Yediʿot shel Irgun ʿOle Breslau be-Yiśraʾel
- Journal
- Yediʿot shel Irgun ʿOle Breslau be-Yiśraʾel
- Volume
- 1970
- Issue
- No. 28 (September 1970)
- Date
- 1970-09-01
- Page
- Seite 4 (sequence 2789)
- Language
- German
- Belongs to
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Hinter den Kulissen des — Gemeindevorstandes Breslau DIE Breslauer Synagogengemeinde, die zweitgrösste nach Berlin, war eine sogenannte Einheitsgemeinde. Um die religiösen Bedürfnisse sämtlicher Mitglieder zu befriedigen, bestanden 2 Kultusausschüsse: für die konservative Richtung (I) .und für die liberale Richtung (II), jede mit ihrem Oberrabbiner und dessen Stellvertreter, der gewöhnlich auch das Schulreferat leitete. Es bestanden daneben noch wichtige Ausschüsse, meistens unter der Leitung eines Vorstandsmitgliedes so z.B. das Wohlfahrtsamt, das Dezernat für die Jugendfürsoge, zuletzt im eignen Heim. Es gab ferner eine Kommission für die Betreung der Zweig und Jugend gttesdienste, für das Bauwesen, für die Bibliothek und andere, die verwaltungstechnisch behandelt wurden. Hier sollen nur die Kommissionen berücksichtigt werden, in denen der Unterfertigte jahrelang oft an leitender Stelle teilnehmen durfte. Es gelang im Laufe der Zeit Wandel der oft nicht mehr ganz zeitgemässen Einrichtungen zu erzielen. Neben der im Anger befindlichen liberal geleiteten Schule bestand in der Wallstr. die konservative Religionsanstalt, die noch eine Filiale in der Nordvorstadt für die vom Zentrum entfernt wohnenden Schüler unterhielt. Dass die gewöhnlich Sonntags morgen und Wochentags nachmittag stattfindenden wenigen Stunden, die der Schuljugend eigentlich für Erholung und Ausflüge zur Verfügung stehen sollten, ein nicht besonders reichhaltiges jüdisches Wissen vermitteln konnten, veranlasste einen Kreis konservativ und zionistisch eingestellter Gemeindemitglieder die Gründung einer Tagesschule zu erwägen. Zyniker sprachen schon von einer Ghettoeinstellung, die das jüdische Kind vom jüdischen Kindergarten bis zur jüdischen Universität begleiten würde. Die ins Auge gefasste Gründung erfreute sich keineswegs des Wohlwollens und der Unterstützung der Gemeindeverwaltung. Man hat es sogar dem Förderer der SchuleRabbiner Dr. M. Simonsohn, der besonderes Verständnis für die geistigen Bedürfnisse der jüdischen Jugend aufbrachte und von ihr veehrt wurde, verargt, dass er die zum Unterhalt und Aufstieg der Schule erforderlichen Mittel mobilisierte. Die ursprünglich negativ eingestellte Stimmung gegen dieses Schulwerk, das einmal eine Rettung werden sollte, als man dem jüdischen Schüler den Besuch christlicher Schulen erschwerte, erfuhr seltsamerweise von christlicher Seite Zustimmung. Als die jüdische Schule ihr 10 jähriges Bestehen im dichtbesetzten grossen Konzertsaal feierte, hielt der Vorsitzende des Provinzialschulkollegiums eine beachtenswerte Ansprache, in der er den Wert einer traditionsgebundenen Einstellung für die Charakterbildung des Schülers hervorhob und Unterstützung in Aussicht stellte. Ich sehe noch heute, wie die beiden Vertreter der Synagogengemeinde geradezu peinlich betroffen wurden von den lobenden Ausführungen eines nicht jüdischen massgeblichen Schulmannes für ein Werk, dem man bisher ablehnend gegenübergestanden hatte. Man konnte jedoch diesen Wink “mit dem Zaunpfahl” nicht ohne weiteres übersehen. In der ersten Vorstandssitzung nach dieser Feier wurde beschlossen, man werde der jüdischen Schule die bisher stets abgelehnte Subvention zukommen lassen, freilich lediglich mit dem gleichen bescheidenden Anteil, den die Gemeinde für die wöchentlichen 2 Stunden des Religionsunterrichts in den höheren Schulen gewährte. Man glaubte somit das “Gesicht gewahrt zu haben”. Freilich die politischen Zeiten schritten rasch vorwärts. Zwar nahm die bestehende jüdische Schule viele Kinder auf, jedoch waren Schulräume und Lehrkräfte auf diesen Andrang nicht vorbereitet, und man sah sich genötigt, eine 2. jüdische Schule in den Räumen der Religionsanstalt II am Anger zu eröffnen. Man musste sich jetzt überzeugen, wie wichtig die Initiatoren der erst ablehnend “jüdischen Volksschule” die Zeichen der Zeit rechtzeitig erkannt haben. Eine ganz ähnliche Einstellung zur Gründung der jüdischen Tagesschule konnte man unlängst z.B. in Zürich feststellen. Man wähnte dort, dass die auf der Schulbank gemachten oft freundschaftlichen Erlebnisse sich späterhin auch im Leben erhalten würden. Welch grausame Enttäuschung haben deutsche Juden später bei ihren einstigen Klassenkameraden erlebt — Getrennte Kultuseinrichtungen betrafen auch die Gttesdienste. Da gab es für den liberalen Kultus die Neue Synagoge am Stadtgraben, jenes stolze Bauwerk, das gleichzeitig mit dem Brande vieler anderer jüdischer Gtteshäuser in Deutschland ihr Ende fand. Die konservative alte sogenannte “Storchsynagoge“ lag in einem Hofe der Wallstr. Wie auch an anderen Stellen der Stadt hatten Händler aus der Provinz auf der Durchreise in einer Gastwirtschaft “Zum Storch“, den man über dem Hauptportal noch erblicken konnte, eine Synagoge errichtet. Man wollte damals nicht mit einem Prachtbau die Aufmerksamkeit auf sich lenken, und so hat sich in der Tat dieses Gtteshaus bis zum heutigen Tage erhalten. Ursprünglich standen diese Räume den liberalen Betern zur Verfügung. Als nun die konservativen Mitglieder der Gemeinde, die bisher in der “Synagoge zum Tempel“ in der Antonienstr. zu beten pflegten einzogen, zeigte es sich, dass Renovationen notwendig wurden. Bei dieser Gelegenheit wurde auch der Wunsch laut, das Gtteshaus im traditionellen Stile umzuwandeln d.h. einen Almemor in der Mitte des Raumes zu schaffen. Freilich gab es da energischen Widerspruch. Welch seelisch geistige Verwirrung in dieser Beziehung herrschte, mag z.B. daraus hervorgehen, dass noch im Januar 1917 in Bayern das Kultusministerium in letzter Instanz zu entscheiden hatte, ob der Almemor in der Mitte der Synagoge stehen müsse. Man hatte sich nun einmal daran gewöhnt, beim Eintritt ins Gtteshaus wie in der Kirche den Blick sofort bis zum Allerheiligsten werfen zu können und sich nicht durch ein bisher imbekanntes Bauwerk ablenken zu lassen. Schliesslich einigte man sich im Vorstande wohl probeweise ein Modell aufzustellen. Freilich das vom Regierungsbaumeister aus nicht angepassten und z.T. kalkbespritzten Brettern hinterliess einen allgemein ablehnenden Eindruck. Da fand sich aber in Professor Grotte der sachverständige Mann, der in Wort und Schrift über Synagogenbauten bekannt war, ein begeisterter Fürsprecher eine Einrichtung zu schaffen, die eigentlich dem traditionellen Charakter einer Synagoge entsprach. Und das mit Liebe und Sachverständnis hergestellte und endlich bewilligte Werk beruhigte auch die ursprünglich ablehnende Haltung mancher Platzinhaber, die seit vielen Jahren an ihre Synagogenstelle gewöhnt waren und sogar gedroht haben, sie würden sich mit den in die Seitenflügel verlegten Plätze nicht abfinden. Aber als sie die prächtige weisse goldbesticke Atlasdecke auf dem Vorlesungspult bewunderten, die die Gattin des Unterzeichneten am 1. Jahrzeitstages ihres Vaters gespendet hatte, beruhigten sie sich. Sie waren auch angenehm überrascht, als die Eingangs-Gesänge an Schabbath und Festtagen von diesem Platz aus ertönten, und dass vor allem die Thoravorlesung nicht mehr wie früher im Rücken sondern inmitten der Gemeinde im traditionellen Sinne erfolgte. Manches von dieser Schönheit ist vernachlässigt oder dahingegangen, wie unser Freund und Schriftleiter Erich Lewin bei seinem dortigen Besuch vor 6 Jahren feststellen musste. Vor allem jedoch fehlte es an andächtigen Betern, die einst dieses ehrwürdige Gtteshaus füllten. Sie werden abgelenkt durch Veranstaltungen im Stadtthater, die gerade zur Gebetszeit von der politischen Leitung angesetzt werden und bei denen die jüdisch polnischen Bürger nicht fehlen dürfen. Beiden Kultusauschiissen oblag auch die Fürsorge für das Schächtwesen (Aufsicht in Fleischereien und Geflügelhandlungen) sowie für das rituelle Tauchbad (Mikwe). Die von der Gemeinde beauftragte leitende Persönlichkeit war der Dajan (Rabbinatsassesor), oder wie er oft humoristisch bezeichnet wurde “der oberste Schlachtenlenker”. Ihm unterstanden im städtischen Schlacht haus tüchtige und zuverlässige Beamte. Ein weiterer Schochet war privat tätig für Grossfleischereien, die nicht unter der Aufsicht der Gemeinde standen. Gerade dieser letzte erfreute sich besonderer Wertschätzung des Direktors des städtischen Schlachthofes. Als die Anfeindungen gegen das Schächtwesen namentlich seitens des Tierschutz- Vereins immer unangenehmer wurden, musste vor dem eigentlichen Schächtakt eine Betäubung des Tieres erfolgen. Da die sonst üblichen Methoden (Bolzung des Kopfes durch Schlag) für rituelle Schächtung untragbar waren, sollte eine elektrische Betäubung des Tieres vorausgehen. Dahingehende Versuche erfolgten in Anwesenheit des Facharztes für elektrische Unfälle, Professor Dr. Lieben Prag, sowie des Schlachthofdirektors, der den Schächtschnitt durch den ihm genehmen Schächter vornehmen liess. Bei den weiteren Verhandlungen mit dem Direktor des Schlachthofes, die in recht konzilianter Form erfolgten, riet dieser, man solle doch diesen älter werdenden Herrn der aber nicht beamtet war, pensionieren, freilich unter den gleichen Bedingungen, die auch die anderen bisher für die Gemeinde tätigen Beamten erhielten. Bei den immer rigoroser werdenden Forderungen des Tierschutzvereins, die unter dem Einfluss ihres angesehenen Vorstandsmitgliedes des Rabbiners Ellguther — Neisse etwas gemildert werden konnten, musste der Gemeindevorstand diesen an sich nicht symphattschen Weg beschreiten. Freilich in der Repräsentantenversammlung wurde der Vorschlag heftig bekämpft, da man in ihm eine Benachteiligung und Zurücksetzung der Beamten erblickte, die bisher jahrelang ihren Dienst für die Gemeinde treu und redlich versehen hatten. Die persönliche Einwirkung brachte den Hauptgegner des Vorschlages zur Einsicht und man gewann nunmehr den alleinigen Einfluss auf das Schächtwesen. Es verblieb noch die Aufsicht auf die Fleischereien und Geflügelhandlungen, die der Oberaufsicht des Dajan unterstanden. Dieser war schon ein recht bejahter Herr geworden. Die Angestellten in den Werkstätten kannten schon die genaue Zeit seiner Kontrollbesuche und die Dienstzeit des Aufsichtsbeamten. Einer der nicht gerade angenehmen christlichen Fleischergesellen erklärte mir einmal: Ich verpflichte mich, in die Werkstelle nicht nur ein geschlachtetes Schwein sondern sogar ein lebendes, quieckendes zu bringen, ohne das der Kontrollbeamte es bemerken werde. Es musste also Wandel geschaffen werden. Es gelang in der Person des Rabbiners W., der eine ähnliche Stelle in einer bekannten westlichen Gemeinde innehatte, einen geeigneten Nachfolger zu finden. Er erschien plötzlich frühzeitig bei der Eröffnung der Fleischerei. Sofort fragte er “Wo ist denn der Aufsichtsbeamte (Maschgiach) ”. Der ist beim Beten in der Synagoge. Was heisst das hier hat er zu sein, das ist Forts. S. 5 4