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Yediʿot shel Irgun ʿOle Breslau be-Yiśraʾel · 2004-01-01 · No. 77 (2004) · p. Seite 6

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Journal
Yediʿot shel Irgun ʿOle Breslau be-Yiśraʾel
Volume
2004
Issue
No. 77 (2004)
Date
2004-01-01
Page
Seite 6 (sequence 6)
Language
German
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Arnold Zweig und seine Geburtsstadt Glogau "/Hein J2eben begann also damit, dass Lek zu ^f-estun^ vetuttelLt jvuzde." Es sind nur wenige Jahre, die Arnold Zweig in der niederschlesischen Stadt Glogau verlebt, in der er am 10. November 1887 geboren wurde und die er schon mit neun Jahren verlassen mußte. Doch scheint ihn die kleinbürgerlich-behäbige Welt der Festungsstadt so beeindruckt zu haben, dass er sie nicht nur immer wieder erwähnt, sondern sie auch manches Motiv für seine schriftstellerischen Arbeiten bietet. Diese Verbundenheit hatte er mit manchen Glogauern gemein, war es doch nicht zuletzt eine ganz besondere Geschichte, die die Glogauer Juden mit ihrer Stadt verband. Als Angehörige oder Nachfahren der Familie Israel Benedikt besaßen sie seit dem Ende des 16. Jahrhunderts das Recht, in Glogau wohnen zu dürfen, allerdings mit der Auflage, dass ihre Zahl von 282 Hausvorständen (Wirten genannt) nicht überschritten wurde. Die enge Familienbindung gab dem einzelnen persönliche und wirtschaftliche Sicherheit, so dass auch die äußeren Zwänge, denen sie wie andere Gemeinden stets ausgesetzt waren, sie an ihrem bürgerlichen Selbstverständnis kaum zweifeln ließen. Durch Vertreibung und Exil tief verletzt, wundert es daher kaum, dass Arnold Zweig sich nach kindlicher Geborgenheit, wie er sie in Glogau erlebte, sehnte. Als er sich im März 1939 mit dem Gedanken trug, Palästina zu verlassen, um in Amerika für sich und seine Familie eine neue Bleibe zu suchen, schreibt er an Sigmund Freud in Wien: Liebster Vater Freud, so oft haben wir das schon machen müssen! Von Glogau nach Kattowitz als Kind, nach dem Krieg von Berlin nach Starnberg, von dort nach Berlin zurück und von Eichkamp nach Haifa über Sanary, und jetzt wieder westwärts - was sagen Sie zu diesem Nomadentum wider Willen! Wem die Phantasie so genügte wie mir, der hätte ruhig an einem Orte sitzen dürfen, nicht wahr? Sigmund Freud, den Arnold Zweig in seinen Briefen stets voller Hochachtung und Von Margret Heitmann (Duisburg) Sympathie mit "Vater Freud" anredete, Freud nannte ihn "Meister Arnold", war ihm zu einem väterlichen Freund geworden. Verdankte er ihm doch Einsichten in die Psychoanalyse, die sein Leben und Schaffen maßgeblich beeinflussen sollten. Er unterzog sich mehrmals in seinem Leben einer psychoanalytischen Therapie, mit mehr oder weniger Erfolg, bis er in dem Analytiker S., der ebenfalls nach Palästina emigriert war, einen Psychoanalytiker fand, mit dem ihn wenigstens "mancherlei Oberschlesisches" verband. Die Bedeutung der frühkindlichen Entwicklung für den Lebensweg eines Menschen, eine der bahnbrechenden psychoanalytischen Erkenntnisse, ist auch außerhalb dieser Theoriebildung mittlerweile unumstritten. Und so verwundert es kaum, dass Zweigs Kindheit nicht nur Thema mancher Sitzung gewesen sein dürfte, sondern sein Geburtsort in seiner Phantasie stets gegenwärtig war. Als er seine autobiographischen "Unfälle" verfasst hatte, befand er sich in einer Krise, hatte seine Therapie unterbrochen und litt unter dem "hebräischen Nationalismus der Hebräer, die keine andere Sprache öffentlich zum Druck zulassen", wie unter dem Gedanken, aus diesem Grund Palästina aufgeben zu müssen. "Aber mein Herz will nicht so weit weg. Es tröstet mich mit dem Chamäliongesicht der Hoffnung, Deutschland werde in ein paar Jahren wieder offenstehen und mich dann gut brauchen können." "Meine Unfälle" erscheint 1939 in “die neue Weltbühne” in Paris: Ich erlitt in meinem Leben mehrere Unfälle [...]; den ersten dadurch, dass ich geboren wurde. Es war mir keineswegs recht, am zehnten November 1887 mittags 12 Uhr den behaglichen überwölbten Kinderteich mit der Festung Glogau zu vertauschen, mitten im Winter, wie man sagen kann, wenn man das damalige schlesische Klima in Betracht zieht. Mein Leben begann also damit, dass ich zu Festung verurteilt wurde, für meine damaligen Körpermaße mag Glogau an der Oder mit seinen Wällen, Schanzen und tiefen Gräben zu gigantisch ausgefallen sein. Ich merkte nicht, dass ich gefangen war, außer in den Wickelungen, die man uns Säuglingen damals noch gemeinerweise antat. In den Straßen jener Stadt begegnete mein Kinderwagen sehr vielen Soldaten, die auf dem Umweg über unsere Dienstmädchen wahrscheinlich unauslöslichen Anteil an meiner Erziehung hatten. Anläßlich der Aufführung meines Stückes "Der Streit um den Sergeanten Grischa" entdeckten besonders linke Journalisten mit Bedauern die Spuren dieses Unfalls in meinem Werke. Glogau an der Oder war eine Festungsstadt, die unter den Kriegen aller Jahrhunderte zu leiden hatte. Belagerungen, damit einhergehende Hungersnöte und Epidemien, die Zerstörungen der Stadt vom Dreißigjährigen Krieg über die napoleonische Besetzung bis hin zur vollständigen Verwüstung im Zweiten Weltkrieg, gehörten zum Lebensalltag der Menschen. Als Friedrich II von Preußen bei seinem Amtsantritt am 31. Mai 1740 seinen seit zweihundert Jahren bestehenden Erbanspruch auf Schlesien geltend machte, war die Festung Glogau Schauplatz territorialer Machtansprüche. Es wurden Vorkehrungen gegen die Belagerung der Stadt durch Preußische Truppen getroffen, denen auch der jüdische Friedhof zum Opfer fiel. Zur Ausbesserung der Festungswerke wurde erstmals auch die jüdische Bevölkerung verpflichtet. Aus Furcht vor der Belagerung, die vom 22. Dezember 1740 bis zum 8. März 1741 dauerte, verließ fast die Hälfte der jüdischen Einwohner die Stadt. Siebeneinhalb Jahre dauerte die Besetzung durch napoleonische Truppen. Neben der allgemeinen Not, die Krieg und Belagerung mit sich brachten, kamen die Probleme der Unterbringung und Versorgung der Truppen und die Ausbreitung von Krankheiten und Hungersnot hinzu. (Fortsetzung auf Seite 7)

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