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Yediʿot shel Irgun ʿOle Breslau be-Yiśraʾel · 1970-09-01 · No. 28 (September 1970) · p. Seite 10

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Journal
Yediʿot shel Irgun ʿOle Breslau be-Yiśraʾel
Volume
1970
Issue
No. 28 (September 1970)
Date
1970-09-01
Page
Seite 10 (sequence 2795)
Language
German
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Else Levi-Mühsam PAUL MUEHSAM Ein jüdisch Dichterschicksal In diesem Jahre jährt sich zum 10. Mal der Todestag des bekannten schlesischen Dichters Dr. Paul Mühsam, und wir bringen anlässlich dieser Wiederkehr einen Artikel von seiner Tochter Else Levi-Mühsam. MEIN Vater Paul Mühsam würde es als undenkbar von sich gewiesen haben, hätte im Jahre 1919, als seine ersten Bücher erschienen, ihm jemand vorausgesagt, dass er anderthalb Jahrzehnte später in einem fremden Erdteil leben werde, wo seine Sprache und das, was er zu sagen hatte, nicht mehr verständlich war. Und doch geschah es. Dort in Palästina schloss man sich in der ersten Zeit dem engeren Landsmann gern an. So waren wir besonders froh über jeden, der aus unserer Heimat Niederschlesien kam. Seit dem Siebenjährigen Krieg sassen ja unsere Vorfahren in Schlesien, was auch durch Dokumente bezeugt ist, die im Preussischen Staatsarchiv aufbewahrt sind. Auch die Frau dieses erstmals — von Friedrich dem Grossen her — sich Mühsam nennenden Vorfahren stammte aus einer schlesisch-jüdischen Familie, die sogar schon seit dem 17. Jahrhundert in der Glogauer Gegend ansässig war. Mein Vater kam nur zufällig in Brandenburg zur Welt (am 17. Juli 1876), denn seine Eltern sahen sich infolge Verlustes ihrer Existenz einige Male gezwungen, ihr Glück aufs neue in verschiedenen Orten zu versuchen. So kam es, dass mein Vater seine Kindheit in Chemnitz und die Jugendjahre in Zittau verlebte. Es ist daher nicht verwunderlich, dass er nach beendetem Jurastudium, Anfang 1905, die nahe Stadt Görlitz zum Wohsitz erwählte und sich hier als Anwalt niederliess. Denn Görlitz gehörte zu Schlesien, aber gleichzeitig, wie auch Zittau, zur Familie der Oberlausitz. “Ich hätte keine bessere Wahl treffen können, denn Görlitz, am Ufer der Neisse gelegen, war eine wunderschöne Stadt mit unendlich viel Grün in Anlagen, Parks und Umgebung, zudem eine Musikstadt, in der es auch im übrigen an regem Interesse nicht fehlte, und in der nicht nur Verwandte von mir wohnten, sondern auch eine ganze Anzahl angesehener Familien, die mich aufs freundschaftlichste aufnehmen sollten. ...Von den vielen Städten, die ich im Laufe meines Lebens kennengelernt habe, zählt Görlitz zweifellos zu den anmutigsten und lieblichsten. Es ist mir eine wahre Heimat geworden”... Diese Heimat musste er 28 Jahre später verlassen. Wieder zwölf Jahre später verloren viele Schlesier die Heimat und haben erfahren, was das bedeutet. Doch verliessen sie nicht das deutschsprachige Gebiet und können insofern doch nicht ganz ermessen, was es heisst, auswandern zu müssen. In Berlin, wo er in den Jahren des Ersten Weltkrieges eine Abteilung des Zentralkomitees vom Roten Kreuz leitete, — von den Lasten seines Berufes befreit — lösten sich gestaute gedankliche und künstlerische Kräfte und er schrieb im Überschwang der beginnenden schöpferischen Tätigkeit die Werke: „Worte an meine Tochter“ und „Gespräche mit G’tt”. Von Anfang an spricht er von dem, was alle seine Bücher, Prosa und Lyrik, erfüllen wird: vom Geschwistersein aller Kreatur. Der Geist Jacob Böhmes weilt noch in der Stadt Görlitz, das schlesische Land hat immer wieder seine G’ttsucher undträumer, Paul Mühsam ist einer von ihnen. Aus dem wachen Wissen um dieses Geschwistersein alles Geschaffenen ruft er uns auf, aus dieser Fülle zu leben: „Wie könntest du noch einer Blume wehe tun, die deine Schwester, und einem Falter, der dein Bruder ist? Wie einem Menschen Übles wollen in Hass und Rache, bedenkend, dass ihr Kinder desselben Vaters und derselben Mutter (der Erde) seid? Was du auch Böses ihm hinsinnst, immer leidest du selbst dasselbe wie er, denn der G’tt in ihm, gegen den du deine Waffe wendest, ist derselbe, der auch in deiner Seele seine Heimat fand”... Aus derselben Quelle, doch auch ausgelöst durch das Entsetzen des Ersten Weltkrieges, stammt sein Gelöbnis, der Menschheit die Augen zu öffnen über den Widersinn des Krieges. Unmittelbar nach dem Krieg entsteht das Werk „Aus dem Schicksalsbuch der Menschheit“, in dessen Vorwort er sagt: “Dies Buch, hinter dem der Schatten des Weltkrieges aufsteigt, schrieb ich den Toten zu Gedenken, den Lebenden zur Erinnerung, den Kommenden zur Mahnung. Möge es Herzen erwecken und die Erkenntnis fördern, dass die Menschheit nur einen Feind hat: sich selbst, und das es nur einen gerechten Krieg gibt: gegen den Krieg.“ In den folgenden Jahren entstehen: „Vom Glück in dir“, „Mehr Mensch“, „Auf stillen Wegen". Ein Mysterienspiel „Der Hügel“, dessen Handlung von der Weltenschöpfung bis zur Weltendämmerung reicht, ist noch heute nicht veröffentlicht, ebenso wie das „Spiel vom getreuen Tod“. Sein Suchen nach dem Sinn des Lebens findet einen weiteren Niederschlag im „TAO. Der Sinn des Lebens“ (der in Kürze zur Wiederveröffentlichung gelangt), in „Die Welt als Geist und Gedanke“ (imveröffentlicht) und „Mein Weltbild“ (Jerusalem, 1949). Der tiefste Ausdruck seiner Gedanken ist in den Gedichten gestaltet, die unter den Titeln veröffentlicht sind: „Sonette aus der Einsamkeit (1926), „Stufen zum Licht“ (1933) und „Sonnette an den Tod“ (1949). Im Jahre 1924 erschien die Dichtung „Der Ewige Jude”. Hierin gibt mein Vater, wie er selbst sagt, seiner Sehnsucht nach einer alle Konfessionen überbrückenden Religion des Menschentums Ausdruck. „Zugleich habe ich in diesem Buch die in der Bergpredigt gipfelnde Lehre Christi in Gegensatz gestellt zu ihrer Anwendung in der Christenheit und mich auf dieser Grundlage mit dem jüdischen Schicksal auseinandergesetzt”. In der Bergpredigt sieht er das höchste Geistesgut, das der Menschheit geschenkt wurde. „Und weil nichts Höheres zu sagen ist, / So wird dein Wort die Menschheit überleben“... Hier im „Ewigen Juden“ auch nimmt mein Vater ahnungsvoll sein eigenes Schicksal vorweg, das sich zehn Jahre später erfüllen wird: .So schüttle ich den Staub von meinen Füssen / Und gehe, wie ich kam, ganz unerkannt. / Ich grüsse dich mit einem letzten Grüssen, / Mein armes, mein verirrtes Abendland.“ Nur am Rande kann ich die Übersetzungen aus der griechischen Klassik und Philosophie erwähnen, denen mein Vater sich während einer schöpferischen Pause widmete, der in zeitgemässe Sprache übertragenen, 1931 erschienen „Verteidigungsrede des Sokrates“ und einer Reihe anderer, noch nicht veröffentlichter griechischer Stücke. Auch Novellen sowie phantastische und satirische Theaterstücke, die einem ausgeprägten Sinn für das Komische, das Groteske entspringen, kann ich hier nur nebenbei erwähnen, denn sie entstammen, wie er selbst sagt, anderen Bezirken seiner Seele als alle übrigen Arbeiten. In seiner Berliner Zeit begegnet mein Vater dem Dichter Arthur Silbergleit, auch er heute vergessen. Beide Angehörige der Schlesischen Dichterschule, mein Vater als Niederschlesier, Silbergleit, in Glewitz geboren, als Oberschlesier. Sie treffen sich häufig im Cafe Josti, wo sie in einer stillen Ecke sich gegenseitig das zuletzt Geschriebene vorlesen und auch über manches Wort lange disputieren. Auch nach dem Ersten Weltkrieg blieben sie in Verbindung. Ihr Briefwechsel brach erst in der Hitlerzeit ab, als mein Vater ihn aus den Augen verlor und nur noch von seinem Tod erfuhr. Silbergleit, der zarte Lyriker, endete als Jude in der Gaskammer. Silbergleit war auch bewährter Mitarbeiter der Monatsschrift „Der Oberschlesier“/ Oppeln. Die Schriftleitung.) Das Görlitz meiner Kindheit und Jugend, die Stadt, die den Rahmen meines Elternhauses, des Lebens Paul Mühsam, als Bürger, als Anwalt und als verehrter Dichter bildete, dies Görlitz der zwanziger Jahre zu schildern, wie es in mir lebt, ist in diesem Aufsatz nicht der Ort. Ich erinnere mich uns nahestender Menschen, deren Name vielleicht heute noch manchem älteren Schlesier mehr als nur ein Begriff ist, wie den frühverstorbenen Studienrat Dr. Hermann Schultheiss (Freund Hermann Stehrs, Lissauers, Kolbenheyers), den künstlerisch beschwingten Landgerichtsdirektor Dr. Erich Schwenk, der die „Lichten Sonntage“ in Görlitz einführte ,in denen Künstlern, die anders kaum die Möglichkeit hatten in der Öffentlichkeit zu erscheinen, hierzu verholfen ward. In entsprechender Weise tat dies auch der junge Ludwig Kunz», durch die Herausgabe der Blätter „Die Lebenden“, heute zu einer Kostbarkeit geworden als Zeugnis der hochbegabten, damals noch nicht anerkannten Expressionisten Schlesiens.* ** Zu den Freunden meines Vaters gehörte der damals noch junge Studienrat Felix A. Voigt, der später, neben und gemeinsam mit C. F. W. Behl und anderen, die geistige Betreuung von Gerhart Hauptmanns Werk zu seiner Lebensaufgabe machte und der sein Eckermann wurde. Ich erinnere mich an den Dichter-Maler Herbert v. Hörner, der vom Baltikum über Überlingen a. B. kommend, sich in Görlitz angesiedelt hatte und mit meinem Vater freundschaftlich verbunden war; an Dr. Otto Schlüter, den feinsinnigen kulturellen Mitarbeiter am „Görlitzer Anzeiger“; an die Dichterin Carola v. Roon .heute vergessen, Schlossherrin von Krobnitz in der Oberlausitz unweit Görlitz, der sich mein Vater durch gleiches kosmisch-religiöses Denken zutiefst verbunden fühlte; an den blutjungen Maler Walter Neumann-Nechern aus dem wendischen Dorf Nechern in der Görlitzer Gegend. Im weiteren Umkreis meines Elternhauses erinnere ich mich an den Maler-Dichter Johannes Wüsten, der wegen seiner menschlichen Haltung in den dunklen Jahren im Zuchthaus elend zugrunde ging, sowie an seine Frau die Künstlerin Dorothea (Dörthe) Koppen; an den Philosophen und Maler Bo Yin Ra (Josef Schneiderfranken) und den ihm befreundeten, frühverstorbenen expressionistischen Maler Neumann-Hegenberg, sowie den „Maler Schmidtei“ (Schmidt) und den Dichter Max Hermann-Neisse. Eine fröhliche Fahrt zu Dritt ins Neissetal mit den beiden letzteren ist mir unvergesslich. Nicht zuletzt ist es Hermann Stehr, an den ich mich erinnere. Auf einem unser Schlesischen Musikfeste lernte ich den Dichter mit dem schönen, eindrucksvollen Kopf kennen. Seine Gespräche mit meinem Vater, in Görlitz und im Faberhaus, hat dieser, da sie für ihn bedeutungsvoll * Ludwig Kunz ist heute als Kritiker, Übersetzer und Herausgeber kostbarer Kunstbücher in Amsterdam tätig, wohin er 1938 flüchtete. 1965 wurde ihm der Martinus Nijhoff-Preis vom Prinz Bernard-Fonds für die Übersetzung niederländischer Lyrik ins Deutsche zugesprochen. ** Im Limmat-Verlag in Zürich erschien anfangs 1967 eine Faksimile-Ausgabe von „Die Lebenden“. Forts. S. 11 10

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