Yediʿot shel Irgun ʿOle Breslau be-Yiśraʾel
- Journal
- Yediʿot shel Irgun ʿOle Breslau be-Yiśraʾel
- Volume
- 1967
- Issue
- No. 22 (October 1967)
- Date
- 1967-10-01
- Page
- Seite 8 (sequence 8)
- Language
- German
- Belongs to
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Dr. RUDOLF PIK Das Leben meines Jugendfreundes Rudolf P i k ist ungewöhnlich, selbst wenn sichtbare Spuren davon nicht auf die Nachwelt gekommen sind. Seine Persönlichkeit fiel aus dem Rahmen des Üblichen und Durchschnitlichen weit heraus und die Gestaltung seines Daseins und seine Schicksale rechtfertigen Anteilnahme und Bewunderung unter seinen Zeitgenossen, die noch am Leben sind. Wir haben in Breslau das gleiche Gymnasium — das Magdalenaeum — besucht und um diese Zeit lange Haus an Haus gewohnt, in der Charlottenstr. nahe der Kaiser Wilhelmstr. Schon bald nach dem Stimmbruch erwies sich, dass Rudolf eine besonders schöne, weiche Bassbaritonstimme besass. Da seine Mutter, eine Witwe, in sehr beengten finanziellen Verhältnissen lebte, hatte er kein Klavier zu Hause zur Verfügung. Ich begleitete ihn am Klavier, als er schon als Sekundaner deutsche klassische Lieder einzustudieren begann, besonders von Schubert und Schumann. Da er finanziell von einem reichen Schwager abhängig war, war er genötigt, das Brotstudium der Juristerei zu ergreifen, wofür er wenig Neigung hatte. Dagegen zeigte sich bei ihm schon frühzeitig ein grosses Interesse für Philosophie. Er studierte systematisch die Werke Plato’s, Spinoza’s, Kant’s, Schopenhauer’s und Nietzsche’s. All dieses Gedankengut hat er sich schon als junger Mensch anzueignen begonnen und hat nie von diesen Studien abgelassen. Im Referendarexamen wurde ihm eine theoretische Aufgabe gestellt, die sich mit dem schwierigen Problem des Kausalzusammenhanges in strafrechtlichen Tatbeständen befasste. Er versuchte, die Aufgabe unter Zugrundelegung von Ideen zu lösen, die Schopenhauer in seiner berühmten Schrift von der “Vierfachen Wurzel des Satzes vom zureichenden Grunde” niedergelegt hat. Unglücklicherweise bekam in der Prüfungskommission kein Universitätslehrer, sondern ein Oberlandesgerichtsrat die Arbeit zur Beurteilung und erklärte sie für praktisch unbrauchbar. Wie sich später zeigte, hat dieser Mann die Arbeit überhaupt nicht verstanden. Daraufhin fiel Rudolf im Referendarexamen durch, was angesichts der finanziellen Lage der Familie eine Katastrophe war. Wir beratschlagten darauf zusammen die Gestaltung seiner Zukunft, und er erklärte sofort, dass er unter keinen Umständen die juristische Laufbahn fortsetzen wolle, sondern zum Sängerberuf umzusatteln entschlossen wäre. Er beschloss, nach Berlin zu fahren, um seine Stimme und Fähigkeiten bei dem damals berühmtesten Gesangsmeister, Professor Johannes Messchaert, prüfen zu lassen. Messchaert, auf der Höhe seines Ruhms stehend, verlangte für eine solche Prüfung 40 RM., die Rudolf aufzubringen ausser stände war. So konsultierte er einen weniger berühmten, guten Gesanglehrer, dessen Gutachten günstig für ihn ausfiel. Schliesslich bewilligte der reiche Schwager daraufhin die zur gesanglichen Ausbildung notwendigsten Mittel. Bevor Rudolf aber die neue Ausbildung begann, gelang es ihm, sich als Wissenschaftler zu rehabilitieren. Ich hatte ihm dringendst zugeredet, die Arbeit über den Kausalzusammenhang einem für ihre Beurteilung geeigneten Universitätsprofessor zu zeigen, und er wandte sich damit an die Breslauer Rechtsgelehrten, Professor Leonhard, der davon ausserordentlich beeindruckt war. “Unter 100 solcher Arbeiten ist das mal eine mit eigenen Ideen”, erklärte er. Auf seinen Fürspruch hin wurde die Arbeit von der juristischen Fakultät der Breslauer Universität als Doktorthese angenommen. Rudolf Pik promovierte darauf mit dieser Arbeit dort zum Dr. juris und zwar magna cum laude und unter Befreiung von der nicht unerheblichen Zahlunsgebühr — etwa 600 Rm. — für die Erlangung dieser Würde. Er hätte nun rehabilitiert seine Laufbahn als Jurist fortsetzen können, aber er hatte definitiv genug von der Juristerei und sehnte sich nach dem künstlerischen Ziel seines neuen Berufes. Nach beendeter Ausbildung für die Opernbühne trat er als seriöser Bass in Barmen zum ersten Male auf die Bühne. Später sattelte er der besseren beruflichen Chancen wegen ganz allein ohne jede fremde Hilfe zum Bassbuffo um, indem er die dazu nötigen Rollen in stillen Kämmerlein studierte, bis sein Repertoire vollständig war. Als Bassbuffo wirkte er dann an verschiedenen deutschen Bühnen mit gutem Erfolge, zuletzt in Koblenz und dann in Mainz. Etwa um die Mitte der zwanziger Jahre sang er in Mainz den BECKMESSER in den “Meistersingern” und wurde von der Linkspresse sehr gelobt, aber von einem rechtsstehenden Blatt deutlich antisemitisch angepöbelt. Er war davon so angeekelt, dass er beschloss, der Bühne zu entsagen und den Beruf als jüdischer Synagogenkantor einzuschlagen. Wiederum ohne jeglichen Unterricht und ohne jede fremde Hilfe studierte er ganz allein den jüdischen Kultgesang, der ihn enorm gefesselt hat, bis er ihn vollkommen meisterte. Er hat mich nämlich damals grade ein einziges Mal in Oels, wo ich als Anwalt praktizierte, besucht, mich in seine Pläne eingeweiht und von meiner Wohnung aus einige Bewerbungsschreiben um grade freie Kantorenstellen in die Welt gesandt. Die Bewerbung nach Königsberg brachte ihm Erfolg. Er wurde dort der Nachfolger hochberühmter Kantoren, von Eduard Birnbaum und Manfred Lewandowski. Es ist ihm nachgesagt worden, dass sein Vortrag der Kunst seiner grossen Vorgänger nicht unwürdig gewesen ist. Dort war er noch als Oberkantor tätig, als am 9. November 1938 der Pogrom stattfand und die Gestapo auch bei ihm erschien, um ihn ins Lager abzuholen. Er war grade mit der Lektüre von Gedichten von Hölderlin beschäftigt und fragte die Schergen, ob er sich den Hölderlin und einen Band Nietzsche mit auf den Weg nehmen könne. Sie sahen darin offenbar keine Gefahr für das dritte Reich und hatten nichts dagegen. Man brachte die Juden, deren man habhaft geworden war, in ein Konzentrationslager nahe bei Königsberg, und Dr. Pik wurde tagsüber zu einem Bauern auf Arbeit geschickt, der mit ihm recht zufrieden war und mit Dr. Pik gut auskam. Auch sonst liess der Lagerkommandant im Unterschiede zu manchen berüchtigten Konzentrationslagern keine Misshandlungen der Juden zu. Es wäre wohl zu keinen Ausschreitungen dort gegen die Juden gekommen, wenn nicht einmal in Abwesenheit des Lagerkommandanten betrunkene SS-Leute aus Königsberg hingekommen wären, in der Absicht, sich die Zeit mit Judenschindereien etwas zu vertreiben Sie kamen auch zu Dr. Pik und, als sie hörten, dass er der Gemeindekantor wäre, verlangten sie von ihm, dass er ihnen was vorsänge. Als überzeugter Zionist stimmte er die Hatikwah an, worauf sie brüllten, er solle ihnen übersetzen, was er gesungen hätte. Als sie den Text des Trutzliedes hörten, gaben sie ihm wutenbrannt einen Stoss in den Bauch, Nicht umsonst hatte er aber früher auf der Bühne gelernt, wie man dort “stirbt” und sackte, obwohl von dem Stoss nicht allzuheftig getroffen, wie tot zusammen, worauf die Rotte schleunigst verduftete. Er wurde dann bald entlassen und bekam wie viele andere jüdische Kultusbeamte, Rabbiner und Kantoren, ein Permit für England. Dort hat er dann über den Krieg bis 1947 sehr bescheiden gelebt und zwar in Cambridge und sich mit den Vorbereitungen seiner Weiterwanderung nach Palästina beschäftigt. Insbesondere hat er wieder bei englischen Bauern gearbeitet, die mit ihm ebenso zufrieden waren wie vordem die ostpreussischen, und hat sich so für Landarbeit in Palästina vorbereitet. Das Schicksal hat jedoch noch anderes mit ihm vorgehabt, als er schliesslich das Land seiner Sehnsucht erreicht hatte. Kurz nach der Staatsgründung wurde in Israel eine Staatsoper geschaffen. Wiederum vollbrachte Dr. Pik eine schier unglaubliche Leistung: Er studierte ganz allein die Rollen, die er als Bassbuffo deutsch gesungen hatte, auf Iwrit ein und wurde als solcher an die israelische Staatsoper engagiert. Er war zwar das älteste Mitglied der Oper, aber seine Stimme hatte an Glanz noch nichts eingebüsst. Er erntete viel Beifall und Anerkennung, wenn er auf der Bühne auftrat oder sich im Radio als Liedersänger hören liess. Mit dem Ende der israelischen Staatsoper endete auch die neue Laufbahn Dr. Piks auf der Bühne. Er zog sich mit seiner Frau in den Kibbuz Maagan zurück. Schliesslich war auch das Ende seines Lebens bemerkenswert und fällt ganz und gar aus dem Rahmen des Üblichen! Seit England — etwa in den letzten 15 Jahren seines Lebens hat er sich sehr intensiv mit der Lehre des Buddhismus beschäftigt und war tief in die Geheimnisse dieser Lehre eingedrungen. Der philosophische Gehalt dieser Lehre verlangt von ihren Anhängern nicht bloss Kenntniss der buddhistischen Schriften, sondern auch ein dieser Lehre entsprechendes, allen weltlichen Genüssen tunlichst abgekehrtes Leben. In tiefen geistigen Versenkungen versucht der Buddhist, mit dem Weltall eins zu werden und dem Alltag mit seiner Drangsal zu entgehen. Dementsprechend hat Dr. Pik gelebt, ohne aber dabei etwa seine Pflichten im Kibbuz als Orangenpfücker zu vernachlässigen. Und es muss wohl in einer solchen innerlichen Versenkung gewesen sein, als er im Jahre 1955 verunglückte. Schwere Regengüsse hatten die Wege damals aufgeweicht und tiefe Gruben verursacht. In eine dieser Gruben stürzte Dr. Pik auf dem Rückwege vin der Arbeit zum Kibbuz ab. Als er zur gewohnten Stunde nicht im Kibbuz erschien, ging man auf die Suche nach ihm und hörte seine Rufe um Hilfe. Er hatte sich die Hüfte verrenkt, wurde aber im Hospital wiederhergestellt und als gesund nach Hause entlassen. Es war etwa 14 Tage nach seiner Rückkehr in den Kibbuz, als er Kaffee trinkend plötzlich an einer Embolie zusammenbrach: ein Knochensplitter war wohl ins Blut geraten und machte seinem Leben ein jähes Ende. Er starb so tapfer wie er gelebt hatte mit den an seine Frau gerichteten Worten “Armes Weib, ich sterbe”: Ein ungewöhnliches und exemplarisches Leben hat damit ein vorzeitiges Ende gefunden. Dr. Ernst Warschauer Stationer — Bookseller JOSEF FREYHAN formerly Dr. Wilhelm Freyhan in m^ia unt tt dhrti Tel-Aviv, Ben Jehudastr. 60 60 miiv p 'm pp» *?r Tel. (at home) 236406 empfiehlt: Lehrbücher, Lehrmittel, NEUESTE LANDKARTEN IN ALLEN GRÖSSEN Special-Abtlg.: Israel Reiseführer nniü n d \y 8