Yediʿot shel Irgun ʿOle Breslau be-Yiśraʾel
- Journal
- Yediʿot shel Irgun ʿOle Breslau be-Yiśraʾel
- Volume
- 2004
- Issue
- No. 77 (2004)
- Date
- 2004-01-01
- Page
- Seite 4 (sequence 4)
- Language
- German
- Belongs to
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4 Der "Berliner Antisemitismusstreit" - als der Antisemitismus gutbürgerlich wurde “Ich habe nichts oder fast nichts bewirkt." Als Ignatz Bubis kurz vor seinem Tod 1999 seine Bemühungen um die deutschjüdische Verständigung in diesem reisgnativen Satz zusammenfasste, horchte die Öffentlichkeit auf. Ausgerechnet Bubis, der "deutsche Staatsbürger jüdischen Glaubens" wie er sich stets nannte, der unermüdlich den persönlichen Kontakt zu jungen Menschen in den alten und neuen Bundesländern gesucht hatte, ausgerechnet er empfand am Ende des 20. Jahrhunderts die Ausgrenzung der Juden in Deutschland, das Fremdheitsgefühl zwischen "Deutschen" und "Juden" als unverändert andauernden Zustand. Kaum jemand dachte damals daran, dass etwas mehr als 100 Jahre zuvor, im November 1880, ein damals sehr beliebter Autor volkstümlicher Geschichten, Berthold Auerbach, unter dem Eindruck der zweitägigen "Antisemitismusdebatte" im preußischen Abgeordnetenhaus in Berlin geäußert hatte: "Vergebens gelebt und gearbeitet." Berthold Auerbach war deutscher Jude. Die Debatte im preußischen Abgeordnetenhaus am 20. und 22. November 1880 bildete den parlamentarischen Höhepunkt einer beispiellosen öffentlichen Auseinandersetzung über die rechtliche und gesellschaftliche Stellung der Juden in Deutschland, die als "Berliner Antisemitismusstreit" in die Geschichte des Antisemitismus in Deutschland eingegangen ist. Der K.G. Saur Verlag stellte im September 2003 eine zweibändige kommentierte Quellenedition "Der Berliner Antisemitismusstreit 1879-1881" vor, die im Auftrag des Zentrums für Antisemitismusforschung in Berlin bearbeitet von Karsten Krieger entstanden ist. Die Bände versammeln 127 Texte aus den Jahren 1879 bis 1881, die die heftige Auseinandersetzung um Gelingen bzw. Scheitern der Judenemanzipation in Deutschland fast vollständig dokumentieren. Am 19. September 1879 veröffentlichte dann Heinrich von Treitschke in den angesehenen "Preußischen Jahrbüchern" den Aufsatz "Unsere Aussichten", in dem er die angebliche Dominanz und Arroganz der Juden in vielen gesellschaftlichen Bereichen beklagte und behauptete: "Bis in die Kreise der höchsten Bildung hinauf, unter Männern, die jeden Gedanken kirchlicher Unduldsamkeit oder nationalen Hochmuths mit Abschau von sich weisen würden, ertönt es heute wie aus einem Munde: Die Juden sind unter Unglück!" Der Nationalhistoriker des erst 1871 gegründeten Deutschen Reiche, ursprünglich ein Liberaler, lieferte damit die genauso primitive wie eingängige Parole, die das Motto des nationalsozialistischen Hetzblatts "Der Stürmer" werden sollte. Treitschkes Aufsatz löste eine Flut von öffentlichen Widersprüchen aus, wobei auffällt, dass viele der Gelehrten, Politiker und Journalisten, die deutlich widersprachen, deutsche Juden waren. In seinem einleitenden Aufsatz zu der Quellenedition konzentriert sich Karsten Krieger auf die Bedeutung Treitschkes, der mit seiner fünfbändigen "Deutschen Geschichte im 19. Jahrhundert" das Geschichtsbild des deutschen Bürger- und Kleinbürgertums mehrerer Generationen prägte und den Antisemitismus zum selbstverständlichen Bestandteil bürgerlichen Weltverständnisses machte. Karsten Krieger betont, dass auch der namhafteste zeitgenössische Kritiker Treitschkes, Theodor Mommsen, bei aller Ablehnung des von Treitschke entworfenen Bedrohungsszenarios letztlich erwartete, dass die "guten", d.h. bürgerlichaufgeklärten Juden ihre einer archaischen Vorzeit angehörenden Religion aufgäben und aufgeklärte - christliche - Deutsche würden. Bei dieser ernüchternden Analyse der Position Mommsens übersieht Krieger aber, dass Mommsen der rassistischen Blutargumentation Treitschkes eine klare Absage erteilte und gerade diese Gedanken der Lächerlichkeit preisgab. Nicht nur der Redebeitrag des Abgeordneten Rudolf Virchow im preußischen Abgeordnetenhaus zeigt zudem, dass es durchaus eindeutig und klar formulierende - nicht jüdische - Liberale gab - leider zu wenige. Karsten Krieger vergleicht die öffentliche Erregung, die der "Berliner Antisemitismusstreit" hervorrief, mit der stürmischen öffentlichen Auseinandersetzung um die Dreyfus-Affäre in Frankreich ab 1894. Das Ergebnis war in beiden Ländern leider sehr unterschiedlich: In Frankreich fanden die Linke und das Bürgertum durch den Skandal des öffentlich gewordenen Antisemitismus zu einer klaren Ablehnung jeder Diskriminierung, während in Deutschland der Antisemitismus Teil des gutbürgerlichen Konsenses wurde, dessen die gerade erst aus den deutschen Stämmen zusammengefügte Nation so dringend bedurfte. Im Deutschen Reich entstand seit 1873 nach dem Zusammenbruch der Börsenspekulation mit Eisenbahnaktien der sogenannte moderne Antisemitismus, inklusive des Begriffs selbst, der von Wilhelm Marr in die öffentliche Diskussion gebracht worden war. Die Juden, bereits als "Rasse" pseudowissenschaftlich definiert, wurden zu den allein Schuldigen am Börsenkrach, an den Auswüchsen des Kapitalismus, am Liberalismus, an der "Zersetzung" von Sitte und Moral durch die großen Städte und den Sozialismus erklärt. Der schon erwähnte Hofprediger Stoecker führte die neue Ideologie in die protestantischen kirchlich-konservativ orientierten Kreise ein. Die Konservative Partei nahm 1892 einen antisemitischen Passus in ihr Programm auf. Zu dieser Zeit gab es schon lange antisemitische Vereine und antisemitische Parteien, deren Kandidaten auch in den Reichstag gewählt wurden. Bis zur Jahrhundertwende wurde alles formuliert, was wir aus dem 20. Jahrhundert kennen, auch die Androhung "der Vernichtung des Judenvolkes". Der amerikanische Historiker Paul W. Massing nannte deshalb seine 1959 auf Deutsch erschienene Untersuchung dieses Abschnitts deutscher Geschichte "Rehearsal for destruction'. Am 11. Dezember 2003 wurde in Berlin wieder eine "Antisemitismusdebatte" im Parlament geführt, diesmal im Deutschen Bundestag. Der Plenarsaal war fast leer, als Parlamentspräsident Wolfgang Thierse feststellte: "Antisemitische Ressentiments sind keine Randerscheinung". Brigitte Mießner "Die Mahnung”, 1.2.2004