Yediʿot shel Irgun ʿOle Breslau be-Yiśraʾel
- Journal
- Yediʿot shel Irgun ʿOle Breslau be-Yiśraʾel
- Volume
- 1970
- Issue
- No. 28 (September 1970)
- Date
- 1970-09-01
- Page
- Seite 7 (sequence 2792)
- Language
- German
- Belongs to
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Das Professor Badt’sche Minjan EIT 1858 waren in Breslau die religiösen Richtungen (konservative und liberale) zu einer Einheitsgemeinde zusammengefasst und besassen dementsprechend zwei Hauptsynagogen. Neben diesen gab es noch einige Privatsynagogen und zahlreiche kleinere orthodoxe Bethäuser., die sich in fast allen Teilen der Stadt befanden, sich jedoch hauptsächlich im Zentrum der Stadt konzentrierten. Lediglich der Norden und Osten der Stadt waren in dieser Beziehung etwas stiefmütterlich behandelt. Dabei wohnten in der Scheitniger Vorstadt und östlich vom Christophorieplatz viele Juden, denen der Weg zu den zentral gelegenen Synagogen oft schwer war, namentlich wenn sie am Schabbath oder an den Festtagen keine Fahrgelegenheit wahrnehmen wollen. Es hat sich daher in relativ kurzer Zeit in der Paradiesstr. 1 in den Wohnräumen von Prof. Dr. B. Badt, Oberlehrer am Johannesgymnasium, ein Minjan zusammengefunden, zu dem die Beter aus der Nachbarschaft kamen, ja sogar aus der Scheitniger Vorstadt von jenseits der Oder. Und es war geradezu erstaunlich, dass gerade von dort ein alter früherer Müller immer als erster zur Gebetszeit erschien. Zunächst begnügte man sich mit dem Abendgebet, vor allem am Schabbath, später freilich auch am Morgen und zwar frühzeitig. Denn der Hausherr wollte es erreichen, dass die Schüler des benachbarten Gymnasiums noch vor Beginn des Unterrichts am Gttesdienst teilnehmen. Ja, er sorgte dafür, dass sie nach vorheriger Verabredung auch aus der Thora ihren Abschnitt vorlassen. Sie sollten auch das Amt als Vorbeter übernehmen und nicht selten stellte sich der Lehrer, wie er es vom Unterricht im Gymnasium her gewohnt war, neben den jungen Chasan, um ihm die traditionellen Weisen zu lehren. Sie sollten — so sagte er es immer wieder — lernen, wenn sie einmal in ihrem späteren Leben in kleineren Gemeinden leben würden, verstehen, eine jüdische Gemeinde zu leiten, ja sogar als Vorbeter amtieren können, falls da ein Beamter nicht zur Stelle wäre. — Natürlich wurde nach dem Morgengebet ein Kiddusch, von der gastfreundlichen Wirtin ein Frühstück geboten. Unvergesslich sind mir die Worte, die der Hausherr sagte: “Weiberle, heut haben wir einen besonders schönen Schabbath. Acht Schüler sind heut unsere Gäste”. Die hochgebildete Wirtin nahm im Nebenraum mit ihren beiden Töchtern am Gttesdienste teil. Beide sind später bekannt geworden, d. Ältere als Schriftstellerin Bertha Badt- Strauss, ist vor nicht allzulanger Zeit im hohen Alter, geistig ungebrochen in U.S.A. verschieden, die jüngere, Lotte hat Medizin studiert und hat mit dem Unterzeichneten in der gleichen Prüfungsgruppe das Medizinische Examen bestanden und später den bekannten Neurologen Joseph Prager geheiratet, der zu unserer Freude in Haifa seinen 85. Geburtstag feiern durfte. Man sollte aber noch einen Minjenmann erwähnen, den Sohn des Hauses Hermann, der später Ministerialdirektor im preussischen Innenministerium und Bevollmächtiger Preussens im deutschen Reichsrat wurde. In dieser Eigenschaft nahm er auch am Fluge des Zeppelinschiffes nach Palästina teil. Nach seinen Worten hielt er den Abflug aus Friedrichshafen etwas auf, da er noch 3 Sack mit Konfetti verladen musste, um sie über Tel-Aviv auszuschütten. Und dies geschah gerade an Purim und löste eine unerwartete grosse Freude aus. Als das Flugschiff in die Jordansenke einlenkte, rief ihn der Kommandant in die Führerkabine, um als früherer Palästinabesucher den anwesenden deutschen Honorationen genaue Erklärung zu geben und mit ihnen ein Glas Palästinawein zu trinken... Geschah es doch zum ersten Mal, dass ein Schiff unter dem Meeresspiegel kreuzte. Die mitgebrachten Flaschen wurden mit dem Poststempel des Luftschiffes versehen: eine behielt die Schiffsleitung, eine erhielt die Familie Badt und die dritte das jüdische Museum in Tel-Aviv. Aus welchen Kreisen rekrutieren sich die sonstigen Teilnehmer des Badt’schen Minjan? Es sei an erster Stelle eines Mannes gedacht Moritz Rosenfeld, Sohn des Golluper Raws und Schwagers von Freund, die beide mit ihren Söhnen regelmässige Gäste waren. Es erschienen Kaufleute, die sich gern um den Posten als Vorbeter bewarben und sich mancher Kritik unterziehen mussten, Auch der frühere Chasan aus Ohlau amtierte, und sein Sohn wurde als Bar Mitzwah mit bewegten Worten von Professor Badt eingesegnet. Als unsere benachbarten Mitschüler Schiwah sassen, sorgten die Mitglieder unseres Minjans, dass sie in ihrer Wohnung beten und die traditionellen Gebete sprechen konnten. Ein regelmässiger Teilnehmer war Professor Töplitz, Oberlehrer am Johannesgymnasium, der ebenso wie sein Vater und sein Sohn wohl die letzte und älteste Mathematikerfamilie Deutschlands darstellte. Der Enkel ist freilich dieser Tradition untreu geworden. Er ist als erster Solo Flötist des IPO “Jüdischen Palestine Orchesters” bekannt geworden. Als offizielle Nachmittagsbesuche erschienen oft am Schabbath Oberrabbiner Jakob Gutmann, der bedeutende Religionsphilosoph und Professor Brann, der Historiker am jüdisch theologischen Rabbinerseminar. Wenn diese Gelehrten zusammen mit ihrem Freunde Prof. Badt mit Zylinderhut auf der Zwingerpromenade spazierten, boten sie dem Publikum ein attraktives Bild. Wenn sie nämlich nach Art der Peripatetiker der Philosophenschule Griechenlands, umhergehend ihre Probleme besprachen, machten sie immer wieder plötzlich halt, um ein besonders wichtiges Thema stehend und lebhaft zu diskutieren. — Noch ein Besucher des Badt’¬ schen Minjans soll erwähnt werden. Das war der “alte Koch” wie er in aller Munde benannt wurde. Er war ein aler Herr, er hatte alle Gebete im Gedächtnis ebenso wie den Text des Wochenabschnittes oder z.B. der ganzen Megillath Esther, die er stets hörbar memorierte. Er wusste aus dem grossen Schatz seines Lebens zu erzählen und mit kleinen Sächelchen die Anwesenden in den Gebetspausen fesselnd zu unterhalten. Er liebte es auch Teile des Talmuds zu zitieren und schwer erklärbare Punkte zur Diskussion zu stellen. Aber Prof. Badt, der gewohnt war, Quellenstudium zu treiben, suchte die fraglichen Stellen im Original auf und stellte zur Verwunderung fest, dass diese Stellen überhaupt nicht existieren, sondern von dem Märchenerzähler einfach konstruiert waren. Nicht nur am Schabbath wurde eine Stätte Der angebliche jüdische In jedem Jahre wieder, wenn die heiligsten Tage nahen, denken wir bei den Vorbereitungen im Elul in den Slichot an die Zeiten des Mittelalters, in denen die meisten Verfasser dieser Elegien gewirkt haben, wir denken an die Verfolgungen, deren Ursachen und Leiden sie schildern, wir denken insbesondere an das alte Magenza (Mainz), in dem der sagenhafte Rabbi Amnon den Anlass zu dem vor der Mussaf-Keduscha vorgetragenen Gebet Unetane Tokef gegeben hat, wir denken an die Leuchte des Exils Rabbenu Gerschon ben Jehuda, der mit seiner Slicha S’chor brit dem Tage vor Rsoch-ha-schana den Namen gegeben hat, und wir denken an den grossen Mainzer Lehrer und Poet Rabbi Simon ben Isak ben Abun, der die sagenumwitterre Einschaltung Elchanan beni im Morgengebet des zweiten Tages Rosch-hades Gebetes geschaffen. Als sich Prof. Badt leider nicht mehr einer völligen Gesundheit erfreute, dehnte man den G’ttesdienst auch auf die Feiertage ja sogar auf den Abend des Rosch-Haschanah aus. Und als die Frage aufgeworfen wurde, wer wird als Vorbeter amtieren, wurde der Unterfertigte junge, unverheiratete Mann dafür als würdig erachtet. Natürlich gab es auch eine Sukkah auf dem Balkon der Wohnung. Am Simchath Thora erschien als Chatan Bereschith mein Onkel Valentin Elias, Vorsteher der “Goldenen Hirschei Schul” mit einer Thorah. Die andere, aus der man gewöhnlich vorlas, war s.Zt. von Rabbiner Dr. Krakauer aus seinem Privatbesitz in liebenswürdiger Weise zur Verfügung gestellt worden. Der nominierte Chatan gedachte nun als Vorbeter zu fungieren, jedoch Prof. Badt meinte: “Dieser Posten befindet sich bereits in den Händen Ihres Neffen”. Und wie stolz und geführt war mein alter Onkel, als er seine chassidischen von ihm abgelauschten Weisen aus dem Munde des jüngeren Verwandten hörte. Im Verlaufe der Zeit wurde es unserem verehrten Prof. Badt immer schwerer, seinen angestammten Platz in der “Storchsynagoge” wahrzunehmen und Pessach war er leider völlig ans Bett gefesselt. Als man das Hallelgebet sagte, Hess er vom Krankenbett aus dem Nebenzimmer bitten, man soll doch Psalm 116 laut zitieren, da er sich besser fühlte: “Befreit hast Du” so heisst es dort” meine Seele vom Tode, meine Augen von Tränen, meinen Fuss vom Sturze. Wandeln werde ich vor dem Ewigen in den Landen des Lebens”. Leider ging diese Hoffnung auf Genesung nicht in Erfüllung. Er verschied nach wenigen Tagen. An seinem Sterbebette standen neben der Familie auch der Gründer unserer Organisation Dr. Wilhelm Freyhan s.A. und zwei seiner Schüler, die zumeist beim Gttesdienst amtierten. Den Nachruf auf dem Friedhof Lohestrasse hielt mit tränenerstickter Stimme Rabbiner Professor Guttmann. Die Worte der Klage, die einst König David beim Tode der gefallenen Helden Saul und Jonathan ausrief: “Es tut mir wehe um Dich, mein Bruder, Du warst mir sehr lieb” kamen aus dem Herzen aller Freunde und Verehrer des Verstorbenen. Lange blieb das Zimmer, in dem das Badtsche Minjan gebetet hatte behütet, unverändert blieb der Sessel, auf dem er zu studieren pflegte, die aufgeschlagene Seite, die er zuletzt gelesen hatte, blieb unberührt. Nach einiger Zeit musste man in andere Räume übersiedeln, zuerst in die Clausewitzstrasse zu Rosenfeld, dann zu Karger in die Klosterstrasse. Längere Zeit fanden sich dort die früheren Beter zusammen. Der Name “Badtsches Minjan” bestand weiter, es fehlte jedoch der Genius loci, der Gründer Professor Benjamin Badt S.A. Dr. SEEW (William) BOSS, Tel-Aviv Papst war Raschi's Cousin schana verfasst hat. Es erübrigt sich, immer und immer wieder auf die auch an dieser Stelle erzählte Legende vom angeblich jüdischem Papst Elchanan hinzuweisen, der in Wirklichkeit der Sohn von Simon ben Isak aus Mainz gewesen sein soll. Aber eine wichtige Begleiterscheinung, die in weitesten Kreisen unbekannt ist, sei hier erwähnt. Simon ben Isak, Vater dieses angeblichen Papstes, war ein naher Verwandter von Raschi. Nach den neuen Forschungen in Germania Judaica (I, 189) war seine Schwester, die Mutter Raschis. Demnach war also Raschi ein Cousin dieses sagenhaften Papstes. Da merkwürdigerweise hiervon so wenig bekannt ist, ist es wichtig, dass diese Mitteilung weitergegeben wird. Rabbiner Dr. Neufeld 7