Yediʿot shel Irgun ʿOle Breslau be-Yiśraʾel
- Journal
- Yediʿot shel Irgun ʿOle Breslau be-Yiśraʾel
- Volume
- 1970
- Issue
- No. 27 (April 1970)
- Date
- 1970-04-01
- Page
- Seite 5 (sequence 5)
- Language
- German
- Belongs to
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JUGENDJAHRE 80 Jahre sind es nun her, dass ich in Strehlen das Licht der Welt erblickte. Wer kennt dieses Städtchen mit seinen ca. Zehntausend Einwohnern? Eine Wegstunde von Breslau entfernt, ist es bekannt durch seine Granitbrüche, weniger berühmt durch seinen schrägstehenden Rathaustum, eine bescheidene und wohl kaum beabsichtigte Konkurrenz für den schiefen Turm in Pisa. Grosse Persönlichkeiten hatte die Stadt zu meiner Zeit nicht aufzuweisen, abgesehen höchstens vom Verfasser dieser Zeilen, oder die Gebrüder Erler, die später in München als Maler berühmt wurden, vor allen aber Paul Ehrlich, der wegen seiner bahnbrechenden Arbeiten, namentlich als Entdecker des Salvarsans mit dem Nobelpreis geehrt wurde. Wenn er beim Besuch seiner Eltern auch meinen Vater begrüsste, musste er sich den Vorwurf einstecken, dass er mit farbstrotzenden Fingern nicht das Elternhaus betreten solle. Seiner kommenden wissenschaftlichen Grösse bewusst, meinte er lächelnd: Ex ungue leonem (An der Kralle erkenne man den Löwen). Die Strehlner Spiessbürger zerbrachen sich lange den Kopf, ob man an dem Geburtshause der Excelenz Ehrlich eine Ehrentafel anbringen solle, die freilich beim Beginn der Hitlerzeit ebenso rasch wieder abgerissen wurde. Dieser Geist hatte übrigens schon lange im Städtchen Wurzel gefasst. Eines Tages entdeckte ich am Nachbarhause ein grosses Plakat: Die Juden und das Purimfest. Ich fragte meinen Vater, was die Inder mit Purim zu tun hätten, (als A-B-C Schütze buchstabierte ich nämlich fälschlich) Er gab mir eine ausweichende Antwort. Freilich ahnte er selbst nicht, dass sein Wirt, in dessen Hause er mehr als 15 Jahre Geschäfts- und Wohnungsräume innehatte, im Kreis- und Stadtblatt eine Anzeige veröffentlichte, dass diese Räume bald zu vermieten seien, jedoch würden Juden nicht berücksichtigt werden. Bald sollte ich auch selbst gewahr werden, dass wir in einer Judenunfreundlichen Umgebung wohnten. Als ich mit meinem unvergessenen Lehrer M. L. Cohn s.A. wie jede Woche, so diesmal in seiner Sukkah “lernte”, landete plötzlich ein Stein auf der Bibel, ein Zeichen der antisemitischen nachbarlichen Gesinnung. In Strehlen herrschte überhaupt, offenbar unter dem Eindruck der Dreyfusaffäre und des Beilisprozesses eine antisemitische Stimmung, noch besonders genährt durch den Einfluss des damaligen Bürgermeisters Deditius. Hier hatte er das Feld vorbereitet, und die Saat zum Reifen gebracht, als er, nach Könitz versetzt, im bekannten Ritualmordprozess des Gymnasiasten Winter, seine wahre Gesinnung zur Geltung bringen durfte. Die Spuren hatte er freilich in Strehlen hinterlassen. Hier hatte man nämlich vor Pessach einen Knaben in die Synagoge eingesperrt, und schon schwirrten Gerüchte durch die Stadt, die Juden brauchten zu ihren Osterkuchen Christenblut. Es stellte sich heraus, dass ein Beamter der Post den Jungen in die benachbarte Synagoge eingesperrt hatte. Offenbar rechnete er mit der Psychologie des einfachen Mannes der Strasse. Auf dem Grundstück der Synagogengemeinde befand sich nämlich ein Gartenhäuschen, in dem Geflügel geschächtet wurde. Brachte man nun ein noch blutendes Huhn durch den gleichen Torweg auf die Strasse, so wurde unwillkürlich selbst bei friedlich gesinnten Passanten imwillkürlich ein gewisser Zusammenhang zwischen Synagoge und Blutvergiessen angetönt. Viele Bürger waren freilich nur von einer gewissen Klique aufgepuscht, die besonders in der Kaufmannschaft u. in Beamtenkreisen ihren Nährboden hatte. Bei einem vom Bürgerverein veranstalteten Gesellschaftsabend unter dem Motto: Ein Dienstbotenball hatte beispielsweise eine Tochter des Kreisregierungsbaumeisters im vorzulegen- IN STREHLEN Von Dr. SEEV (WiUiam) BOSS den Dienstbuch als fingierten Geburtsort: Könitz gewählt und als Dienststelle die berüchtigte Familie Winter angegeben. Eine Schwester, dieser jungen Dame, Lehrerin von Beruf, wurde in Breslau vom jüdischen Oberarzt der Kgl. Universitätsfraupn -Klinik Prof. Dr. H. erfolgreich operiert. Vor der sich anschliessenden Heirat wollte der Bräutigam bei dem künftigen Schwiegervater in Strehlen eine Antrittsvisite machen, jedoch liess dieser sich überhaupt nicht sprechen. Die Ehe ging übrigens nach kurzer Zeit in die Brüche, denn die junge Frau Professor hinterging den “dreckigen Juden” mit einem Husarenoffizier. In den ersten Jahren besuchte ich die Städtische Volksschule, bis meine Mutter mich Weihnachtslieder singen hörte, die ich in der gemeinsamen Gesangsstunde gelernt hatte. Ich wurde daher in die Vorschulklasse des Kgl. Gymnasiums umgeschult. Irgendwelche antisemitische Regungen kamen mir hier nicht zum Bewusstsein. Die auf dem Schulwege oft drohend hingeworfenen Rufe: Jude Hep! Hep! begriffen die Rufer selbst bestimmt nicht. Eine Ausnahme unter den Lehrern bildete der Prof. Dr. Karl Kr., ein notorischer Trinker. Wie häufig solche Menschen hatte er seine “Schnapsidee”. Er duldete es z.B. nicht, dass die oft bäurischen Schüler “Schlesisch” sprächen. Er gab dann sofort einen Strich auf die sogenannte “Pauerliste” Denn er behauptete: es heisst nicht Nee, es heest: Nein. Zum jährlichen Schulausflug, der mit fliegenden Fahnen und Musikkapelle an der Spitze, durch die Hauptstrassen ging, wurde in der Mittagspause gewöhnlich in einem Restaurant gespeist. Da ich aus rituellen Gründen am Essen nicht teilnahm, hatte ich einige belegte Brote mitgenommen. Tagsdarauf fragte der Herr Professor, scheinbar interessiert und bereits wohlunterrichtet: Na, mein Lieber, wieviel Brote hast Du gestern mitgenommen, um Deinen rituellen Hunger zu stillen? Eine ganz andere Persönlichkeit war der Director des Gymnasiums. Unsere kleine ca 40 Familien umfassende Synagogengemeinde, litt darunter, dass sie kaum ein regelmässiges Minj an stellen konnte. Der kleine “Schuldiener” lief sich die Beine ab, um den 10, Mann zu chartern. In seiner Berufssprache als Schneiderlein und Mützenmacher sagte er: Kommen Sie bald mit, Sie täten eine grosse Mitze (In der Erregung verschluckte er das was in d. beabsichtigen Worte: Mizweh. Um Abhilfe zu schaffen, fasste der damals amtierende “Kantor”, wie man den Beamten nannte, den heroischen Entschluss, die 4 Gymnasiasten, die bereits nach der Bar-Mizwah waren, für Freitag zum Abendgottesdienst frei zu bekommen. Er suchte daher zum Entsetzen mancher jüdischer Eltern, den Herrn Director in seinem Amtszimmer auf. Er fand Verständnis bei dem religiös gesinnten Herrn. Er bat lediglich um ein Verzeichnis der Gebetszeiten, die ja jeweils mit der Jahreszeit am Freitag Nachmittag nicht konstant waren. Mit diesen 4 “Minjanmännern” wurde nun ordnungsgemäss ein Freitagabendgottesdienst ermöglicht. Noch weiter ging jedoch Herr Ison Scheftelowitzsein Name sei dankbar ausdrücklich hervorgehoben — er lehrte uns Vorbeten und Thorah — Vorlesen, so dass auch zu Schabbath-Minchah ein würdiger Gottesdienst stattfinden konnte, zu dem auch zur Genugtuung das Erscheinen von Gemeindemitgliedern spontan erzielt wurde. In dieser mir lieb gewordenen Synagoge wurde ich auch Bar-Mizwah Entsprechend dem Wunsche meines Vaters trug ich den Wochenabschnitt und die Haftaarah selbst vor. Wie in einer kleinen Gemeinde nicht anders denkbar, wurde es mehr als eine Familienfeier. Sogar der Deutschlehrer des Gymnasiums verabsäumte es nicht zi. erscheinen, um die grosse Zahl der geschenkter. Bücher und Kunstwerke zu besichtigen. Es fie mir auf, dass er um die Werke von H. Heine sichtlich einen Bogen mit einer entsprechender, ablehnenden Handbewegung machte. Kurze Zei später übersiedelten meine Eltern nach Breslau Der erste Schabbath führte mich in die altt “Storch"-Synagoge in der Wallstrasse. Ich fand meinen Platz in der hintersten Reihe, der sogen “Fremdenbank”. Das Schicksal wollte es, dass icl' 25 Jahre später als Vorstandsmitglied der Synago gengemeinde den Ehrenplatz als Vorsitzender de: Kultuskommission an der sogen. Misrachwand einnehmen durfte. In meiner gleichen amtlichen Stellung hatte ich später Gelegenheit, mich mit Mitgliedern meiner früheren Gemeinde zu treffen wenn sie an der jährlich statfindenden Versammlung der Schlesischen Synagogengemeinden nacl. Breslau kamen. Natürlich sassen wir dann bei de: Mahlzeit zusammen, erzählten von den gegenseitigen Kehillahsorgen. Gern sprach ich aber von der. Erlebnissen meiner Jugendjahre, die mich steh daran erinnerten, dass Strehlen zwar meine Ge burtstadt, jedoch nicht meine Heimat war. Hermann Gramatte 85. Otto Ernst hat in seiner Schulkomödie “ Flachs - mann als Erzieher” in dem Lehrer Jan Flemmtof und dem Schulrat Prof. Prell zwei Typen auf die Bühne gestellt, die die Quintessenz von Fortschritt Freisinn und moderner Pädagogik versinnbildlichen. Für beide gibt es nichts Höheres, als Lehrer zu sein, als Licht hervorzulocken, als Geis: und Seele bei der Jugend zu suchen und zu finden, wie einst Pestalozzi es tat, und Wissen mit Liebe weiterzugeben. Eine solche Persönlichkeit ist auch Hermann Gramatte gewesen, als Leiter dei Kleinburgschule in Breslau, der nicht nur seine Pflicht tat, sondern sie mit Begeisterung erfüllte dessen Unterrichtsstunden lebten und blühten, der dem Schönen und dem Neuen zugetan war. Seh. Beruf war ihm kein Handwerk, er war ihm Kunst Lebenskunst, Erziehungskunst. In seinen Stunden klopften den Kindern die Herzen, von ihm strahlte etwas aus, was die Schüler ansprach. Er verstand die Jugend, er war jung mit der Jugend Und er ist es noch heute. Möge er noch lange, angenehme Jahre uns ein wunderbares Vorbild bester Gesinnung und höchsten Menschentums sein, wie er es einst seinen vielen Schülerinnen und Schülern war. Und wir alle, seine Freunde, geben ihm an seinem Ehrentage die allerbeste Zensur, die Jr in einem Zeugnis geschrieben stand: “Schulmeistei im wahrsten und schönsten Sinne”! Auch heute noch weiss er seine Freunde mit seinem grossen Wissen zu beglücken. Er führte uns kürzlich durch die Kunststätten der ehrwürdigen Statt Augsburg und man staunte über die fundamentalen Kenntnisse dieser starken Persönlichkeit an seiner neuen Wohnstätte, wo er als Stadtrat hochgeehrt und beliebt Ist und es versteht, Interesse an allem Wesentlichen und Wichtigem zu erwecken. Ein Rundgang mit Hermann Gramatte durch die reizvolle Fuggerstadt ist ein Erlebnis besonderer Art. Durch seine profunden Kenntnisse, seine Aufgeschlossenheit, seine Vielseitigkeit und seine Aufnahmefähigkeit ist er prädestiniert, als einstiger Breslauer jetzt die Stadt Augsburg würdig zu vertreten. Augsburg kann auf seinen Hermann Gramatte stolz sein! Mögen Ihm noch viele aktive und erlebnisreiche Jahre dort vergönnt sein! Julius Sachs