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Yediʿot shel Irgun ʿOle Breslau be-Yiśraʾel · 1969-09-01 · No. 26 (September 1969) · p. Seite 15

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Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Yediʿot shel Irgun ʿOle Breslau be-Yiśraʾel
Volume
1969
Issue
No. 26 (September 1969)
Date
1969-09-01
Page
Seite 15 (sequence 2762)
Language
German
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Erinnerungen an Sohrau _ Von MAX PLAUT _ Geschichte ist die auf Überlieferung beruhende Darstellung von wirklichen Begebenheiten und Ereignissen. Dies soll aber keine Geschichte im landläufigen Sinne werden. Ich will nur einige Erinnerungen an meine Vaterstadt aufzeichnen. Die meisten Menschen zeigen eine treue Anhänglichkeit an die Scholle, auf der sie geboren sind, eine Vorliebe für den kleinen Umkreis, in welchem sie seit der Kindheit sich bewegten. Sohrau (heute Zory) liegt ziemlich am südlichen Ende Schlesiens im Kreise Rybnik. Sohrau erhielt 1272 Stadtrecht. Auf den erhalten gebliebenen Teilen der alten Stadtmauer haben wir als Kinder verwegene Spiele gespielt. In den ersten Jahrhunderten entwickelte sich das Städtchen trotz vieler Widrigkeiten wie Belagerung und Kriege im ganzen erfreulich. In einer aus dem Jahre 1486 erhaltenen Urkunde haben wir ein Zeugnis, dass neben Johann von Ratibor Kasimir Herzog von Auschwitz und Sohrau als Herr von Sohrau auftritt. 1587 wütete die Pest in dieser Stadt. Am 17. Mai 1661 wurde der Ort durch einen furchtbaren Brand weitgehend zerstört. Polen, Österreich und Preussen beherrschten im Wechsel der Zeiten die Landschaft, ohne dass sich am Charakter der Stadt etwas änderte. 1742 wurde Sohrau von den Preussen erobert. Zu dieser Zeit zählen die Zünfte 10 Bäcker, 12 Fleischer, 32 Schuster, 20 Leineweber, 9 Tischler und Büttner, 18 Töpfer, Schmiede, Schlosser, 18 Tuchmacher. Es gibt ein massives Rathaus mit Archiv, Kämmerei und Arreststube. 18 Brunnen befinden sich innerhalb der Stadtmauern, die durch zwei Tore geschlossen werden. In Zimmermanns “Schlesischer Beschreibung” (1784) heisst es: “Sohrau ist eine königliche Immediatstadt, liegt fünf Meilen von Ratibor, ist mit Mauern umgeben, hat zwei Thore, aber kein Pflaster. Die Gassen sind mit Holz belegt, so beim Fahren die unangenehmsten Stösse giebt. Es sind da folgende Gebäude: das Rathaus steht mitten auf dem Markte, eine katholische Pfarrkirche, eine kleine hölzerne Kirche, eine Schule, ein Hospital, 214 Bürgerhäuser und 88 Ruinen von verschiedenen Bränden. Es wohnen da 979 Christen und 121 Juden. Das Wappen der Stadt ist geteilt: in einem Feld ein halber Adler, im andern ein Schwert”. Überspringen wir ein paar Jahrhunderte, und betrachten wir die Zeit vor 1914 etwa, als ein grosser rechteckiger Marktplatz (Ring genannt) den Mittelpunkt der 5000 Einwohner zählenden Stadt bildete. Dem stattlichen zweigeschossigen Rathaus gegenüber stand ein Denkmal des Heiligen Johannes, um das wir als Kinder Jagen spielten. Ein Springbrunnen wurde wieder abgerissen, nachdem einige Einwohner darin ihr Reinlichkeitsbedürfnis stillten und damit wiederholt Anlass zum “öffentlichen Ärgernis” gaben. Im Rathaus waren alle städtischen Verwaltungen, Amtsgericht, Haftzellen, Polizei, Standesamt und Sparkasse untergebracht. Es gab eine katholische und eine evangelische Kirche, eine verhältnismässig grosse Synagoge, drei Volksschulen (für jedes Bekenntnis eine) und eine höhere Knabenschule (Sexta bis Untertertia). Hier wurden uns die wichtigsten Dinge “eingebläut” zum Beispiel, dass am 22. August 1785 8 Uhr morgens ein Erdbeben stattgefunden hatte, bei dem die Glocken der Rathausuhr von selbst zu schlagen begannen. Auf dieses Erdbeben waren wir sehr stolz; zumal sonst nichts passiert war, und wir bedauerten, es nicht miterlebt zu haben. Mein Klassenlehrer in Sexta, Dr. Janocha, gehörte in den 20er Jahren dem preussischen Staatsrat an, dem Konrad Adenauer präsidierte. Drei Hotels “mit eigenem Omnibus am Bahnhof” trugen dazu bei,, dass Ansehen und Fremdenverkehr in der Stadt wuchsen. Besonders “Zweigs Hotel zu den vier Linden” galt in ganz Oberschlesien als renommiertes Haus. Hier fanden im Fektsaal wichtige Feiern wie zum Beispiel das Galadiner an Kaisers Geburtstag statt. Unten in der Gaststube spielten die Husarenoffiziere und der Landadel mit den städtischen Honoratioren Skat. Im gleichen Haus befand sich eine Kneipe, in der die “Hacharen” zechten — das waren Gelegenheitsarbeiter und lichtscheue Brüder, die ihr Geld sofort in Schnaps Umsetzen. Unter ihnen gab es Berühmtheiten, die in der Bevölkerung ein Ansehen besonderer Art genossen. Da war ein gewisser Zizek Palasch, der eines Tages ein seltenes Jubiläum feierte: Er wurde zum 25. Mal aus dem Gefängnis entlassen und wurde in allen Zeitungen erwähnt. Seine Delikte waren nicht sehr schwerwiegend und brachten ihm im Einzelfall nicht über ein und ein halbes Jahr Strafe ein. Als eines Tages ein Mörder aus der Arrestzelle im Rathaus ausgebrochen war, wurde ein modernes Gerichtsgefängnis gebaut, das meistens leer stand, so dass etliche Leute sich eine Zelle als Wohnung mieten wollten. Gefangene wurden bei Bedarf als Arbeitskräfte ausgeliehen. Gelegentlich sollen die Landgendarmen nach Landstreichern gefahndet haben, um den Bedarf an billigen Arbeitskräften zu decken. Natürlich sprachen sich in dem kleinen Ort Neuigkeiten sofort herum. Jeder wusste über alle Bescheid. Und trotzdem las jeder Bürger mit atemberaubender Spannung das “Sohrauer Stadtblatt”, das jeden Dienstag und Freitag erschien und das doch nur bekannte Tatsachen bestätigte. Es war ein prickelndes Vergnügen, die Dinge, die man erlebt hatte, schwarz auf weiss zu sehen. Jeden Montagnachmittag übte die Freiwillige Feuerwehr vor ihrem modernen Spritzenhaus und am Spritzenturm; wir Kinder waren stets dabei. Ein Feuerwehrmann Lipinski, “Schmeiss” genannt, machte mit einem Rohrstock Jagd auf Jungen, die sich zu weit ins Übungsgelände vorwagten. Es war ein Heidenspass, wenn wir ihm nahe herankommen liessen und er uns dann doch nicht erwischte. Gelegentlich wurde “Rettung aus brennendem Gebäude” geübt. Dabei wurden Kinder vom vierten Stock des hölzernen Turmes durch einen langen Rettungssack zu Boden gelassen. Auch das war für uns ein grosses Vergnügen. Wir stiegen gern unzählige Male die Leitern hoch, um in Sekunden durch den Sack nach unten zu rutschen. Einmal versuchte ich es in meinem dünnen Kieler Matrosenanzug”. Der rauhe Sackstoff scheuerte den Hosenboden weg, und unter dem Gelächter aller Zuschauer kehrte ich mit blankem Popo nach Hause zurück. Die Bevölkerung war tolerant, hilfsbereit und hielt getreulich zueinander. Man konnte sich aufeinander verlassen, trug Freud und Leid gebeinsam, verkehrte mit ungezwungener Herzlichkeit. Wenn ein Bischof in die Stadt kam, wurde der Tag für alle Einwohner zum Volksfest, an dem sich auch die nichtkatholische Bevölkerung beteiligte. Als ich zehn Jahre alt war, ging der Stadtdiener mit seiner Glocke durch die Strassen und verkündete, dass anderntags der Kaiser und König Wilhelm II. durch Sohrau fahren würde. Die Schulen wurden sofort geschlossen, und am nächsten Morgen standen wir im besten Zeug ab acht Uhr Spalier mit Fahnen und Fähnchen und sangen vaterländische Lieder. Nach vier Stunden kamen drei Autos durch. Wir sahen des Kaisers Schnurrbart und schrien “Hurra”. Der Kaiser kam von der Jagd beim Herzog von Ratibor und fuhr zur Jagd zum Fürsten von Pless. Später, im Ersten Weltkrieg, sah ich den Kaiser öfters zu Fuss oder zu Pferde, wenn ich in Pless ins Gymnasium ging. Die Politik wurde bei uns gross geschrieben, nicht nur die Lokalpolitik. Es gehörte zur Ordnung, dass Beamte konservativ wählten. Wenn ein Beamter seine Dienstzeit in Sohrau beendet hatte, bekam er den preussischen Roten Adlerorden vierter Klasse. Das war dann der Höhepunkt im Leben. Ich erinnere mich an den alten Hauptlehrer U., einen guten Freund und Kollegen meines Vaters, der ostentativ die katholische Zentrumspartei wählte und für sie arbeitete. Nach vierzigjähriger Dienstzeit bekam er — keinen Orden. Der Mann wagte sich nicht auf die Strasse, obwohl die ganze Bevölkerung diese “Schmach” mit ihm trug. Nim, die Erregung über das Unrecht wurde zum zuständigen Bischof nach Breslau getragen. Der Kardinal Fürstbischof Dr. Kopp liess durch einen Weihbischof, der zur Firmung nach Sohrau geschickt wurde, dem betagten U. für treue Dienste eine schwere goldene Uhr mit Kette überreichen. Diese Ehrung machte unsren alten Lehrer überglücklich. Die Kirche hatte die Krone besiegt; die ganze Stadt jubelte. Der Wirbel, der um diese Affäre enstand, brachte dem alten Mann am nächsten Geburtstag des Kaisers den längst fälligen Orden. Bis zum Weltkrieg kannten wir keine anderen Sorgen. Es war immer etwas los, aber es handelte sich nie um bedeutende Dinge, und das Leben ging ohne Hast in Geborgenheit dahin. Höhepunkte bildeten die Jahrmärkte, die von vielen Kaufleuten und Schaustellern beschickt wurden und für einen Tag ein turbulentes Leben zauberten. Unter den vielen verschiedenartigen Buden fesselten uns besonders die angebotenen Süssigkeiten, die Wahrsager, Karusells und Luftschaukeln. Der Jahrmarkt durfte auf keinen Sonntag und keinen Feiertag (auch keinen jüdischen) fallen. Jeden Dienstag wurde Wochenmarkt abgehalten, bei dem die Hausfrauen ihren Bedarf an landwirtschaftlichen Produkten einkaufen konnten. In jüngster Zeit hat Sohrau viel Schweres mitgemacht. Nach dem Ersten Weltkrieg wurde Oberschlesien geteilt. Sohrau wurde polnisch und verlor einen beträchtlichen Teil seiner deutschen Bevölkerung. Dann kam der Zweite Weltkrieg; Sohrau wurde in ein Trümmerfeld verwandelt und für kurze Zeit Bestandteil des “Dritten Reiches”. Noch leidet die Stadt unter den tiefen Wunden des Krieges. Möchte doch ein dauerhafter Frieden eine glückliche Zeit heraufführen! NACHTRAG Spenden und Beiträge Käthe Ephraim-Markus, Ramat-Gan. Eva Becker, Haifa, Professor Dr. Landsberg, Haifa- Newe Schaanan. Martin Lubarsch, Schawe Zion, Dr. Soberski, Jad Elijahu. Dr. Suse Wolff-Goldschmidt, Haifa. Spenden u. Beiträge aus Amerika, Übersee Minna Czollack, London, George und Thea Moss, London. Mrs. Max F. (Melanie) Pollack, San Francisco (USA). GLÜCKWÜNSCHE EVA BECKER, Haifa, Moriah Ave 101-a Dr. SUSE WOLFF-GOLDSCHMIDT Haifa, Margalithstr. 62 Dr. BRUNO SOBERSKI u. Frau ELSE, Tel-Aviv, Jad Elijahu, Beth Achwa Rabbiner Dr. DUENNER u. Frau IDA geb. Freyhan, London N 16 Allertonstr. 69 Mrs. MINNA CZOLLACK geb. COHN, 46 St. Kilda’s Rd. London N 16 Bei Drucklegung unserer Zeitung erfahren wir von dem Heimgang des bekannten Rabbiners Dr. MORITZ FREIER aus Breslau, der viele Jahre in Berlin amtiert hat. Wir sprechen den Angehörigen unser tiefstes Beileid aus und werden in unserer nächsten Ausgabe eine Würdigung seiner Persönlichkeit bringen. Wir kondulieren Familien Barak zum Ableben ihrer Mutter RECHA BROCK. 15

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