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Yediʿot shel Irgun ʿOle Breslau be-Yiśraʾel · 1968-04-01 · No. 23 (April 1968) · p. Seite 7

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Journal
Yediʿot shel Irgun ʿOle Breslau be-Yiśraʾel
Volume
1968
Issue
No. 23 (April 1968)
Date
1968-04-01
Page
Seite 7 (sequence 7)
Language
German
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Der Autor hatte seine Geburtsstadt BRESLAU im zweiten Jahre des Ersten Weltkrieges verlassen. Seitdem ist er zwar ziemlich herumgekommen, aber niemals in ein Gebiet, das auch nur annähernd so exotisch gewesen wäre wie das Gebiet, das Neunzehnhundert undfünfzehn heisst. Erst vor einigen Monaten, im Juli 1966, also nach mehr als einem halben Jahrhundert, hat er Breslau — oder das, was von Breslau übriggeblieben ist — von neuem betreten. Hier die ersten Seiten seines Tagebuches über seine Fahrt ins Gewesene: über die Anfahrt von Auschwitz über Kattowitz; sie werden in den “Philosophischen Tagebüchern” stehen, die in diesem Jahr bei C. H. Beck herauskommen. Nach Auschwitz Auf halbem Wege nach Kattowitz Kirche an der Wegbiegung. Steigen aus, um uns zu vertreten. Blicken durch Eisengitter in den Friedhof. Fassungslos darüber, dass es das gibt. Diesen Luxus. Dass Tote Einbettzimmer bewohnen dürfen bis zum Jüngsten Tage, mit eigenen Namen und mit ihnen geschenkten Blumen auf dem Grabstein. Im Vergleich mit den Toten hinter uns in Auschwitz, denen ja noch nicht einmal Massengräber vergönnt waren, sind die da in ihren Einbettzimmern wahrhaftig noch nicht tot. Jedenfalls von ihren Hinterbliebenen als tot noch nicht begriffen. Wen man noch beschenkt, den erkennt man noch nicht als nichtseiend an. “Ich beschenke dich, also bist du noch”. Kattowitz M. erzählt mir soeben, dass fünf Juden, die Auschwitz überlebt hatten und in ihre heimatliche Kleinstadt nahe Lemberg zurückkehrten, dort im Augenblicke, da sie auf tauchten, erschlagen worden sind. Hoffen wir, dass die gewiss unerkennbar gewordenen Skelette als revenants umgebracht worden sind, und nicht als Juden. Hoffen wir. Aber einen Kommentar, der diese Hoffnung bestätigen könnte, hat M. mir nicht gegeben. Als ich gestern aus A. hierherkam, war ich überzeugt davon, auf Schlimmeres nicht mehr stossen zu können, nie mehr stossen zu können. Falsch. Immer gibt es noch Schlimmeres. Die Tatsache, dass Menschen die Erniedrigung dort jahrelang überdauert haben, der Vergasung entgangen sind, dann, ausgehungert und in Fetzen, tage- und wochenlang durch Schnee und Ruinen gewandert sind, um schliesslich im Augenblicke des seit Jahren erträumten Heimkommens umgebracht zu werden, und zwar deshalb umgebracht zu werden, weil sie nicht vergast worden waren, weil sie die Frechheit gehabt hatten, der Vergasung zu entgehen — diese Tatsache lässt selbst die Tatsache Auschwitz verblassen. Zwischen Kattowitz und Breslau Ich komme von dem Orte, an dem zu sterben, an dem umgebracht und zu Müll verarbeitet zu werden, mir eigentlich bestimmt gewesen war — vor fünfundzwanzig Jahren hätte das sein sollen. Warum ich dem entgangen bin, warum nicht auch meine Schuhe Teile des Auschwitzer Schuhgebirges, nicht auch meine Koffer Teile des Auschwitzer Koffergebirges, nicht auch meine Haare Teile des Auschwitzer Haargebirges, nicht auch meine Brillen Teile des Auschwitzer Brillengebirges geworden sind und warum ich dort, wo andere vor fünfundzwanzig Jahren herumgegangen sind, erst gestern herumgegangen bin, und warum ich von dort auch wieder habe fortgehen können, ganz nach Belieben, ohne Überwachung, so als wäre ich höchst persönlich, das ist unbeantwortet. Von dort also komme ich und rolle nun demjenigen Platze entgegen, an dem es mir bestimmt gewesen war, das “Licht” dieser Welt zu erblicken. Nein, “bestimmt” war mir das nicht, denn dass das dort geschah, das war Zufall, meine Eltern stammten nicht von dort, sondern aus Berlin — was tut’s, dort ist es gewesen, wo ich gelernt habe, dass ich da bin, und dass es eine Welt gibt, und wie diese Welt aussieht, und was Zuhausesein heisst, und was Pferde sind und Droschken und Brücken — all das habe ich dort zum ersten Male erfahren, und richtige Pferde und richtige Droschken und richtige Brücken sind für mich wohl selbst heute noch die Pferde und Droschken und Brücken in Breslau, gleich, ob es dort noch Pferde, Droschken und Brücken gibt, all das lernte ich dort zuerst. Wo der Same hinfällt, da ist er zu Hause, nach Hause fahre ich also. Nur dass ich das Zuhause seit einem halben Jahrhundert nicht mehr gesehen habe, seit einer Zeit, die viermal länger ist als die Zeit, die ich dort verlebt habe. Nur dass es dort niemanden mehr gibt, der je von mir hat läuten hören, vielleicht sogar niemanden mehr, der noch die Sprache spricht, die ich dort gelernt habe, und die ich (weil ich eben dort sprechen gelernt habe) trotz aller Wanderungen und trotz aller Umkreisungen GÜNTHER ANDERS NACH FÜNFZIG JAHREN des Globus auch heute noch als meine Sprache spreche. Nur dass es vielleicht diesen Platz gar nicht mehr gibt, denn ist sie denn noch, diese Stadt, die durch den Irrsinn des Führers und der Geführten dem Erdboden hat gleichgemacht werden müssen? Man sagt, es gibt sie. Und in kurzem werde ich das überprüfen können. Aber wenn es sie gibt, und wenn es die Silhouette gibt, die ich im Jahre 1910, aus der Dachluke des Hauses an der Brandenburger Strasse 54 hinauslugend, auswendig gelernt hatte — wenn ich dieses Gewesene, von wo ich herkomme, nun nach fünfzig Jahren noch einmal sehen sollte, so ist das um nichts weniger unwahrscheinlich, als dass ich die Öfen in Auschwitz, die auch mir bestimmt gewesen waren, soeben erst, fünfundzwanzig Jahre nach deren Erkalten, zum ersten Male gesehen habe. Richtung Beuthen, nach Norden Hier muss nun das berüchtigte immense Schutt- und Abfallgebiet des Industriereviers kommen. Siehe da: statt dessen gibt es erst einmal ein weites Gebiet, es muss einen Umfang von vielen Quadratkilometern haben, in dem die Luft besser wird, in dem die Assoziation an das Industriegebiet ausgelöscht wird — eine Grünfläche mit Stadion, Spazierwegen, Schwimmbädern, Bänken, Karussels, das Gebiet nennt sich “Park”, dafür freilich fehlen die Bäume, aber wo hätte man sie hernehmen sollen? Gleichviel, das ist eine ungeheure Verwandlung: wo Ödland und Dreck gewesen, gibt es nun etwas Humanes. Wenn man bedenkt, dass 25 oder 30 Kilometer nach Süden von hier diejenige Stelle ist, wo Menschliches in Abfall verwandelt worden ist. Aber ein Gegengewicht gegen Ausschwitz stellt das hier natürlich nicht dar. Kein Gott könnte ein Gegengewicht herstellen. Oppeln Schwül stechender Juli, Wäsche klebt. Versuchen, uns zu verpusten. Nie zuvor hiergesuchen, uns zu verpusten. Nie zuvor hiergewesen. Auf Bank unter Weiden an den Oderwiesen. Fast über uns Eisenbrücke, über die ein endloser Kohlenzug in Richtung Breslau hinwegdonnert. Dies die Verbindungsstrecke mit dem Kohlenrevier. Also auch mit Auschwitz. Die hier vor zwei Jahrzehnten über die Brücke donnerten, und die vielleicht durch die Ritzen der Viehwägen, in die sie hineingestopft worden waren, hindurchlugten und dieses Wasser und diese Weiden erkennen konnten, die waren bereits zwei Stunden später Rauch, Rauch, der, aus den Kaminen von Birkenau aufsteigend, den ohnehin ewig verqualmten Himmel von Oberschlesien um eine unmerkliche Spur verqualmter machte. Was da über die Brücke herüberfuhr, war Rauch, Rauch provisorisch in Form von Männern, Frauen und Kindern. Ohlau Dies der letzte Punkt vor Breslau. Versuche Ankunft zu verzögern. Machen wieder ein paar Minuten halt an der Oder. Habe nun Angst. So, als ob ich mich da auf eine tollkühne Expedition in das exotischste Land eingelassen hätte, oder auf einen Raketenflug zum Mond. Aber was heisst “als ob”? “Should we turn back?” Ich schüttle meinen Kopf. Und so fahren wir weiter, etwas langsamer freilich, obwohl es schon spät wird. Denn prestissimo dem wirklich Exotischen, d. Unterwelt, entgegen zu rasen, das scheint mir doch nicht ganz angemessen. Mit fünfzig Kilometern rollt unser Ford Anglia, und die Fünfzig werden zu Vierzig, als das Schild “Wroclaw” beweist, dass ich die Grenze des Orkus hinter mir habe. Breslau, Samstag, 9. Juli, abends Sind da, ehe ich noch recht begreife, ehe ich noch die Strasse, auf der wir einfahren, und die Gegend, in die wir hineinfahren, identifiziert habe. Wohl ehemaliges Dürrgoy oder dergleichen. Vor mir taucht etwas auf, was zwar tief bekannt ist: die Silhouette der Dominsel mit ihren diversen Kirchtürmen — ich weiss, das ist nicht geblieben, sondern wiederaufgebaut, gleichviel, “Dom”, “Kreuzkirche”, “Sandkirche“, erkläre ich Ch., der die Namen natürlich nicht das mindeste sagen; aber obwohl so bekannt, scheint irgend etwas an der Silhouette nicht zu stimmen. Jetzt, da ich weiss, von wo ich die Gruppe vorhin gesehen habe, ist diese Sonderbarkeit begreiflich: Von dort aus hatte man früher den Komplex dieser Kirchen eben niemals gesehen, zwischen dort und hier, wo es nun nur Vakua oder Schuttplätze gibt, hatte es eben Stadtviertel gegeben, die den Blick versperrt hatten. Mein Gott, so ist das also auch heute noch, einundzwanzig Jahre danach, so hatte Köln selbst im Jahre 1950 nicht mehr ausgesehen, welch ein Unterschied zwischen den Städten, die zerbombt und denen, die systematisch von der Artillerie niedergelegt worden sind. Wie Stalingrad muss Breslau ausgesehen haben. Erkenne nun zwar schon, wo die Innenstadt liegt, die Elisabethkirche überragt so, als sei heute ein Tag wie alle anderen, die Dächer, kann mich aber trotzdem nicht recht orientieren, weiss nicht, wo ich da im Kreis herumfahre: dass ich mich nämlich (jetzt nach dem Kartenstudium ist mir alles klargeworden) genau in derjenigen Gegend herumtreibe, in der ich mich zwischen 1909 und 1915 tagtäglich herumgetrieben habe, und in der ich tagtäglich im Kreise herumgegangen bin, bebend, ob ich durch die lateinischen Irrgartenkonstruktionen durchkommen würde, oder durch die Begründungszusammenhänge der geometrischen Beweise, und wo ich mich in den Pausen, “hoch (Forts. S. 8) 7

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