Mannheim
Compact Memory

Yediʿot shel Irgun ʿOle Breslau be-Yiśraʾel · 1969-09-01 · No. 26 (September 1969) · p. Seite 10

Scan of the page
Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Yediʿot shel Irgun ʿOle Breslau be-Yiśraʾel
Volume
1969
Issue
No. 26 (September 1969)
Date
1969-09-01
Page
Seite 10 (sequence 2757)
Language
German
Belongs to
journal issue
OCR quality
91% known words query
IRI
…/7411685-7412934-7412947--0258-7412957
Visual Library
page viewer of the UB Frankfurt

Mentioned entities

OCR text

2 entity mentions

Das „Parkschioesschen" in Charlotfenbrunn l. Eines Tages wurde bei uns am Mittagstisch erzaehlt, der Herr George Potsdamer — man wisse schon: der und der — habe Im Bade Charlottenbrunn einen Besitz erworben und wolle dort eine Pension auf machen. Er selber setze sich damit gewissermassen zur Ruhe, denn bisher habe er ja als Reisebegleiter eines Grafen fungiert. “Ausgerechnet: Reisebegleiter!” hoehnte mein Bruder. Einmal wird man ja auch selber aelter und lernt die Welt verstehen. Man konnte keinen Zweifel haben ueber den guten “Schorschi”, “woher er kam der Fahrt und was sein Stamm und Art”. Man hielt den Gedanken, in einem derart versunkenen und verwunschenen Oertchen wie Charlottenbrunn eine Pension aufzumachen, fuer abwegig. Doch siehe da: das junge Unternehmen hatte einen geradezu unwahrscheinlichen Erfolg, der mit den Jahren eher zuals abnahm. Schorschi Potsdamer mag trotz seiner billigen Preise Grund gehabt haben, zufrieden zu sein. Das “Parkschioesschen” wurde fuer die juedische Gesellschaft Breslaus ein Begriff. Es war ein altes Haus, wirklich eine Art Schloesschen mit einem riesigen Park, der in Wald ueberging, mit einem niedrigen Haus fuer die frueheren Angestellten und einem schoenen Treibhaus. George Potsdamer “war nicht in dem Tal gebaren”. Sein Benehmen war ein vollendetes, und selbst wenn er “Meine Gaeste...” sagte (was doch im Grunde eine Beleidigung war und sein sollte), und wenn er dazu den Kopf zwischen die Achseln und die dichten Augenbruen hoch zog, selbst dann ist ihm niemand gram gewesen, selbst das hatte Charme. Der kleine Kurort hatte einen Nachteil: er lag meilenweit von der Eisenbahnstation entfernt. Man musste im Landauer eine ziemliche Strecke durch das Waldenburger Bergland fahren. Zum Schluss muessen die Pferde ernsthaft ziehen, denn nun geht die Strasse bergan und — schon stehen wir vor den Saeulen, ueber denen das Wort “Parkschioesschen” prangt. — Da eilt auch schon Herr Potsdamer aus der offenen, kleinen Vorhalle. Der ganze Mann ist eine einzige Geste der Erwartung und der freudigen Erloesung: den Oberkoerper vorgebeugt, die Haende vorgestreckt. Man hat das Gefuehl, das ganze Haus habe seit dem fruehen Morgen stillgestanden und sich auf nichts anderes vorbereitet als auf unser Kommen. Da verneigt sich Herr Potsdamer bereits vor der Frau Kommissionsrat und geleitet sie die wenigen Stufen hinan. Man ist nicht mehr ein bescheidener Jude, der in einer gelinde gesagt: zweitklassigen Pension absteigt, sondern eine Dame von Stand stattet hier einem alten Freunde und Kavalier in seinem Chateau eine Visite ab. Im Mittelraum des Hauses begruesst einen auch die Hausdame: das grillenhafte Fraeulein Grill, bei dem man Immer den Eindruck hatte, dass jeder neue Gast eine neue Stoerung fuer sie bedeute. Nach den ueblichen Begruessungsfragen nach dem werten Wohlbefinden und dem Ueberstehen der Reise — die zwei Stunden betraegt — wird nicht ohne Unruh von seiten des Gastes die Lebensfrage fuer die naechsten Tage gestellt. Ja freilich, so bekommt man zu seiner Freude zu hoeren, es sei unter wahrhaft furchtbaren Muehen und kaum zu verantwortenden Ungerechtigkeiten geglueckt, der werten Besucherin das Zimmer Nummer drei im ersten Stock zuzuteilen. Und so durch schreitet denn unter Dankesworten die an vierzehn Zimmer, grosse Hotels und elegante Sanatorien gewohnte Dame den winzigen Treppenvorraum. kraxelt vorsichtig die wurmstichige, gewundene, schmale Treppe hinan und — preist sich gluecklich, im altersschwachen“ Parkschioesschen” das “Fuerstenzimmer” Nummer drei erhalten zu haben. Und sieht nicht, was selbst den offenen Augen des kleinen Sohnes an ihrer Seite nicht entgeht: die namenlose Primitivitaet des Gemaches. Man darf nicht denken, dass Herr Potsdamer darum, weil er “Meine Gaeste...” sagte und den Vormittag fuer sich beanspruchte, ein Pensionsstief vater gewesen sei. Der Nachmittag und der Abend umschloss den eigentlichen Beitrag, den dieser weltgewandte Mensch zum Wohlbefinden “seiner” Gaeste hinzufuegte. Und gerade darin lag der Zauber, den das “Parkschioesschen” zumal auf uns junge Menschen ausuebte. Das also war schon an der an sich stilleD Mittagstafel losgegangen und geziemend eingeleitet worden. Sicherlich hatte sich ein erwachsener Stammgast gefunden, der so unter der Hand, wie etwas Selbstverstaendliches, hingeworfen hatte: “Nicht wahr, Herr Potsdamer, bei dem schoenen Wetter gehen Sie doch mit uns spazieren?” Und wenn der Gefragte auch nur eine zweifelnde Miene aufgesetzt hatte, so war nun fuer uns Kinder das Signal gegeben, die Bitte weit energischer und dringender zu unterstuetzen. Nach einigem primadonnenhalten Zoegern und Sichzieren hatte denn auch der eitle Mann zugestimmt, und damit war das Programm fuer den Nachmittag gegeben. Denn das “fWohin” spielte eine untergeordnete Rolle, das war uns Kindern ziemlich gleichgueltig. Wir kannten die moeglichen Spaziergaenge sowieso alle, und was kam es darauf an, ob man heute nach Tannhausen und uebermorgen nach Trautmanns - dorf ging oder umgekehrt. Die Hauptsache war, dass jeder Programmpunkt vorschriftsmaessig erfuellt wurde. Das gehoerte einfach mit dazu und war im Preise mit inbegriffen. Zwar Hess sich Potsdamer ein wenig bitten, aber er tat es im Grunde genommen nur allzu gern, der alte “Reisebegleiter”, und war auch uns auf den kleinen Wegen der kleinen Landschaft um Charlottenbrunn ein wunderbarer Cicerone. In kleinen Kurorten sind die Abendstunden meist zum Verzweifeln. Es gab in Charlottenbrunn nichts als das kleine Hinterzimmer der Apotheke, in dem Schlemmer am Abend ein Glaeschen Wein trinken konnten. Aber solcher Suender waren immer nur ganz wenige. Der Rest — was liess sich tun — nahm sich ein Buch zum Lesen hinunter oder eine Strickarbeit. Man sass im kleinen Wohnzimmer, dem Gegenstueck zum Esszimmer, unterhielt sich muede und gezwungen und das war alles, Wenn Herr Potsdamer nicht vcylas. Diese Stunden der Vorlesung aber waren das bei weitem Originellste am ganzen “Parkschioesschen” “Das gab’s nur einmal, das kommt nicht wieder.” Durch diese Vorlesungen ist der eindeutig juedische Charakter des kleinen Pensions-Unternehmens immer wieder aufs neue unterstrichen und sozusagen offiziell besiegelt worden. Es wurde schon angedeutet, dass George Potsdamer ein eitler Mann war. Er hatte etwas von einem Mimen an sich trotz seines grossen Schnurrbartes, der mit den aufwaerts strebenden Ecken an den damaligen Kaiser Wilhelm II. erinnerte. Keiner hat den Geist der damaligen Zeit besser geschildert als der witzige Rideamus (alias Assessor Oliven) in den “Lustigen Nibelungen”. Dort sang der Chor der “Magen”, der Gaeste, als der “geliebte Koenig Günther” den Saal betritt: “Maenner von Alt-Burgund Preiset mit lautem Mund Unseren Herrn. Kommet von fern und nah, Stehet voll Ehrfurcht da, , Rufet: Hurra, hurra. Er hoert es gern.” Der Rhythmus der Zeilen entsprach genau dem der deutschen Nationalhymne und als nun der witzige Komponist Oskar Straus die Operette in Musik setzte, liess er das Orchester die ganze Strophe lang die Hymne variieren, bis sie dann in den letzten vier Worten mit aller [Wucht und Feierlichkeit unverbluemt zum Durchbruche kommt: “Er — hoert — es — gern...”. Ach, auch unser guter Schorschi hoerte “es” gern, und noch weit aerger war in dieser Beziehung der Rechtsanwalt Georg T. Es ist also eine Tatsache, dass die Vorlesungen im Hause “Parkschioesschen” fast ausschliesslich aus dem Gebiete des juedischen Humors gespeist wurden. Das eine, gereimte Machwerk war schwach, ein anderes aber war der Clou des Hauses und erfreute sich bei den Juden Breslaus einer gewissen Beruehmtheit, so dass manche Worte darus sprichwoertlich wurden. Es hiess “Die juedische Hochzeit”, strotzte von Witz und Geist, war dabei kultiviert und von einem sozusagen disziplinierten Humor. Es stammte von einem der vornehmsten Juden Breslauszum mindesten hielt er sich dafuer. Manchem war er unsympatisch in seiner Blasiertheit und Arroganz. Einmal wurde lins die unerhoerte Auszeichnung zuteil, den erlauchten Schoepfer der “Juedischen Hochzeit”, eben jenen Rechtsanwalt Georg T., bei der Vorlesung seines Meisterwerkes leibhaft unter uns anwesend zu sehen. Unerhoertes Ereignis! Da sitzt er, richtiger gesagt: lagert er mit vorgestreckten Beinen im isoliert stehenden Plueschsessel, sanft ruhend. Die Haende weit vom auf den Lehnen. Weihevoll erhebt er mitunter die Linke, nur ein wenig, um das Benefiz Potsdamers durch eine witzige Einschiebunng zu unterbrechen. — Die allgemeine Meinung war, so habe Goethe dagesessen bei der ersten Vorlesung seiner “Iphigenie.” Es war noch weit schwerer, den treusorgenden Pensionsvater zur Vorlesung der “Juedischen Hochzeit” zu bewegen als zu einem Nachmittags-Spaziergang. Es bedurfte begreiflicherweise weit staerkerer Beschwoerungen. Aber ein Aufenthalt im “Parkschioesschen” ohne Anhoerung des beliebten Stueckes — das man doch nachgerade halb auswendig kannte — waere zum mindesten uns jungen Menschen als ein Hereinfall erschienen. So festgefahren sass das in unseren Koepfen, dass mir zwanzig Jahre spaeter eine gute Bekannte, mit der ich oft die “Juedische Hochzeit” im “Parkschioesschen” gehoert hatte, zu meiner Verlobung durch eine Karte aus einem Breslauer Winrestaurant gratuliert hat, die mit einem Telegramm aus der “Juedischen Hochzeit beginnt: “Wenn auch zu vorgerueckter Stunde, So minder nicht aus Herzensgründe Gratulieren dem jungen Paar.” Ich wusste so gut wie die Absenderin, dass die letzte Zeile im Original lautete: “Friedlaenders, Schweidnitzer Stadtgraben 16 A.” Ja, es gab in diesem kleinen Drama unvergessliche Dinge. So wenn ein Gast bei Tische sich mit den Worten vorstellt: “Mahlzeit: ich bin der Onkel,” ein Wort, das in unseren Kreisen klassisch geworden war. Oder die Aufzaehlung der Geschenke: “Eine Kanne dann von Pinkus. Er sagt Silber, Ich sag’ Zinkguss.” Oder der hymnische und ernst gemeinte Beginn eines Carmen: “Umwoben vom Gespinst der Sage In Oberschlesiens Bluetenaun Kann man in wundervoller Lage (Forts. Seite 11) 10

Text as recognised by OCR (ABBYY FineReader), without corrections. Entity mentions: TagMe (2021); their positions were matched to this text again.