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Yediʿot shel Irgun ʿOle Breslau be-Yiśraʾel · 1969-09-01 · No. 26 (September 1969) · p. Seite 3

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Journal
Yediʿot shel Irgun ʿOle Breslau be-Yiśraʾel
Volume
1969
Issue
No. 26 (September 1969)
Date
1969-09-01
Page
Seite 3 (sequence 2750)
Language
German
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Als jüdischer Medizinstudent in Breslau Diese Erinnerungen stellen eine Ergänzung und Erweiterung der ausgezeichneten Sonderarbeit von Dr. Siegmund Hadda, jetzt New-York dar, die im Handbuch der Schlesischen Friedrich-Wilhelms- Universität in Breslau (Bd XIV. 1969) erschienen ist und in diesen Blättern s.Z. auch lobend erwähnt worden ist. Es sind ähnliche Lehrer und Geschehnisse, von denen ich berichten möchte, allerdings unter Jüdischem Blickwinkel betrachtet. Eigentlich könnte es daher etwas eigenartig erscheinen, wenn ich meine Ausführungen mit einer Persönlichkeit beginne, die mit jüdischen Dingen offenbar wenig zu tun hatte: es handelt sich um den fast legendär gewordenen Professor der Anatomie K. Hasse, der in den erwähnten Erinnerungen Haddas einen besonderen Raum einnimmt. Hasse pflegte während seiner Vorlesung im Halbraum des Auditoriums von einer Seite zur anderen zu gehen. Er legte den grössten Wert darauf, dass man seine Ausführungen notierte. Das war freilich für Studenten, die am Schabbath nicht schrieben, schwierig. Der Zufall wollte es mm, dass der Eckplatz der ersten Reihe von einem Posener Collegen eingenommen wurde, in der Ecke darüber sass ich und eine Reihe weiter oben unsere Collegin Lotte B (s.A.), die dazu noch von ihrem Bruder Herrmann, dem späteren Ministerialdirector, begleitet wurde. Wir bildeten also gewlssermassen eine ganze Phalanx von Streikenden. Als Hasse das bemerkte, sagte er: “Die also betreffenden Commilitonen” — dieses “also betreffende” Füllsel fügte er dauernd und sinnlos bei jeder Gelegenheit hinzu — täten gut sich von dem Notiz zu machen, was Ihnen hier vorgetragen wird”. — Nächster Rundgang. Wieder in unser Blickfeld gelangt, meint er, bereits etwas verärgert: “Und ich kann nicht begreifen, warum die also betreffenden Collegen dem Wunsche des Herrn Geheimrats nicht Rechnung tragen. Eigentlich sollte doch der Wunsch des Herrn Geheimrats für Sie ein Befehl sein”. Als er beim nächsten Rundgang sah, dass wir noch immer mit den Händen im Schoss dasassen, sagte er “Und ich werde von jetzt ab von den also betreffenden Collegen überhaupt nicht mehr Notiz nehmen, und drehte sich um und erinnerte dabei an die Fische des Jordan, die auf dem bekannten Gemälde Kehrt machen, bevor dieser in das imgastliche Tote Meer mündet. Nach Schluss der Vorlesung ruft er mir mit vorgestrecktem Zeigenfinger zu: “Ich möchte Sie sprechen, mein Herr” — “Und ich Sie gleichfalls, Herr Geheimrat”. In seinem Dienstzimmer erklärte ich ihm, auch im Namen der beteiligten Collegen, dass wir aus religiösen Gründen am Sabbath nicht zu schreiben gedenken und auch nicht auf dem Präparierboden erscheinen werden. Letzteres war aber wichtig, denn das Fortbleiben von dieser Tätigkeit konnte den Entzug der zum Examen erforderlichen Bescheinigung zur Folge haben — “So, So, habe ich noch nie gehört, werde mich deswegen erkundigen” Am Montag früh ruft der Anatomiediener: “Herr Boss und seine Trabanten zum Herrn Geheimrat”. Mit leicht moquierten Lächeln erklärt er uns: Ich habe mich also erkundigt und habe mir sagen lassen, es gibt in der Tat ängstliche Gemüter, die am Sabbath nicht schreiben und präparieren. Aber nirgends steht etwas in der Heiligen Schrift Ihres Lehrers Moses, dass Sie am Sabbath nicht in die Vorlesung von Herrn Geheimrat Hasse zu gehen haben. “Und so mussten wir notgedrungen an jedem Sabbath den nicht gerade bequemen Weg in das Scheitniger Klinikviertel antreten. Er gab Studenten, die Hasse eine gewisse antisemitische Gesinnung anhängen wollten. Sie rekrutierten sich gewöhnlich aus den Kreisen, die das Studium der Medizin nicht ernst genug nahmen. Hasse wollte jedoch seinen Schülern gründll- Dr. S. (William) BOSS, Tel-Aviv che Kenntnisse vermitteln und seine Studenten zu gewissenhaften Aerzten erziehen. Wie wenig er antisemitisch eingestellt war, kann man vielleicht auch daraus ersehen, dass er, selbst Patient, seinen einstigen Schüler Gottstein, jetzt freilich Professor und Chef eines grossen Krankenhauses, konsultierte. In seiner echt kritischen Art konnte er es sich aber auch jetzt nicht versagen, ihn mit den Worten begrilssen: “Muss doch mal sehen, ob Sie was ordentliches bei mir gelernt haben”. Eine jedenfalls hundertprozentige judenfreundliche Einstellung konnte man bei dem Chefarzt der Chirurgischen Universitätsklinik Geheimrat v. Mikulicz feststellen. Schon in Krakau, seiner früheren Wirkungsstätte, hatte er sich die Liebe der jüdischen Bevölkerung erworben. Er bewies seinen Freimut auch in seiner jetzigen Stellung. Einer seiner langjährigen Mitarbeiter war Dr. G. Gottstein. Als Auszeichnung für seine ausgezeichneten Arbeiten wollte er ihn als Privatdozent Vorschlägen. Nun galt die Chirurgie schon seit jeher als ein besonders feudales Fach der Universität, und man versuchte daher diese Exclusivltät zu schützen. So erschienen jetzt nach der klinischen Vorlesung der damalige Oberarzt H. und der 1. Assistent der Klinik im Directorzimmer und erklärten: |Wie wir erfahren, besteht die Absicht, Dr. Gottstein zum Privatdozenten zu ernennen. Wir Assistenten der Klinik sind dagegen “Darauf zieht v. Mikulicz seine goldene Uhr aus der Westentasche und sagt: “Meine Herren, es ist jetzt 12 Uhr 10 Minuten. Sie haben bis nachmittags um 4 Uhr Zeit, sich zu entschlossen, ob Sie an meiner Klinik weiter mitarbeiten wollen. Dr. Gottstein wird Privatdozent”. Dass sich der Vorgang in dieser Weise abgespielt hat, verdanke ich der persönlichen Mitteilung meines späteren Lehrers und langjährigen Chefs. G. Leider kannte ich den genialen v. Mikulicz nicht von der Vorlesung oder vom Operationssaale her, nur den erschütternden Leichenkondukt konnte ich von der Wohnung eines Stundenschülers beobachten, dem der junge Sohn des Verstorbenen zuwinkte. Das Werk dieses Grossen in der Chirurgie blieb freilich unvergessen. Zur 25. Wiederkehr seines Todestages hielt Prof. Gottstein eine Gedenkrede im Breslauer Radio und Unterfertigter schrieb über ihn ein Feuilleton in den Breslauer Neuesten Nachrichten, deren medizinischer Mitarbeiter er war. Diese Tätigkeit gab mir später auch Gelegenheit einer immer mehr zunehmenden antisemitischen Stimmung in klinischen Kreisen entgegenzutreten. Gelegentlich einer Tagung der Südostdeutschen Chirurgenvereinigung sprachen auch 4 jüdische Collegen. Ihre Vorträge wurden von dem Referenten, einem jüngeren Assistenten der Chirurgischen Klinik, überhaupt nicht erwähnt, während die oft unwichtigsten Diskussionsbemerkungen im Bericht der konservativen Schlesischen Zeitung erschienen. Auf meine diesbezüügliche Vorstellung beim Vertragsdirector, der Breslauer Neuesten Nachrichten, wurde diese eigentümliche und einseitige Besprechung nicht veröffentlicht. “Schreiben Sie also”, sagte Dr. T. eine andere für unsere Zeitung, freüich jetzt aber nur allein über die Vorträge der jüdischen Herren unter Weglassung der Anderen. Der Aerger über diese unerwarteten Wendung soll bei den judenfeindlichen Collegen gewaltig gewesen sein. Diese Dinge spielten sich freilich in der vorhitlerischen Zeit ab, als ich nicht mehr Student war. Zu meiner Studienzeit war der Director der Chirurg, Universitätsklinik Geheimrat Prof. Dr. H. Küttner, ein ebenso heriorragender Operateur, wie begeisternder Lehrer und liebevoller Arzt zu seinen ihm an vertrauten Kranken. Zu ihm hatte ich persönlich nähere Beziehungen, da ich meine Doktordissertation auf Grund des Krankenmaterials der Universitätsklinik, aber auch der Privatklinik Küttners zu bearbeiten die Ehre hatte. Bei einer Tagung der Südostdeutschen Chirurgen in Breslau wurde das Thema Gallenblasen-Chlrurgie gleichfalls behandelt wie in meiner Doktorarbeit. Ich nahm an der Tagung in der letzten Reihe als Presseberichterstatter teil. Da wird mir plötzlich ein Zettel zugeschoben und der Vorsitzende Geh Rat Küttner fragt an: Könnten Sie nicht 5 Minuten dazu sprechen, da sie doch das Thema v. Ihrer Dok torarbeit her beherrschen. Es war eine seltene Ehre, und Zeichen von Vertrauen, dass man einen medizinischen Neuling vor ein kritisches Chirurgen Forum stellte. Und ich darf annehmen, dass dieser mein erster aus dem Stegreif gehaltene Vortrag die Anerkennung des Vorsitzenden fand, der mir freundlich lächelnd zunickte, als ich wieder in der hintersten Reihe verschwand. Diese Ausführungen erschienen als Sonderdruck in einer medizinischen Wochenzeitschrift, die sonst einem cand. med. kaum Eingang gewährt hätte, hätte nicht der Director der Chirurg. Universitätsklinik diese Arbeit als aus seiner Klinik stammend, eingereicht. Küttner suchte auch mit Collegen gesellschaftlichen Kontakt herzustellen, so lud er meine Frau und mich wiederholt in sein Haus zum Essen, und immer musste ich eine Absage finden, da wir ja koscher zu essen gewohnt waren. Ais ich wieder, zum 3. Mal, unser Frenbleiben zu entschuldigen suchte, kam er zu mir bei einer Sitzung, legte seinen Arm auf meine Schulter und fragte: “Ha ben meine Frau und ich Sie irgendwie beleidigt, dass Sie uns immer einen Korb geben?” Ich erwiderte darauf: “Auf eine ehrliche Frage gehört wohl eine ehrliche Antwort. Wollen Sie, bitte, verstehen, dass wir nur rituelle Verpflegung geniessen”. Darauf K., offenbar angenehm überrascht: Es wird sich doch noch Gelegenheit finden, dass Sie im Hause Küttner auch essen können. “Nicht wenig erstaunt war ich, als mich nach kurzer Zeit der Traiteur der Lessingloge ganz aufgeregt anfragte: “Was ist denn los, ich soll gelegentlich eines Diners bei Prof. Küttner für 2 Personen das gleiche Menu rituell auftischen?” Und in der Tat, bei einem solchen Essen waren auf dem Parkett hinter unseren Stühlen Kreuze angebracht, die laut Verabredung darauf hindeuten sollten, dass der Kellner von Komhäuses Küche rituelles Essen servieren würde. — Die Erinnerung an diesen hervorragenden Mann beschliesse ich nur mit Wehmut. Als ich den Totkranken in einer Münchener Klinik besuchen wollte, durfte ich ihm jedoch nur Blumen an sein Krankenbett schicken, für die sich die Ehefrau in überschwenglicher Weise bedankte: Sie sind der Einzige von seinen sämtlichen Schülern und Breslauer Collegen, die an ihn gedacht haben. Waren Küttner und v. Mikulicz Capazitäten auf dem Gebiete der Chirurgie, so war es O. Minkowski als Inernist. Weltbekannt war er als Entdecker der Ursache des Diabetes (Zuckerkrankheit). Die erfolgreiche Behandlung dieses Leidens Jedoch war ihm nicht gelungen, sie war in Amerika gefunden worden. Als ihn in einer Breslauer Aerztegesellschaft ein College fragte, ob er sich nicht ärgere, dass er nicht auch das Insulin entdeckt habe, antwortete er gescheit: "Als Vater des Diabetes bin ich in die medizinische Literatur eingegangen, so werde ich Jetzt als Grossvater des Insulins gelten. Und oft hat man ja von den Enkelkindern mehr Freude als von den eigenen. Minkowskis medizinische Vorlesung brachte immer (Forts. S. 4) 3

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