Yediʿot shel Irgun ʿOle Breslau be-Yiśraʾel
- Journal
- Yediʿot shel Irgun ʿOle Breslau be-Yiśraʾel
- Volume
- 1970
- Issue
- No. 28 (September 1970)
- Date
- 1970-09-01
- Page
- Seite 14 (sequence 2799)
- Language
- German
- Belongs to
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ZWEIMAL E R sah ziemlich jüdisch aus, der Berliner ■■ Rechtsanwalt B., etwas weniger seine Frau. Zusammen mit einer jüdischen Freundin, einer Witwe, lebte das Ehepaar B. noch in Deutschland, als Hitler den 2. Weltkrieg begann und der gelbe Stern von den Nazis eingeführt wurde, um die Juden zu kennzeichnen. Die drei hatten den Anschluss bei der Auswanderung verpasst. Es war ihnen nicht möglich gewesen, rechtzeitig herauszukommen und sie konnten auch die letzten Wege, die in den ersten 2 Kriegsjahren noch in die Freiheit führten, nicht benutzen. Zur Zeit des sogenannten Scheinkrieges — Winter 1939/40 — gab es noch Möglichkeiten für Auswanderer, von Belgien, Holland, Skandinavien und Italien aus die Länder jenseits des Ozeans zu erreichen. Im April 1940 besetzte Hitler Norwegen, Belgien, Holland und Luxemburg und damit waren die Türen zur Freiheit in diesen Ländern verrammelt. Kurze Zeit später winde der Schiffsdienst von Italien suspendiert und im Juni trat auch Italien in den Krieg ein. Verzweiflung macht erfinderisch und so gelang es den jüdischen Organisationen, einen anderen Ausweg aus Deutschland heraus, freilich einen ziemlich komplizierten zu bewerkstelligen. Deutsche Juden gelangten nach Amerika über Russland, die Manschurei, Japan und Hawai. Aber, als Hitler 1941 Russland angriff, da war auch diese Tür verschlossen. Die Nazis erlaubten dann den deutschen Juden, die Visa für die USA hatten, in versiegelten Eisenbahnwaggons durch Frankreich nach Spanien und von dort aus nach Lissabon, Portugal, zu reisen. In Lissabon bekamen sie Passagen auf portugiesischen Schiffen, wobei ihnen unverschämte Preise für elende Quartiere und für erbärmliches Essen abgenommen wurde. Das war das letzte Kapitel von organisierter Auswanderung aus Deutschland in der Hitlerzeit. Als endlich, im Dezember 1941, die Vereinigten Staaten in den Krieg eintraten, war der Rest der deutschen Juden in einer Mausefalle gefangen. Nur noch eines blieb den verzweifelten Menschen übrig, nämlich unter Grund zu gehen, wie sie dieses Leben untereinander bezeichnet hatten. Es bedeutete, mit falschem Namen und falschen Ausweispapieren als Nichtjuden zu leben. Nur ein geringer Teil des Restes der deutschen Juden hatte die Kraft, eine so gefährliche und nervenzerrüttende Existenz zu riskieren. B., seine Frau und die Freundin waren darunter. Es war gegen 1942 und die drei waren noch in Berlin, als der erste verheerende Luftangriff auf die Hauptstadt stattfand. Sie lebten als Juden mit dem gelben Stern und erlitten alle Erniedrigungen und Entbehrungen, die sich die Nazis ausgedacht hatten, um sie zu quälen. Sie hatten sich entschlossen, unter Grund zu gehen, aber sie zögerten noch immer, gefälschte Dokumente auf dem schwarzen Markt für entsetzlich viel Geld und unter grosser Gefahr zu kaufen. Der Luftangriff war vorüber. Hunderte Häuser standen in Flammen oder waren zusammengestürzt. Tausend Menschen irrten obdachlos in den Strassen herum. Die allgemeine Verwirrung war unbeschreiblich. Um den Opfern erste Hilfe zu gewähren, hatten die Nazis in der ganzen Stadt Wohrfahrtsämter für erste Hilfe in der Not errichtet. Das war der Moment, als Frau B. die glänzende Idee hatte, die sie sofort in die Tat umsetzte. Da sie von allen drei am wenigsten jüdisch aussah, entschloss sie sich, die Rolle eines nichtjüdischen Opfers des Luftangriffs zu spielen, einer Frau, die eben ihre Wohnung durch den Luftangriff verloren hätte. Sie rannte zu dem nächstgelegenen Wohlfahrtsamt für diese Opfer BEHERDIGT Von Dr. ERNST WARSCHAUER und überschüttete weinend und schluchzend die Beamten mit jammervollen Klagen. “Hilfe, Hilfe”, schrie sie, eben sind wir zum zweiten Male ausgebombt worden! Als wir vor 4 Wochen in Hamburg ausgebombt wurden, mein Mann und ich und eine Freundin, die bei uns lebte, gingen wir alle drei nach Berlin und fanden Wohnung in einer Pension am Pragerplatz. Jetzt ist auch dieses Haus wieder kaputt! Wir haben überhaupt nichts mehr ausser unsem Kleidern auf unsern Leibern: Geld, Pässe, Lebensmittelkarten, alles ist weg! Hilfe, Hilfe”, rief sie verzweifelt. Die Nazis beeilten sich, die Frau zu beruhigen und ihr zu helfen. Sie gaben ihr etwas Geld für die ersten, allerdringendsten Ausgaben, dann eine Zuweisung für freie Mahlzeiten in öffentlichen Notstandsküchen, sie gaben ihr Lebensmittelkarten und — das wichtigste war: eine wunderschöne Garnitur von Ausweisen, wie sie an Opfer von Luftangriffen ausgegeben wurden und die einem Pass an Wert zum Ausweis gleichkamen. Das Ehepaar nahm den Namen Schulze an und die Freundin Schmidt, das sind, Namen, die über den Verdacht im allgemeinen erhaben sind, dass sie Juden gehören könnten. Aeusserst glücklich, mit Tränen in den Augen — diesmal Freudentränen — verliess die neugebackenen Frau Schulze das Amt und eilte heim, um Herrn Schulze und Frau Schmidt vom Erfolg ihrer Expedition zu erzählen. Herr Schulze war so befriedigt von diesen Ergebnissen, dass er die Trophäen, die sie mitgebracht hatte, noch nicht für genügend hielt: er vermisste die Raucherkarten, die die nichtjüdische Bevölkerung zum Bezug von bestimmten Quanten Tabak wöchentlich berechtigte. Und Frau Schulze war so kühn, noch mal in die Löwengrube zurückzugehen, damit ihr Mann auch rauchen könnte, wie jeder andere Nichtjude. Die kleine Familie hätte ganz gut in der Hauptstadt weiter leben können in der neuen Wohnung, die ihnen von den Nazis zugewiesen worden war. Indess war die Berliner Luft nicht mehr sehr bekömmlich, nicht mal für echte “Arier”. Sie entschieden sich dafür, von Berlin wegzugehen. Es war wieder Frau B., die sich als der gute Geist der Familie bewährte. Sie fuhr nach Süddeutschland und fand eine nette, kleine Wohnung in Neckargmuend, nahe bei Heidelberg. Sie konnte keine bessere Wahl getroffen haben, denn Heidelberg war eine der wenigen wichtigen Städte Deutschlands, die während des ganzen Krieges nicht bombardiert wurden. Der neue Vermieter — ein kleiner Eisenbahnbeamter — und seine Familie waren liebe Leute, die nie den Schulzes oder Frau Schmidt irgend wie Grund gaben, sich zu ärgern. Zwar zu Anfang, als sie Herrn Schulze zum ersten Male sahen, da hatten sie so einen Schimmer von Verdacht, er möchte vielleicht nicht ganz das von den Nazis geforderte rein nordische Blut haben. Nachdem sie aber die prächtigen Dokumente von Berlin eingesehen hatten, hielten sie jeden Zweifel am “Ariertum” ihrer Mieter für absurd. Dort verlebte das Ehepaar mit der Freundin ein verhältnissmässig friedliches Jahr. Dann wurde Herr B. krank. Da sich die Krankheit verschlimmerte, mussten sie einen Heidelberger Arzt zuziehen und der sollte nicht bloss ein guter Arzt sein, sondern möglichst auch ein heimlicher Antinazi, der sie alle nicht verraten würde, wenn er hinter ihr Geheimniss kam. Sie hatten das grosse Glück, dass ihnen EINE WAHRE BEGEBENHEIT schliesslich eine Aerztin empfohlen wurde, die genau der richtige Mensch für solch einen Fall war. Sie war die Enkelin des berühmten Philosophieprofessor Kuno Fischer von der Universität Heidelberg, dessen umfassendes Lebenswerk — eine Geschichte der Philosophie in 9 Bänden — noch heute imvergessen ist. Es ist wohl nicht verwunderlich, dass die Enkelin dieses eminenten Denkers kein Verständniss aufbringen konnte für die verrückten, unverdaulichen und unwissenschaftlichen Nazidoktrinen. Sie stellte fest, dass B. Krebs hatte. Obwohl sie seiner Frau nicht die volle Wahrheit über den Zustand ihres Mannes mitteilte, beruhigte sie sie insoweit, dass sie ihn in ein Krankenhaus bringen würde, wo man ihn nichts über seine Abstammung oder Glauben fragen würde. Das aber war zunächst alles, was die armen Menschen verlangen konnten. Eine Operation war unvermeidlich und wurde vorgenommen. Der Patient wurde vorzüglich behandelt und nichts unterblieb, was ihm sein Leiden erleichtern konnte. Es kam niemals heraus, ob die Aerzte oder die Krankenschwestern die Verstellung entdeckt haben; jedenfalls bekam weder er noch die Familie etwas davon zu wissen. 10 Tage nach der Operation starb er. Aber auch, nicht mal der Tod machte ein Ende mit der grauenvollen Komödie, die gespielt werden musste, um den jüdischen Ursprung dieser Leute zu verbergen. Die Komödie musste weitergehen über die heilig Schwelle des Todes hinaus. Ein evangelischer Pastor wurde verpflichtet, bei der Beerdigung zu amtieren. Der Mann wurde auf dem evangelischen Friedhof beigesetzt, obwohl er sein ganzes Leben ein glaubenstreuer Jude gewesen war. Er hatte kurz vor seinem Tode seine Frau angefleht, sie solle dafür sorgen, dass kein Kreuz auf seinem Grabe errichtet würde. Ein sonderbares, freundliches Geschick brachte es zuwege, dass dieser Wunsch in Erfüllung ging. Die Witwe musste weiter bis zum Schluss die Christin spielen und musste ein hölzernes Kreuz bestellen. Damals gab es kaum Grabsteine mehr in Deutschland und man ersetzte sie durch Holzkreuze. Es war wie ein Wunder, das bestellte Kreuz wurde nicht geliefert und aufgestellt, die Witwe kümmerte sich natürlich nicht darum und bald umgab ein Wald von Holzkreuzen das Grab des Juden, das ohne dieses Symbol verblieb. Als die Stunde der Befreiung schlug und die Amerikaner Heidelberg besetzten, nahmen Frau Schulze und Frau Schmidt ihre richtigen Namen wieder an. Nicht ohne Mühe gelang es ihnen, die Besatzungsbehörde von der Wahrheit ihrer sonderbaren Geschichte zu überzeugen. Als ihnen dies gelungen war, bewilligten die Befreier, dass auch die jüdische Identität des Verstorbenen wiederhergestellt würde. Es wurde genehmigt, dass die jüdische Leiche auf dem evangelischem Friedhof wieder ausgegraben und auf dem jüdischen Friedhofe in Heidelberg nach jüdischem Ritus erneut beigesetzt wurde. Dies geschah dann im Beisein vieler christlicher Freunde des Toten aus dem Dorfe, wo er seine letzte Lebenszeit verbracht hatte. Ein amerikanischer Rabbiner leitete die Totenfeier, und das berühmte Totengebet, das zehn Juden am Grabe eines Glaubensgenossen nach altem Ritus sagen müssen, Kaddisch, erklang als letzter Gruss zu Ehren des Mannes, der nunmehr seine bleibende letzte Ruhesgätte am rechten Platz gefunden hatte. Dr. Ernst Warschauer 14