Yediʿot shel Irgun ʿOle Breslau be-Yiśraʾel
- Journal
- Yediʿot shel Irgun ʿOle Breslau be-Yiśraʾel
- Volume
- 1968
- Issue
- No. 24 (September 1968)
- Date
- 1968-09-01
- Page
- Seite 7 (sequence 2720)
- Language
- German
- Belongs to
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In Memoriams Julius und Elisabeth Bab“ von Dr. ERNST WARSCHAUER, New York Nur sehr euphemistisch konnte man das Gebäude, das unseren Freunden, dem bekannten Schriftsteller, Kritiker und Redner Julius Bab und seiner Frau in der Villa Street, Roslyn, Long Island N. Y. gehört hatte, als Villa bezeichnen. Aber dank der überragenden, noch in weiten Kreisen drüben und hier unvergessenen Persönlichkeiten von Julius und Elisabeth Bab was dieses Haus mit herrlichem Garten der Sammelpunkt der Elite der Refugees aus Mitteleuropa gewesen, die dort immer ein offenes Haus, herzliche Aufnahme und gute, sehr hochstehende Unterhaltung fanden. Dort verkehrten nicht bloss Theaterleute, wie z.B. Bassermann und Piscator, nicht bloss Dichter, Schriftsteller und Journalisten von drüben, sondern auch Mediziner, Juristen und Kaufleute mit weitem Horizont, alle von Hitler hierher verdrängt. Am Runden Tisch im Hause oder Garten wurden zu guter Speise und gutem Trünke Geschichten erzählt, oft heitere oder wenigstens galgenhumoristische, deren Wiedergabe Bände füllen könnte. Wechselnde Figuren bekam man da zu Gesicht, alle mit guter Vergangenheit, etwas ramponierter Gegenwart und dunkler Zukunft. Eines Abends vor etwa 20 Jahren waren zufällig zwei frühere deutsche Juristen dort, Anwälte mit ihren Frauen, der eine, B., aus Berlin, der andere, meine Wenigkeit, aus einer Kleinstadt in Schlesien in der Nähe der polnischen Grenze. Ich erzählte der Tafelrunde, dass ich grade auf besondere Anfrage von einem “arischen” Kollegen einen äusserst interessanten Bericht über die letzten Tage nicht von Pompeji, sondern von dieser Kleinstadt bekommen hätte. Ich würde ihn gern vorlesen. Darauf meinte der 'Berliner'Kollege, auch er hätte grade einen Brief eines Vetters, ebenfalls eines früheren schlesischen Anwalts erhalten, der auch unglaublich interessant wäre und den er auch gern vorlesen würde. Es stellte sich heraus, dass sein Vetter mir recht gut bekannt war. Bab aber sagte: “Meine Herren, schiessen Sie los”. Mein Brief war der kürzere und ich wurde gebeten, zu beginnen. Ich schicke hier voraus, dass dieser “arische” Kollege sozusagen in eine jüdische Praxis eingeheiratet hatte. Seine Frau war als Kind getauft worden, die Eltern, ein Justizrat und Frau, noch jüdisch geblieben. Im März 1933 veröffentlichte dieser Kollege in unserer Zeitung ein grosses Inserat, wonach er seine “arische” Abstammung bis ins 14. Jahrhundert nachweisen könne. Nicht veröffentlichte er, das ihm das Gleiche bei seiner Frau etwas schwer gefallen wäre. Er durfte also im Gegensatz zu seinen jüdischen Kollegen weiter praktizieren, wurde für seine Ehe aber dadurch gestraft, dass ihm das für ihn fällige Notariat verweigert wurde: war es doch undenkbar, jemanden zum höheren Beamten zu ernennen, der durch seine Ehe gegen die elementarsten Grundsätze nordischer Rassenforschung verstossen hatte. Ich gebe nun den wesentlichen Inhalt seiner Schilderung über seinen Exodus aus unserer Heimatstadt wieder. Man könnte die Geschichte betiteln: WIE DIE JÜDISCHE FRAU ERST ZUM FLU¬ CHE, DANN ZUM SEGEN WURDE. Als die Russn sich im Dezember 1944 der schlesischen Grenze näherten, wurde es auch für diesen Mann Zeit, zu fliehen. Er musste die schöne Villa, die ihm der jüdische Schwiegervater gestiftet hatte, und alles, was drin war, im Stiche lassen und flüchtete mit Frau und kleinem Kind in eine Fremdenpension in Schreiberhau im Riesengebirge. Dort war seines Bleibens jedoch nicht sehr lange. Das damals allein massgebende richtige Kreuz, das gehakte, was der Ehefrau nicht erreichbar, und das andere ihres christlichen Glaubens war ihr nicht viel von Nutzen, zumal sie eine sehr wenig nordische Nase mit auf d. Welt gebracht hatte. Die Pensionsinhaberin nahm den Kollegen zur Seite und sagte ihm, dass sie im Hinblick auf ihre anderen Gäste und die Behörden ihm wegen seiner zu wenig nordischen Frau, um Unannehmlichkeiten zu vermeiden, dankbar wäre, wenn er mit seiner Familie recht bald abreisen könnte. Das Trio ging nun nach Bremen, wo der germanische Familienvater rein germanische Verwandte hatte, reiche Leute aus der Tabakbranche. Aber der Familienzuwachs war auch hier nur kurze Zeit willkommen, dann bat man das Oberhaupt der Familie, lieber abzureisen von wegen Reputation, Geschäft, das durch die jüdische Verwandschaft etwa leiden könne etc. etc. So irrten die Drei etwa 4 Monate in Mitteldeutschland herum, immer wieder zum Wechsel des Aufenthalts wegen der unnordischen Frau gezwungen. Die Stunde der Befreiung schlug! Und siehe: der gute Kollege konnte den Beweis echt demokratischer Gesinnung sozusagen spielend liefern, freilich nicht etwa rückwärts für seine Ahnreihe, — das wurde auch nicht verlangt — aber jedenfalls für sich selbst. Er presentierte seine Frau, und man belohnte ihn für solchen Beweis vorurteilsfreien Denkens mit der Beförderung zum Land- und Antsgerichtsrat einer süddeutschen Grosstadt, wo ich ihn nach Kriegsende aufgespürt hatte. Als ich zu Ende war, zollte man mir gebührend Beifall, besonders auch der Präses Bab war zufrieden. Mein Berliner Kollege aber meinte, so interressant das auch gewesen wäre, so glaube er doch, sein Brief sei doch noch erheblich ungewöhnlicher. Und so war es in der Tat. Auch hier fasse ich die Schilderung zusammen, die ihm sein Vetter aus Schlesien davon gegeben hatte, wie er es fertig gebracht hatte, als reiner Nichtarier zu überleben. Man könnte diese Geschichte betiteln: WIE AUS DEM JÜDISCHEN SYNDIKUS DER GESTAPO EIN OBERLANDESGERICHTS- PRAESIDENT WURDE. “Dü wirst es mir nicht glauben, wenn ich Dir schreibe, was ich alles erlebt habe”, so etwa begann er. Er war zulange in der alten Heimat geblieben und wurde schliesslich zur Vergasung nach Auschwitz abtransportiert. Dort hatte er nun freilich ein so unwahrscheinliches Glück, dass es schier unglaublich war. Die Gestapo brauchte dringend zur Loesung vieler Rechtsfragen, die ihr unheimliches Geschäft aufwarf, einen Juristen. Und, als sich erwies, dass unser Freund solche Rechtsfragen spielend — sozusagen um sein Leben spielend — lösen konnte, wurde er als Syndikus der Gestapo dort beschäftigt. Man tadele ihn dieserhalb nicht voreilig: hätte er nicht eingewilligt, wäre er vergast worden, und dadurch, dass er eingewilligt hat, duerften nicht mehr Leute Opfer dieser verruchten Bande geworden sein als ohnehin. Als die Russen näher kamen, begab sich das Gesindel auf die Flucht und nahm ihren Syndikus auf die Flucht mit. Er lernte auf diese Weise erhebliche Teile des Balkans kennen. Schliesslich zog sich das Netz aber immer enger um diese “Ehrenmänner” zusammen, diese Elite der Nazideutschen, und es war im östlichen Mitteldeutschland im Frühjahr 1945, als eines Tages die Haescher verdufteten und der Syndikus wieder ein freier Mann war. Dieser freie Mann lag, wie ein Vagebund aussehend, mit zerrissenen Kleidern und kaputten Schuhen und ohne sonstige Habseligkeiten von Bedeutung im Strassengraben, als die Russen kamen und ihn fingen. Als Nichtarier konnte er sich rasch als guter Antinazi ausweisen, und die Russen nahmen ihn in die Landeshauptstadt mit, wo ihm Quartier angewiesen wurde. Er wollte nun all zu gern so schnell wie moeglich wieder einen Anwaltsbetrieb aufmachen, aber entsprechende Gesuche an die Russen wurden erst am Platze, aber dann auch von der Kommandatura in Berlin abgelehnt. Ihm wurbedeutet, er solle auf weitere Weisungen warten. Das tat er nun notgedrungen. Eines Tages erhielt er vom russischen Kommandeur die Aufforderung, dass er sich sauber gekleidet an einem Vormittag, der ihm mitgeteilt wurde, zu bestimmter Stunde auf dem dortigen Oberlandesgericht einfinden moege. Er erschien puenktlich und was sah er? Er wollte einen Augen nicht trauen: Alle Gerichtsbeamten waren aufmarschiert und standen in Reih und Glied in feierlicher Erwartung. Der Russe aber stellte ihnen ihren neuen Oberlandesgerichtspräsidenten vor, diesen meinen Kollegen, den Vetter des Berliner Anwalts. “Du kannst mir glauben”, so schrieb der Vetter etwa, “Ich habe mich in der ersten Nacht als Oberlandespräsident in die Wade gezwickt, um festzustellen, dass ich derselbe bin, der eben noch als Landstreicher im Strassengraben gelegen hatte und jetzt den höchsten Justizbeamten eines deutschen Landes abgeben sollte”. Allzulange hat er diese Rolle nicht gespielt. Er war eben weniger zum Richter und Schlichter, als zum Berater geeignet und kehrte nach einiger Zeit wieder zu seiner alten Profession zurück. Doch das liegt schon in der Zeit, die nach diesem Brief verflossen ist, den der nette Berliner Kollege vorgelesen hatte. Ich darf nicht verhehlen, dass Julius Bab den Preis für den interessanteren Brief dem Berliner Kollegen verliehen hat, bei aller Anerkennung auch für mich für meinen Beitrag zu dem gelungenen Abend. Schöne Stunden dort wie sehr viele andere, die leider wie die Tafelrunde in der, Villastreet mit dem Ehepaar Bab für immer dahin gegangen sind. NOTIZ Ein Team des holländischen Staatsfemsehens hat in den letzten Wochen hier im Lande Aufnahmen zu einem Film über den Staat Israel aus Anlass der Zwanzigjahrfeier gemacht. Zu gleicher Zeit hat das Team auch einen Dokumentarfilm über die Kristallnacht auf genommen, der in Holland am Tage der 30-jährigen Wiederkehr, 9-10. November 1968, gezeigt werden wird. Zu diesem Zwecke wurden u.a. interviewt: Benno Cohn, seiner Zeit Vorstand der Zionistischen Vereinigung für Deutschland, Dr. Ball-Kaduri, damals Mitarbeiter der Reichsvertretung der Juden, jetzt Historiker des Lebens der Juden in der Hitlerzeit in Deutschland, und Dr. Herbert Freeden, (Kulturbund Berlin). Der Film ist gedacht als eine scharfe Warnung vor ähnlichen Ereignissen in der ganzen Welt. Dem Hotel ALPINA u. SCHWEIZERHOF IN KITZBÜHEL danken wir herzlichst für die liebenswürdige Aufnahme u. Gastfreundschaft, die zu unserm Wohlbefinden beigetragen haben. Tel-Aviv, September 1968. Familie Sachs 7