Yediʿot shel Irgun ʿOle Breslau be-Yiśraʾel
- Journal
- Yediʿot shel Irgun ʿOle Breslau be-Yiśraʾel
- Volume
- 1970
- Issue
- No. 27 (April 1970)
- Date
- 1970-04-01
- Page
- Seite 11 (sequence 11)
- Language
- German
- Belongs to
- journal issue
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ETWAS ÜBER BRESLAU Von CHANOCH HEINRICH COHN, Ramat-Gan Durch Briefmarkentausch kam ich mit einem Herrn Karrasch in Aachen in Verbindung. Da mir der Name bekannt vorkam — soweit mir erinnerlich, war der Schamasch unserer lieben alten Landschul Wallstr. auch ein Karrasch — fragte ich in Aaachen an, ob er zufällig aus Schlesien oder Breslau stamme. Herr Karrasch schrieb mir sofort, dass er aus Breslau stamme und im Laufe des Briefwechsels teilte er mir u.a. folgende uns interessierende Einzelheiten mit: “Es war für mich eine grosse Freude zu lesen, dass Sie ein Landsmann von mir sind. Ich bin sehr viel jünger als Sie und habe meine Heimatstadt als 15-jähriger verlassen müssen. Wir wohnten in Breslau Friedrich Wilhelmstr. 88. Seit 1946 sind wir hier in West-Deutschland; seit dieser Zeit haben wir keinen Kontakt mit Verwandten und anderen Familienmitgliedern, welche in der DBB. leben sollen. Es wäre doch zu schön, noch einmal durch die Strassen von Breslau gehen zu können, den Zoo oder den Zirkus Busch zu besuchen! Doch leider sind dies Alles nur Wunschträume! — Sie, sehr geehrter Herr Cohn, können auf eine Art froh sein, dass Sie, nachdem Sie 1935 ausgewandert sind, Breslau noch so in Erinnerung haben, wie es einmal war! Meine Erinnerungen dagegen sind sehr traurig, denn ich habe die Stadt noch nach Kriegsende gesehen! Meine Grosseitem mütterlicherseits haben die Kampfzeit noch miterlebt. Sie haben mehrere Male ihre Bleibe verloren und lebten zuletzt in unserer Wohnung, wenn man bei den damaligen Verhältnissen überhaupt von “leben” sprechen kann. Meine Grosseltern väterlicherseits sind unter Trümmern in ihrer Wohnung Anderssenstrasse begraben. Meine Mutter und ich sind im Januar 1945 geflüchtet und haben uns unterwegs verloren. Ich wurde von einer Heeresstreife gestellt und ins Ausbildungslager gebracht! (ich war damals 14 Jahre alt!) G. sJ5. war nach meiner Schnellausbildung in Bolkenhain / Schles. der Krieg zu Ende! Meine Mutter war in der Zwischenzeit in der Tschechei in Internierung und kam im Herbst 45, als ich schon wieder zu Hause war, nach Breslau zurück. Wir haben nichts als Trümmer wiedergefunden, waren aber glücklich, dass wir uns wiedergefunden hatten. Mit einem Satz will ich kurz sagen, dass unsere Heimatstadt grösstenteils zerstört war. Erwähnen möchte ich noch, bei uns im Haus wohnte eine jüdische Familie. Sie hiessen Geiger, hatten ein Schuhgeschäft (also Frdr. Wilh. Str. 88). Es waren sehr nette Leute, sie sahen mich gern in ihrem Geschäft und dort habe ich als Kind sehr viel gespielt. Ich war damals viel mir selbst überlassen, denn meine Mutter war sehr jung Wittwe geworden und musste arbeiten gehen. In dieser verbrecherischen “Kristallnacht” wurde Familie Geiger abgeholt, und ich habe sie nie wieder gesehen. Damals war ich 8 Jahre alt und es war für mich so, als wenn man. mir meine Grosseltern genommen hätte! Und fragen konnte ich Niemanden ausser meine Mutter, warum dies so sein müsse! In was für Konflikte ein Junge in diesem Alter gerät, wenn so etwas passiert, kann sich nur derjenige vorstellen, der so etwas selbst erlebt hat! Wegen Familie Geiger möchte ich richtigstellen, dass zuerst Herr Geiger abgeholt wurde! Frau Geiger wurde von einer Familie im selben Hause — den Namen dieser Familie weiss ich leider nicht mehr — versteckt! Als sie hörte, dass ihr Mann abgeholt sei und das Geschäft völlig zerstört sei, unternahm sie einen Selbstmordversuch, indem sie sich vom dritten Stock auf die Strasse stürzte. Sie wurde aber von dem darunterliegenden Balkon aufgefangen! Und am nächsten Tage wurde auch sie abgeholt, nachdem sich dies natürlich herumgesprochen hatte. Wir haben niemals mehr etwas von Farn. Geiger gehört und ich fürchte, dass auch diese guten Menschen ein so trauriges Ende genommen haben, wie so viele Ihrer Glaubensgenossen. Nim noch Einiges über Breslau selbst: Wir wohnten, wie ich sagte, Friedrich-Wil-Str. nicht weit vom Striegauer Platz und Friedhof wo später Grünanlagen waren, ein riesiger, sechs Stockwerke hoher Rundbunker steht, bezw. stand, Auch kann ich mich noch an die Linke-Hofmann- Werke erinnern, wo es auch zu schweren Kämpfen gekommen ist! Ich habe nach dem Krieg alle Stadteile gesehen. Der Süd- und der Westteil von Breslau waren ganz dem Erdboden gleichgemacht, im Süden war die Stadt an der Gartenstrasse zu Ende! Die ehemalige Kaiser Wilhelmstrasse und Nebenstrassen waren nur Trümmerhaufen! Dagegen waren im Norden, also ungefähr hinter der sogen. Sandinsel ganze Strassenzüge, welche nicht zerstört waren. Ein besonderes Kapitel die einst schöne Liebischshöhe! Hier bin ich als Kind auch auf dem Stadtgraben im Winter Schlittschuh gelaufen! Aber: Während der Belagerung war in einem der Keller angeblich das Stadt-Kommando und auf Dr. BRUNO (Baruch) SOBERSKI, Tel-Aviv ZUM 80. GEBURTSTAGE Selten habe ich so gern einem Menschen einen Artikel zu Ehren seines Jubiläums geschrieben wie unserem hochverehrten Dr. Soberski. Gerade weil er eine solche Bescheidenheit zeit seines Lebens an den Tag legt, gehörem ihm diese Zeilen. Aus einer Kantorenfamilie stammend, die in deutschen Kleingemeinden vor 60 Jahren wahrlich mit ganz bescheidenen Mitteln auskommen mussten, hat sich der Jubilar nach kurzer kaufmännischer Lehrzeit in Breslau bei der bekannten Metallfirma Josef Kober allein zum Abitur vorbereitet und dann unter schwersten Bedingungen dem Medizin Studium verschrieben. Um sich das zu erleichtern, gab er viele Nachhilfestunden und Bar Mizwah-Unterricht und nur seine Zähigkeit, sein unerschütterlicher Glaube, dass er es erreichen wird, haben ihn bis zum Arzt und zum Doktorrat gelangen lassen. Buchstäblich Tag und Nacht arbeitete er und liess sich dann in Breslau als allgemeiner Arzt nieder. Ausserdem betätigte er sich als Armen-Arzt am jüdischen Krankenhaus und nahm kein Geld in seiner Privatpraxis bei Patienten, die es sich nicht erlauben kosten, Honorare zu bezahlen. Eine ausgeprägte unerschütterliche Frömmigkeit half ihm über Schicksalsschläge im Leben hinweg. Als er seine Frau im Jahre 1938 verlor, Tochter des bekannten Rabbiners Dr. Aron Heppner s.A. und leider auch eine seiner Töchter in der Hitlerzeit, ging der Weg nach Palästina über “Mauritius”, wo er jahrelang unter schwersten tropischen Bedingungen arbeitete und half. Dr. Bruno Soberski kennt nicht das Wort “Nein”. Immer war er zur Stelle, wo und wann man ihn rief, ging am Schabbath weite Wege, um ihn nicht zu entweihen und vieles andere, was ich verschweigen möchte, denn er ist sicher über das viele Lob, das man ihm zollt, unzufrieden. Er lebt im Stillen in Jad Elijahu bei Tel-Aviv in den Wohnheimen von Frau Paula Barth mit seiner Gattin Else, geb. Vogel, die es versteht seinen Lebensabend schön zu gestalten. Ihr ganzes Augenmerk ist darauf gerichtet, es soll ein gemütliches offenes Haus sein. Familie und Freunde sind immer sehr gern gesehen und werden aufs Beste aufgenommen. Mit offener Hand und warmem Herzen wird gegeben, wo und wann man sie angeht. Zwei schöne Feiern eine in Haifa und die zweite in Tel-Aviv für Familie und Freunde bleiben unvergessen. Ad mea weesrim. E. L. dem Berg der Lieblichshöhe waren Hunderte von Kreuzen gefallener Soldaten und Zivilisten. Jeder freie Platz war in einen Friedhof verwandelt worden! Ich selbst habe in meinen jungen Jahren auf dem Königsplatz und Wachtplatz viele Tote ausgraben müssen, welche in der Mitte der Strasse begraben oder verschüttet waren! Wie Sie ja wissen werden, sind in Breslau ca. 100.000 Menschen, wenn nicht noch mehr, ums Leben gekommen! Sehr geehrter Herr Cohn! Ich hoffe, dass ich Ihnen mit meinen Erzählungen nicht auf die Nerven gegangen bin, aber manchmal hat man das Bedürfnis, seiner Zunge freien Lauf zu lassen! Ihnen und Ihrem ganzen Volke wünsche ich von ganzem Herzen, dass auch dort bald der Friede eintritt! Mögen die Arabischen Staaten doch endlich einsehen, dass das israelische Volk ein Recht hat, zu existieren und zwar da, wo Ihr heutiger Staat ist! Das israelische Volk lebt doch schon seit Hunderten von Jahren dort und keine Macht der Welt kann dies bestreiten, denn es ist doch nicht nur durch die Religion, sondern auch geschichtlich verbürgt! Ihr Wolf gang Karrasch Dr. ESTHER RABIN, Haifa, ZUM 80. GEBURTSTAGE Es ist uns eine besondere Freude hier von dieser Stelle aus Frau Dr. Esther Rabin zu ihrem 80. Geburtstage zu gratulieren. Wer sie in ihrer geistigen Regsamkeit kennt — wie sie täglich noch schriftstellerisch arbeitet — wie sie in den letzten Jahren mehrere Kinderbücher in Israel in hebräisch herausgebracht, die sehr beachtenswert sind und von den Kindern wegen ihres Inhalts, der auf die Welt des Kindes eingeht, verschlungen wer den, der wird nicht glauben, dass diese Frau das 80. Lebensjahr bereits erreicht hat. Wir Breslauer hier in Israel und in der ganzen Welt — wo diese Zeitung gelesen wird, errinern uns deutlich an die auf besonderer Höhe stehenden Vorträge, die uns die Welt des Judenutms in Liebe und Verständnis auch für diejenigen, die ihm fernstanden, nahegebracht hat. Ihr Haus im “Breslauer Seminar” stand immer allen offen, die geistige Nahrung suchten, eine Frage hatten, die sie bedrückte, ihre Gastfreundschaft war bekannt. Mit ihrem Gatten, Dr. Israel Rabin s.A., der ein hervorragender Dozent für Talmud am Seminar gewesen ist, hat sie diese Atmosphäre geschaffen. Im Misrachi viele Jahre an führender Stelle hat ihr diese Arbeit nicht genügt, als Doktor für Philosophie und Kunst hielt sie Vorträge in Breslau, wo sich ein Kreis von Intellektuellen einfand, um ihren geistreichen Worten zu lauschen. Auf sozialem Gebiete war sie mit Paula Ollendorff besonders rührig. Der Verfasser dieser Zeilen hat das Glück, Frau Dr. Rabin hier in Israel durch mehrere Zusammenkünfte zwecks Besprechung wegen Herausgabe eines Buches näher kennengelemt zu haben und ist immer wieder von neuen erstaunt über die klare und geistige Initiative, mit der sie an die Dinge herangeht. Es ist in Rahmen dieser Zeilen unmöglich all die Bücher, Aufsätze Broschüren zu nennen, die sie verfasst hat. Wir wünschen ihr von ganzem Herzen, dass sie noch viele viele Jahre diese Frische sich erhalten möge und dass es ihr vergönnt sei in unserem Lande, das sie so liebt und das ihr immer Lebensziel war, die Freude an ihren Kindern und Enkeln zu sehen, die den Eltern nacheifernd geistig hohe Stellungen an den Universitäten unseres Landes einnehmen. Ad mea weesrim. E. L. 11