 1 Stunde auf ihrem Balkon und genossen zusammen das zauberhaft verklärte Bild der weißen Stadt, das in der Ferne von dem Bande der alten Stadtmauer begrenzt war, während sich darüber der dunkelschwarze Kamm des Ölberges erhob, dessen sptize Klostertürme wie Nadeln in den klaren Nachthimmel hineinstachen. 1- Tag Unser erster Weg am nächsten Morgen galt der Westmauer, die als einzige steinerne Zeugin uns Heutigen von der Vergangenheit erzählt. Sie ist ein Rest der salomonischen Umfassungsmauer des Tempelplatzes und bildet mit ihren darüber lagernden Steinschichten aus der Zeit des zweiten Tempels, aus herodianischer, mittelalterlicher und moderner Bauperiode heute wieder ein Stück der Mauer um den Tempelplatz, den die Mohammedaner für sich beanspruchen und der ihnen heilig ist. Um dorthin zu gelangen, muß man quer durch die ganze Altstadt gehen; denn der Tempelplatz nimmt den östlichen Rand der Altstadt ein und ist den vierten Teil so groß wie sie, sodass er in seiner Weiträumigkeit seltsam von den engen Gässchen der im arabischen Stil gebauten Umgebung absticht. Die Großartigkeit seiner Anlage spricht dafür, dass zu Davids und Salomos Zeit die Stadt wesentlich anders ausgesehen hat wie heute die alte Stadt, zum mindesten wird sie luftiger gewesen sein; denn wenn man heute durch die langen schmalen Gassen geht, die treppenartig herauf- und herunterführen, wenn man die Gerüche der Bazare und Gaststuben einatmet, die durch die Überdachung auf der Straße festgehalten werden und die Esel schreien hört, die sich und ihre Last durch die vielen Menschen drängen, dann fühlt man sich bedrückt und garnicht wie in einer Königsstadt. Ohne eine Frage oder Erkundigung, nur unserem Gefühl folgend, gingen wir die Davidstraße hinauf, und je näher wir dem Tempelplatz kamen, desto mehr Juden hoben sich aus der Menge. Für sie alle gab es hier nur ein Wegziel, und bald gingen wir in einer großen buntgemischten Gesellschaft von Glaubensbrüdern, teils Touristen wie wir, (Fortsetzung auf Seite 13)