Yediʿot shel Irgun ʿOle Breslau be-Yiśraʾel
- Journal
- Yediʿot shel Irgun ʿOle Breslau be-Yiśraʾel
- Volume
- 1968
- Issue
- No. 23 (April 1968)
- Date
- 1968-04-01
- Page
- Seite 6 (sequence 6)
- Language
- German
- Belongs to
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Kurios aus der Hitlerzeit Von Dr. ERNST WARSCHAUER (fr. Oels in Schl.), New York I JULIUS SACHS | ( zum 75. Geburtstag \ Diese Zeilen gelten unserem Vorstandsmitglied und ständigem Mitarbeiter Julius Sachs, der vor kurzer Zeit seinen 75. Geburtstag feierte. Keiner wollte es glauben; denn sein Wesen und seine Art .ind jung geblieben. Das Geheimnis dieses “Jungoleibens” ist die Musik und das Theater — beides Dinge, die er liebt und für die erlebt. Als Sohn des Sanitätsrats Dr. Albert Sachs u. seiner Ehefrau Clara geb. Goldstein aus Beuthm O/S., in Breslau geboren, hat er die Liebe zur Musik und zum Theater von Hause aus mitbekommen. Sein Elternhaus war Mittelpunkt für Künstler und Schauspieler. Der bekannte “Wassersachs” war Specialist für Wasserkuren, die er erfolgreich durchführte,;ein Privatsanatorium “Charlottenhaus” war im ln- und Ausland bekannt und berühmt. — Aber neben dieser anstrengenden Tätigkeit war Dr. Sachs der Theaterarzt bei Dr. Teodor Loewe und keine Vorstellung begann und der Dirigent fing ■ücht eher an, bis er sich vergewisserte, dass der Theaterarzt in seiner Loge Platz genommen hat- .e. Ausserdem war er Hofarzt bei Charlotte von Sachsen Meinigen, einer Schwester Kaiser Wilhelms des Zweiten. Was Julius in seiner Jugend sah und in sich aufnahm, ist ihm Richtschnur für sein ganzes Leben geblieben. Nach dem 1. Weltkriege, den er in Mazedonien, Frankreich und Oberitalien sowie Rumänien mit- .nachte, eröffnete er das bekannte Musikaliengeschäft C. Becher am Kaiser Wilhelm Denkmal im Herzen von Breslau; Anfang 1937 siedelte er mit seiner Familie nach Israel über und ist auch heute noch im Verlagswesen und als Musikkritiker für viele Zeitungen in Israel und in der Welt tätig. Seine besondere Gabe mit Menschen umzugehen, seine Geradheit und grosse Bescheidenheit, seine Herzenswärme öffnen ihm den Weg zum Mitmenschen. Die Musiker und Schauspieler liehen ihn wegen seiner Zuverlässigkeit und für viele setzt er sich ein, ohne darüber zu sprechen. Auch in Tel-Aviv verkehrten Künstler in seinem gastlichen Hause. Seine Gattin, eine geborene Lubinsky aus Posen, (alte zionistische Familie) -hilft ihm und versteht seine Ideale. Sein Sohn ist ein bekannter Auditor in Tel- Aviv, seine Tochter in Mexiko verheiratet. Sein Grossvater väterlicherseits war Vorsteher ier Synagoge zum Tempel Antonienstr. seine Grossmutter die bekannte Gabette Amalie Sachs Wallstr. Der Grossvater Siegfried Goldstein Beuthen O/S war Vorsteher der Gemeinde. So ist es kein Wunder, dass Julius Sachs sich bald der Gemeinde Ichud Schiwath Zion angexhlossen hat, die bekannte Synagogegemeinde der luden aus Mitteleuropa, deren Raw Jehuda Ansbacher aus Frankfurt a/Main ist, und dessen Wirken allgemein bekannt und geschätzt wird. Wir wünschen dem Jubilar viele viele Jahre in Gesundheit mit seinen Lieben und Befriedigung an seiner fruchtbringenden Arbeit. Ad Mea (Weesrim! E. L. WIR GRATULIEREN Zur Vermählung von SCHULAMITH DÜNNER, Tochter des Rabbi Josef Dünner und seiner Eherau Ida, geb. Freyhan, London, sowie Frau Freyrnn, Tel-Aviv, unsere herzlichsten Masal Tow Vünsche. Möge der Bund dieses echt jüdischen Hauses ein fester und gesicherter sein. Verband ehemaliger Breslauer Ernst Tauber 1. Vorsitzender Die für die Juden so entsetzlichen Vorgänge in der Hitlerzeit entbehren wie alle menschlichen Dinge hin und wieder nicht eines komischen Einschlags, den festzuhalten sich lohnt. Sie sind insoweit charakteristisch als Zeugnisse menschlicher Schwächen überhaupt und vielleicht solcher spezifisch deutscher Art, wie blinden Autoritätsglaubens und mangelnder Zivilcourage, was manchmal zu grotesken Vorkommnissen geführt hat. Einige Beispiele für solche Kuriositäten mögen hier Platz finden. I. COHNS IM LUFTSCHUTZKELLER Cohns waren in der Zeit der schweren Luftangriffe auf Berlin etwa von 1943 ab im Luftschutzkeller — wie in Deutschland überhaupt — nur geduldet, weil in den Adern der Frau Cohn in ihrer mit Kindern gesegneten Familie rein arisches Blut pulsierte. Aber man — d.h. die Gesamtheit der übrigen Luftschutzinsassen rein arischen Geblüts — “schnitt” Cohns geflissentlich. Man behandelte sie im Luftschutzkeller als Luft und duldete sie nur mit grosser Überwindung in einem Winkel des Kellers — fern von allen anderen. Man begrüsste sie nie, wenn sie herunterkamen und man war natürlich weit davon entfernt, von einem guten Happen, in den sich alle anderen treulich teilten, ihnen etwas abzugeben. Kurz, sie wurden gemieden wie die Pest. Der Krieg nahm seinen Gang und nicht zu Gunsten des Vaterlandes, das in immer grössere Bedrängnis geriet. Die Russen rückten vor, und in der gleichen Proportion, in der sie sich der deutschen Grenze näherten, begann sich in dem Verhalten der arischen Kellergenossen zu Cohns eine Veränderung abzuzeichnen. Man begann damit, sie mit “Guten Tag” zu begrüssen, wenn man sich im Luftschutzkeller versammelte und sich mit “Adieu” zu verabschieden, wenn man den Luftschutzkeller wieder verliess. Als die Russen schon ganz nahe der deutschen Grenze waren, begann man, sich nach dem werten Befinden des Ehepaars Cohn und der Kinder zu erkundigen. Nachdem aber die Russen die deutsche Grenze überschritten hatten, zog man Cohns in den allgemeinen Kreis der Hauptgenossen. Man offerierte sogar Cohns, deren Lebensmittelversorgung dürftiger war als die arische, etwas von den gemeinsamen Vorräten, kurz man erwies ihnen jetzt viele besondere Aufmerksamkeiten. Von Abneigung war keine Spur mehr da, im Gegenteil, Cohns wurden sozusagen der Mittelpunkt dieses Kreises. Als dann aber die Russen in Berlin einrückten, da kamen die Arier zu Cohns und bestürmten sie mit Bitten, sie in der Gefahr nicht im Stiche zu lassen und für sie gut zu sagen. Hochgradige Verachtung war in ebenso hochgradige Verehrung umgeschlagen. II. MENDELSSOHN VOR DEM GEWANDHAUS IN LEIPZIG Vor dem Gewandhaus, der berühmten Konzerthalle in Leipzig, stand bis in die Hitlerzeit hinein das Denkmal von Felix Mendelssohn zur Erinnerung an die Jahre, in denen der Meister dort gewirkt hatte und an die unsterblichen Werke — fremde und eigene —, die er dort aufgeführt hatte. Das Denkmal des Juden Mendelssohn war den Nazis ein Dorn im Auge. Aber Oberbürgermeister Goerdeler erklärte, dass er die Entfernung des Denkmals nicht zulasse, solange er Leipziger Oberbürgermeister wäre. Er war jedoch einmal im Sommer in die Ferien gefahren. Die Nazis benutzten seine Abwesenheit, um die Entfernung des Denkmals in der Stadtverordnetenversammlung durchzusetzen. Goerdeler legte darauf sein Amt nieder und ging in die Privatindustrie. Sein tragisches Ende nach dem Juli 1944 ist allgemein bekannt. Der englische Dirigent Beecham, der einige Zeit nach der Entfernung des Denkmals eine Tournee mit den Londoner Philharmonikern durch Deutschland machte, kannte diese Vorgänge. Die Nazis hatten Anordnung gegeben, die englischen Gäste aufs herzlichste zu begrüssen und Ihnen jeden Wunsch nach Möglichkeit zu erfüllen. Der neue Oberbürgermeister von Leipzig begrüsste deshalb die englischen Musiker aufs herzlichste, als sie auf dem Podium des Gewandhauses versammelt waren, um an dieser ehrwürdigen Stätte ihr Konzert zu beginnen. Beecham dankte sehr und fragte, ob er einen Wunsch für sich und für seine Musiker äussern dürfe. Der Oberbürgermeister erwiderte erfreut, dass die Erfüllung des Wunsches schon zugesagt wäre, nach bevor er genannt wäre. Darauf bat Beecham, dass er mit seinem Orchester am Denkmal Mendelssohn’s einen Lorbeerkranz niederlegen dürfte. Die Verlegenheit des Oberbürgermeisters war grenzenlos, und er stotterte, dass Mendelssohn Jude gewesen wäre und dass das Denkmal deswegen entfernt worden wäre. Beecham erwiderte: “Dann führen Sie uns an die Stelle, wo es gestanden hat; wir wollen den Kranz an dieser Stelle niederlegen!” Und so geschah es. III. PAGELS IN MORIN Diese Geschichte ist so wahr und gereicht Pagels so sehr zu Ehren, dass ich ihren Namen und den der Örtlichkeit auch ohne die Genehmigung etwaiger überlebender der mir umbekannten Familie zu nennen keine Scheu habe. Pagels hatten ein grosses Getreidegeschäft in der kleinen Stadt Morin in der Mark. Sie waren dort alteingesessen und immer sehr beliebt und angesehen gewesen. Kein Wunder, denn das städtische Schwimmbad und die Parkanlagen legten Zeugnis dafüür ab, wieviel Pagels zum Wohle Morins grosszügige Stiftungen beigetragen hatten. In der Hitlerzeit musste diese Beliebtheit der Pagels sozusagen unter Grund gehen, denn die Nazis konnten sie nicht von heute auf morgen ausrotten. Pagels waren dann schliesslich die einzigen Juden, die in Morin noch übrig waren und die Nazis schritten zu einem Frontalangriff auf diese alteingesessene Familie, als eine Tochter der Pagels starb. Man verbot den arischen Totengräbern von Morin, die jüdischer Leiche zu beerdigen; ein Grab für sie zu schaufeln, wäre eine für nordische Arier unerträgliche Zumutung. Die verzweifelten Angehörigen wandten sich an die Totengräber einer benachbarten Stadt, die bereit waren, die Arbeit zu übernehmen: neues Verbot auch an diese Leute aus denselben Gründen! Es blieb nichts übrig als aus Berlin jüdische Hilfe zu holen: das Grab wurde von Juden geschaufelt und die Hingeschiedene von ihrer Familie und den aus Berlin gekommenen zu Grabe getragen. Kein “Arier” wagte es, an der Beerdigung teilzunehmen. Als es aber dunkel wurde und dann stockduster, siehe da kam einer nach dem anderen von den meisten Morinem an den Häuserwänden entlang schleichend ins Haus der Pagels, um der Familie sein Beileid zu bezeugen. Das Gute, das das Licht des Tages scheuen musste, fand Ausdruck im Dunkel der Nacht. 6