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Yediʿot shel Irgun ʿOle Breslau be-Yiśraʾel · 1970-04-01 · No. 27 (April 1970) · p. Seite 8

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Journal
Yediʿot shel Irgun ʿOle Breslau be-Yiśraʾel
Volume
1970
Issue
No. 27 (April 1970)
Date
1970-04-01
Page
Seite 8 (sequence 8)
Language
German
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ZUM GEBURTSTAG VON OSKAR STRAUS (geb. 6. März 1870) Um die Jahrhundertwende waren in Österreich, Deutschland und der Schweiz Damenkapel- . en in Caf6s, Konzertgärten und Unterhaltungsstäton modern. Ein Restaurationsgarten mit Musikpavillon in dem eine Damenkapelle musiziert, ist Mittelpunkt des II. Aktes von Oskar Straus Operette “Ein Walzertraum”. Nicht nur diesen höchst dramatischen Akt, sondern die ganze Operette nach dem Text von P. Doermann und L. Jakobson :at der Komponist in eine solche Walzerseligkeit getaucht, dass sein Werk damals (1907) die Reise;m die Theater der ganzen Welt machte. Es ist die Wiener Operette gewesen, die einstige Apotheose enes Wienertums, das in der Gestalt des Wiener "Süssen Mädels”, voller Liebe und Zärtlichkeit uie Operetenfreunde von einst nochmals begeistere. Geschmackvoll, heiter, entzückend gemütvoll ,/usste Straus die Liebe der Geigerin Franzi zu dem Erbprinzen Niki zu schildern. Ausser dieser pefühlvollen Musik, die gleich ins Volk drang, trat die ganze Wiener Atmosphäre der Instrumentation .ind Harmonisierung besonders hervor. Mizzi Zwe- ■ enz spielte in der Uraufführung die Franzi, Dligentin der Damenkapelle, der Tenor Fritz Werter gab ihren Partner. Der beliebte Meister, einer von den fünf grossen Operettenkomponisten der “Welt von gestern” tat uns durchs Leben begleitet und wir kennen eine beglückenden Melodien ausserordentlich gut. dtraus hätte am 6. März seinen 100. Geburtstag, deshalb wollen wir uns an die bezaubernde Wirkung seiner Musik und an den liebenswürdigen Meister selbst erinnern. Sein “Walzertraum”, eine .leine Liebestragödie ist die Plattform dieses reienden Werkes — ist handfestes, wirksames Theater von F. Doermann und L. Jakobson nach eiier Novelle aus Hans Muellers “Buch der Abenteuer” äusserst geschickt gebaut. Es wurde seit der Jrauffiihrung 1907 ein Welterfolg und ist lange Meit frisch und originell geblieben. Straus, der lm-;.ier einen gesunden Blick für Theaterwirksamkeit bewies, hat sein Herz in diese Musik gelegt, sie ist so wienerisch, sprühend von guten Einfällen and untermalt die z. Teil rührenden, wie auch •iie drastischen Geschehnisse aufs Wirkungsvollste. Was die heitere Musikbühne brauchte, das hatte inser Meister hier plastisch echt getroffen. Die Wiener Walzerwelt, die sich im 2 Akt in einen leurigengarten hineintanzt, ist hier so typisch genacht, man glaubt dem Orchesterklang die Wiener Tlelmat, man erlebt die blühende Farbigkeit der Wiener Athmosphäre und die lockende Grazie all ieser einschmeichelnden Melodien, die einem lücklichen Liebespaar für eine Walzernacht klingen. Straus machte die Franzi musikalisch zu einer klassischen Bühnenfigur, um die sich alle reizenden Operetten-Soubretten reissen. Echt wienerische \kzente sind in jedem Takt des Werkes deutlich erkennbar. Diese Musik hatte einst Weltgeltung. Das Parodistische lag ihm übrigens ebenfalls esonders gut und so ist auch die satirische, leise n Offenbach erinnernde Musik zu den “Lustigen 'libelungen” und “Hugdietrichs Brautfahrt”, nach exten von Rideamus (Dr. Oliver) äusserst gelungen. Grösste Erfolge konnte Meister Straus in der ’erliner Epoche einheimsen, als keine Geringere ls Fritzi Massary in seinen Operetten “Teresina”, Perlen der Kleopatra” und “Eine Frau, die weiss as sie will” die Hauptrollen sang und ihren Darstellungen unvergessliche Nueancen gab. In Frankreich hat unser Meister ebenfalls brillante Erfolge gehabt, “Marietta” und “Trois alses” sind Zeugnisse seiner dort komponierten geistvollen Musik. — 1950, in USA erschien “Ihr letzter Walzer”, eine Erinnerung an Straus “Überbrettl”-Zeit mit dem damaligen Schlager “Die Musik kommt“. Es folgten Filmmusiken (La Ronde, nach dem “Reigen” von Schnitzler) und “Madame de...” 1952 kam in München ein Opernwerk unseres vielseitigen Komponisten heraus: “Bozena”. — Eine andere Welt ist erstanden, die Glanzzeit der Operette ist vorüber und im Grunde genommen würde man heute wohl nicht die Nase rümpfen, sondern zur Tagesordnung übergehen, wenn gar ein Prinz ein einfaches Mädchen heiraten wollte — und doch träumt man immer wieder gern vom “Walzertraum”, von seinen bezaubernden Melodien von der “Dynastie”, von Lieutenant Niki und seinem Wiener Mädel Franzi, aber auch hauptsächlich von unserem jüdischen Operettenmeister, Oskar Straus, dem es in seiner Art geglückt ist, der Welt schöne heitere Melodien zu schenken und sie zu beglücken. Und deshalb trifft das Zitat aus dem “Walzertraum” wirklich zu, das da lautete: “swar sehr schön — es hat uns sehr gefreut”! Es sind über 60 Jahre her, dass gleich nach der Wiener Uraufführung 1907 auch im Breslauer “Lobetheater” auf der Lessingstrasse die Operette Ich geh' zu 'Giacin'', In einem Hinterhof der Augustastrasse, den Blicken der Nichteingeweihten verborgen, lag “Giacin”, das Stammlokal der Backfische und Pennaeler — der “Teenager” der damaligen Zeit — wo es das köstlichste Eis von Breslau gab. Herr Giacin, der Erzeuger des köstlichen Stoffes war Italiener, und eigentlich hätte man seinen Namen “Djatschin” aussprechen müssen, doch da wir die italienischen Ausspracheregeln nicht kannten, nannten wir ihn und sein Etablissement nur “Gi-a - tschin”, nach deutscher Art ausgesprochen, “G” wie Guitarre. Giacin war keine Konditorei, sondern eine “Eisklitsche”, die einzige ihrer Art in Breslau. Es gab dort nur Eisaber was für Eis! Für besondere Süssmäuler noch Kandierte Früchte, und für Grossmäuler, 15—17 jährige Lebemänner mit reichlich Taschengeld, die sich wichtig machen wollten, Vermouth di Turino. (“Gehn wir heut ins Kino”?, reimte sich wunderbar auf die nochalant hingeworfene Bestellung). Papa Giacin, der Chef des Hauses, in einem noch hintreren Teil des Hinterhofes mit der Produktion beschäftigt, war selten zu sehen. Die Söhne bedienten die ambulanten kleinen Eiswagen. Die Tochter des Hauses, mit dem poetischen Namen “Chlorinda” waltete an der Theke. Ihre segensreiche Tätigkeit schilderte sie — respektive ich, in der Rolle von Fräulein Chlorinda, — in einem Chanson, in einem von mir zu einer Festlichkeit verfassten “Sketch”: Nach der damals aktuellen Melodie: In der schönen, in der neuen, grauen Felduniform. Täglich steh’ ich hier am Tische, Schau hinab in das Gewühl, Wenn ich “Nuss” mit “Erdbeer” mische, Rufen alle “Mir recht viel!” Ewig jung bleib ich, Chlorinda; In der Bude voll besucht, Bin der “Ruhn’de Eis-Pol in da wechselnden Erscheinung’n Flucht”. “Ein Walzertraum” von Oscar Straus erstmalig in Scene ging. Natürlich war es ein Bombenerfolg, denn Direktor Loewe hatte wieder seine allerbesten Kräfte ins Treffen geführt. Wie war die glänzende Besetzung? Joachim, den Fürsten, spielte Theo Planck, die Prinzess Helene war Genie von Grössl — ich erinnere mich auch, Gusti Foerster in dieser Rolle gesehen zu haben. Graf Lothar wurde von Max Brod dargestellt, die beiden verliebten Leutnants waren Heinz Siege und Hans Horsten, die Oberkammerfrau war Minna Lanz, den Wendolin spielte Josef Halpem und die Franzina, Sie erraten es sicher — war die übermütig heitere Fanni Mayerhofer. Ein echter Wiener hat die bezaubernde Musik einstudiert: Kapellmeister Josef Rosenberg nämlich, unser unvergesslicher “Pepi”. Der im Programmheft nie genannte Regisseur hiess M. stemau. Später als man im “Schauspielhaus” Operette spielte, gab der sehr groteske Otto Welte den Grafen Lothar, Ludwig Stoessl war Joachim, Karl Grünwald trat als Leutnant Niki auf und die vergnügte Irene Fiedler war die Franzi. Unvergessen sind auch die späteren Darstellerinnen dieses Wiener süssen Mädeltyps, die auch etwas sentimental zu sein hat, nämlich die liebreizende Lydia Petri und die ebenso anmutige Tilde Stetten. Dirigent dieser Aufführungen war der famose Kapellmeister Franz Marszalek und als Regisseur waltete Oberspielleiter Fritz Karl seines Amtes. Julius Sachs da bin ich sehr intim Refr. Einmal “mit”, und einmal “ohne”, Ein ‘‘Vanille”, ein “Citrone” Ist mein ganzer Daseinszweck Und ist mein Lebensideal, Einmal mit* und einmal “ohne”, Ein “Vanille”, ein “Citrone”, Ist mein Daseinszweck und Lebensideal! * (Bedeutet natürlich: Ein Eis mit Schlagsahne, resp. eins ohne). ★ Fräulein Chlorinda war für unsere Begriffe schon “furchtbar alt”, sicher bereits einige zwanzig!, aber wir verziehen es ihr. Sie besass unser Vertrauen, doch sie wusste sich Respekt zu verschaffen. Wir vertrauten ihr unsere Geheimnisse und unseren Liebeskummer an. Sie wusste die neuesten Neuigkeiten in unserem Kreise: Wer in wen verliebt, und wer mit wem “verkracht” war, sie vermittelte ein Rendezvous und eine Versöhnung. Welches Glück, wenn Chlorinda die frohe Botschaft für uns hatte: “Der Fritz, oder der Robert, war da, er lädt Sie zu “Einmal mit” ein, und Sie sollen um Vier bei den Ruderbooten am Südparkteich sein”. Diese erfreuliche Mitteilung streckte das Taschengeld und erhöhte das Selbstbewusstsein. Man beachte das “Sie”! Darauf legten wir grossen Wert. Wir konnten es nicht erwarten, dass unsere Roecke länger wurden, und wir die Haare — mit vielen Haarnadeln — aufstecken durften. Der Unterschied zwischen Mädeln und Jungen bestand damals darin, — dass die Jungen kurzes Haar hatten. Ausserdem lag der Unterschied in den Hosen. “Mini” — gab es bei Giacin nie). Der kurzbehaarte Jüngling schwärmte in meinem Theaterstück von “Giacin”, wie der Lebemann in der lustigen Witwe vom “Maxim”: (Forts. Seite 9) 8

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