Yediʿot shel Irgun ʿOle Breslau be-Yiśraʾel
- Journal
- Yediʿot shel Irgun ʿOle Breslau be-Yiśraʾel
- Volume
- 1969
- Issue
- No. 25 (April 1969)
- Date
- 1969-04-01
- Page
- Seite 5 (sequence 5)
- Language
- German
- Belongs to
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Vielleicht dürfte den einstmaligen Schülern des Johannes-Gymnasium Breslau das Pfeiffsignal in den Ohren klingen, das man sich aus der Humperdingk’schen Märchenoper “Hansel und Gretel” entlehnt hatte. Als ich vor 6 Dezennien in die Obertertia dieser Schule eintrat, lernte ich diesen Pfiff bald kennen, Jedoch wurde ich erst allmählich mit den Lehrern des Gymnasiums bekannt. Schon der erste war ein Unikum. “Du musst mit lauter Stimme sprechen”, ermahnten mich die neuen Schulkameraden, denn er tut so, als ob er Dich nicht recht versteht. “Ich bin neu eingetreten” schrie ich daher — “Wie heisst Du?” kam es aus dem Munde des riesigen Mannes mit dem wildgewachsenen schwarzen Vollbart “Boss”, antwortete ich, so laut ich konnte. Darauf der Herr Professor Heinrich Winkler: Nun pass mal auf, mein Lieber. Zunächst heisst es nicht: wos, sondern: was, und wenn Du was nicht verstehst, heisst es: Wie bitte Herr Professor — Woher?, ging es weiter — “Aus Strehlen” — “Um Gottes Willen”, aus Schtrählen! Wisst Ihr, was der Unglückliche meint? Strehlen, das durch seine Granitbrüche bekannte liebliche Städtchen bei Breslau. “— Ich wurde sein gelehriger Schüler. Er liebte nicht “Phrasengebimmel”. Jeder Satz, nein, jedes Wort im deutschen Aufsatz sollte sorgfältig überlegt sein. Ich war daher stolz, als unter meinem, nur 3 Seiten umfassenden Aufsatz das Prädikat: ,Gut’ stand. Interessant ist, dass der bekannte Schriftsteller Emil Ludwig, ebenfalls ein Johanneer, in seinem Werke “Geschenke des Lebens” berichtet, dass er seinem verehrten Deutschlehrer Winkler seine Bücher zur Kritik einsandte und sich geradezu beschämt fühlte, wenn dieser einen Dankbrief in seinen riesigen Lettern schickte. Er wirkte als Charakter, wenn er z.B. bei einer jener öden Schulfeiern zum “Sedantage”, die nur zur Verewigung der Völkerfeindschaft abgehalten und oft nur zu phrasenhaften Reden für das Herrscherhaus benutzt wurden, zu aller Überraschung über Napoleon, den Besiegten von Sedan, sprach, und der bestürzte Director das sonst übliche Kaiserhoch ausbrachte. Denn Winkler hatte seine Rede mit den Worten geschlossen: “Wir wollen Deutsche sein und bleiben ” Später, als ich bereits Medizin studierte, traf ich den verehrten Lehrer. Wie üblich stand er auf der hinteren Plattform der Elektrischen. Dank seiner grossen Forschungen auf dem Gebiete des Ural-Altaischen war er soeben zum ausserordentlichen Professor der Breslauer Alma mater ernannt worden. Ich gratulierte ihm mit den Worten: “Jetzt haben Sie wirklich den Ihnen gebührenden Platz”. Er schrie mich an. “Und im Gymnasium war ich etwa kein guter Lehrer?” Die Mitfahrer erschraken oder mussten lachen. In der Tat: er war wohl der einzige meiner Lehrer, der innerlich bildend gewirkt hat. Wie anders war unser Lehrer für Deutsch und Geschichte, Prof. Wohlauer, ein stets freundlicher Herr, der im Unterricht eigentlich mehr vortrug, selten nur prüfte. Wie gütig er war, merkten wir so recht eigentlich, als er sich als aufsichtführender Lehrer bei der Abfassung unserer Examensarbeiten zum offenen Klassenfenster weit hinauslehnte und den unten im . Hofe spielenden Schülern zurief: “Macht nicht solchen Krach, hier oben schwitzen nämlich die Abiturienten über ihre Prüfungsarbeiten”. Wir dankten ihm innerlich für diese sich immer wiederholenden Mahnungen, die er nach auffallend langen Zeitaufwand auch noch vorsichtshalber mit den Worten beschloss: “Nun muss ich aber wieder meine Aufsicht fortsetzen”. Mit welcher Selbstverständlichkeit man mit der Güte dieses Lehrers rechnete, beweist die Tatsache, dass ein Oberprimaner am Tage vor dem Examen privatim an den Herrn Geschichtslehrer herantrat und ihm unmissverständlich erklärte, seine Kenntnisse der deutschen Geschichte reichen gerade,noch bis zu den Ereignissen des Krieges 1870/71. Erstaunt über soviel Unverfrohrenheit erklärte der Herr Professor: “Das will ich gar nicht gehört haben”, notierte es sich jedoch vorsichtshalber in sein Notizbuch, das er jeweils bei der Prüfung befragte. Unter vielen Schülergenerationen hatte sich seine Eigentümlichkeit erhalten, dass er eines Tages seinen Vortrag zu unterbrechen pflegte und ganz plötzlich das Thema zitierte, das er für den deutschen Prüfungsaufsatz eingereicht hatte. Handelte es sich dazu noch um ein aus der von ihm vorgetragenen Historie besonders schweres, so konnte man sich glücklicherweise vorbereiten und sich einen stenografierten “Schuckzettel” einstecken. Mein “Vorsitzender” mit beträchtlich breitem Rücken liess mich in Ruhe mein Stenogramm entziffern, verlangte freilich dami als Gegenleistung, dass ich ihm den Entwurf meines Ex- ^WWVWVWWAAAAAAAAAAAAAAA' Als ich noch ins Johannes-Gymnasium in Breslau ging cerptes zuschob. Es wäre alles gut gegangen, hätte ich nicht dem zur Vorbereitung dienendem Geschichtswerk ein Zitat entnommen, das aber unserm sonst hervorragend orientierten Geschichtslehrer nicht bekannt war. Am Tage nach der Arbeit fragte er mich: “Woher haben Sie denn das recht passende Zitat?” Aber ehe ich noch Auskunft geben konnte, merkte er, dass es der vor mir sitzende Schüler gleichfalls brachte. “Ja, meine lieben Freunde”, sagte er ganz erregt, “wenn das der Herr Schulrat merkt, sind Sie Beide verloren. Da kann ich Ihnen gar nicht helfen”. Uns brauchte er zum Glück nicht zu helfen — wir aber konnten es noch weniger. Vielleicht hätte es uns auffallen sollen, dass er oft seinen lichtvollen Vortrag zB. über Goethe ganz plötzlich unterbrach und sich nach der Herzgegend fasste. Der ausgezeichnete Pädagoge war nämlich auch Stadtverordneter. Und als er eines Tages nach seiner Lehrtätigkeit pflichtgemäss ins Rathaus eilte, brach der herzkranke Mann leblos auf der Treppe zusammen. Nicht weniger Schülerfreundlich war Prof. B. Badt. Als anerkannter Latinist verstand er es ebenso sehr uns die geistreichen Dichtungen eines Horaz näher zu bringen wie uns in die Dialektik eines Cicero einzuführen. Man könnte vermuten, dass dessen gradlinige und klare Sprache auch den Lehrer ernst gestaltet hätte. Wie angenehm waren wir überrascht zu erfahren, dass er einem Abiturienten, der im mündlichen Examen versagte, und den der gestrenge Prüfungsvorsitzende, vom Provinzialschulcollegium delegiert, bereits abzuweisen schien, zu Hilfe kam. Dieser Primaner beherrschte nämlich, wie dem fürsorglichen Ordinarius bekannt war, ein Sonderfach, das für seinen späteren beabsichtigten Beruf massgebend sein sollte. Er hatte nämlich den gesamten Eisenbahnfahrplan Deutschlands mit Anschlüssen ins Ausland in bewundernswerter Weise im Kopf “Vielleicht könnte dieses Wissen”, meinte der Lateinprofessor als Ausgleich herangezogen werden. — Man bringe ein Kursbuch, und der Schulrat wollte nun wissen, wie man auf bestem und schnellstem Wege von Königsberg bis Konstanz per Bahn gelangen könne. Ohne langes Besinnen nannte der Prüfling die verschiedenen Zugverbindungen und die besten Anschlüsse, und das alles mit einer solchen Schnelligkeit und Treffsicherheit, dass sich der ursprünglich ablehnende Vorsitzende beeinflussen und den Ausgleichsvorschlag gelten liess. Auch auf einem anderen Gebiete sorgte Prof. Badt für seine jüdischen Schüler. Zum Beginn jeder sogen. Religionsstunde, die er als anerkannter Schüler des Breslauer Rabbinerseminars, selbst erteilte, liess er jeweils einen Schüler ein kurzes Gebet sprechen. Und der Unterricht, den er trotz der kurz bemessenen Zeit erteilte, beeindruckte doch manch einen, der sonst jüdisch-religiösen Dingen femstand. Als man einmal den späteren Staatssekretär Dr. Hans Schäffer fragte, warum er für den Keren Hajessod soviel Interesse entwickle, antwortete er : “Prof. Badt war doch mein Lehrer”. Er veranstaltete auch am Sabbath und Feiertagen in seiner dem Gymnasium benachtbarten Pri vatwohnung vor Unterrichtsbeginn einen Gottesdienst, der lange Zeit als das Badt’sche Minjan existierte, auch nach seinem Tode. An seinem Sterbebette standen neben der Familie auch der Begründer unserer Organisation Dr. W. Freyhan s.A. und zwei seiner Schüler, die beim Gottesdienst jeweils amtierten. Mit wunderbarer Beherrschung bat mich die Witwe dem Gymnasialdirector am nächsten, ersten Schultage nach den Ferien, Mitteilung zu machen. Trat ich schon schweren Herzens in sein Dienstzimmer, war ich erschüttert, wie dieser Mann, dessen stolze, aufrechte Haltung stets imponierte, zusammensackte und in Tränen ausbrach. Er sagte den Unterricht an diesem Tage für sämtliche Klassen ab. Später berief er eine Trauerversammlung, und in einer unvergessenen Ansprache verstand er den Verlust für Schüler und Lehrer zu würdigen. Der Mathematiker, dessen Kopf mit Ibsenbart wie ein gleichseitiges Dreieck aussah, litt Körperqualen, wenn man eine Konstruktion hinmalte und •dabei unterliess, die Strecken zu bezeichnen. Da konnte er sich verzweifelt in die Oberlippe beissen, wobei er sich ein Stück Schnurrbart mit in den Abgrund riss. Er klammerte sich mit der Linken an eine Bank, um loszudonnern: “Und sie gaben ihm einen Stecken in die Hand, das war nämlich das Scepter, und sie setzten ihm ein Ding auf den Kopf, das war nämlich die Krone, und sie riefen: Mogde! Mogde! — aber kein Teufel sagte, dass er König geworden wäre”. Wir hatten in der Klasse einen ausgezeichneten Physiker, der später in der Sternwarte Krietem eine führende Stellung einnahm. Schon als Primaner konstruierte er eine besondere Elektrisiermaschine, die er dem physikalischen Kabinett des Gymnasiums verehrte. Als wir im Physikunterricht auf das Kapitel Reibungselektrizität zu sprechen kamen, sagte der Herr Professor zu dem jungen Erfinder: “Nu, erklären Sie doch selbst Ihr Werk”. Er tat dies nach Meinung des Lehrers nicht klar und verständlich genug, vielleicht auch in etwas überheblichem Ton. Plötzlich unterbrach der Professor den verdutzten Schüler: “Keine Ahnung haben Sie davon. Setzen Sie sich. Ungenügend!” — Der gleiche Lehrer unterrichtete die Primaner auch in Mathematik. Er konnte sich also im Laufe der beiden Jahre ein gewisses Bild machen und wusste z.B., ganz gut, dass ich ein Schwachmathematiker war. Wie sollte ich da nur die Klippe im mündlichen Abiturienten-examen umschiffen? Und der Mann mit der rauhen Schale half unerwartet in rührender Weise. Am Tage vor der Prüfung ging er mit mir eine grössere Aufgabe durch, um sie tagsdarauf wieder zu fragen. Vorsichtshalber hatte er freilich verlangt: “Wenn Sie-was ich Ihnen wünsche — morgen das Examen in Mathematik und Physik bestehen sollten, dann versprechen Sie mir, keinem Menschen zu verraten, dass ich Ihr Lehrer war”. Ich wurde jedoch wortbrüchig. Im Physikum wurden die Studenten der Medizin neben Botanik und Chemie auch in Physik geprüft. Prof. Otto Lummer, ein ebenso grosser Physiker wie Musikfreund prüfte unsere Vierergruppe. Als ich an der Reihe war, zieht er seine Uhr und springt auch schon (Forts, auf Seite 6) 5