Yediʿot shel Irgun ʿOle Breslau be-Yiśraʾel
- Journal
- Yediʿot shel Irgun ʿOle Breslau be-Yiśraʾel
- Volume
- 1967
- Issue
- No. 22 (October 1967)
- Date
- 1967-10-01
- Page
- Seite 6 (sequence 6)
- Language
- German
- Belongs to
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Haus und Strasse machten einen eher düsteren Eindruck. Die schwerfällig-graue Fassade d. Ho tels “Monopol” an der Modrzejewska-Strasse passte zu gut in die Atmosphäre, als dass es sich um eine momentane Stimmung handeln konnte, und der energische Portier, der dort sogar den hauseigenen Hotelgästen den Eintritt in das Restaurant verwehrte, war nicht dazu angetan, ein Hochgefühl der Begeisterung zu erwecken. In allen Räumen des Hotelrestaurants feierten — so wurde erklärt — die neugebackenen Doktoren der Medizin zusammen mit den Philistern ihren frisch erworbenen akademischen Grad. Wahrlich Grund genug zum Fest, und es ging hoch zu und her. Man sang und trank und lachte, und je mehr man sang, um so mehr trank man — und auch umgekehrt. Ganz wie in anderen Städten Polens und ganz wie im Westen. Und trotzdem machte sich bald eine Besonderheit bemerkbar. Zunächst war sie nur schwer zu definieren, bis sich mit fortschreitender Stunde so etwas wie ein unsichtbarer, aber deutlich spürbarer Graben auftat. An jenen langen Tischen zwischen den beiden Haupteingängen verstärkte sich der Gesang merklich. Es waren frohe und leichte, teilweise auch schwermütige polnische Volkslieder. In Konkurrenz dazu wurde das Singen auch in den Nischen entlang jenes Ganges, der zum Office führt, intensiviert. Es waren zackige deutsche Studenten- und Trinklieder, teils deutsch, teils polnische gesungen. Es kam zu keiner Schlägerei, es war keine politische Manifestation und kein nationales Bekenntnis. Aber der Unterschied, der hier sicht- und hörbar wurde, liess die Frage nach dem stellen, was denn nun eigentlich Wroclaw, das frühere Breslau, heute ist. Oberbürgermeister Prof. Dr. Boleslaw Iwaszkiewicz war sofort bereit, darauf zu antworten. Iwaszkiewicz ist übrigens selbst ein "echter” Wroclawer: in der ukrainischen Hauptstandt Kiew geboren, wo er bis zum Ersten Weltkrieg lebte, zog er dann in die polnische Hauptstadt Warschau, um schliesslich im August 1945 in die Hauptstadt Niederschlesiens, nach Wroclaw, zu übersiedeln. Iwaszkiewicz ist Lektor an der Technischen Hochschule: Breslau zählte 1939 ungefähr 620.000 Einwohner. Die Hälfte der noch verbliebenen Bevölkerung wurde zu Beginn des Jahres 1945 evakuiert, als die Nazi-Behörden Breslau zur Festung erklärten. Bis zum Mai dauerte die militärische Belagerung, worauf rund 160.000 Deutsche im Rahmen des Potsdamer Abkommens auswanderten. Bereits am 9. Mai 1945 traf in Breslau, das nun wieder seinen polnischen Namen Wroclaw angenommen hatte, eine erste Gruppe Polen ein, Ende 1945 folgten nochmals 30.000 und 1947 zählte die Stadt bereits 200.000 hauptsächlich polnische Einwohner. Heute sind es eine halbe Million. Wroclaw ist eine völlig neue Stadt. Nicht so ln seinen Bauwerken, die man in ihrem historischen Wert wie überall in Polen mit fast imglaublicher Akribie hegt und pflegt: Allem voran die Dominsel (Ostrow Tumskl), der malerische Stadtteil an der Oder, wo sich im Mittelalter die slawische Wehrsiedlung entwickelte und wo ursprünglich die hölzerne, später die gemauerte fürstliche Burg Wroclaw stand. Die Kathedrale, das Wahrzeichen nicht nur dieses Quartiers, sondern der ganzen Stadt, ist im 13. und 14. Jahrhundert im gotischen Stil gebaut worden, doch sind darunter noch Überreste der romanischen Krypta vorhanden. Die Kathedrale selbst war 1945 durch die Explosion eines Munitionslagers, das die Deutschen darin untergebracht hatten, zu 70 Prozent zerstört worden, ist jedoch in alter Pracht wieder aufgebaut. Die Sandinsel (Ostrow Piaskowy) verbindet die Dominsel mit dem am linken Oderufer gelegenen historischen Stadtkern. Die Sandkirche (Na Piasku) ist ein gotischer Hallenbau aus dem 14. Jahrhundert. Und schliesslich die eigentliche Altstadt: eines ihrer herrlichsten Gebäude ist das Rathaus, das in der Zeit zwischen dem 13. und dem 16. Jahrhundert gebaut wurde und das zu den wertvollsten Denkmälern der gotischen profanen Baukunst in Europa zählt. Obwohl all diese Denkmäler und noch zahlreiche andere in die Vergangenheit führen und beweisen, wie sehr diese Vergangenheit hochgehalten wird, stimmt die Behauptung, dass Wroclaw eine völlig neue Stadt ist. Die neuen Siedlungen, zum Beispiel das KDM-Kosciusko- oder das PKWN- Wohnviertel oder auch das moderne Quartier Gajowice sind die steinerne Dokumentation dafür. Noch eindrücklicher zeigen dies aber die Men- Breslau-Wroclaw: Eine Stadt voll fremder Menschen sehen, die heute Wroclaw bewohnen. Nur vier- bis fünfhundert von den insgesamt etwa fünfhunderttausend haben schon 1939 in (damals noch) Breslau gelebt. Und da nach Kriegsende hauptsächlich junge Leute hierherströmten, die sich bald verheirateten, wies Wroclaw zwischen 1950 und 1953 mit 33 Prozenten den grössten Geburtenüberschuss aller europäischen Städte auf. Heute liegt dieser Prozentsatz etwas niedriger, aber immer noch zwei- bis viermal so hoch wie in den anderen Städten Polens. 52 Prozent aller Einwohner von Wroclaw sind nach dem Krieg geboren, also weniger als dreiundzwanzig Jahre alt. Wroclaw ist also, was seine Bevölkerung anbelangt, eine junge Stadt. Dies hilft natürlich mit, einen Prozess zu fördern, der sonst recht langwierig wäre und der — wie Oberbürgermeister Iwaszkiewicz darlegte — in drei Phasen gegliedert werden muss: 1. Die soziale Integration: sie wurde dadurch erschwert, dass die Einwanderer der ersten Nachkriegsjahre aus landwirtschaftlichen Gebieten des Ostens kamen, dass sich dabei aber auch Städter aus Poznan (Posen) und Warschau befanden und dass überdies polnische Breslauer zurückkehrten, die von den Deutschen verschleppt oder interniert worden waren. Die Menschen kannten sich nicht, stammten äus grundverschiedenen Regionen, sprachen verschiedene Dialekte und sollten sich mm zu einer kommunalen Gemeinschaft zusammenschliessen. 2. Die politische Stabilisierung: nach Kriegsende war für Wroclaw die Zeit sehr imsicher. Lange Zeit wussten die Neueinwanderer nicht, ob sie wirklich hier bleiben und daraus ihre neue Heimat machen sollten oder nicht. Man lebte in Wroclaw quasi “auf dem Koffer”. Inzwischen haben die Einwohner der Stadt nicht mehr das Gefühl, in einer Zwischenstation zu leben. 3. Die Urbanisierung: vierzig Prozent der Immigranten kamen aus Dörfern und kleinsten Städten, nur zwanzig Prozent aus eigentlichen Grossstädten, und es war selbstverständlich nicht leicht, die innere Akklimatisierung zu erreichen. Viele ländliche Gewohnheiten — die Wäsche auf der Strasse zu waschen oder Hühner und Kaninchen als Haustiere in der Wohnung zu halten — mussten ausgemerzt werden. Iwaszkiewicz ist überzeugt, dass er auch in diesem Punkt einen vollen Erfolg zu verzeichnen habe. Wroclaw ist heute eine Grosstadt, und seine Bewohner fühlen sich als Grosstädter, ja sie fühlen sich auch als Wroclawer und haben nur die Sehnsucht, in Wroclaw leben zu dürfen. Und der psychologische Bruch, der sich beim Mediziner- Ball im Hotel “Metropol” bemerkbar machte? In solchen Unwägbarkeiten zeigen sich noch die Narben einer Vergangenheit, wie sie schwerer kaum eine Stadt durchmachen musste. Narben aber können verheilen. Nur braucht dies Zeit und Ruhe. (“W.ELTWOCHE”) IM ALTE N JAFFA* alten Zeit, aber die Häuser sind restauriert und gesäubert und dennoch zeigen sie den Stil längst vergangener Zeiten. Was für Kunstwerke werden hier gezeigt, welche Attraktionen für Touristen, in einem Rahmen, der entzückt. Alles ist mit viel Geschmack gemacht, alles atmet Kunst, die die Tradition weiter führt. Was für Bildwebereien gibt es zu sehen! Teppiche, Tücher, Dekorationsstücke, welch unerschöpfliches Reservoir an Geschmack und Kultur finden wir hier. Porzellane, Gläser, Fayencen, schmiedeeiserne Gegenstände, Schmuck, Holzschnitzereien, Kultgegenstände, Bibeln, Bücher und was noch mehr! Schiller fiat einmal gesagt, dass der Mensch sein Wesen nur im Spiel erfüllt. Kirnst ist ein solches Spiel — im höchsten Sinn allerdings. Und wir gemessen Kunst, wenn wir Jaffa besichtigen, diese uralte Stadt mit ihrer historischen Zitadelle, den winkligen Gässchen, den malerischen Mosheen und Minaretts, den Kirchen und den Plätzen, in denen man zurückdenkt an ganz alte Zeiten. Jaffa war der Hafen, in dem einst Hiram von Tyrus für den Bau von Salomons Tempel die Zedern lieferte, hier — geht die Sage — war es, wo Jonah vom Walfisch verschlungen wurde, die Makkabäer haben hier Triumphe erlebt — wir können Ausgrabungen aus der Hasmonäerzeit erblicken — hier landete Sanherib, Richard Löwenherz, Sultan Saladin. Der Felsen der Andromeda-Sage ist ebenfalls zu sehen. Und in den Anfängen der zionistischen Besiedlung war Jaffa das erste Erlebnis der “Heimkehrer”, von wo aus sie ungefähr im Jahr 1909 die Tochterstadt Tel Aviv gründeten. Wie ein Märchen aus 1001 Nacht erleben wir Jetzt Jaffa, das auf dem früheren .Shetach Hagadol’ eine grosse Veränderung aufweist. Hier enstanden mit Hilfe der Stadtverwaltung Tel-Aviv/Jaffa Kunstgalerien, Antiquitätengeschäfte, Maler- und Bildhauerateliers. Aber in dem “WIE” liegt die ganze magische Eigenart. Dort, w: einst Fischer ihre Netze trockneten und flickten, wo Hafenarbeiter die Lasten verluden, da sind in winkeligen Gässchen und Durchgängen moderne Läden entstanden, Handwerker üben ihre künstlerische Arbeit aus, alles entspricht der Epoche der Und wenn man sich an all den Sehenswürdigkeiten satt gesehen hat, kehrt man in einer der geschmackvollen Erfrischungsstätten ein. Am Tag ist der Blick über das weite Meer von hohem Reiz, abends ist die glitzernde Beleuchtung der Stadt, die sich im Meere widerspiegelt, die Lichter von Tel Aviv, ein bezauberndes Bild. Es gibt ausgezeichnete Fischrestaurants, die sich grossen Zuspruchs erfreuen. Dann, gegen Mitternacht, kostet man noch Schnurre, Witz, Lied, Geist, Satire in den Kabaretts und Nachtklubs und geniesst die Spässe und Einfälle der israelischen “Kleinkunst”. Wer dazu Lust verspürt, riskiert sogar in dem alten Jaffa ein modernes Tänzchen und — die Wellen schlagen den Takt dazu. Der Mond guckt herunter und scheint zu sagen: was wollen die Menschlein eigentlich bei mir hier oben? Sollen sie nur lieber nach Jaffa fahren! Dort ist’s doch viel schöner — es ist Wundervolles Israel! Julia« Sachs 6