Yediʿot shel Irgun ʿOle Breslau be-Yiśraʾel
- Journal
- Yediʿot shel Irgun ʿOle Breslau be-Yiśraʾel
- Volume
- 1970
- Issue
- No. 27 (April 1970)
- Date
- 1970-04-01
- Page
- [Seite] (sequence 1)
- Language
- German
- Belongs to
- journal issue
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Gegründet von Dr, Wilhelm (Seev) Freyhan *rr Bitte bewahren Sie die “Mitteilungen” und denken Sie immer wieder an die “Suchanzeigen”. i bNTYSJ»! INbPH *HX 1> 11A1N *7^ my>*T> MITTEILUNGEN No. 27 DES VERBANDES EHEMALIGER BRESLAUER UND IN ISRAEL E. Vi v/ n n v a April 1 970 SCHLESIER Actions-Comite: Dr. Lilli Berg-Platau, Dr. William Boss, Benno Cohn, M.d.K. Heinrich H. Cohn, N. Heimann, Erich Lewin, R. Löwenberg, Dr. Prager, M. Pick, J. Sachs, M. Schmerel-Hofstein. Briefadresse: Erich Lewin, Ramat-Gan, Mazada Str. 27. Tel. 749754. Vorsitzender ERNST TAUBER Von Jahr zu Jahr gab die starke Persönlichkeit des Vaters den Seder, dem festlichen Auftakt zur Pessachwoche, eine besondere Weihe. Der Kreis der Tischgäste, die dem Vater lauschten, war immer ziemlich gross. Zumeist zählte er zwanzig oder noch mehr. Denn manch einer wandte sich an den Vater mit der Bitte, an seinem Seder teilnehmen zu dürfen, weil er an diesem axisgezeichneten Abend von einem weisen Manne Belehrung empfangen wollte, der in der Tradition der Lehre lebte. Zu solchen Gästen gesellten sich alleinstehende Verwandte und Studenten, die nicht zum Fest in die fern gelegene Heimat fahren konnten. Oft kam auch ein Fremder hinzu, der in unserer Stadt einsam am Pessach weilte. Alle sahen dem Abend in froher Erwartung entgegen, wissend dass der Vater nach dem Brauch gelehrter Männer dem Vortrag der Haggada Erläuterungen hinzufügen würde. Für Kenner des jüdischen Schrifttums gilt im gewissen Sinne das, was der Midrasch über Abraham sagt: Gott habe ihn durch viele Länder geführt, wie man ein mit kostbaren Düften gefülltes Gefäss herumträgt, damit es überall seinen würzigen Duft verbreitet. Es war nicht so, dass der Vater vom Beginn der Haggadavorlesung an im Kanzelton halb erbaulich, halb wissenschaftlich zur längeren Rede das Wort nahm. Er rezitierte viel mehr den vorgeschriebenen Text bis zum Beginn des Festmahles, ohne allzu lange erklärende Bemerkungen, um die Kinder nicht zu ermüden. Er beschränkte sich auf eine Erläuterung der rituellen Handlung, die er vorzunehmen hatte, und erklärte die Bedeutung der Dinge, die gemäss der Vorschrift auf der Sederschüssel liegen. Erst während des Festmahles führte sein ernst-heiteres Gespräch die Tischgäste zur weiteren Kenntnis. Der Vater war ein Meister darin, durch Fragen Gedanken anzuregen, durch Antworten tieferen Sinn zu erleuchten. Wenn, nach BEIM SEDER Wir bringen nachstehend ein Kapitel aus dem Buche von Dr. ESTER RABIN: Der verschlossene Garten, Erinnerungen einer jüdischen Mutter. Wir hoffen, dass es in nicht allzu langer Zeit zur Veröffentlichung kommt und werden unsere Leser darauf aufmerksam machen. Wegen Raummangels mussten leider in dem Kapitel Kürzungen vorgenommen werden. DIE REDAKTION dem Worte unserer Weisen, ein Tisch, an dem kein Wort der Lehre gesagt wird, dem eine Götzendieners gleicht, so war die Sedertafel des Vaters wie der Altar, auf dem das Feuer der Liebe zum Heiligen glüht. Wenig, viel zu wenig, kann ich von den Erläuterungen wiedergeben, die der Vater beim Seder gab. Vieles konnte nur der Talmudkundige erfassen, oder wer die Philologie des hebräischen Wortes verstand. Klarer steht mir der Ausblick in die Zeitgeschichte vor Augen, den der Vater an die in der Haggada erwähnten Gestalten anknüpfte. So wende ich mich zagend der Beschreibung seines Seders zu, ebenso fürchtend, dass ich wichtiges fortlasse, wie dass ich hinzufüge, was er als missverstanden zurückweisen würde. Ich konnte den Strom eines grossen Wissens nicht in der offenen Hand auffangen. Der Vater hatte zudem beim Vortrag eine besondere Art.. Im Faust heisst es von der Gedankenwebefabrik, dass ein Tritt tausend Fäden, ein Schlag tausend Verbindungen ins Leben ruft. Beim Vater erzeugte ein Wort die Erinnerxmg an viele Schriftworte. Ein Gedanke löste in ihm eine Fülle neuer Gedanken aus. Dies gab seinem Sprechen eine Lebendigkeit, die ich nicht wiedergeben kann. So ist meine Darstellung nichts anderes als die verstaubte Rückseite eines in bunten Farben glänzenden Gedankenteppichs. Doch eines ist in meiner Erinnerxmg nicht verblasst: der würdevolle und feierliche Ernst, mit dem der Vater den Seder abhielt. Wie ein Priester stand er vor uns im weissen Leinenkittel und der hohen weissen Atlasmütze mit der breiten Silberborte, die er zu Ehren des Seders anlegte. Unser Sedertisch war mit dem besten geschmückt, was unser Haushalt enthielt, mit langer weisser Damastdecke und vielen silbernen Bechern. In der Mitte zwischen vier Leuchtern — stand ein grosser Süberbecher. Er war für den Phopheten Elijahu bestimmt. Der Vater hielt darauf, dass roter Wein axif dem Tisch stand. Er gibt Kraft und ist den Frauen angenehm, wie man sagt. Doch sah man in dem roten Wein wohl auch eine Erinnerxmg an das Blut, mit dem unsere Vorfahren in Aegypten die Pfosten ihrer Häxiser bestrichen, damit der Todesengel über sie hinwegschreite. Ferner hielt der Vater darauf, dass vor jedem verheirateten männlichen Gast eine besondere Sederschüssel, nach Vorschrift angerichtet, stand, damit er sich wie ein Hausherr am eigenen Tisch fühlen konnte. Zu Beginn des Seders Hess der Vater prüfend seinen BUck auf der vor ihm stehenden Sederschüssel ruhen, auf der ein Knochen, ein hartgekochtes Ei, bittere Kräuter (in Gestalt von Meerrettich, Petersilie und Radieschen) ruhten, und eine Schale mit Charusset stand. Ein Gefäss mit Salzwasser stand oberhalb der Schüssel. Die seidene Mazzahtasche mit drei Mazzot lag zur Rechten. Wie es der Würde des Königs gebührt, der den Seder abhält, wurden dem Vater aUe Handlange von anderen abgenommen. Neben ihm stand ein Schüler xmd füllte ihm den Becher zxim Kiddusch mit Wein. Der Vater nahm ihn mit beiden Händen entgegen. Darauf erhob er sich xmd sagte stehend mit starker Inbrunst die Worte: “Siehe, ich bin ganz xmd gar bereit, die Pflicht des ersten Bechers von den vorgeschriebenen vier Bechern zu erftUlen, um der Einheit des Heilligen willen, gelobt sei sein Name, um der Schechinah willen, des Glanzes, ln dem er zurückgezogen und verborgen ist vor xmseren Augen”. Beim Festmahl erklärte der Vater, warxim vier Becher Weines vorgeschrieben seien. Der erste gelte der Weihe des Tages, dem Kiddxxsch, der zweite dem Lesen der Haggada, der dritte der Erinnerung an die Erlösung, der vierte den Lobsprüchen axif Gott, dem Hallel. Die Weisen hätten die Vierzahl der Becher erklärt als Hinweis auf die vier Arten der Befreiung, wie sie in der Torah (II 6) mit den Worten angegeben werden: “ich habe heraxxsgeführt... ich habe errettet... ich habe erlöst... ich habe euch zu meinem Volke genommen”... Ein Schüler hat mir ein Viertel Jahrhundert später in Israel erzählt, er habe vom Vater auch die Deutung empfangen für den fünften Becher, der auf dem Sedertisch für den Propheten Elijahu bereitgestellt wird. Rabbi Tarphon habe in glühender Liebe zum Lande Israel erklärt, der Auszxxg aus Aegypten habe seine Krönung empfangen in der Besitzergreifung des Landes. Daher sei ein fünfter Becher zu trinken in der Erinnerung an das Wort, das die Torah weiterhin braucht: (Forts. Seite 2)