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Yediʿot shel Irgun ʿOle Breslau be-Yiśraʾel · 1970-04-01 · No. 27 (April 1970) · p. Seite 3

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Journal
Yediʿot shel Irgun ʿOle Breslau be-Yiśraʾel
Volume
1970
Issue
No. 27 (April 1970)
Date
1970-04-01
Page
Seite 3 (sequence 3)
Language
German
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BEIM SEDEB (Forts, von Seite . 2) Die Einwohner des Landes Israel lösten sich von Haus und Hof und wallfahrten nach Jerusalem. Fröhliche Scharen zogen vorbei an den Feldern, auf denen schon die Saat zu reifen begann. In Jerusalem begrüsste das Volk auf den Strassen die Ankommenden mit Jubelrufen. Alle fanden Platz. Gäste kamen auch aus der Ferne, aus Babylonien, Syrien, Alexandrien. Das Volk war eins und geeinigt; alle fühlten es. Die scharfen Unterschiede, die sonst den in der Lehre gebildeten Mann von dem unwissenden Am Haarez trennten, waren ausgelöscht. Es galt der Grundsatz: Kol Israel Chawerim! Jeder einzige steht an Wert gleich dem “Chawer”, der einer Genossenschaft angehört, die die Kenntnis der Lehre pflegt, und sich levitischer Reinheit befleissigt. Fröhliches Leben in der Stadt, in den Bergen. Scharen von Lämmern bedeckten die Abhänge der Berge. Sie standen zum Verkauf für die Opfer der Pilger. Jeder trieb nach dem Einkauf sein Lamm zum Bache und wusch es, bevor er mit ihm zum Tempel hinaufzog. In den Häusern in Jerusalem standen die Türen offen, damit Gäste eintreten konnten. Auf den Bergen brannten unzählige Feuer. Auf ihnen brieten die Pilger an Holzspiessen ihr Festlamm und assen es mit ihrer Familie und ihren Freunden. Gesänge erfüllten die Luft. Es war eine Volksfreude ohne gleichen. Der Vater sah die Vergangenheit wie ein Bild der Zukunft: ein einiges Volk, alle Brüder und Gefährten in heiligem Dienste im Lande der Väter. Der Vater sprach auch von der Hoffnung, die zu Beginn des 2. Jahrhunderts die Herzen des Volkes in Judäa belebte: der Tempel würde in Bälde aus seiner Zerstörung zu neuem Glanze erstehen. Rabbi Akiba hat dem Segensspruch über den zweiten Becher Wein in der Haggada eine erweiterte Form gegeben, in der die Hoffnung des Volkes zum Ausdruck kommt: “Lass uns erreichen Wallfahrtsfeste, die uns in Frieden kommen mögen, an denen wir uns freuen über den Aufbau deiner Stadt und jubeln über die Erneuerung deines heiligen Hauses... Dann werden wir dir ein neues Lied anstimmen über unsere Erlösung und die Rettung unserer Seelen”. Es gibt noch eine andere Erinnerung an Rabbi Akiba und die Weisen jener Zeit in der Haggada, sie ist der Bericht über ihre Sitzung in Bnei Berak. Zeit oder Absicht haben ein geheimnisvolles Dunkel über diesen Bericht gebreitet. War es möglich, dass die Weisen ihre religiöse Pflicht das Morgengebet zu sagen vergessen konnten? Versammelten sie sich in einem Raum, in dem sie die Morgendämmerung nicht sahen? Standen die Schüler als Wacht vor den Spähern Roms auf der Strasse? Warum wird gerade aus der Debatte der Weisen die Deutung des Ben Soma zu dem Schriftwort erwähnt: “Du sollst des Auszuges aus Aegypten während aller Tage deines Lebens gedenken?!” Ben Soma war der Ansicht, dass man in den Tagen des Messias den Auszug aus Aegypten nicht mehr erwähnen werde. Hielten die Weisen in Bnei Barak das Kommen der Erlösung für so nahe, dass die Frage aktuelle Bedeutung hatte? Sprachen die beiden, die als Märtyrer endeten, Rabbi Akiba und Rabbi Tarphon, vielleicht von dem Sturm des Aufruhrs in den Herzen der Jugend, der zum Aufstand des Bar Kochba? Das Volksbuch gibt keine genauen historischen Einzelheiten. GEDANKEN UM (mit Breslauer Da kamen, genau zu Sylvester 1969/70, zwei wunderschöne neue Schallplatten an mich aus Wien und der Absender heisst Prof. Robert Stolz. Sie enthalten repräsentative “Stolz"-Melodien und die Philosophie der Texte ist meits heiter, vergnüglich manchmal auch ein wenig nachdenklich, elegisch. Robert Stolz versichert uns mit seiner Musik neben vielem Anderen, dass “Wien erst bei Nacht schön wird”, auch, dass “im Prater wieder die Bäume blüh’n”, natürlich dass man “ungeküsst nicht schlafen gehen möge”, ferner, dass er “alle Frauen liebt, ob schwarz oder braun” und dass “man wieder mal in Grinzing sein müsse”, endlich dass “die ganze Welt himmelblau, wenn ich in Deine Augen schau”. Mit Wiener Charme und Liebenswürdigkeit singt er “Servus Du” und “frag nicht, warum ich gehe”. Wie es zu der Inspiration kommt, das ist nun sein Geheimnis. Denn z.B. die “zwei Herzen im Dreivierteltakt” kamen ihm plötzlich ein, als er mal in Berlin bei Kempinski sass. Aber ich glaube hinter dieses Geheimnis gekommen zu sein: “Einzi”, die bezaubernde Gattin ist es, die den Meister zu seiner “Musik mit einem Lächeln” inspiriert. Der Meister war auch schon mehrmals in Tel- Aviv und wir wurden Freunde. Ich besuchte ihn fast täglich in seinem Hotel und er erzählte mir vieles aus seinem Leben. Er arbeitet am Flügel und am Schreibtisch, auch manchmal unterwegs, wenn er die Gattin begleitet. Da fällt ihm plötzlich eine Melodie ein und er notiert sie schnell auf ein “Packerl”. Das Geheimnis seines Erfolges ist zur Hälfte Talent, zur andern Arbeit. Auch auf dem Nachttischen liegt Papier und Bleifeder und oft ist frühmorgens eine neue Melodie auf dem Block, wie die Gattin erzählt. Wie elastisch ist diese grosse Persönlichkeit! Er gesteht mir, dass er sich nie an eine Diaet hält und auch keine Kur gebraucht hat. Er schläft das ganze Jahr über bei offenem Fenster. Von 8 Uhr ab beginnt die Arbeit, Melodien, Instrumentationen, Balleteinrichtungen — alles ist pflichtbewusst Auch die Lieder sind vom Hauch des Geheimnisses umwittert. Ich erinnere mich, dass der Vater eine Deutung erwähnte, die Raw Maimon (Fischmann) dem Zahlenliede: Echad mi jodea gab. Er sah in dem Liede eine Kampfansage gegen christliche Anschauungen. “Einer ist unser G’tt im Himmel und auf Erden”. “Zwei sind die Tafeln des Bundes”. “Drei ist die Zahl der Erzväter”. Die sich ständig wiederholende Bedeutung der Zahlen sei ein Angriff auf die Trinitätslehre. Winden die wichtigen heiligen Besitztümer des Volkes, die Torah, die Mischnah, der Schabbat, die Beschneidung, die zehn Gebote, die 13 Eigenschaften G’ttes in dem Zahlenliede dem Gedächtnis eingehämmert, um es im Glauben zu stärken? Die Antwort ist schwer; denn keiner weiss, wann das Zahlenlied verfasst wurde. Doch unbeschadet eines düsteren Anlasses zu welcher Zeit sangen wir das Lied mit grosser Heiterkeit als ein lustiges Abzähllied, bei dem die Kinder sowohl Zahlen wie Bedeutungen lernen konnten. In jeder Familie werden die Lieder der Haggada mit anderen Melodien gesungen. Jeder bringt als Erwachsener in sein eigenes Haus die Weisen, die er im Vaterhause gehört hat. Und diese Klänge erscheinen ihm oft lieblicher als die neuen, die er hört. Aber das Schlusslied vom Lämmchen wird ROBERT STOLZ Erinnerungen) zeitbedingt und muss terminmässig fertig sein. Nachmittags wird mit Frau Einzi ein Spaziergang unternommen, auch gehts mal zum “Heurigen” und an besonderen Tagen vergisst er nie eine Aufmerksamkeit für die Gattin. Welcher Kavalier, für den eine Frau noch immer das Höchste bedeutet! Und als er in Tel-Aviv war und dirigierte, da gab es heitere Situationen mit der Übersetzung der Texte ins Hebräische im Mann-Auditorium. Dann war auch ein Abend in der österreichischen Gesellschaft, wo Stolz’ Lieder in gutem Ivrlth erklangen — garnicht schlecht! Grinzing und “ahava” (Liebe) kamen mehrfach vor, auch “neschika” (Kuss). Das “Weisse Roessl” ist schon schwieriger zu übersetzen. Den “Fledermaus-Strauss” hat unser Freund noch persönlich gekannt und der hat ihm vorgeschlagen, wie er die Walzer dirigieren soll und wie sie erklingen müssen, mit jenen Nuancen und Luftpausen vor dem Einschwenken in die Walzermelodie. Einen Teil seiner Operetten-Welterfolge hörten wir auch in Breslau. Denn es gab 75 Aufführungen von Robert Stolz’ “Maedi” in einer Spielzeit beginnend Frühjahr 1924). Die Besetzung der Hauptrollen in “Maedi” war Hilde Leffler, Thilde Stetten, Ernst Wendler und der Tenor Schwieger. Vorher liefen ebenfalls im Breslauer Schauspielhaus (Operettenbühne) unter Dr. Theodor Loewe “Die Tanzgräfin”, “Der Tanz ins Glück” (mit Ludwig Stössel und Hella Kuerti) und “Der Hampelmann”. Die musikalische Leitung aller dieser Robert Stolz-Operetten der zwanziger Jahre hat als “Robert-Stolz” - Spezialist der hoch begabte Kapellmeister Franz Marszalek inne. Im August wird die Welt Robert Stolz feiern, der durch seine Persönlichkeit und seine Musik — als letzter der einstigen grossen Operettenepoche — der Welt gehört. Er lebt nur der Familie und der Musik. Für Streit, Hader und ähnliche Probleme ist kein Platz! Julius Sachs überall in einer wehmütig klagenden Melodie gesungen. Denn das arme unschuldige Lämmchen, das von der grausamen Katze gefressen wird, erscheint wie ein Sinnbild des verfolgten jüdischen Volkes. Bei den letzten Worten des Chad Gadja-Liedes sehe ich immer das Bild meines eigenen Vaters vor mir. Mein Vater stand bei diesem Verse auf und verkündete mit seiner schönen starken Stimme langsam und ruhig die Botschaft von dem ewigen Richter der Welt, der es nicht zulässt, dass der Stärkere ungestraft die Unschuld verfolgt, und tierische Grausamkeit das arme Lämmchen vernichtet, das keinem etwas zu Leide getan hat. Das Lied erfüllte uns mit dem Glauben, dass alles menschliche Tun und alle Bosheit ihre Grenze haben in der Gerechtigkeit G’ttes, die sagt: Bis hierhin und nicht weiter! Wenn der Seder zu Ende war, und die Gäste gegangen waren, sang der Vater noch ein Lied, das Lied der Lieder. Er sang es auswendig, Wort für Wort, mit der ihm eigenen Schnelligkeit. Das Land lebte ln dem Sang mit Aloe und Myrrhe, mit Feigen- und Zitrusbaum. Der Frühling lebte in ihm mit dem Gurren der Tauben, mit dem Zwitschern der Vögel. Sieht der Jude in die Haggada, dann ist es, als ob die vertrauten Gesichter der Menschen, die ihm teuer waren, mit ihm in das Buch schauen. Er fühlt ihre Hand auf seiner Schulter, ihren Atem auf seiner Wange. 3

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