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Yediʿot shel Irgun ʿOle Breslau be-Yiśraʾel · 1968-09-01 · No. 24 (September 1968) · p. Seite 3

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Journal
Yediʿot shel Irgun ʿOle Breslau be-Yiśraʾel
Volume
1968
Issue
No. 24 (September 1968)
Date
1968-09-01
Page
Seite 3 (sequence 2716)
Language
German
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Walter B. Goldstein. Begegnung mit Mart Vor einiger Zelt hat sich der Sueddeutsche Rundfunk in Stuttgart mit der Bitte an mich gewandt, ihm fuer seine Sendung “Juedische Stimmen” in der Abteilung “Kirchenfunk” ein sechs Seiten langes Manuskript ueber meine Beziehungen zu Martin Buber zu senden, im Anschluss an mein 1967 im Verlag Rubin Mass, Jerusalem erschienenes Buch “Martin Buber — Gespraeche, Briefe, Worte”. — Das Folgende ist der Text der Sendung. 1. Martin Bubers Lebenslehre der Dialogik, die er fuer sein Hauptwerk hielt, steht unter anderem auf zwei Saetzen: “Alles wirkliche Leben ist Begegnung” und “Die verlaengerten Linien aller echten Begegnungen tröffen sich im ewigen Du”, das ist Gott. — Wenn es je eine echte Begegnung gegeben hat, so war es die zwischen Buber und mir. Freilich ist es schwer, in Kuerze ueber Vorgaenge zu berichten, die sich von 1941 bis 1965, also ueber 24 Jahre hinzogen und 60 Zwiegespraeche, oft zweistuendige, 25 Briefe Bubers sowie wechselweise Zusammenarbeit an vier Buechern umfassen. So kann hier leider nur das Grundsaetzliche gegeben und das Detail als kurze Illustration verwendet werden. Ich habe ueber das Werk Bubers bisher fuenf Bücher geschrieben, in denen ich um Objektivität bemueht war. Inbezug auf das 1967 bei Rubin Mass erschienene Buch “Martin Buber, Gespraeche, Briefe, Worte” aber, das lediglich von dem Mann Buber handelt, muesste ich gegebenenfalls den Vorwurf der Subjektivitaet gegen mich gelten lassen: denn wo das Herz touchiert ist, gibt es keine reine Objektivitaet. Ich gestehe, Martin Buber wie einen zweiten Vater geliebt zu haben, wiewohl er nur 15 Jahre aelter war als ich. Und das aus drei Gruneden: ich habe noch nie einen Mann von derart unverbruechlicher Gottesverbundenheit getroffen. Auf seinen Grabstein setzte man die Worte aus dem 73. Psalm: “Und dennoch bleibe ich stets bei Dir/meine rechte Hand hast Du erfasst/ mit Deinem Rate leitest Du mich/ und danach nimmst Du mich in Ehren hinweg.” Besser konnte man das Wesen Bubers nicht ausdruecken. — Das Zweite, was mich an ihn band, war die schier ungeheure Breite seines Wissens; man hat ihn zurecht den letzten Polyhistor genannt. — Die Hauptsache aber war fuer mich die Aufgeschlossenheit seiner Seele: er machte mit seinen Lehren der Dialogik im Leben buchstaeblich ernst: er ehrte den Schoepfer im Geschoepf und hat dadurch Gott in das Erdenleben einbezogen. Bernhard Shaw hat einmal gesagt: “Fürchtet die Menschen, deren Gott im Himmel ist” er meinte wohl “nur im Himmel”. Fuer uns Juden liegt hier eine Gefahr, groesser als fuer das Christentum, das sie ja doch vermieden hat. Das aber ist auch der Grund, aus dem Buber zum Chassidismus finden musste, fuer den ja doch das ganze Leben in Weihe gelebt wird und jede irdische Handlung ein Sakrament ist. Auf die Gefahren des Pansakramentalismus, die Buber wohl ein wenig unterschaetzt hat, kann hier nicht eingegangen werden. Am Anfang unserer Bekanntschaft machte mir Martin Buber, nach eingehender Lektuere etlicher Buecher und Manuskripte von mir, den Vorschlag, ueber ihn ein Buch zu schreiben, das seim Werke bis zur damaligen Gegenwart darstelle. Er wolle mir die notwendigen Buecher und Manuskripte zur Verfuegung stellen. — Aus dieser Anregung ist eine Arbeit von anderthalb Jahrzehnten geworden: das vierbaendige, gestencilte Werk “Die Botschaft Martin Bubers”. Wenn einst ein Schaffender ein grosses Projekt dadurch zu Falle brachte, dass er es immer mehr und mehr zerkleinerte, so war bei mir das genaue Gegenteil der Fall: das Tragische lag in der Groesse, in der ich das Projekt — neben zermuerbender Geldarbeit — wirklichdurchfuehrte. Buber hatte die Gefahr weit eher erkannt als ich und mich gewarnt. Aber die Zeitumstaende des zweiten Weltkrieges liessen mir Genauigkeit erwuenscht erscheinen. Dass ich dabei etliche Zitate in Form von Kolen wiedergab, um den herrlichen Rhythmus der Sprache deutlich zu machen, sagte Buber besonders zu. An dieser Arbeit entwickelte sich, was Buber unsere Freundschaft nannte. 16 Folioseiten mit Anmerkungen hat er mir im Laufe der Jahre dazu uebergeben. Das meiste davon sind Kleinigkeiten; einige Dutzend hatte ich in den Buche “Gespraeche, Briefe, Worte” angefuehrt. 2. “Von der Parteien Hass und Gunst verwirrt schwankt sein Charakterbild in der Geschichte...” Man muss gerecht sein und fuer die — namentlich im Staate Israel weit verbreitete — Ablehnung Verstaendnis haben. “Es sind immer nur Einzelne...”, pflegte Buber zu sagen. Er meinte: die zu ihm halten. — Den einen schien seine politische Einstellung allzu naiv. Heute, nach den Siegen des Jahren 1967, wird das mit Hilfe der “Gesellschaft der Freunde der Hebraeischen Universitaet Jerusalem in Deutschland” gegruendete Buber-Zentrum vielleicht in der Tat eine ausgleichende Wirkung haben — hoffentlich. Die anderen wieder missbilligen seine Ablehnung der Religion an sich. Denn das war ja das Sonderbare: dieser gewaltige Gotteskuender war praktisch religionslos. Zwar band er mir im Alter ausdruecklich und sehr offiziell auf die Seele, dass er stets diejenigen beglueckwuenscht habe, denen es wahrhaft ernst mit ihrer Religion sei. Tatsache ist aber, dass sich durch sein ganzen Werk eine Tendenz zieht, die durch die Worte ausgedrueckt ist: “Ich meine nicht die Religionen, ich meine Gott” und “Gewiss, es gilt nicht die .Werke’, aber es gilt das Werk des Glaubens.” In diesem Punkte haben selbst seine naechsten Freunde ihm nicht folgen koennen. Man kann nicht alle Religionen in Bausch und Bogen als verkalkt, erstarrt, mechanisiert abtun. Gerade diese Tendenz hat ihm die meisten Gegner geschaffen. Immer aber hat es einzelne gegeben, die trotzdem in ihm einen neuen “Propheten in Israel” sahen, ein Wort, das nicht von mir stammt; denn mir hat er im Gegensätze zu anderen die Verwendung dieses Wortes verboten. Da man um meine Beziehung zu Buber wusste, so habe ich manches ueber ihn zu hoeren bekommen: den Esel schlaegt man, und den Herrn meint man. An ihn selbst wagte sich der Widerspruch nicht heran. “Das ist so wie mit dem Loewen in der Hoehle”, sagte er mir einmal. War Martin Buber eitel? Ich kann das Bewusstsein der eigenen Sendung oder die Freude an wahrlich gewaltigem Erfolg im Reich des Geistes nicht Eitelkeit nennen. Im uebrigen zitiere ich das Wort eines Konzertmeisters: er habe unter vielen Dirigenten gespielt: langen, kurzen, dicken, dünnen, aber einen Minderwertigkeitskomplex habe keiner von ihnen gehabt. War Martin Buber eiskalt, wie einmal behauptet worden ist? Gerade das Gegenteil zu beweisen, naemlich Guete und Herzenswaerme, war ich in meinem Buche bemueht und will auch hier einige Beispiele geben. Im Jahre 1957 hatte mir Buber ein Bild von sich gegeben, aber das Datum unter der Widmung vergessen. Ich bat meine Frau, die von Buber geschaetzt wurde, das Fehlende ergaenzen zu lassen. Nach der Begruessung fragte Buber sie, wie es mir gehe. Meine Frau antwortete mit dem Wort “danke”. Darauf sagte Buber: “Ich will nicht 'danke’ hoeren; ich will wissen, wie es ihm geht”. in Buber — Durch Zeitungsartikel erfuhr Buber von meinem 70. Geburtstage. Da draengte er seine Enkelin, eine verheiratete Frau mit Kindern, mir mit einem Taxi seinen Brief zu bringen, damit er ja nicht zu spaet komme. Der Brief aber lautete: “Lieber Herr Goldstein — Alle guten Wuensche zum Siebzigsten. — Und lassen Sie sich Ihnen bei dieser Gelegenheit sagen, dass ich das Erinnern an die beharrliche Kraft des Geistes und des Willens, die Sie dem 'Thema’ gewidmet haben, im treuen Gedaechtnis des Herzens bewahre. Ihr...” — Im Jahre 1954 erlitt ich als Folge jahrelangen Arbeitens auf lichtlosem Platze im Amt eine schwere Schaedigung des rechten Auges. Als das Aergste vorueber war, fuehlte ich den Wunsch, mich mit Buber auszusprechen. Ich erhielt aus Tuebingen die folgende Antwort; “Lieber Herr Dr. Goldstein — Ihre Miteeilungen haben mich sehr betroffen, ja ich habe das Mitgeteilte eine Weile, wie es mir in solchen Faellen manchmal passiert, direkt, diesmal in den eigenen Augen, verspuert. Sowie das dann aufhoerte, war ein Wunsch bei mir, nicht einer von den ueblichen, der nichts bedeutet, sondern ein richtiger und realer (bei den alten Germanen, denen alles zu Mythologie wurde, war Wunsch’ naturgemaess der Name eines Gottes), naemlich: 'Wenn ich ihm schreibe und er meinen Brief liest, soll er schon zu sich sagen koennen: “Ist es denn damals, am 1. August, wirklich so schlimm gewesen?” (Hebräisch:) Mit Gottes Hilfe Ihr”... War Martin Buber “eiskalt”? Mir gegenueber gewiss nicht. Andere moegen ihn anders erlebt haben; denn wer die glaeserne Kugel, in der er — wie Goethe — trotz aller Dialogik lebte und leben musste, missachtete, mochte sich daran stossen. 3. Das letztere Beispiel bringt mich auf eine Erfahrung, die ich allzu oft mit Martin Buber gemacht habe, als dass ich mich geirrt haben koennte. Bekanntlich lehrte er das Akzeptieren der Wirklichkeit, uebrigens eine nicht ganz ungefaehrliche Lehre. Er selbst aber hat die Wirklichkeit oft dann nicht akzeptiert, wenn sie mit seinem Weltbilde allzu hart kontrastierte. Er hat dann nicht seine Lehre, sondern die Wirklichkeit zu korrigieren versucht. Das klingt schon in den letzten Zeilen des Briefes nach meiner Erkrankung an. Aber jahrelang nachher hat er mich immer wieder gefragt, ob mir denn die Aerzte wirklich und tatsaechlich die Unheilbarkeit bestaetigt haetten. Er wollte es in seinem mitfuehlenden Herzen durchaus nicht wahrhaben. — Eine gewisse historische Wirklichkeit hat er anfangs mir gegenueber ein fach bestritten. “Was wollen Sie”, so rief er ganz aufgeregt, “das ist der Krieg, das ist der Krieg!” — Einen wichtigen Punkt bildete zwischen uns vom ersten Augenblick an die Frage des Marxismus. Buber hat den Marxismus abgelehnt, weil er kein rechter Sozialismus sei. Jeder Sozialismus, der nicht Gott einschloss, war ihm zu klein. Wesnn ich ihm aber die Wirklichkeit entgegenhielt, dass naemlich ein grosser Teil der Menschheit auf dieses Kalbfell schwoere und dass die militaerische Perfektion des Marxismus doch eben schlechthin das derzeitige Weltproblem bilde, dann erwiderte er mir in seiner schlichten Ruhe, dass ihn die Menge der Bekenner nie von der Richtigkeit einer Lehre habe ueberzeugen koennen. — Hierzu gehoert seine schon angedeutete politische Einstellung und sein Glaube an die Macht der Zwiesprache, wiewohl er mir oft sagte: “Erst handeln, dann verhandeln!” — Das alles aber reduziert sich letztlich auf einen der wichtigsten Zuege Bubers: die konsequente Leugnung Satans und die Tendenz, das Boese auf Erden zu minimalisieren. Satan bedeutete ihm eine Einschränkung der (Fortsetzung auf Seite 4) 3

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