Yediʿot shel Irgun ʿOle Breslau be-Yiśraʾel
- Journal
- Yediʿot shel Irgun ʿOle Breslau be-Yiśraʾel
- Volume
- 1970
- Issue
- No. 28 (September 1970)
- Date
- 1970-09-01
- Page
- Seite 6 (sequence 2791)
- Language
- German
- Belongs to
- journal issue
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Wiedersehen mit Breslau Um die Judenschule (ZUM 50. JAHRESTAG DER BRESLAUER JÜDISCHEN VOLKSSCHULE) Ports, v. S. 5 früheren Striegauer Platz, wo früher das bekannte Restaurant “Deutscher Kaiser” existierte. Dort verliert man jede Orientierung bis endlich das Flughafen Gebäude in Gandau auf der linken Seite auftaucht und auf der rechten Seite die Einfahrt zum Jüdischen Friedhof, Cosel. “Wilde Hunde” steht am offenen Tor, wohl nur um ungebetene Besucher abzuschrecken. Denn merkwürdigerweise ist der Friedhof, oder zumindesten der Teil, den Schreiber dieser Zeilen besucht hat, von jedem Vandalismus verschont worden. Nur ist begreiflicherweise alles überwachsen, und man muss die Lage der Gräber seiner Lieben genau kennen, um sie wieder zufinden. Bevor ich diesen Bericht schliesse, möchte ich eine kurze Autoreise ins Riesengebirge erwähnen. Wenn man aus Breslau heraus fährt, kommt man an einem riesigen Denkmal für Lenin vorbei. Ansonsten hat sich nichts an der Chaussee über Schweidnitz, Freiburg und Landeshut nach Krummhübel verändert. Die Stadtbilder dieser Plätze sind dieselben wie anno dazumal, nur ausserhalb, wie überall in der Welt, stehen die fünf- bis zehnstöckigen Mietskasernen, und hier und da streng abgesperrte Militär-Kasernen, wo russische Truppen liegen, die aber nicht in der Öffentlichkeit erscheinen. In Krummhübel und Brückenberg hat sich überhaupt nichts verändert, nur dass das Aeussere aller Fremdenheime ungepflegt aussieht. Wahrscheinlich sind sie seit dem Kriege nicht mehr gemalt worden. Überall sieht man Feriengäste, in der Hauptsache wiederum junge Leute. Wenn man ältere Leute trifft, so kommen sie meist aus Ostdeutschland, und deshalb hört man verhältnismässig viel deutsch. Um den Sessel-Lift zu benutzen, der jetzt hinter der Teichmann Baude, ungefähr dem früheren “Gehänge” Weg folgend, bis unterhalb der Riesenbaude hinauf führt, musste ich fünf Viertelstunden warten, d.h. es waren schätzungsweise drei hundert Leute vor mir an der Reihe, und eine entsprechend lange Schlange stand hinter mir. Während der Auffahrt fing es an zu regnen, und als ich oben ankam, befand ich mich im Nebel, einem im Riesengebirge ja nicht unbekannten Vorkommnis. Deshalb machte ich mich sofort an den Abstieg, hatte aber Glück, indem die Sonne durch die Wolken hindurch kam, als ich an der Hampelbaude anlangte. Sie wird gerade von Grund auf renoviert und heisst jetzt Universitätshütte. — Der kleine Teich mit seinen steil aufragenden Wänden kann zwar den Vergleich mit alpinen Seen nicht bestehen, aber für mich war der Anblick eine Erinnerung an viele schöne Ferien während meiner Jugendzeit, und es fiel mir schwer, nach der Schlingelbaude abzusteigen. Als ich aber dort ankam, gab es keine Baude, sondern nur ein Lager von Holzfällern, und so setzte ich meinen Weg nach der Kirche Wang fort. Dieser Weg muss der Hauptzugang zum Kamm sein, denn er ist gepflastert, obgleich er für Autoverkehr gesperrt ist. Was die Grenze zwischen dem jetzigen Polen und der Tschechoslowakei betrifft, so gibt es für den Autoverkehr von Görlitz bis Kattowitz nur drei Übergänge: bei Harrachsdorf (hinter Schreiberhau), Kudowa-Nachod und südlich von Kattowitz. An den Grenzbauden haben die Tschechen die Strasse für mehrere hundert Meter unfahrbar gemacht. Ich möchte noch nachtragen, dass ich natürlich in Breslau auch die Plätze besucht habe, wo früher die neue Synagoge und die “Storch” Synagoge gestanden haben. Wir wissen Alle, dass die neue Synagoge abgebrannt ist, an ihrer Stelle steht ein Mietsgebäude, dagegen ist das Haus, wo die jüdische Schule einst existierte, noch erhalten. In der früheren Wallstrasse stehen zwar die Häuser, in denen die Gemeindeverwaltung und das theologische Seminar waren, auch die “Storch” So geschehen am 6. März 1920. An diesem Tage wurde in Breslau der “Jüdische Schulverein” zum Betrieb und zur Erhaltung einer jüdischen Schule auf der Grundlage und im Geiste des traditionellen jüdischen Gesetzes gegründet. Zum ersten Vorsitzenden wurde der Initiator der Schule Rabbiner Dr. Max Simonsohn s.A., der schon im Frühjahr 1919 in offener Sitzung der Lessing-Loge für die Errichtung einer jüdischen Schule begeistert eingetreten war, gewählt. 14 Tage später versammelten wir uns, Schüler der ersten Klasse in den Räumen der Vereinigten Jüdischen Lehrzirkel, Breslau, Viktoriastr. 68, unter der Leitung von Lehrer Baruch Freier und gingen unbewusst in die Geschichte des jüdischen Schulwesens Deutschlands ein. Schon zehn Jahre später waren sich die Historiker über das Gründungsjahr unserer Schule uneinig. Die Zehnjahresfeier jedenfalls fand auf Grund der staatlichen Anerkennung, die am 29. November 1920 erfolgte, erst im März 1931 statt. Wie in der “Jüdischen Zeitung für Ostdeutschland” (Jüdische Volkszeitung), die dem Ereignis ihre Wochenausgabe vom 27. März 1931 widmete, nachzulesen ist. Aber für solche Spitzfindigkeiten hatten wir damals, obwohl inzwischen der jüdischen Schule entwachsen (die nur bis zur Untersekunda aufgebaut werden konnte), kein Interesse. Um so mehr erregte mich der von meinem Vater, alter Zionist und Mitgründer der Schule, oft zitierte Kampfruf der Liberalen gegen die Neugründung: „Die wollen ins Ghetto zurück“. Heute, 50 Jahre danach, blätterte ich in der jüdischen Presse nach und suche verzweifelt nach irgeneinem Lebenszeichen der neugeborenen ersten Schulklasse, vergeblich! Die jüdischen Wochenblätter sind mit wichtigerem beschäftigt. Da geht’s zunächst um die politischen Verhältnisse im deutschen Vaterland, seit 1919 “Weimarer Republik” getauft (oder, sagt man besser, “geschimpft”?) G”tt seis gedankt der Kapp Putsch zusammengebrochen und mit Recht überschreibt das “Israelitische Familienblatt” Hamburg seinen Leitartikel vom 25. März 1920 mit “Die überstandene Gefahr!”. Obwohl es an Widerwärtigkeiten und Anpöbeleien gegen Juden auch weiterhin nicht fehlt. So beschwert sich “unser Gemeindegenosse Max Kober aus Breslau in der “Jüdischen Rundschau” vom 31. März 1920 über die brutale Behandlung seitens der dortigen Polizei, die ihn bei Abreissen von Plakaten, die zu Progromen aufforderten, festnahm (Überschrift “Budapest in Breslau)”. Damals glaubte man noch, dass so etwas nur in Ländern, wie Ungarn, möglich sei! Da wirkt es tröstlich, dass sich kein Geringerer als der bekannte Schriftsteller Herbert Eulenburg, reiner Arier ,wie er betont, für die in der Rechtspresse von neuem angegriffenen Ostjuden einsetzt (Israelitisches Familienblatt vom 18. März 1920), was wohl wiederum manchem Juden liberaler Prägung gegen den Strich geht. Gerade in diesen Tagen finden heftige Wahl- Synagoge ist äusserlich intakt, aber zerbrochene Fensterscheiben machen es imwahrscheinlich, dass dort noch G“ttesdienst abgehalten wird. Keine Inschrift deutet darauf hin, dass — zumindest an dieser Stelle — jüdische Leben existierte. Da mein Besuch am Anfang einer Woche stattfand, war es mir auch unmöglich festzustellen, ob das den Tatsachen entspricht. Das Breslau, das für mich Heimat war, besteht nicht mehr, sondern eine fremde im Aufblühen begriffene Grosstadt. M. F. C. kämpfe in den zwei grossen Einheitsgemeinden Hamburg und Breslau statt (Ostjuden eingeschlossen) und auch in Berlin bereitet man sich auf den Ablauf der Kadenzzeit der Repräsentantenversammlung vor. Ismar JFreund, später Syndikus des “Preussischen Landesverbandes jüdischer Gemeinden“ hat es schwer, seinen Verfassungsentwurf für die Gesamtorganisation des deutschen Judentums (Ostjuden eingeschlossen?) Gehör zu verschaffen. Seine Vorschläge werden so ziemlich von allen Richtungen abgelehnt, wobei sich die verschiedenartigen Gegenargumente aufs Beste aufheben. Selbst die zum Himmel schreiende Not der jüdischen Landgemeinden, deren sich d. “Israelit” mit einer Rettungsaktion vom 1. April 1920 annimmt, kann daran nichts ändern. Es werden noch Jahre vergehen, bis das deutsche Judentum unter dem Zwang der Verhältnisse auf den “Freundschen Entwurf” zurückkommen wird. Im März 1920 gehen also die Hamburger und die Breslauer Juden wählen. In Hamburg sind es 28% der Wahlberechtigten, die von ihrem Stimmrecht Gebrauch machen (können?, Der Verkehr in der Stadt stockt Generalstreik!). Das Ergebnis 8 Liberale, 7 Orthodoxe, 4 Zionisten. Die “Jüdische Rundschau” frohlockt: “Die liberale Majorität gebrochen. Aber auch in Breslau “dem Hort der Assimilationspartei” ist angeblich in die “volksfeindliche liberale Front eine Bresche geschlagen. (Jüdische Rundschau, 9. März 1920) Wirklich? Von den 4105 Wahlberechtigten gaben hier immerhin 2828 (67%) ihre Stimme ab, davon 1998 den Liberalen und nur 818 dem oppositionellen Wahlblock der “Vereinigten jüdischen Parteien”: Zionisten, Konservative, Orthodoxe, d.h., dass auch in Zukunft die Liberalen mit 15 von 21 Sitzen die überwältigende Mehrheit haben werden. (Israelitisches Familienblatt vom 18. März 1920). Der konservative Listenführer der Opposition, Dr. Josef Schlesinger, gibt daher auch unumwunden zu, dass das Wahlergebnis zu bedauern sei. (Jüdische Volkszeitung, Breslau vom 12. März 1920) dies umsomehr als die erreichten 6 Mandate bei erhöhter Repräsentantenzahl eigentlich einen Rückgang bedeuten (und nachher noch auf Grund des herrschenden ausgeklügelten Wahlsystems auf 5 zusammenschrumpften). Die Schuld an der Niederlage trifft aber die Konservativen, die keinem orthodoxen ihre Stimme geben wollten (wie z.B., Willi Gluskinos, dessen Sohn Gerhard einige Wochen später mit mir dieselbe Schulbank drücken wird) wie die Nichtzionisten allgemein, die keinen der zionistischen Kandidaten (Schachtel und Jakobsohn) unterstützten wollten. Was Liberale, Konservative, Orthodoxe und Zionisten nicht hindert in der ersten Sitzung der neu gewählten Repräsentanz den extrem deutschfühlenden und zionistischfeindlichen Dr. Hermann Vogelstein einstimmig zum liberalen Rabbiner anstelle des verstorbenen gemässigten Rabbiners Dr. Guttmann zu wählen. (Israelitisches Familienblatt vom 1. April 1920) denn schliesslich und endlich bleiben wir doch die einzige wirkliche grosse Einheitsgemeinde Deutschlands. Von der neuen Schulklasse ist weder in dieser, noch in der kommenden Sitzung die Rede. So spurlos also ging die Neugründung vorbei. Nein, so ganz stimmt das denn doch nicht. Die Liberalen müssen schon vorher Wind bekommen haben. Denn in dem erfolgreich durchgeführten Wahlkampf taucht, wie sich Dr. Schlesinger in der “Jüdischen Volksstimme vom 5. März 1920 beschwert (Politische Brunnenvergiftung) das Schreckgespenst der “Judenschule (nicht mehr u. nicht weniger) auf. Da heisst es in einem der li- Forts. S. 8 6