Yediʿot shel Irgun ʿOle Breslau be-Yiśraʾel
- Journal
- Yediʿot shel Irgun ʿOle Breslau be-Yiśraʾel
- Volume
- 1970
- Issue
- No. 28 (September 1970)
- Date
- 1970-09-01
- Page
- Seite 19 (sequence 2804)
- Language
- German
- Belongs to
- journal issue
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Liebten Sie Schon oft ist in diesen Blättern von den einstigen Breslauer Schulen gesprochen worden, von den damaligen Lehrern und von manchen Mitschülern. Aber selten wurden die Schulbücher erwähnt, nach denen den Schulkindern der Grundstock zu ihren geistigen Fundament, zu ihrer mehr oder weniger umfassenden Bildung gelegt wurde. Vielleicht hat man vergessen, welche Schulbücher die „Büchertasche“ damals füllten, aber einige davon sind noch in der Erinnerung. Am Magdalenen-Gymnasium, an dem die Vorschule besucht wurde, gab es den Lehrer MiSsalek, bei dem die ABC-Schützen schreiben lernten. Das ABC/Buch, nach dem er lehrte, war von ihm selbst herausgegeben. Es war eine Fibel in gothischer Schrift, und es liess sich kein A für ein O, kein X für ein U machen. In der Oktava, wo der gütige verständnisvolle Lehrer Opitz amtierte, gab es ein Deutsches Lesebuch von Seltzsam. Es war garnicht so „seltsam“, sondern recht gehaltvoll und dem kindlichen Bildungshunger vernünftig angepasst. Nachher kam man in die Septima, wo Lehrer Strauwald seine Zöglinge in lebendiges Wissen einführte. Die komische Rolle des Zsupan im „Zigeuenrbaron“ von Johann Strauss enthält ein Auftrittslied „Das Schreiben und das Lesen ist nie mein Fall gewesen.“ Aber wer trotzdem nach der Sexta versetzt wurde, wurde in die Mysterien der lateinischen Sprache eingeführt und zwar nach dem berühmten Übungsbuch von Ostermann. Dieser „Ostermann“ verfolgte uns, wie der Lateiner sagt, multos annos, also viele Jahre lang. Es war durchaus kein Jäger-Latein, sondern eminent klassisch. Bald am Anfang lernte man, dass der Landmann eine Taube habe, dass eine Weintraube ihn ergötzt und dergleichen ergötzliche Dinge mehr. Das Wort „mensa“ (Tisch) kam oft vor, und der rechtzeitige Hinweis auf die spätere Studentenküche hatte bestimmt etwas für sich! Der Ostermann war die Grundlage dieser romanischen Sprachen. Und oft waren hübsche Verse mit allerhand guten Ratschlägen darin enthalten. Nothelfer, „Eselsbrücken“ für den mehr oder minder begabten kleinen oder grösseren Esel. Ich erinnere mich z.B. an die Reime die a, e, c, die 1, n, t, die ar, ur, us sind neutrius. oder: Was man nicht deklinieren kann ,das sieht man als ein Neutrum an. Daneben las man später den Cäsar, oder Ciceros Reden .wobei sich der Lateinlehrer selbst nicht im Klaren war, ob es einst Cicero oder Kikero ausgesprochen wurde, was man wohl bis heute noch nicht weiss. Von Caesar, der über den „Gallischen Krieg“ ein epochales Werk hinterliess, ist der Ausspruch bekannt: Auch du, mein Sohn Brutus! — Wenn einer seinen Caesar oder Cicero nicht ordentlich vorbereitet hatte, so schimpfte unser Lateinlehrer, sich mit der linken Schulter aufs Katheder stützend und mit den Füssen stampfend, folgendermassen: Greiner, Se sind wieder nicht „präpariert“. — Nicht ausreichend Begabte benutzten unter dem Pult eine sogenannte „Klatsche“, Schulmann nannte sich der Verfasser. Ausser Latein war Französisch an der Reihe. Diese elegante Sprache „Attention, mesdames et messieurs“ mit ihren Nasalvokalen, spezieller Betonung der Worte und ebenfalls genauester Syntax wurde nach Plötz-Kares gelehrt. Da gab es verschiedene „Plötze“, die in allem höheren Knaben- und Mädchenschulen herumschwammen. Ausgabe A war für die Letzteren, Ausgabe E für die Knaben-Gymnasien. Worin eigentlich der Unterschied bestand, ist mir nie recht klar geworden. ihre Schulbücher! - (ABDRUCK AUS „DER SCHLESIER“) Das A und O jeder Sprache ist eben, dass man sie „büffeln“, die Nase ins Buch steckt. Da kann einem keiner was erzählen. Übrigens, Sprachen sind mit das Wichtigste im Leben. Es gab auch alljährlich einen Schülerkalender (Verlag S’iwinna, Kattowitz), in dem alles Wissenswerte enthalten war. Jeder Schüler hatte ihn, zum Nachschlagen. Was für Bücher standen wohl noch auf dem Zetteln mit dem Stundenplan, die am Schulschluss und am Schulbeginn vor den Schulgebäuden an die Schüler verteilt wurden? Jede Breslauer Schulbuchhandlung war da mit bunten Studenplänen vertreten. Also genau nach Klassen getrennt. Die Buchhandlungen hiessen: Hirt, Priebatsch, Bürkner, Ziebell, Preuss und Jünger, Leuckart, Aderholz, Morgenstern, Max & Co., Schweizer, Samosch, Trewendt & Granier, sowie einige andere. Bücher sind ja immer die Werkzeuge für das Wissen, für die Seele, für das Grosse und Schöne im Leben! Gleichwie zur Melodie die Begleitstimme gehört, so ist das Lehrbuch für das Wissen sozusagen wie die linke Hand am Klavier. Also dann gab es Mathematik, Algebra, Arithmetik. Welcher Baumeister könnte wohl ohne Mathematik bestehen? Und bei Arithmetik, ein Teil der Mathematik, die praktisch auch bei Lotterien, Renten- und Lebensversicherungen gebraucht wird, da ist mir nur der Name Kambly-Röter als Leitfaden noch in Erinnerung. Für die schwierigen Logarithmen war ein Buch von Gauss bekannt, und mehr oder weniger unbeliebt. Geographie, die Beschreibung der Erde, der Länder, lernte man an Hand des guten Atlas von Debes. Einen historischen Atlas gab es nebenher von Putzger. Botanik, das Wissen um die Pflanzen, hat in Linne einst einen Förderer gefunden. Aber leider ist mir der Verfasser des Botanikbuches entfallen. Und wie viel Staubgefässe diese oder jene Blüte hat, Als die ersten alarmierenden Nachrichten über das Auftauchen der Cholera in Presse und Radio erschienen, wurde eine Kindheitserinnerung in mir wach. Ich sehe unseren Vater vor mir mit der Durchsicht alter Papiere beschäftigt, wobei er uns, Kindern, ein Dokument in wurmstichigem Rahmen zeigte. Dieses Schriftstütck stammte aus den ersten Jahrzehnten des vergangenen Jahrhunderts und war von einem Preussenkönig Friedrich Wilhelm (ich glaube, es war der vierte), unterzeichnet. Hierin wurde dem Gross-, sowie dem Urgrossvater meines Vaters in kalligraphischer Handschrift die amtliche Anerkennung für die während der Choleraepidemie geleistete Hilfe ausgesprochen. Dieses Dokument in Glas und Schnörkelrahmen, vom Vater jeweils auf den Sohn vererbt, hat mit vielen anderen Erinnerungsstücken den Weg nach Erez Israel im Jahre 1934 nicht mitgemacht. Dagegen erhielten wir von befreundeter Seite hier im Lande eine Zeitung zugesandt, die sich „Blätter des Verbandes Jüdischer Heimatvereine“ nannte, im Berlin im Verlage Albert Löwenstein erschien und die das Datum vom Mai 1937 trägt. Unter der Überschrift „Vor 100 Jahren“ wird dort u.A. berichtet: „Die Stadt Kempen (im Regierungsbezirk Posen) wurde im Herbst 1837 von der Cholera heimgesucht. Von den 3400 jüd. Einwohnern fielen der Epidemie fünf zum Opfer. Nächst dem Allmächtigen haben sich hierbei das höchste, schönste Verdienst die jüdischen Kaufleute Herr Haskel Markus Jereslaw, dessen Sohn Nathan und Herr Samuel Warschauer erworben. Sie entzogen sich ihren Geschäften, um den Leidenden ihre Hilfe andas ist auch schon „vom Winde verweht!“ Ein Zoologiebuch war von Vogel. Leider fehlt auch der Name des griechischen Lehrbuches. Wir lasen Xenophon und begannen „Andra moi ennepe musa.“ — Musik und Gesang in der Schule: In den achtziger Jahren schon wurde am Elisabeth-Gymnasium theoretischer Musik-Unterricht erteilt. Mein Vater erzählte mir: Sein Lehrer fragte damals: Habt Ihr schon mal etwas vom Tetrachord gehört? Später verlegte man sich mehr auf den Chorgesang. Im Elisabeth-Gymnasium auf der Arletiusstrasse hiess der Musiklehrer Starcke. Er liess stundenlang das Taubert’sche Lied: „Der Bauer hat ein Taubenhaus“... singen. Ein Musiklehrbuch war von Dercks verfasst, mit einstimmigen Liedern und mehrstimmigen Chören. Choräle lernte man am Magdalenaeum bei dem beliebten Oberorganisten Thomale — welch unvergesslicher Lehrer! — dann bei Bulbins, ebenfalls ein aussergewöhnlicher Musiker am Elisabeth-Gymnasium, und mit grosser Liebe und Intensität lehrte Oberkantor Westphal, ein echter Musiker, seine Schüler und brachte ihnen bei, was überhaupt Kindersang und -Musik ist! Denn Musik ist höhere Offenbarung als alle Weisheit und Philosophie! (So zitierte er Beethoven). Altniederländische Volkschöre wurden in der Aula bei festlichen Gelegenheiten mit Orgelbegleitung vorgetragen, so das altniederländische Dankgebet, „Berg op Zoom“ und das bekannte „Nun zuguterletzt...“ In dem Sinne, wie heute Musik an fast allen Schulen wichtigstes Kunstfach ist, war dies zu der Zeit, die hier beschrieben wird, noch nicht der Fall. Musikalische Schul-Aufführungen kleiner Opern und Erstlingswerke oder gar Schülerorchester, gab es in jener Zeit — wenigstens bei uns — nicht. Vielleicht aber habe ich einiges in diesem kleinen Bericht wieder in Erinnerung gebracht, und es findet sich ein freundlicher Leser, der manches ergänzt, was entfallen ist. Jedenfalls — es war eine schöne Zeit, damals im alten Breslau, mit unseren Schulbüchern. Sie haben uns viel für’s Leben gegeben und vermittelt. J. S. gedeihen zu lassen.“ Soweit die Zeitungsmeldung aus dem Jahre 1937, deren Verfasser mit Loe. signiert hatte. Es möge uns Allen, die wir vor einer Ausbreitung dieser schlimmen Krankheit zittern, zur Beruhigung dienen, dass die Urahnen anscheinend kein anderes Mittel kannten, um die Epidemie nicht etwa durch sich selbst auf andere zu übertragen als sich „von ihren Geschäften zurückzuziehen.“ Das war zu einer Zeit, wo es noch keinen Impfstoff und nur ganz primitive sanitäre Einrichtungen gab. Auf die eigenen Familien haben diese Männer in ihrem hilfreichen Bestreben übrigens keine sonderliche Rücksicht genommen, denn zu unserem Ergötzen erzählte uns unser Vater, dass seine energische Grossmutter Rosalia in ihrer begreiflichen Besorgnis vor einer Ansteckung den selbstlosen Grossvater Nathan eines Tages in ein Zimmer einschloss, um ihn am Ausgehen zu verhindern. Dem scheinbar damals noch jugendlichen Grossvater gelang es aber durch ein Fenster zu entwischen und zwar unter Mitnahme eines ganzen Stosses seiner eigenen wohlgeplätteten Hemden aus dem im Zimmer befindlichen Wäscheschrank, die er dann an seine Kranken verteilte. Und als tröstliche Tatsache möchte ich noch zum Schluss bemerken, dass die ganze zahlreiche Familie aus dieser schweren Zeit damals völlig gesund herausgegangen ist. Hanna Frank — Jereslaw Kiriat Bialik, Herbst 1970 Die Cholera vor 133 Jahren! 19