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Yediʿot shel Irgun ʿOle Breslau be-Yiśraʾel · 1970-04-01 · No. 27 (April 1970) · p. Seite 2

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Journal
Yediʿot shel Irgun ʿOle Breslau be-Yiśraʾel
Volume
1970
Issue
No. 27 (April 1970)
Date
1970-04-01
Page
Seite 2 (sequence 2)
Language
German
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BEIM SEDER (Forts, von Seite 1) “Ich habe euch in das Land gebracht”. Uber diesen Becher sei das grosse Hallel zu sagen. Es ist möglich — habe der Vater gesagt — dass man diesen Vorschlag im Lande Israel ln der alten Zeit befolgt habe, Jedoch in der nahen Golah wären die Weisen von Sura und Pomberdita verschiedener Meinung gewesen. Die einen hätten fünf Becher, die anderen nur vier Becher zum Trinken vorgeschrieben. Auch in Europa (in Frankreich unter Raschi) kam die Frage nicht zur Entscheidung. Und so hiess es schliesslich gemäss dem alten Spruch*: Es komme der Prophet Elijahu und löse die Frage: Teku! Nachdem der Vater den Segensspruch über den ersten Becher Wein und den Dankspruch gesagt hatte, dass ihn G’tt am Leben erhalten habe, und er diesen Tag erreichte, liess er sich auf seinem gepolsterten Sessel nieder und stützte sich, mit der linken Hand angelehnt, auf ein grosses Spitzenkissen. Später beim Mahl wies der Vater darauf hin, dass das angelehnte Sitzen eine wichtige Pflicht beim Seder sei. In der Mischnazeit sei diese Art des Rühens beim Mahl ein Brauch der vornehmen jüdischen Kreise gewesen, der von den Griechen übernommen war. Knechte hätten aufrecht an langen Tischen gespeist, während die -freien Männer, auf Divane gelagert, an kleinen Tischen assen, mit der Linken sich aufstützend, damit die rechte Hand frei zum Essen sei. Um diesen Unterschied zwischen frei und unfrei für alle in der Sedernacht aufzuheben, hätten die Weisen die Anlehnung vorgeschrieben und gefordert: Auch ein Armer in Israel soll beim Seder aufgestützt sitzen, wie ein freier Mann, der seine Ruhe geniesst. Nach dem Segensspruch über den Wein erhob sich der Vater und legte seine Hand auf die dreifächerige Hülle, in der drei Mazzot lagen. Diese drei Mazzot waren immer Schmurot-Mazzot, das heisst solche, bei deren Herstellung mit grösster Vorsicht jede Berührung mit Ungesäuertem vermieden wurde. Der Vater brachte sie stets selbst ins Haus. Zur Dreizahl der Mazzot sagte er: In seiner Heimat habe man beim Backen diese Mazzot mit Zahlen 1, 2 und 3 kenntlich gemacht. Die Eins stand für: Kohen, die Zwei für Lewi, die Drei für Israel. Damit wären die Stände angedeutet, die im Volke vorhanden waren, der an Rang vornehmste Priester sein Diener, der Lewi, und der einfache Mann aus dem Volke. In der Hülle wären sie vereinigt zum Zeichen der Einheit von ganz Israel und der Gleichheit ihrer Rechte. Doch gäbe es auch andere Deutung der Dreizahl. Sie beziehe sich auf die Zahl der Erzväter Abraham, Isaak und Jakob. Vorsichtig zog der Vater aus den drei Mazzot, dem Brote des Elends, die mittlere heraus und zerbrach sie in zwei Teile, nach der Anordnung der Weisen, die sagten, dass es die Art des Armen sei, sein karges Brot sorglich abzuwägen, es in Stücke zu brechen, und einen Teil für den kommenden Tag zu lassen. Den grösseren Teil hüllte er in seine Serviette (als Afikamon) und barg ihn unter seinem Ruhekissen. Den kleineren Teil legte er an seinen Platz zwischen Kohen und Israel zurück. Darauf legte er stehend die Hand auf die Mazzot und sprach die Worte der Haggada: “Siehe, das ist das Brot des Elends, das unsere Väter gegessen haben im Lande Mizraim. Wer hungrig ist, der trete ein und esse mit uns. Jeder, der bedürftig ist, trete ein und halte mit uns das Fest der Überschreitung”. Von zweierlei Arten von Hunger spreche dies Wort, sagte der Vater. Die eine sei der wirkliche leibliche Hunger, die andere sei der Hunger des Geistes, der Belehrung will. Nach den Fragen der Kinder rezitierte der Vater die vorgeschriebene Antwort der Haggada und den weiteren Text fast ohne Unterbrechung. Er wies wohl darauf hin, dass die Erzählung vom Tadel zum Lob fortschreite, so wie es auch der Mensch bei der Betrachtung des Zustandes seines Gefährten sich zum Ziel setzen müsse, den Tadel nur zu streifen, und den Wandel zum Guten hervorzuheben. Der Tadel finde sich im Haggadatext in zweierlei Form: Einmal würde von der körperlichen Knechtschaft erzählt: “Sklaven waren wir dem Pharao in Aegypten”. Ein anderes Mal finden sich die Worte:“Im Anfang waren unsere Väter Götzendiener”. Als Lob sei die Kraft anzusehen, mit der das Volk aus der Sklaverei den Weg in die Freiheit suchte, und die Anerkennung des einen heiligen G’ttes, zu dem es sich durchrang. Manches sagte der Vater über den symbolhaften Charakter der beim Seder gebrauchten Dinge. Der Knochen auf der Sederschüssel sei eine Erinnerung an das Pessachopfer. Das Ei sei ein Zeichen der Trauer über die Zerstörung des heiligen Hauses. Eier würden als erste Speise einem Trauernden gereicht. Das Ei ist und dreht sich, so wie das Leid von einem zum anderen sich dreht. Das Ei hat keinen Mund, um zu sprechen, so wie der Trauernde seinen Schmerz nicht über die Lippen bringen kann. Die bitteren Kräuter sind die Erinnerung an die Leiden, mit denen die Aegypter das Leben der Sklaven verbitterten. Das Salzwasser gleicht dem Meer von Tränen, das sie vergossen haben, als man ihre Knaben fortriss und tötete. Der Vater erklärte auch den Brauch, bei der Aufzählung der Plagen, die G’tt über die Aegypter verhängte, einen Finger in den Weinbecher zu tauchen, und bei der Nennung jeder Plage einen Tropfen Wein fortzusprengen. Es sei diese Verminderung des Weines ein Zeichen, dass wir den Genuss des Weines, der Freude bereitet, verkleinern wollen. Denn das Leid anderer Menschen — auch wenn sie uns Böses getan haben — soll uns nicht zur Quelle der Freude werden. So wie es heisst: “Wenn dein Feind fällt, sollst du dich nicht freuen”. Die Torah gibt uns einen Hinweis im gleichen Sinne. Das Pessachfest wird zur Erinnerung an den Auszug aus Aegypten gefeiert, und nicht als Erinnerung an den Fall und schmählichen Untergang des Feindes im Meer. Einiges will ich noch vom Afikoman berichten, das bei unserem Seder- und wohl bei jedem Seder, bei dem fröhliche Kinder mit zu Tische sitzen—, eine bestimmte Rolle spielt. Das Afikoman ist das Stück der Mazzah, das der Hausherr sorgsam unter seinem Kissen verborgen hat. Denn Vorsicht war am Platze. Die Kinder haben es sich zur Gewohnheit gemacht, dieses kostbare Gut zu entwenden, und nach Schluss der Mahlzeit ein Lösegeld für die Rückgabe zu verlangen. Nun sagte zwar der Vater, dass dieser Brauch auf ein Missverständnis zurückgebe. Der Tanai Rabbi Elieser habe gesagt: Man ergreife die Mazzot beim Seder in Eile, wegen der Kinder. Man habe das eilige Ergreifen der Mazzot auf die Kinder bezogen. Doch der Weise habe gemeint, die Erwachsenen sollen sich beim Essen der Mazzot eilen, damit die müden Kinder nicht einschlafen. Die Kinder warteten gespannt auf den geeigneten Augenblick zur Ausführung der Freveltat. Der Vater neigte sich einem Gaste zu und besprach mit ihm eine erklärungsbedürftige Stelle aus der Haggada. Sah er wirklich nicht, dass die Kinder sich leise dem Spitzenkissen näherten, das das Afikoman verdeckte? Oder wollte er nicht sehen? Bemerkte er nicht die triumphierenden Gesichter der Kinder, die mit ihrem Raube zur Grossmutter zurückschlichen? Sah er nicht, dass die Grossmutter das Afikoman zum Fensterbrett trug und es hinter der Gardine niederlegte? Alle waren im Bunde, um den Kindern ihre Freude zu lassen, und der Vater gehörte treu und ernst zu diesem Bund. Wie gut spielte er die Rolle des Erstaunens, wenn er nach dem Festmahl vor dem Tischgebet das Afikoman unter dem Kissen hervornehmen wollte. Er suchte es zur Rechten, und er suchte es zur Linken. Er untersuchte das Kissen oben und unten und erklärte dazwischen: “Es ist unmöglich, dass mir das Afikoman abhanden gekommen ist”. Wenn aber die Suche ergebnislos blieb, fragte er kleinlaut: “Wer hat mein Afikoman?” Da brachten die Kinder den Raub herbei, und es gab einen lustigen, aber kurzen Handel über die Auslösungsgeschenke. Selige Zeiten, in denen ein fröhlicher Kinderstreich der ganzen Tafelrunde Freude brachte. Der Begriff Afikoman, der von dem griechischen Worten Epikomon in den hebräischen Sprachschatz übernommen wurde, gab dem Vater Gelegenheit, den zeitgeschichtlichen Hintergrund der Haggada zu beleuchten. Denn die Haggada weilt nicht nur bei der Geschichte des Auszugs aus Aegypten. Seit jener frühen Zeit, in der Rabban Gamliel (wohl der Erste) die Aussprache über bestimmte Symbole des Pessach anordnete, haben die Geschlechter im Ablauf der Zeiten an diesem Volksbuch weiter gearbeitet. Die Haggada ist kein ausgeklügeltes Buch, das nach wohl überlegtem künstlerischen Schema aufgebaut ist. Das Herz des jüdischen Volkes pulsiert in ihr und trägt ihm die Aufschreie gequälter Herzen zu, für die es nur einen Trost gibt; die Hilfe G’ttes. So steht das Wort da: “Nicht nur einer ist wider uns aufgestanden, um uns zu verderben. In jeder Zeit erhob man sich wider uns, um uns zu vernichten”. Doch nicht nur dem Körper drohte Gefahr. Mit Besorgnis sahen die geistigen Führer die fremden ins Land Judäa eingeschleppten Bräuche. In der heiligen Stadt verunreinigten Götzenstatuen die Plätze. Durch die Strassen wälzten sich Bachantenzüge, nackte Männer und Frauen, die in wildem Taumel den Pantherwagen des Weingottes Bacchus umtanzten. Viele unter der Jugend wandten sich zu dem römischen Gymnasien, um die Turnkunst und die Atheletenspiele der Römer zu lernen. Es galt Warnung, Zurückhaltung, Verbot fremder Sitten. Wenn der Kluge in der Haggada nach dem Wesen der Vorschriften und Gesetze fragt, die zum Pessach gehören, wird ihm die Antwort: “Man mache nicht den Schluss von dem Pessach mit einem Afikoman!” Das griechische Epikomon ist die stürmische Nachfeier eines Festmahles in dem Hause eines anderen Gastgebers, zu dem die Gäste eilten, begleitet von Musikanten und Tänzerinnen. Das Ende des “Epikomon” war eine Sinnenorgie. Das sollte der Befehl, der dem Klugen gegeben wird, verhindern. Eigene Sitten, volkstümliche Bräuche erbauten die Festung, die das Volk vor den Einflüssen der heidnischen Umwelt schützten. Der Vater sprach von ihnen: Wir feiern heute das Fest in unseren Häusern; einstmals hatte es ein völlig anderes Gesicht. (Forts. Seite 3) 2

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