Yediʿot shel Irgun ʿOle Breslau be-Yiśraʾel
- Journal
- Yediʿot shel Irgun ʿOle Breslau be-Yiśraʾel
- Volume
- 1970
- Issue
- No. 28 (September 1970)
- Date
- 1970-09-01
- Page
- Seite 16 (sequence 2801)
- Language
- German
- Belongs to
- journal issue
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YOMTOV LUDWIG DATO t-w . ~X\l~7 - Die Wiener Dijoret GIJORET ist die hebräische Bezeichnung für eine Proselytin, die zum Judentum Übertritt, ein Wort, das heutzutage in Israel angesichts der zahlreichen Übertritte zum Judentum sehr, sehr oft verwendet wird. Ich schicke gleich voraus, ich will mich nicht mit den religionsgesetzlichen Aspekten des Begriffes auseinandersetzen, nein, durchaus nicht. Ich will vielmehr über eine Gijoret aus Fleisch und Blut schreiben, die bereits mehr als drei Jahrzehnte unter uns lebt, und die sehr beleidigt wäre, wenn jemand ihr Judentum in Zweifel ziehen würde. Diese Gijoret erinnert mich an Ruth, die Moabiterin. Wie wenn ihre Seele in unserer Gijoret aus Wien zum neuen Leben erwacht wäre. Wir wollen sie also Ruth nennen. ★ Eine bekannte Figur der Wiener intellektuellen zionistischen Jugend um die Jahrhundertwende war ein Professor der Leopoldstädter Realschule, den wir Nathan nennen wollen. Dieser Nathan heiratete 1929, indem er ein Wiener christliches Mädchen zur Frau nahm, die dem Mann zu Liebe zum Judentum übergetreten ist. Das Wiener Rabbinatsgericht hat sich immer schon streng an die Tradition gehalten, ihre Entscheidungen wurden sowohl in Pressburg als auch in Frankfurt anerkannt und so ist auch der Übertritt unserer Ruth genau nach den alten Vorschriften erfolgt. Die neue jüdische Frau war vom ersten Augenblick an dem Judentum und seiner Tradition in Liebe zugetan. Sie zündete Freitag Abend die Schabbatkerzen an, ging gerne nach Schul’ und führte einen streng koscheren Haushalt. Im Jahre 1932 wurde die Ehe durch die Geburt eines kleinen Jungen erfreut den wir Erich nennen wollen. In Wien stand damals das Leben vollständig unter dem Einfluss der Nazis. Juden hatten das Gefühl, ja noch mehr: die Gewissheit, dass sie sehr bald gezwungen sein werden, nach dem Wanderstab zu greifen. ★ Im Jahre 1939, im letzten Augenblick vor Ausbruch des Weltkrieges verliess Nathan mit Frau und Kind Wien und fuhr nach Erez Israel. Sie liessen sich in Tel-Aviv nieder und taten alles, um ein Paar Piaster zu verdienen oder gar eine “Parnassa” zu finden. Aber das alles ging sehr schwer. Die Aufnahme der Olim steckte noch in den Kinderschuhen, Ulpanim gab es noch nicht und der Neueinwanderer war sich selbst überlassen. Hierzu kam, dass Nathan kein Wort ivrit konnte. Er fing an, deutsche Bücher auf Raten zu verkaufen, aber das Geschäft wollte nicht in Schwung kommen . Da erschien die allseits bestens bekannte Frau Barth auf der Plattform, die schon vorher auf dem Gebiete der sozialen Arbeit viel geleistet hatte. Sie beschloss, in der Frischmann-Strasse, in der Nähe der Ben-Jehuda Strasse, eine Volksküche zu eröffnen und suchte nun eine selbständige Köchin. Das war was für Ruth. Sie bewarb sich sofort um die Stellung und ein früherer Wiener Rabbiner, der das Ehepaar von Wien aus gut kannte, hat Ruth für den Posten nicht nur empfohlen, er übernahm auch die Gewähr dafür, dass sie die rituellen Vorschriften gewissenhaft befolgen werde. Ruth wurde angestellt und Frau Barth hat wohl niemals Ursache gehabt, bereut zu haben, dass sie Ruth angestellt hat, obwohl sie in der ersten Zeit vielleicht gewisse Befürchtungen oder Bedenken gehabt haben mochte. Bitt’ Sie, eine Gijoret! Nun konnten aber Nathans trotz ihrer Anstellung als Köchin nur sehr schwer ihr Auskommen finden und sie waren gezwungen, mit einem bekannten Ehepaar gemeinsam eine Wohnung zu beziehen. Schliesslich ging aber der Krieg vorbei. Nathan fuhr sofort nach Wien, wo die Schulbehörde ihn sofort zum Direktor eines Realgymnasiums ernannte. Nathan war glücklich, so glücklich, dass er am liebsten sofort samt Familie nach der österreichischen Hauptstadt übersiedelt wäre. Es nutzte nichts, das Herz zog ihn nach Wien. Aber Ruth hat ernstlich Widerstand geleistet. Meine Heimat ist Israel, sagte sie, ich will da leben und mein grösstes Vergnügen besteht darin, am “Jam” spazieren zu gehen. Wien interessiert mich nicht. Nathan gab aber nicht nach. Immer wieder lud er sie ein, sie möge für einige Wochen zu ihm nach Wien kommen. Ruth hatte aber immer nur eine Antwort: Nein. Inzwischen besuchte das Land Mr. Lowdermilk, ein bedeutender Sachverständiger für Wasserbau aus Amerika, eiii grosser Freund Israels. Er sagte den Israelis: “Ihr habet viel Wasser im Galil, im Norden, dagegen rinnt umso spärlicher das Wasser im Negev, im Süden. Ihr müsset daher viel Wasser vom Norden nach dem Süden hinunterleiten”. Als Nathan dies in den Zeitungen gelesen hatte, kam er auf eine Glanzidee: “Erich steht vor der Reifeprüfung. Mit dem Abitur in der Tasche kommt er mit mir nach Wien, wo er an der Technischen Hochschule Wasserbauingenieur werden soll”. Freilich hatte er einen Nebengedanken: “Wenn ich mit dem Jungen in Wien bleibe, wird Ruth nicht allein in Tel-Aviv bleiben wollen. Sie wird Israel Adieu sagen müssen, um mit uns sein zu können!” Erich war von dem Plan nicht begeistert, die Mutter — ohne vom Nebengedanken zu wissen — noch weniger. Nathan war jedoch standfest und nahm den Sohn nach Wien mit. Der Sache begann aber in Wien alles eher als gut. Am Polytechnikum harrte ihrer eine grosse Enttäuschung, denn man eröffnete Nathan: Der Bub ist ein geborener Österreicher. Und so hat er — vor der Aufnahme — die Prüfung aus deutscher Sprache und Literatur zu machen”. Erich, ein richtiggehender Junge aus Israel, sprach deutsch wie alle seine Schicksalsgenossen. Deutsche Literatur? Das war für ihn der grosse Unbekannte. Er ist daher totenbleich geworden, als er von der ihm bevorstehenden Prüfung hörte. Er wusste, warum, denn bei der Prüfung fiel er mit Bomben und Granaten durch. Die Aufregung ging aber bald zu Ende, denn der Durchfall bedeutete doch so viel, dass er zur Mutter und den Chaverim nachhause fahren durfte, die sich mit seiner Rückkehr ungeheuer freuen werden. Und so ist Nathan auch dieser Plan misslungen. ★ Ein einzigesmal ist es Nathan gelungen, Ruth — wenn auch nur für drei Wochen — nach Wien zu lotsen. Um diese Zeit befand auch ich mich in Wien, wo ich einige Laufereien wegen meiner Pension hatte. In einem Ringstrassencafe, wo sich Israelis zu treffen pflegten, beggnete ich dem Ehepaar Nathan, Ruth freute sich sehr, als sie mich erblickte. Endlich jemand, mit d. sie sich aussprechen konnte. “Nächste Woche fahre ich nach Israel — war ihr erstes Wort. Ich erwarte kaum, wieder zuhause zu sein. Auch mein Sohn erwartet mich”. Man sah ihr an, dass sie Heimweh hatte. Sie fuhr auch recht bald nach Israel. Erich wurde Börsendisponent in seiner Stellung, bei einer bedeutenden Bank in Tel-Aviv. Der Mutter gestand er, dass er sich in ein schönes bucharisches Mädchen aus Jerusalem verliebt hatte. Er stellte sie bald ihrer Mutter vor und wiewohl das Gespräch auf einige sprachliche Schwierigkeiten stiess, empfand das Mutterherz, dass der Sohn die richtige Wahl getroffen habe. Ich nahm an der Hochzeit teil und sah, wie Ruth obenan thronte einer Königin gleich. Nach so viel Müh’ und Leid gebührte ihr aber all’ der Koved, der ihr zuteil wurde. Erich erfreut sich heute einer hohen, festen Bankposition und hat das Versagen in deutscher Sprache und Literatur längst vergessen. ★ Zwischendurch wurde Nathan pensioniert und zw. mit dem “Hofratstitel”. Passen Sie mal auf: Nach dem Weltkrieg wurde Österreich eine demokratische Republik und hat keinen kaiserlichen Hof mehr. Aber eins blieb aus der langen Epoche des Kaisers Franz Josef: der Hofratstitel. Darauf wollte oder konnte die Republik nicht verzichten. “Komm’ nach Wien — schrieb Nathan an Ruth — hier wirst Du Frau Hofrat werden”. Aber auch dieser pompöse Titel übte keine Anziehungskraft auf Ruth aus und sie blieb fein säuberlich in Tel- Aviv. Nathan ist allmählich greisenhaft alt geworden. Er kehrte nach Tel-Aviv zurück, aber hie und da machte er doch noch einen Besuch, seiner alten Liebe — der Stadt Wien. Bei einem solchen Besuch holte ihn der Todesengel, der Malach hamawet. Ruth liess seine irdischen Reste nach Israel kommen, da sie nicht wollte, dass Nathan in fremder Erde begraben werde. ★ Die Wiener Gijoret lebt noch. Die moderne Ruth lebt noch und hält es noch immer mit Ruth der Moabiterin: “Dein Volk ist mein Volk, und dein G’tt ist mein G’tt”. Ad mea weesrim! Lichtbildervortrag Am Sonntag, den 24. Mai 70 fand in den Räumen der Loge in Tel Aviv ein Lichtbildervortrag von Herrn Heinz Masur, Täby — Stockholm (Schweden) statt, an dem 120 Personen teilnahmen. Der Redner war im Juli 69 in Breslau und brachte 75 Aufnahmen mit, die er erläuterte. Es waren viele Breslauer an dem Abend zu sehen, die sonst sich wenig bei unseren Veranstaltungen zeigen. Herr Masur hat — wie wir von ganz anderer Seite erfuhren — er hat es in seiner Bescheidenheit nicht erzählt, — mit dem Grafen Bernadotte viele Juden aus den KZ-Lägern herausgeholt. Ob es Chuppe oder Briss, Eine Sache ist gewiss: Willst du gute Speisen speisen, lasse dich zu TCHELET weisen. Dort weiss man auf alle Fälle, wie man dich zufrieden stelle. Glaub mir, wenn ich’s dir erkläre — Dort das Fest hat Athmosphäre! „TCHELET" TEL-AVIV, SHEINKINSTR. 59. TEL. 22 05 45 Sorgsamste Ausführung aller Festlichkeiten. fl 3 nj ni» 16