Yediʿot shel Irgun ʿOle Breslau be-Yiśraʾel
- Journal
- Yediʿot shel Irgun ʿOle Breslau be-Yiśraʾel
- Volume
- 1968
- Issue
- No. 23 (April 1968)
- Date
- 1968-04-01
- Page
- Seite 8 (sequence 8)
- Language
- German
- Belongs to
- journal issue
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Nach fünfzig Jahren (Ports, v. S. 7) zu Ross”, auf dem Nacken eines Grösseren reitend, aus dem “Schwitzkasten” eines ebenfalls Reitenden frei zu machen hatte — dort also, in der Gegend der Penne, nein gewiss auf dem Gelände des alten Schulhofes selbst, dort, wo ich mich schon in archaischen Zeiten täglich hatte durchkämpfen müssen, da habe ich mich auch vorhin durchkämpfen müssen, mindestens durch die wüsten Ruinen dessen, was von der Penne, vom Johanneum, Ubriggeblieben ist, und was viel weniger ist als was, wenn ich die Augen schliesse, in der Erinnerung noch da ist — aber wie gesagt: vorhin ahnte ich nicht, wo ich war, und wie hätte ich dass auch ahnen oder erkennen können, da ich ja schliesslich zur Penne niemals aus dieser Richtung angefahren war, niemals aus Südost, niemals aus Auschwitz, sondern immer aus Südwest, aus der Sicherheit, von zu Hause mit der Nummer vier von der Gabitzstrasse bis zur Brüderstrasse, und welche Haltestellen es vor der Gabitzstrasse und hinter der Brüderstrasse noch gab, und wie die Welt jenseits dieser Haltestellen aussah, und dass jenseits auch noch Ohlau lag und Oppeln und Kattowitz und Auschwitz, mindestens liegen würden, das hatte ich mir damals natürlich nie klargemacht. Und wie hätte ich vorhin denn erkennen können, wo ich war, da man ja damals von der Penne aus nichts hatte sehen können als den abbröckelnden Brandmauern umgebenen Schulhof, oder, vom Zeichensaal aus, das gegenüberliegende Haus in der Paradiesstrasse mit dem jämmerlichen Süssigkeitenladen, in dem wir für einen Pfenning unsere Lakritzen kauften — Während man nun eben (da es dazwischen nichts mehr gibt, was nicht vernichtet worden wäre) zuviel sieht, viel zuviel: nämlich den Dom und die Sandkirche und die Kreuzkirche. Und da ich vorhin zuviel sehen konnte, war es mir unmöglich, zu erkennen, wo ich war. Dreimal war ich im Kreis gefahren, als ich mich an einer Ecke, an der sich eine Nichtstrasse mit einer anderen Nichtstrasse kreuzte, geschlagen gab und mich entschloss, mich nach der Einfahrt in die Stalin Gradzka zu erkundigen — so hiess die Nordsüdachse, die ehemalige Schweidnitzer Strasse, auf dem kleinen polnischen Stadtplan, den mir ein Krakauer Freund, damit ich mich durch die Reste der Vergangenheit hindurchfände, mitgegeben hatte. Aber sein Hilfsversuch war vergeblich gewesen, denn obwohl er beteuerte, nowy zu sein, war auch dieser Stadtplan unterdessen veraltet, auch er gehörte inzwischen der Vergangenheit an, denn die Strasse, zu der ich hinwollte, hiess nun nicht nur nicht mehr Schweidnitzer Strasse, sondern auch nicht mehr Stalin Gradzka. Die Frau, die ich aus dem Fenster des Wagens ansprach (Bäuerin, Kopftuch, Schürze, schwere Schuhe) versteinerte. Ob es mein Deutsch war, was ihr das Entsetzen einflösste, also, ob sie in mir, ausgerechnet in mir, den wiedererstandenen Nazi gesehen hat; oder ob der Strassenname schuld war — unterdessen heisst die Strasse nämlich wieder Swidniza — und ob sie in mir, ausgerechnet in mir, die Reinkarnation des Stalinismus witterte, oder ob beide Entsetzengründe zusammenkamen und einander steigerten, das weiss ich nicht — was ich weiss, ist nur, dass sie, nachdem sie versteinert dagestanden, plötzlich hochsprang und so, als sei der Gottseibeiuns hinter ihr her, schrie, so schrie, wie “die Schreiende” von Munch, und dann fortzurennen begann; woraufhin wir, teils von ihrem Schrecken selbst erschreckt, teils, um sie nicht noch mehr zu erschrecken, und um ihr nicht das Gefühl zu geben, dass wir sie verfolgten, wendeten — wodurch wir, welch Wunder, irgendwie (wohl durch die Stadtgrabengegend fahrend) wirklich in die Schweidnitzer Strasse hineingerieten. Von dort den Tauentzienplatz zu finden, war natürlich nicht schwer (er sah übrigens schöner aus als je zuvor, freilich hatte ich ihn früher gehasst, weil in einem der Eckhäuser unser Zahnarzt Treuenfels gewohnt hatte. Das Pflaster dort wurde, als wir über den Platz fuhren, gedrillt, für mich war das die Bohrmaschine des Zahnateliers), und ebenso selbstverständlich gab es dann die Gartenstrasse und, da man mir in Krakau erklärt hatte, dass ich gegenüber dem Hauptbahnhof wohnen würde, das Hotel. Wir sind da. ★ Parken in einer Parallelstrasse zur Gartenstrasse, Namen vergessen, heutiger Name Rejtane, und der allein gilt, denn wir müssen den Wagen wiederfinden können. Offensichtlich die Häuser von damals, aber entsetzlich verwahrlost. Gewehreinschüsse, kein Verputz, wie Köln 1950, Betrieb auf der Strasse armselig, Nichteingeborene, Nachbarschaft des Hauptbahnhofs, Aber dass diese Häuser noch stehen, dass sogar so etwas wie ein Strassenstück dasteht, sogar fast eine ganze Strasse, ist unbegreiflich. Nicht was nicht mehr da ist, erschreckt, nicht die Lücke, sondern umgekehrt das, was im eigentlich erwarteten Nichts zufällig doch noch da ist. Komplicenhaft winke ich der Häuserfront zu, Ch. beobachtet mich etwas ängstlich, wie sie denn überhaupt zu fürchten scheint, dass das alles zuviel für mich sein würde — zu Unrecht, denn Erschütterungen lassen sich vertagen. Ich erkläre ihr, dass diese Häuserfront und ich etwas gemeinsam hätten, dass sie ihr Dasein, ihr Noch-Dasein, derselben inferioren Raison d’etre verdanke wie ich, dem gleichen schändlichen Zufall: der Tatsache nämlich, dass die Weltgeschichte nachlässig arbeite und dies und jenes durchschlüpfen lasse. Vive la negligeance! — Obwohl ganz nahe dem Hauptbahnhof (den ich beim Anfahren bereits schielend entdeckt hatte, ich traute meinen Augen nicht), scheint diese Strasse nach fünfzehn Häusern oder so irgendwie im Freien zu münden. Dort, wo früher die breite, direkt zum Hauptbahnhof hinführende Taschenstrasse gewesen sein muss, ist es zu hell, da scheint nichts zu sein. Hotel offensichtlich altes, komfortables deutsches Haus. Grosses Zimmer, saubere Betten, ich probiere sie aus. Heisswasser, aber archaische Klempnerarbeit, Wasserbecken mit rosa Lotusblumen, genauso wie In Grossmutters Berliner Klo 1910, bestimmt von damals. Sogar Telephon, ich hebe den Hörer ab, es funktioniert, welch ein Fortschritt, also könnte ich die Eltern, wenn sie nicht seit zwanzig und achtundzwanzig Jahren in vergessenen Aschenurnen irgendwo jenseits des Ozeans herumstünden, anrufen. Wie sie sich aufregen würden, wenn sie erführen, dass ich, statt zu Hause, im Hotel schlafe, und dazu noch verheiratet, und sogar mit einer Amerikanerin. Von unten, von der Gartenstrasse (oder wie die Strasse nun, auch schon seit zwanzig Jahren, heissen mag) kommt unsäglich lautes, blechernes Getöse, ich trete ans Fenster, sind das nicht die Strassenbahnen von damals? Ist das nicht meine Vier? — “Morgen früh um halb acht”, sage ich zu Ch., die neben mir am Fenster steht, “kannst du mich hier als Neunjährigen auf dem Weg zur Schule vorbeifahren sehen”. — Sie, nicht recht hinhörend, erklärt dezidiert, sie habe vor, sich morgen früh auszuschlafen, worauf sie nach zehn Stunden Fahrt wahrhaftig ein Recht hat. Halte es nach dem Auspacken im Zimmer nicht mehr aus. Ch., todmüde, schleppt sich mit. Bleiben erst einmal vor dem Hotel stehen, Samstagabend, Gartenstrasse wie damals Hauptader, es wimmelt von Jugendlichen, schlechter gekleidet als in Kattowice oder Krakow, auch verwahrloster als sonst in Polen. Vermutlich grosse Zahl von alleinstehenden, aus dem verlorenen Osten, Lemberg usw., hierher verpflanzten, elternlosen Jugendlichen. Dann erst einmal, um das imwahrscheinliche Bild, das ich bei der Einfahrt aufgeschnappt hatte, widerlegt oder bestätigt zu sehen, links hinüber. Aber es hatte gestimmt, ich hatte nicht falsch gesehen: es ist der Bahnhof, der erste Bahnhof, den ich je gekannt hatte, der schon damals uralte und lächerliche Hauptbahnhof mit Türmchen und Zinnen, die “grosse Ritterburg”, wie wir ihn genannt hatten. Der Architekt, der sie (gewiss noch vor der Reichsgründung) erbaut hatte, der muss sich damals geschämt haben, etwas so Unromantisches wie einen Bahnhof als Bahnhof direkt erkenbar hinzustellen: “Schön ist, was leugnet, was es ist”. Ausserdem hatte das Ding so zu sein, wie wir Schlesier uns aus patriotischen Gründen vorstellen sollten, dass echte rheinische Ritterburgen aussehen. Es ist nicht zu glauben: gerad das musste, als alles in Schutt sank (angeblich 75 Prozent der Stadt), gerade das musste also stehenbleiben, gerade das intakt den Untergang überleben. Oder sollten die Polen diese Deutschtümelei mit Toren, Türmchen und Zinnen so wiederaufgebaut haben? Unmöglich scheint mir das nicht. Wahrscheinlich sogar. Denn Intaktes, hat man mir in Krakow nicht ohne Eitelkeit, mitgeteilt, gäbe es nur noch in Krakow, alles andere in Polen sei “intakt gemacht”. Bin ja auch vor drei Jahren durch die gerade erst ein paar Jahre alten mittelalterlichen Strassen in Warschau gewandert. Aber hier? Schliesslich war Breslau ja nicht ihre Stadt gewesen, sogar eine Stadt des Feindes. Warum auch hier? Wohl einfach deshalb, weil sie, als sie nach Kriegsende in den Schutthaufen Breslau einzogen, die Hälfte der “Ritterburg” noch vorgefunden haben. Und diese Burg völlig anders und “zeitgemäss” zu ergänzen —wie hätten sie das tun sollen, wer hätte das tun sollen? Und was hätte denn damals, als ihr Land nur aus Leichen bestand und aus Lagerresten und aus Stadtruinen, das Wort “zeitgemäss” bedeutet? Vermutlich haben sie da jedes Ding, das noch halbwegs brauchbar und noch halbwegs massiv dastand, erst einmal so restauriert, wie das Ding auf Grund seines Stils (oder seines Stilmangels) restauriert zu werden verlangte, oder zu verlangen schien. Das gilt auch von dem, in quellendem wilhelminischen Barock gebauten Amtsgebäude, an dem wir drei Minuten später, auf unserem Wege zur Schweidnitzer Strasse, vorbeikommen. Dass dieser Protzbau, wo fast alles in dieser Gegend in Schutt lag, durch ein Tabu geschützt geblieben sein soll, das scheint mir ebenso unmöglich, wie dass der Hauptbahnhof nicht getroffen worden sein soll. Aber hätte man dieses vollbrüstige Monstrum vielleicht rektangulär ergänzen sollen? Übrigens, als wir an diesem vorübergingen, bemerkt ich zu Ch. (ohne dass mir das aufgefallen wäre): “Das ist das Landeshaus”, und antwortete, als sie fragte, was das Wort Landeshaus bedeute, dass das Gebäude so eben heisse. Welche Funktion das Monstrum damals gehabt hatte, weiss ich natürlich ebensowenig, wie, welche Funktion es heute hat, aber der nichtsagende Name ist mir, da ich hier vor einem halben Jahrhundert täglich auf dem Schulweg vorbeikam, auf die Zunge gesprungen. Biegen in die “Neue Schweidnitzer” ein — die ist völlig neu, grosszügiger Entwurf, gemässigt moderne Grossbauten bis zum Tauentzienplatz. Dieser ganz erstaunlich, er ist nach Wiederaufbau durch geplante Hotels und Cafes (alle mit gleicher Dachhöhe) zu einem wirklich schönen Platz geworden. Betäubender Lindenduft. Das Denkmal in der Mitte (wahrscheinlich Tauentzien, wer immer das gewesen sein mag) verschwunden. Dort auch ein riesiges, elegant wirkendes Restaurant, in das wir einzudringen versuchen. Fülle von Wartenden. Wir zu müde, um uns anzustellen. Wan- (Forts. S. 9) 8